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Formenanalyse des absoluten Geistes. Über das Verhältnis von Kunst, Religion und spekulativer Philosophie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 16 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der absolute Geist in der Kunst

3. Der absolute Geist in der Religion

4. Der absolute Geist in der Philosophie

5. Verhältnisbestimmung der Formen des absoluten Geistes

6. Zusammenfassung und Schluss

Literaturliste

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit soll der Versuch unternommen werden, die Formen des absoluten Geistes, wie sie Hegel in seinem dritten Band der Enzyklopädie vorstellt, zu analysieren und sie in ein Verhältnis zueinander zu stellen, welches die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser drei Formen untersucht. Es soll in der Hauptsache erklärt und erforscht werden, warum Hegel die Philosophie als die am weitesten entwickelte Form des absoluten Geistes, vor den anderen beiden Formen Kunst und Religionen, auszeichnet.

Geklärt werden muss also, was genau die Philosophie als Praxis der Reflexion auszeichnet und inwiefern sie den anderen Formen des absoluten Geistes überlegen ist. Auch der Begriff des Absoluten muss aufgeklärt werden und der eventuell vorhandene Zusammenhang zur menschlichen Schöpfungskraft und Kreativität muss geklärt werden, damit in einem weiteren Schritt gezeigt werden kann, was diese drei Formen verbindet und was sie in eine notwendige Stufenfolge oder Dialektik zwingt.

Wo aber fängt man so einen viel zu großen Versuch systematisch an, wenn man ihn dennoch in pragmatischer und an den Umfang einer solchen Arbeit angepassten Weise durchführen will? Am besten folgt man wohl in der Methode einfach Hegel selbst nach und beginnt bei der Ausbuchstabierung des je eigenen gegebenen Standpunktes (hier ist dies mein Vorbegriff des absoluten Geistes) an und denkt dann in kritischer und spekulativer Weise über dessen Grenzen hinaus, um zu einem konkreteren und komplexeren Begriff und Verständnis der jeweiligen Sache zu gelangen.

Der Ansatz dieser Arbeit ist dabei, die drei Formen des Absoluten Geistes als sinnstiftende Versuche des Menschen zu erfassen, sich selbst in einem Ganzen (Totalität, Weltbild) zu verorten und zu begreifen. Dabei wird auf die kooperativen Praxisformen des Menschen reflektiert, ohne jedoch zu konkret zu werden, denn es soll eine allgemeine Formenanalyse des absoluten Geistes erfolgen und keine bunte Sammlung empirischer Fakten.

Dass die Formen des absoluten Geistes im Sinne dieser Arbeit als Versuche des Menschen genommen werden, sich in ein Verhältnis zum Absoluten zu setzen, ermöglicht es, einen internen Maßstab an die drei Realisierungsstufen oder Verwirklichungsformen dieser Idee anzusetzen. Man kann nämlich nun fragen, ob der Mensch, der immer als vergemeinschaftetes Wesen zu begreifen ist, in der jeweiligen Form des absoluten Geistes die jeweilige Stufe dieses Verhältnises überzeugend und vollständig realisiert hat. Dabei geht es aber nicht zuerst darum, ob eine historische und empirische Erscheinungsform dieses Ideal erfüllt, sondern darum, was das Ideal oder die Idee der Form selbst, vor der kritischen Analyse und Prüfung leisten kann. Hier schließt sich die Frage an, ob man Hegel eher logisch oder historisch lesen will, wobei diese Arbeit eher eine logische Leseart im Sinn hat, obwohl dennoch klar ist, dass sich die Wirklichkeit dieser Formen und Ideen in der Historie und durch menschliche Praxis entfaltet und realisiert. Es sollen hier die Begriffe oder Formen des absoluten Geistes philosophisch untersucht werden, nicht die historischen Realformen beschrieben oder aufgezählt werden.

Der Begriff des Selbstbewusstseins im Sinne eines Selbstwissens des Menschen als Teilnehmer an einer solchen Kulturform, denn Kulturformen (Formabstraktionen realer Praxen) sind die Formen des absoluten Geistes, wird dann enorm wichtig, denn die vielleicht spannendste Frage in diesem sehr abstrakten und dennoch äußerst bedeutsamen Kontext ist doch, ob wir das Absolute als ein dem Menschen und vielleicht sogar der Welt Äußeres und Transzendentes begreifen wollen, oder ob wir das Absolute als eigentliches und vollendetes Wesen des Menschen begreifen wollen, nämlich als Ausdruck seiner Fähigkeit zur dialektischen und freien (absoluten) Selbstschöpfung. Eine absolute und dialektische Selbstschöpfung, wäre so etwas wie die freie Gestaltung des Menschen unter Menschen, nämlich durch die freie Gestaltung seiner Kultur und Umwelt, welche zwar auf ihn zurückwirkt und ihn festlegt, wie eine zweite Natur, aber eben auf eine freie und nach absoluten Ideen gewählte Weise.

Aber wenn man so weit in der Auslegung des Absoluten im Menschen geht, steht man bereits mitten in einer sehr abstrakten Reflexion über die mögliche Verwirklichung einer ganz bestimmten Idee der Freiheit. Zunächst soll es aber hier ausreichen, wenn die Formen des absoluten Geistes als Versuche der Selbstreflexion des Menschen gelten, wenn zudem gezeigt werden kann, dass es nach Hegel in der Sache der Freiheit auf das richtige Selbstverständnis/ Selbstbewusstsein des Menschen ankommt. Ein zentrales Problem ist: Wenn das Absolute im Menschen und dessen Praxisformen verortet wird, dann bleibt von Gott nichts weiter als ein menschliches Ideal übrig. Das muss aber richtig verstanden werden und darf nicht in einen selbstherrlichen Relativismus oder in die kurzschlüssige Vergottung des Menschen führen, sondern der Mensch kann sich hier in seiner Wahrheit als ein über sich selbst hinaus strebendes Wesen erkennen. Die These dieser Arbeit lautet: Der Mensch erschafft sich durch die Formen des absoluten Geistes: Kunstwerke, einen Kunstgott oder eine reflexive Wissenschaft, um seine unbestimmte Form eigenmächtig und frei selbst zu bestimmen. Aber dies alles offenbart sich ihm nur, wenn er eine Philosophie des Selbstbewusstseins betreibt.

Die Textgrundlage, die für die Formenanalyse des Absoluten Geistes verwendet wird, ist das Kapitel über den absoluten Geist in Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften Band III.

Es soll in dieser Arbeit ein Überblick über diese Formen und ihren Zusammenhang gegeben werden, was bedeutet, dass der Originaltext nicht Satz für Satz analysiert und auf logische Konsistenz geprüft wird. Auch soll nicht ein im strengen Sinne logisch notwendiger Übergang der Gedanken Hegels nachgewiesen oder dessen Fehlen nachgewiesen werden. Es wird versucht, Paragraph für Paragraph den wesentlichen oder den für die Zwecke dieser Arbeit für wesentlich befundenen Gedankengang Hegels interpretatorisch nachzuvollziehen. Der Schwerpunkt liegt auf der Gewinnung eines skizzenhaften Überblicks über die Formen und Zusammenhänge des Begriffes des absoluten Geistes, womit sich diese Betrachtung wissentlich alle Vor- und Nachteile von Skizzen einhandelt. Die Methode folgt in groben Zügen einer pragmatischen Leseweise (wie sie m.E. auch Stekeler-Weithofer verfolgt) und versucht so eine mögliche Perspektive auf diese Zusammenhänge zu eröffnen, die den Versuch einer sinnkritischen und analytischen Interpretation des doch sehr dichten und oft „dunklen“ Originaltextes wagt. Die Interpretation des Originaltextes ist dabei sehr frei gehalten und will nur ein möglicher und freilich lückenhafter Verstehensversuch unter vielen anderen möglichen sein.

2. Der absolute Geist in der Kunst

Zunächst soll die Kunst als eine Form des absoluten Geistes betrachtet werden, wobei die sich anschließende Analyse und Interpretation keinen Anspruch auf eine vollständige Erschließung der Paragraphen erhebt, wohl aber auf die Nachvollziehbarkeit und den Zusammenhang der Gedankenführung achten will.

Hegels erste Denkbewegung im § 556 der Enzyklopädie zielt auf die konkreten Realformen der Kunst, also auf die Kunstwerke selbst und untersucht deren Gestalt. Diese Gestalt des Wissens ist unmittelbar, ist für das betrachtende Subjekt ein Objekt im Sinne einer sinnlichen Gegebenheit. Das Kunstwerk ist in seiner Endlichkeit zugleich ein Objekt der Schöpferkraft des Subjektes und ein ihm äußeres Ziel der Bewunderung. Der absolute (also von der Geschichtlichkeit losgelöste) Geist, ist hier nur ideal, weil die subjektiven Gehalte in das Kunstwerk eingearbeitet sind. Die Gestalt oder die Form der Schönheit ist in das konkrete Kunstwerk zwar eingeschrieben bzw. eingearbeitet, aber noch nicht zum vollen Begriff und Wissen befreit, was ja Ideal des absoluten Geistes ist.

In § 557 wird die Unmittelbarkeit als Inhaltsbestimmtheit der gegebenen sinnlichen Schönheit erklärt. Hegel zieht hier eine enge Verbindung zwischen der Form der Kunst und der der Religion, was später für diese Arbeit noch an Bedeutung gewinnen wird. Auch wird hier klar, dass Hegels Begriff von der Kunst von Anfang an auf eine Kunst beschränkt ist, welche das Verhältnis des beschränkten sinnlichen Subjekts zum Absoluten oder zu Gott zum Thema hat. Auf den Punkt gebracht: Hegels Kunstbegriff ist wesentlich religiöser Art.

Wenn Hegel nun von der Einheit der Natur und des Geistes spricht, meint er das Erscheinen des Geistes im Medium der Natur als Form der Anschauung. Also den Kompromiss des geschöpften Kunstwerkes, welches in seiner Verwirklichung das konkrete Material und eine konkrete Realform berücksichtigen muss. Hier deutet sich ein kenotisch gefärbter Gedankengang an, der sicher typisch für Hegels (und auch für Schellings) Denken ist, also die Verendlichung des Unendlichen oder das Anschaulich-werden des Idealen. Es wird sich später zeigen, ob sich eine ähnliche Denkbewegung in der Form der Religion ausfindig machen lassen wird. Klassisch religionsphilosophisch kenotischer Natur wäre der Gedanke der Menschwerdung Gottes.

In § 558 gibt Hegel an, dass die Kunst über die Werke der bloß äußerlichen Anschauung auch zum Abbilden des geistigen Gehaltes kommen muss, sie muss so letztendlich die menschliche Naturform ausdrücken können, weil im Menschen der Geist zu seiner höchsten Naturform sich ausbildet. Die abgebildete menschliche Gestalt ist also in der Kunst der Versuch einer Versinnbildlichung oder Manifestation des Geistes. Inhärent ist dem die Prämisse, dass eben der Geist durch die Natur hindurch im Menschen zu sich selber kommt, sich selbst als (freier) Geist in der Natur erkennt und weiß.

In § 559 erklärt Hegel die Einzelheit der abbildenden Werke als zu einem Volksgeist zugehörig, der aufgrund dieser seinem Begriffe nach noch partikularen Zugehörigkeit nicht die allgemeine und absolute Stufe des Geistes erreicht. Kunstformen, welche vielen Idealen folgen, sind noch nicht so weit geistig durchdrungen, dass sie das allgemein Geistige bzw. Schöne zum Ausdruck bringen, sondern sie bilden nur das das Schöne auf einer mittleren allgemeinen Ebene, eben eines bestimmten Volkes oder einer bestimmten Kunstkultur, ab. Es wird hier m.E. sehr deutlich, wie universal und zugleich normativ Hegels Denken um den Kunstbegriff angelegt ist, der nämlich die Kunst systematisch wie ein universales Vernunft- oder Ethiksystem behandelt, also die speziellen Kunstformen einem universalen Kunstideal unterordnet, etwa wie man persönliche Meinungen und Neigungen in einer universalistischen Ethik einem allgemeinen Gesetz unterordnet. Dieser Anspruch auf ein oberstes Ideal oder Prinzip wird auch dadurch ausgedrückt, dass Hegel im selben Paragraphen vom Zerfall des Geistes der schönen Kunst in die Vielgötterei spricht, der noch nicht vollständig vom Geist durchdrungen, aber der dennoch schön sein kann.

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Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783656988755
ISBN (Buch)
9783656988762
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337349
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Sozialwissenschaft und Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Hegel Absoluter Geist Kunst Religion Philosophie Geist absolut Freiheit Idealismus Deutscher Idealismus Selbstbewusstsein

Autor

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Titel: Formenanalyse des absoluten Geistes. Über das Verhältnis von Kunst, Religion und spekulativer Philosophie