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Kommunikation statt Restriktion. (Jugend-)Sexualität und Pornographie im Spannungsfeld der gesellschaftlichen Tabuisierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 18 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. (Jugend-)Sexualitat
Von derWichtigkeit des Korpers in derAdoleszenz

3. Einfluss der Pornographie
Motivationen
Wirkungen
Studienergebnisse

4. Fazit: Kommunikation statt Restriktion

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kinder lernen durch Zuschauen und Nachahmen. Bisher war die Sexualitat dabei stets eine Ausnahme. Sie fand nicht offentlich statt. Junge Liebespaare haben die Liebe darum nicht ,gelernt’, sie haben sie ,entdeckt’. Heute konnen Kinder im Internet zu jeder Tageszeit unzahlige Menschen beim Sex beobachten - und lernen so auch die Sexualitat durchs Zuschauen. Vorbilder sind dabei keine Liebenden, die etwas fureinander empfinden. Die Standards setzen Nummern ohne jedes Gefuhl, Intimitaten ohne Ansehen der Person." (Wullenweber 2007)

Schriften wie diese sind dafur verantwortlich, dass die Jugend und ihre Sexualitat heute, insbesondere im Kontext der Pornographie, infrage gestellt wird. Viele Stimmen werden stark, dass Pornographie die Jugend negativ beeinflusst, dass Sie nicht mehr lernen was Zartlichkeit und Intimitat bedeutet. Es wird angenommen, dass Jugendlichen durch Pornographie vermittelt wird, dass Sex und Liebe nicht mehr zwangslaufig verbunden sind und sie dadurch sexuell verwahrlosen. Diese Hypothese ist jedoch sehr von der gesellschaftlichen Geschichte und ihrer Kultur gepragt und tragt dadurch nur einen relativen Wahrheitsgehalt. Die Sozialisation der Kinder und Jugendlichen steht immer in Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Personlichkeit, sowie in Bezug zu Institutionen und Medien. Gerade pubertierende Heranwachsende mussen demnach auch im gesellschaftlichen Umfeld lernen, mit ihrer Sexualitat umzugehen und nicht selten greifen sie auf Pornographie zuruck, urn ihre entwicklungsbedingte Neugierde zu befriedigen.

Sie loten gerade erst aus, was sie „anmacht“ und ob das gesellschaftlich akzeptabel ist. Ein offenes Gesprach mit den Eltern zu fuhren, stellt dabei ein enormes Risiko dar. Dabei ist es aber grade im Elternhaus notig, die Kinder und Jugendlichen dazu zu befahigen, ihre eigene Sexualitat zu akzeptieren und damit umzugehen und sie so im Sozialisationsprozess zu unterstutzen (vgl. Starke 2010, 46). Auch im Kontext von Pornographie soil herausgestellt werden, dass Jugendliche eben nicht verwahrlost sind (werden), nur weil sie sich einen Porno angeschaut haben und, dass es gerade im Bezug zu Sexualitat von besonderer Wichtigkeit ist, offen zu kommunizieren, anstatt restriktiv alles zu verbieten, was mit Pornographie Oder Sexualitat zu tun hat. Dafur wird zunachst der Begriff der (Jugend-)Sexualitat naher beleuchtet und die Wichtigkeit des Korpers fur die Adoleszenz herausgestellt. Anschlieftend soil der Einfluss der Pornographie untersucht werden, wozu insbesondere zwei Studien zurate gezogen werden. Im Fazit werden dann die Ergebnisse vorgestellt und nochmals die Wichtigkeit der offenen Kommunikation betont.

2.(Jugend-)Sexualität

Der Begriff Sexualitat ist heutzutage in aller Munde. Dabei ist die Bedeutung dessen hochst individuell und nicht eindeutig zu fassen. Vielmehr handelt es sich bei der „Sexualitat“ um einen „mehrdeutige[n] Begriff mit vielseitiger Verflechtung, fur den eine befriedigende Definition nicht leicht ist.“ (Dorsch 2014, 1520). Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Terminus standiger kultureller Umwertungen unterliegt und er damit nicht statisch, sondern dynamisch und assoziiert ist (vgl. Sigusch 2005, 27). In der breiten Offentlichkeit wird Sexualitat auch mit genereller Sexyness gleichgesetzt, was dadurch zum „Grundzug der Sexualitat" (Schonherr-Mann 2015, 105) wird. Wenn es aber um die Sexyness eines Menschen geht, dann kann auch nicht langer davon gesprochen werden, dass es bei Sexualitat ausschlieftlich um den Gebrauch der Luste geht. „Herkommlich definiert man S[exualitat] als die Gesamtheit aller mit dem Sexus begrundeten (begrundbaren) Lebensaufterungen, wobei jedoch in Grenzfallen deren sexuelle Zugehorigkeit nur schwer entscheidbar ist [...]. [... Aber] [s]ie ist nicht [...] auf die blofte Stillung eines physiol[ogischen] Bedurfnisses reduzierbar." (Dorsch 2014, 1520), was bedeutet, dass sie ebenfalls nicht „mit der Fortpflanzungsfunktion identisch [ist]“ (Schonherr-Mann 2015, 108), obwohl weitgehend angenommen. Begreifen sich aber nicht auch Jugendliche als „sexuell“, obwohl sie noch keine explizite sexuelle Erfahrung (im Sinne von sexuellen Handlungen mit Oder ohne einen Partner) gemacht haben? „Ps[ychologisch] ist jedes Verhalten als sexuell zu werten, das zugleich die korperlich-nervliche Erregung des Geschlechtsorganes (Reizung) mit intensiver psychischer Beteiligung ausweist [...].“ (Dorsch 2014, 1520)

Selbst diese Einschlieftung der psychologischen Ebene und die ausdruckliche Auslassung des Geschlechtsakts selbst in den Sexualitatsbegriff scheint noch nicht ausreichend zu sein, um dem heutigen, aufgeladenen Terminus gerecht zu werden, denn Sexualitat scheint heute auch vorhanden zu sein, ohne dass der Mensch von seinen Geschlechtsorganen Gebrauch macht. Schonherr-Mann spricht hier von Sexualitat als Sexualisierung, die eher eine schwache Verfuhrung darstellt und mehr verleiten als verfuhren soil, wodurch das dargestellte Sexualobjekt selbst die Sexualitat verkorpert und nicht den Gebrauch der Luste (vgl. Schonherr-Mann 2015, 118/125). Die Sexualisierung, insbesondere im Kontext von Medien und dem Internet meint zum einen die dezidierte Behandlung sexueller Themen, zum anderen aber auch eine sexualisierte Darstellung solcher Objekte, die primar keine sexuelle Bedeutungsebene tragen (vgl. Doring 2014, 1519; Starke 2010, 38). In der Medienwelt lasst sich daher beobachten, dass nahezu alles Bezuge zum Sexuellen enthalt (vgl. Starke 2010, 39) und deshalb auch von einer inflationaren

Sexualisierung gesprochen werden kann, die letztlich die Entwertung des Sexuellen mit sich bringt (vgl. ebd., 40). Vielleicht liegt es auch gerade an dieser allgemeinen Entsinnlichung, der ,,Uberprasenz des Sexuellen im offentlichen Raum“ (ebd.), dass der Sexualitatsbegriff heute wesentlich schwieriger zu fassen ist, als das eventuell fruher der Fall war. Der Mensch muss sich der Kommerzialisierung seiner Sexualitat aussetzen und stumpft somit in seiner Verfugbarkeit fur derartige Angebote ab (vgl. ebd.), was aber noch lange nicht heiften soil, dass die eigentliche Leidenschaft insbesondere zwischen zwei Menschen verloren geht. Denn „die Struktur des individuellen sexuellen Verlangens [formiert] sich bereits in der Kindheit (formiert) [...]. [...] Es wird angenommen, dass sich relevante Ereignisse und Vorstellungen (microdots, vgl. Stoller, 1979) uber sexuelle Interaktionen als ,Blaupause des Begehrens’ zu einerVerhaltensdisposition verdichten." (Kuhle 2012, 21) Money (1986) spricht von sog. „Lovemaps“.

„[A] lovemap is not present at birth. Like a native language, it differentiates within a few years thereafter. It is a developmental representation or template in your mind/brain, and is dependent on input through special senses. It depicts your idealized lover and what, as a pair, you do together in the idealized, romantic, erotic, and sexualized relationship. A lovemap exists in mental imagery first, in dreams and fantasies, and then maybe translated into action with a partner or partners." (Money 1986, xvi)

Demnach sind auch schon Kleinkinder sexuelle Wesen, die in jedem Alter sog. „rehearsal plays" (Probe-Spiele) durchfuhren. Selbst im Mutterleib ist der Penis eines Jungen schon in der Lage, eine Erektion zu haben, was ebenfalls wissenschaftlich beobachtet wurde (vgl. ebd.,16). Auch im weiteren Verlauf des jungen Lebens, erprobt ein Kind seine Sexualitat, durch ./flirtatious rehearsel play" im Alter von 3-4 Oder „boyfriend-girlfriend playmate romance" mit ca. 5 Jahren (vgl. ebd.), wodurch die Grundzuge der Lovemap bereits in diesem Alter bestehen und durch „pairbonding rehearsal" mit ca. 8 Jahren weiter ausgebaut werden (vgl. ebd., 17). Die Kinder nehmen dabei die gesellschaftlichen Vorlagen zur Grundlage, egal ob positiv Oder negativ, und formen somit bis ins Erwachsenenalter ihre ganz eigene, einzigartige und individuelle Lovemap (vgl. ebd., 19), die besonders in der Pubertat durch verschiedene, unterschiedliche Partnerschaften individualisiert (vgl. Rihl 2015, 262) und gleichfalls sexualisiert wird (vgl. Kuhle 2012, 21). Money sagt aber auch: ,,Once a lovemap has been formed it is, like native language, extremely resistant to change." (Money 1986, 19). Das heiftt, dass die (sexuellen) Vorstellungen, die in der Lovemap vorhanden sind, nicht einfach umgestellt werden konnen, sondern dass sich immer nur kleine Teile von ihr verandern, die „Liebeslandkarte“ in ihren Grundzugen aber bestehen bleibt, und somit „the imagery of erotic attraction and genital arousal can [...] be well established at an early age.“ (ebd., 17)

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783656989653
ISBN (Buch)
9783656989660
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337467
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Soziologie und Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Pornographie Sexualität Gesellschaft

Autor

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