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"Es geht mit heiser". Die Kohärenz von Psyche und Stimme

Bachelorarbeit 2015 35 Seiten

Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Thematisch-inhaltliche Verortung des Themas
1.2 Forschungsfrage, Hypothesen und Ziel
1.3 Methode
1.4 Relevanz

2 Anatomie und Physiologie der Stimme
2.1 Atemapparat
2.2 Kehlkopf
2.3 Ansatzrohr
2.4 Vegetatives System

3 Stimme und Emotionen
3.1 Grundgefühle – Basisemotionen
3.2 De- und Enkodieren von Emotionen
3.3 Auswirkungen von Emotionen auf die Stimme
3.4 Parallele Begriffe
3.4.1 Haltung
3.4.2 Wahrnehmung
3.4.3 Kontakt
3.4.4 Entscheidung
3.4.5 Widerstand
3.4.6 Stimmbeschreibung - Körperempfindung

4 Conclusio
4.1 Zusammenfassung
4.2 Schlussfolgerungen und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

Ich weise darauf hin, dass ich in meiner Arbeit durchgehend das generische Femininum verwende, um einen guten Lesefluss zu gewährleisten. Dieses schließt selbst-verständlich alle Geschlechter mit ein.

Kurzzusammenfassung

An der eigenen Stimme werden vielfach Veränderungen im Klang bemerkt, wenn Emotionen wie Freude, aber auch Traurigkeit oder Ärger Ausdruck finden. Auch im Vernehmen von Stimmen anderer ist oft hörbar, was Worte allein nicht vermitteln. In vielen Redewendungen und Wörtern, die im Alltag verwendet werden, spiegelt sich diese wechselseitige Beeinflussung von Stimme und Stimmung wieder. So plausibel ein Zusammenhang auch erscheint, es bleiben doch viele offene Fragen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Kohärenz von Psyche und Stimme und geht der konkreten Frage nach, ob es parallele Begrifflichkeiten aus der logopädischen Stimmbeschreibung und der Psychotherapie gibt.

Eine Annäherung über die Physiologie der Stimmgebung führt in dieser Literaturarbeit zu den Antworten. Neben Erklärungen und Informationen, die Basiswissen vermitteln, finden sich interessante Erkenntnisse aus der Literatur und Ergebnisse verschiedener Studien.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es Begrifflichkeiten gibt, die sowohl in der logopädischen Arbeit als auch im psychotherapeutischen Kontext verwendet werden. Als Beispiel sei der Kontakt genannt. Die Phonation benötigt physiologisch betrachtet den vollständigen und periodischen Kontakt der beiden Stimmlippen. Ist dieser Kontakt gestört, äußert sich das in einer Veränderung des Stimmklanges. Seitens der Gestalttherapie wird jede psychische und physische Störung des Organismus als Kontaktstörung bezeichnet.

Somit ist und bleibt die menschliche Stimme ein multidimensionales Ereignis, das viel mehr als nur den formalen Inhalt von Worten transportiert.

Abstract

Sonic changes in the own voice are often noticed when trying to express emotions like joy, sadness or anger. These undertones can also be detected when talking to others, and convey additional information in spoken language or voices. In many common words and phrases the reciprocal influence of the individual’s state of mind and the conveyed message can be observed. Even though this relationship seems apparent, many questions remain unanswered.

Subject of the present study is the coherence of psyche and voice and finding similarities in the logopaedic description of voices and the psychotherapy.

In this literature review answers to that question are found in the physiology of the human voice. Besides basic information on the subject, interesting findings and studies are presented.

It should be noted, that there is terminology used in this context, that can also be found in the field of psychotherapy. Exact, complete and periodic contact of the vocal chords is required for physiological production of voice. Changes in vocal tone can therefore be caused by impaired contact of the vocal folds. Analogically, Gestalt therapy uses the term contact-disorder for any physical or mental impairment.

Therefore, the human voice remains a multidimensional occurrence, which conveys much more than the formal content of words.

Vorwort

Die Stimme ist für mich seit vielen Jahren ein vielfältiger und wertvoller Reichtum, mit dem ich beschenkt wurde. Sie fasziniert mich und ich bin nicht selten überrascht, wie der Klang meiner Stimme Emotionen transportieren kann. Häufig höre ich zuerst und in weiterer Folge kann ich verstehen und auf psychische Vorgänge in mir rückschließen. Diese Gegebenheiten fielen mir nicht nur introspektiv auf, sondern auch im Vernehmen von Stimmen anderer. Kam die Sprache auf ein individuell spezielles Thema, so war die Berührtheit sofort auch im Klang der Stimme zu hören.

Solche Veränderungen zogen mein Interesse auf sich und ich begann eine intensive Auseinandersetzung mit der „Kohärenz von Psyche und Stimme“. Vorliegend finden Sie die Ergebnisse meiner Recherche und ich danke all jenen, die mich hierbei unterstützten.

Besonderer Dank gilt meiner Betreuerin Jutta Chibidziura-Priesching, MSc, die mich mit Kompetenz und großem Vertrauen begleitete. Ich bedanke mich bei Wolfgang Zechner, Mag.a Herta Tritthart, Mag.a Verena Granitzer, Florian Haring, MA, Sara Menzel und Peter Winkler für die wohlwollende Unterstützung. Meiner Familie sage ich ein großes „Danke“ für den Mut, den sie mir zugesprochen hat und die finanzielle Hilfe. Bei meinen Freundinnen und Freunden bedanke ich mich für die Flexibilität und das Verständnis. Ein herzliches Dankeschön an meinen Lebensfreund Christian für den Rückhalt und die Liebe.

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Einfluss der psychischen Verfassung auf die menschliche Stimme.

Im Folgenden wird die thematisch-inhaltliche Verortung des Themas beschrieben und auf die der Thematik zugrundeliegenden Annahmen eingegangen. Des Weiteren werden die Forschungsfrage und Hypothesen, auf welchen diese Arbeit basiert, erläutert und Ziele definiert. Das Kapitel schließt mit einer Beschreibung der angewandten Methode und Ausführungen zur Relevanz des gewählten Themas.

1.1 Thematisch-inhaltliche Verortung des Themas

Um die Stimme in ihrer Vielfältigkeit und Bedeutung zu begreifen, soll zu Beginn ein Blick zurück gemacht werden. Phylogenetisch älter als die Sprache zählt die Stimme zu den primären Hirnfunktionen. Dies bedeutet, sie erfüllt für das Überleben des Individuums wichtige vitale Funktionen und ist in beiden Hirnhälften lokalisiert (vgl. Egger, Freidl & Friedrich, 1992, S. 17f). Neben den lebenserhaltenden Aufgaben der Stimme ist aber auch schon in der Zeit lange vor Christi Geburt von der Verbindung zur Person die Rede. Bereits im altägyptischen Isis-Kult wurden dem hohen Gesang heilende Fähigkeiten zugeschrieben. Im Altertum gab es die Vermutung, die Stimme komme aus dem Herzen. Diese Annahme findet sich heute noch in Redewendungen wie „Du sprichst mir aus dem Herzen“ und lässt auf die Wichtigkeit der Stimme schließen (vgl. Paldele, 2010, S. 13).

Die Musikpsychotherapeutin Sabine Rittner schreibt im Zuge ihrer Forschungstätigkeit über Stimme und Musik in der Psychotherapie. Hierbei führt sie viele Begrifflichkeiten aus dem alltäglichen Sprachgebrauch an, die auf die Wechselwirkung von Stimme und Stimmung verweisen:

„Worte wie ‚einstimmen, umstimmen, bestimmen, abstimmen, zustimmen, übereinstimmen, beistimmen, anstimmen, nachstimmen, verstimmt sein’, aber auch ‚Anklang finden’ oder ‚im Einklang sein’, ‚Ausklang’ oder ‚Sang und klanglos’ etc.p.p. [ sic ] legen beredtes Zeugnis von dem in unserer Alltagssprache gespeicherten Wissens über die tiefe wechselseitige Beeinflussung des Menschen durch Stime [ sic ] und Stimmung ab. Bei der Untersuchung von einer von mir im Laufe vieler Jahre angelegten Sammlung von weit über 300 gebräuchlichen Sprichwörtern und Redewendungen zu diesem Themenkomplex wurde ersichtlich, daß etwa 70-80% davon in unserer Sprache einschränkende, restriktive, stimmliche Spontanäußerungen sanktionierende Kernaussagen beinhalten. Dies wirft meiner Ansicht nach ein deutliches Licht auf die in der Regel soziale Unerwünschtheit spontanen stimmlichen Ausdrucks im deutschsprachigen Kulturraum.“ (1998, S. 4).

Werden diese sprachlichen Hinweise auf ein größeres logopädisches Handlungsfeld ausgedehnt und somit Atmung, Artikulation, Myofunktion und andere im Zusammenhang stehende körperliche Sensationen (z.B. Schlucken) miteinbezogen, so tauchen weitere Redewendungen auf:

- Ich bin mit mir im Einklang.
- Das verschlägt mir den Atem/die Stimme.
- Es schnürt mir die Kehle zu.
- Da platzt mir der Kragen.
- Ich schleime mich zu.
- Da bleibt mir die Luft/die Spucke weg.
- Da muss ich jetzt durchbeißen.
- Jetzt kann ich wieder durchatmen.
- Das kann ich nicht schlucken.
- Meine innere Stimme sagt mir...

uvam.

In der Auseinandersetzung mit der Ätiologie von Erkrankungen werden abermals Verbindungen von Körper und Psyche sichtbar und in der Psychosomatik beschrieben. Im logopädischen Handlexikon wird diese als „Lehre vom Einfluss des Seelischen auf körperl. Erkr.“ (Franke, 2008, S. 178) definiert. In Jürg Kollbrunners Buch: „Funktionelle Dysphonien bei Erwachsenen“ ist eine Tabelle von Hals-Nasen-Ohren-Beschwerden (HNO-Beschwerden) mit möglichen psychosomatischen Hintergründen angeführt. Demnach gilt eine „Unterdrückung von Gefühlen wie Angst, Scham, Trauer, Wut“ als häufiger Hintergrund für ein Globusgefühl im Hals. Das Störungsbild der funktionellen Aphonie wird mit dem psychosomatischen Hintergrund einer „Abwehr der Erkenntnis von nicht akzeptablen Gefühlen“ beschrieben (vgl. 2006, S. 28).

Wird der Herkunft mancher Begriffe nachgegangen, so gibt es weitere Zusammenhänge zwischen Körper und Psyche. Das Wort „Person“ ergibt etymologisch untersucht eine Schnittmenge mit „Klang“. Die Ableitung des Wortes aus dem Lateinischen kann mit „per-sonare“, also mit „hindurchklingen“ übersetzt werden (vgl. Gundermann, 1994, S.14). Joachim-Ernst Berendt verfolgte den Wortstamm von „Klang“ in seinem Buch „Nada Brahma – Die Welt ist Klang“ weiter und gelangte so zum „Sound“ (engl.), den er als eine Wurzel für das Wort „Gesundheit“ sieht (vgl. 2007, Kapitel 4).

Es drängt sich die Frage auf, was denn überhaupt krank sei und was gesund ? Wird dieser Frage nachgegangen, gelangt man unweigerlich zu Aaron Antonovsky und dem Salutogenese-Konzept. Hierbei geht es darum, die Dichotomie von Krankheit und Gesundheit aufzulösen und stattdessen ein multidimensionales Kontinuum zu beschreiben (vgl. 1997, S. 29). Wie auf einer Ebene gibt es Bewegungen zwischen den „Endpunkten“ Gesundheit und Krankheit und viele – vor allem psychische - Faktoren beeinflussen den jeweiligen Zustand. Soziale, kulturelle Kontextbedingungen und Widerstandsressourcen sind maßgeblich am Gesundheitsempfinden beteiligt (vgl. Wydler, Kolip & Abel, 2010, S. 198). Antonovsky prägte auch den Begriff des sense of coherence, welcher oft etwas unzufriedenstellend mit „Kohärenzgefühl“ übersetzt wird. Gemeint ist damit eine Orientierung, in welchem Ausmaß Vertrauen vorhanden ist, mit dem unterschiedlichsten Anforderungen des Lebens begegnet wird (vgl. 1997, S. 36) und wie komplexe Zusammenhänge verstanden werden.

Wenn es im Titel der vorliegenden Arbeit nun heißt: „Die Kohärenz von Psyche und Stimme“, so ist damit jener Zusammenhang gemeint, den jeder Mensch unterschiedlich wahrnimmt und integriert. Demnach gehört Stimme in ihrer Multidimensionalität und Komplexität betrachtet.

Es gibt also vielfältige Belege für den Zusammenhang von Psyche und Stimme. An dieser Stelle darf ich die Stimmbeschreibung eines Patienten, den ich in meinem Praktikum kennenlernen durfte, anführen. Sie lässt darauf schließen, wie klar bei genauerer Betrachtung die psychische Komponente der Stimme erscheint.

„Für mich ist die Stimme die Möglichkeit, anderen Menschen zu begegnen und mich zu zeigen. [...] In Gruppen gibt mir die Beteiligung durch meine Stimme das Gefühl, dabei zu sein. Im Einzelgespräch erzeugt die Stimme Begegnung mit meinem Gesprächspartner. Durch den Klang meiner Stimme zeige ich meine Gefühle und meinen Seelenzustand.“1

Häufig wird diese Kohärenz im Alltag nicht bewusst erlebt, sondern wirkt erst nach einer stimmlichen Erkrankung und der notwendigen Therapie als plausibel.

In der logopädischen Therapie taucht noch ein weiteres Problem auf. Wenn auch Einklang darüber herrscht, dass psychische Empfindungen und Emotionen Einfluss auf die Stimme haben, herrscht dennoch häufig Ratlosigkeit oder gar Sorge darüber, wie diese Erkenntnis das weitere Handeln beeinflussen kann und ob dies nicht zu einer Kompetenzüberschreitung führt. Wenn es im Ethikkodex von logopädieaustria heißt: „Die primäre Verantwortung der LogopädIn liegt in der Leistung eines professionellen Beitrags zur Erhaltung, Verbesserung bzw. Wiederherstellung menschlicher Kommunikation im verbalen und nonverbalen Bereich und den damit im Zusammenhang stehenden Grundfunktionen“ (logopädieaustria, n.d.), so ist die Grenze zur Psychotherapie wohl ein sehr schmaler Grat.

1.2 Forschungsfrage, Hypothesen und Ziel

In der Vertiefung der Recherche für diese Arbeit tauchten neben einleuchtenden Antworten auch viele Fragen auf. Es schien vielfach so klar, dass Psyche und Stimme eine intensive Beziehung pflegen, dennoch bedurfte es einer genauen Betrachtung, um diese Beziehung eindeutig und wissenschaftlich zu beschreiben. Die Suche nach Antworten begann an einem Punkt mit der Physiologie der Stimme und an einem anderen Punkt in der Psychotherapie. Die konkrete Frage lautete: Gibt es Parallelitäten in der Begrifflichkeit in der Logopädie zur Beschreibung der Stimme und in der Psychotherapie zur Beschreibung von allgemeinen und psychischen Zuständen?

Es besteht die Annahme, dass Begrifflichkeiten, die in der Beschreibung von Funktion und Klang der Stimme verwendet werden, auch in der Psychotherapie vorkommen.

Ziel dieser Auseinandersetzung mit dem gewählten Thema ist es, die oben genannten Ausgangspunkte Physiologie der Stimme und Psychotherapie zu verbinden und so eine fundierte Aussage über den Zusammenhang von Psyche und Stimme zu tätigen. Der Fokus liegt dabei klar auf einem logopädischen Zugang.

1.3 Methode

Die vorliegende Arbeit ist eine reine Literaturarbeit. Die Inhalte und Ergebnisse ergeben sich aufgrund intensiver Literaturrecherche in Bibliotheken, Online-Datenbanken und Internetrecherche, sowie persönlichen Angaben und Erfahrungen aus Praktika und diversen Gesprächen.

1.4 Relevanz

Diese Bachelorarbeit richtet sich in erster Linie an stimminteressierte Personen. Es sollen all jene neue Informationen erhalten, die an der (eigenen Stimme) Phänomene ablesen können/konnten, die als Folge ihrer Emotion einzuordnen sind/waren.

Logopädinnen, die sich auf Stimme einlassen, mögen mit dieser Arbeit eine Zusammenfassung neuer Erkenntnisse und interessanter Zusammenhänge erfahren. Für die Gestaltung der Therapie ist es wünschenswert und letzten Endes unumgänglich, psychische Einflüsse mit zu bedenken und einzubeziehen. Das vorliegende Ergebnis soll einen Einblick in psychologische Themen geben, die eng mit der Stimme verwandt zu sein scheinen.

Psychotherapeutinnen sollen durch die vorliegende Untersuchung Anregung erhalten, den Blick um stimmliche Aspekte zu erweitern, um Klientinnen noch mehr in ihrer Gesamtheit zu begleiten. Zu dem erfahren sie Wissenswertes über die Physiologie der Stimme.

Patientinnen, die sich mit stimmlichen Erkrankungen konfrontiert sehen, finden in den vorliegenden Ausführungen wissenswerte Informationen. Diese Bachelorarbeit soll sensibel auf mögliche zugrundeliegende psychische Vorgänge verweisen, die Ursache für Stimmveränderungen sein können.

[...]


1 Herr P., persönliche Mitteilung, Mai 2014

Details

Seiten
35
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656985112
ISBN (Buch)
9783656985129
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336885
Institution / Hochschule
FH Joanneum Graz – Logopädie
Note
1
Schlagworte
Stimme Emotionen Logopädie Phonetik Sprechen

Autor

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