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Hausarbeit in Paarbeziehungen. Wie die Idee der romantischen Liebe eine Ungleichverteilung der Hausarbeit begünstigt

Essay 2014 12 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil

3 Zusammenfassung
3.1 Perspektiven
3.2 Offene Fragen

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit der Modernisierung der Geschlechterverhältnisse gerät auch die (Ungleich)- Verteilung der häuslichen Arbeit in Paarbeziehungen verstärkt in das Blickfeld der Frauen- und Geschlechterforschung. So belegen verschiedene Studien, dass der Hauptanteil der Hausarbeit noch immer von Frauen verrichtet wird1. Folgende übereinstimmende Ergebnisse lassen sich abzeichnen: In 35Jahren (1965-2000) ist zwar ein deutlicher Anstieg der Beteiligung der Männer im Haushalt zu vermerken, dennoch verwenden Frauen im Vergleich zu ihnen noch immer die doppelte Zeit für die anfallenden häuslichen Tätigkeiten2. Auch bei „dual-career-couples“ verschwindet eine Ungleichverteilung häuslicher Arbeit nicht. Selbst die Frauen, die einer Erwerbsarbeit nachgehen, übernehmen oftmals noch zusätzlich die Zuständigkeit für den Haushalt3. Im Zuge der Modernisierung ersetzte die Idee bzw. das Ideal der romantischen Liebe, das bereits Ende des 18.Jahrhundert im Zuge der romantischen Dichtung etabliert wurde, die in der traditionellen Gesellschaft gültigen Eheschließungsgründe, als neues zentrales Fundament der Paarbeziehung zwischen Mann und Frau4. Das neue Leitbild fußt auf der Einheit von Liebe und Ehe, die sich sowohl durch die Dauerhaftigkeit der Liebe, gegenseitige Treue und Anerkennung der Individualität des jeweiligen Partners auszeichnet5. Dieses Liebesideal trägt m.E. zu der Ungleichverteilung der häuslichen Arbeit in Paarbeziehungen bei.

Im folgenden Essay soll anhand ausgewählter Textgrundlagen6 genauer dargestellt werden, wie sich ein Zusammenhang zwischen dem vorherrschenden Liebesideal und der Ungleichverteilung häuslicher Arbeit konstituieren lässt. Die höhere Priorität an einer stabilen und befriedigenden Partnerschaft gegenüber dem Problem der ungleichen Arbeitsverteilung führt demnach zu einer Diskrepanz zwischen Alltagswissen und der tatsächlichen Praxis des Haushaltens, die als „Rhetorik der Gleichheit“7 bezeichnet wird. Abschließend möchte ich mögliche Lösungsansätze skizzieren, die versuchen dem Anspruch einer partnerschaftlichen, auf Liebe basierenden Beziehung in Einklang mit einer Gleichverteilung der Hausarbeit zwischen den Geschlechtern zu bringen.

2 Hauptteil

Gegenwärtig befinden wir uns in einer Phase der Modernisierung der Geschlechterverhältnisse, die Angelika Wetterer als „Rhetorische Modernisierung“ bezeichnet. Sie ist gekennzeichnet durch eine historische Ungleichzeitigkeit von Kultur- und Strukturzusammenhang, was bedeutet, dass das Alltagswissen, das die Mitglieder einer Gesellschaft über Geschlechterunterschiede besitzen, eine schnellere Entwicklung in Richtung Egalität und Partnerschaft verzeichnet, als es dem tatsächlichen Handeln im Alltag entspricht. Es bilden sich noch immer Spuren traditioneller Geschlechterverhältnisse in der Interaktion der Geschlechter ab, die auch durch Institutionen erzeugt bzw. gefestigt werden. Diese sog. „Institutionelle Reflexivität“8, die für eine Stabilität der Geschlechter durch den reflexiven Bezug von Alltagswissen und -handeln sorgte, kann sich heute nicht mehr ganz einstellen, aufgrund der bereits genannten Ungleichzeitigkeit eben dieser. Somit lassen sich auch Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis wieder bewusster wahrnehmen. Momentan lässt sich beobachten, dass trotz der im Diskurs vorherrschenden und verteidigten Idee der Gleichheit der Geschlechter, das Alltagshandeln zum großen Teil noch den traditionellen Rollenbildern entspricht. Dem veränderten diskursiven Wissen entspricht noch kein „inkorporiertes Handlungskapital“9. Es kommt oftmals zu einem widersprüchlichen Nebeneinander von alten, traditionellen, sowie neuen, modernen Elementen im Geschlechterverhältnis10. Ist häufig noch immer der Bezug zum traditionellen Leitbild der romantischen Liebe als Basis des Zusammenhalts der Geschlechter zu erkennen, werden heute verstärkt Werte wie Individualität und Selbstverwirklichung des Einzelnen hervorgehoben. Die wichtigsten Merkmale der modernen Paarbeziehung die auf romantischer Liebe fußt, sind die Einheit von sexueller Leidenschaft und affektiver Zuneigung, das Postulat der Einheit von gegenseitiger Liebe und Ehe, Dauerhaftigkeit ihrer Liebe und Treue, Einbeziehung der Individualität der Partner und ggf. Elternschaft11.

Im Bezug zu meiner Fragestellung möchte ich genauer darauf eingehen, wie das Ideal der romantischen Liebe zu einer „Rhetorik der Gleichheit“, wie Wetterer (2005) sie benannt hat, beiträgt und damit eine Mehrarbeit von Frauen im Haushalt begünstigt bzw. hervorruft.

In der Geschichte der Paarbeziehung lässt sich das recht neue Phänomen einer „Rhetorik der Gleichheit“ benennen. Koppetsch und Burkart12 beobachteten dazu, dass dieses im Besonderen im „individualistischen Milieu“, das durch hohen Bildungsstand und urbanen Lebensstil gekennzeichnet ist, vorkommt. Die „Rhetorik der Gleichheit“ bezeichnet eine Diskurslogik, beruhend auf dem Anspruch der egalitären Partnerschaft, welche in Diskrepanz zu einer praktischen Logik steht, die das tatsächliche Handeln im Haushalt ausmacht13. Da sich Reden und Handeln in Bezug auf häusliche Tätigkeiten durch zwei verschiedene Logiken erklären lassen, kann nicht allein über das Reden das tatsächliche Verhalten in der häuslichen Praxis verändert werden. Im Diskurs sind die Paare, insbesondere Frauen, versucht sich von alten Rollenmustern zu befreien und eine Gleichberechtigung beider Partner herzustellen und zu sichern. Doch die alten Rollenmuster werden lediglich von den neuen egalitären Sichtweisen verdeckt und es kommt so zum einen zu einer Entwertung der Hausarbeit, die ja noch immer zumeist von Frauen verrichtet wird, und zum anderen zur Verbannung der Thematik Haushalt aus den Gesprächen. Es wird demnach eher vermieden über die Verrichtung der Tätigkeiten im Haushalt zu streiten, da es den einzelnen Paaren wichtiger als die Gleichheit der Geschlechter ist, die Partnerschaft und die Individualität des Einzelnen zu schützen bzw. zu bewahren14. Die Vorstellungen einer Partnerschaft, die an ein Ideal der romantischen Liebe gebunden sind, würden ein gegenseitiges Aufrechnen von erbrachten Leistungen im Haushalt nicht begünstigen15. Deshalb wird gerade bei individualisierten Paaren über die Ungleichheit der Arbeitsteilung im Haushalt geschwiegen, es wird in dieser Hinsicht also erst gar keine Problematik antizipiert. Im Gegensatz, es wird dieser sogar ermöglicht im praktischen Alltag fort zu bestehen. Selbst wenn die tatsächliche Arbeitsteilung im Haushalt ein hohes Maß an Ungleichheit aufweist, wird dies oftmals nicht von den Frauen wahrgenommen oder eine geringe Mitbeteiligung des Mannes als partnerschaftlich und gleichberechtigt interpretiert16. Da heutzutage die Liebe mehr auf Freiheit und Individualität beruht als je zuvor, werden die Diskurse so angelegt, dass sie eine Zuschreibung von Selbstverantwortung für das (Nicht-)Verrichten von Hausarbeit ermöglichen17. Jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich, niemandem soll etwas vorgeschrieben werden und der derjenige der sich an etwas stört, muss es eben auch erledigen. Dazu ist aber zu bemerken, dass die Frauen meist ein größeres Handlungskapital für den Haushalt mit sich bringen; sie besitzen oftmals höhere Anforderungen an Sauberkeit und Ordnung als ihre Männer und haben die „korrekte“ Ausführung vieler häuslicher Tätigkeiten von ihren Müttern oder Großmüttern gelernt18. Den meisten Frauen fällt es dementsprechend auch oftmals leichter, Hausarbeiten auszuführen, und indem sie diese immer wieder „einfach nebenbei“ tun, begeben sie sich selber in die Falle der Mehrarbeit19, die sie dann mit ihrer Individualisierung und auch mit der ihres Partners entschuldigen, um die Beziehung zu sichern.

Die „Rhetorik der Gleichheit“ scheitert, da sie als Deckmantel für eine tatsächliche Ungleichverteilung der häuslichen Arbeit fungiert. Koppetsch und Burkart machen das Scheitern der „Rhetorik der Gleichheit“ an dem ungeeigneten Diskurs von Egalität fest, Kaufmann hingegen bezeichnet hierfür die immer noch tradierten, inkorporierten „Alltagsgesten“20 (Wetterer 2005). Ich möchte mich dem und somit auch Angelika Wetterer anschließen und das Scheitern weiter auf die Wurzel der romantischen Liebe zurückführen. Der Diskurs von Egalität erscheint auch mir als ungeeignet, da er zu stark eine Gleichberechtigung beider Partner fokussiert und letztendlich idealisiert, was darin mündet, dass bestimmte Streitthemen und somit auch der Bereich Haushalt nicht mehr in den möglichen Gesprächsfundus miteinbezogen werden. Es mag innerpartnerschaftlich für eine begrenzte Zeit zu scheinbarer Harmonie führen und zu größerem gegenseitigen Respekt der Eigenverantwortlichkeit und Individualität beider Partner. Dennoch besteht darin, wie bereits angedeutet, eine Falle für viele Frauen, denen im Haushalt eine höhere Eigenverantwortlichkeit zuteil wird als ihren Partnern, da sie mehr inkorporiertes Handlungskapital mit sich bringen21. Ihnen gehen viele Alltagsgesten leichter von der Hand, wodurch sie selber für eine Ungleichverteilung der häuslichen Arbeit sorgen; indem sie mal eben nebenbei seine schmutzigen Socken vom Fußboden in den Wäschekorb räumen, bekräftigen sie die vorherrschenden tradierten Rollenbilder22.

[...]


1 Vgl. Lenz 2009

2 Aus: Lenz 2009 (Quelle: Künzler et al. 2001:82): 1965: 31Std./Woche bei Frauen; 3-7Std.(West-Ost)/Woche bei Männern 2000: 34-35Std.(West-Ost)/Woche bei Frauen; 17h /Woche bei Männern

3 Vgl. Lenz 2009

4 Vgl. Schneider 1994

5 Vgl. Lenz 2009

6 s. Literaturverzeichnis - Primärliteratur

7 Vgl. Begriff nach Wetterer 2005 3

8 Vgl. Begriff nach Goffmann (In: Wetterer 2005)

9 Vgl. Wetterer 2005

10 Vgl. Jurczyk 2008

11 Vgl. Lenz 2009 4

12 Cornelia Koppetsch u. Günter Burkart : Studie über Paarbeziehungen im Milieuvergleich aus den 1990er Jahren (In: Wetterer 2005)

13 Vgl. Wetterer 2005

14 Ebd.

15 Vgl. Oechsle/Geissler 1998

16 Ebd.

17 Vgl. Wetterer 2005 5

18 Wetterer 2005

19 Ebd.

20 Vgl. Jean-Claude Kaufmann (1994): Schmutzige Wäsche.Die eheliche Konstruktion von Alltag

21 Vgl. Kaufmann (In: Wetterer 2005)

22 Ebd. 6

Details

Seiten
12
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656987635
ISBN (Buch)
9783656987642
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337303
Note
Schlagworte
Gender Studies Romantische Liebe Arbeitsteilung Paarbeziehungen

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