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Das Automatenmotiv in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Automatenmotiv
2.1 Eine allgemeine Definition
2.2 Der Automat in Literatur und Technik
2.3 Die Entwicklung des Automatenmotivs aus dem Marionetten-Stil der Romantik und dessen Bedeutung für diese Epoche

3. Das Automatenmotiv in „Der Sandmann“
3.1 Die Automatisierung des Nathanael
3.2 Nathanael und Olimpia
3.2.1 Olimpias Belebung durch Nathanael
3.2.2 Clara und Olimpia, ein Vergleich
3.2.3 Die Funktion des Automaten als Spiegel
3.2.4 Die Zerstörung des Automaten Olimpia
3.3 Die Schöpfer des Automaten

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Schon immer war der Mensch bestrebt, künstliches Leben zu schaffen. In unserer Zeit ist es jedoch nicht mehr die Kunst, die sich darum bemüht, sondern die Wissenschaft. Mit dem Versuch, einen künstlichen Menschen in all seiner Perfektion als genaues Abbild seiner selbst zu konstruieren, wetteifert der Mensch mit Gott und den Naturgesetzen. Unsere Faszination an Androiden keimt wohl darin, dass es uns durch sie möglich ist, einen Menschen zu schaffen, der genau unseren Idealvorstellungen entspricht und sich gleichzeitig unserem Willen nicht widersetzt.

Das Interesse an Automaten schlägt sich in der Literatur nieder seit der Mensch und der perfekte Automat miteinander verwechselbar sind.1 Diese Faszination an Automaten verfestigt sich in der Literatur in Form des „Automatenmotivs“.

In meiner Arbeit soll das Automatenmotiv anhand E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ untersucht werden, da sich diese kritisch mit den Gefahren, die der Automat für den Menschen darstellt, auseinandersetzt. Dazu kläre ich zunächst, was sich hinter dem Begriff des Automaten verbirgt. Weiterhin gehe ich auf die Entwicklung und Bedeutung des Automatenmotivs im Laufe der Zeit ein. Im nächsten Schritt betrachte ich, wie dieses Motiv in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ eingebracht wird und welchem Zweck es dient. Um die Fülle der Fußnoten in Grenzen zu halten, bette ich die Seiten- und Zeilenangaben der Zitate aus der Primärliteratur in den Text mit ein. Zitate, die der Sekundärliteratur entnommen sind, finden sich wie üblich in Form von Fußnoten wieder.

2. Das Automatenmotiv

2.1 Eine allgemeine Definition

Das Wort „Automat“ entstand aus dem griechischen Wort αὐτόματος, welches soviel bedeutet wie von selbst tun, sich selbst bewegen. Als Automat wird also ein Kunstwerk bezeichnet, welches sich von selbst und nicht durch fremdes Einwirken bewegt. In diesem Zusammenhang wird auch häufig von der Selbstständigkeit eines Automaten gesprochen. Zu beachten ist, dass E.T.A. Hoffmann diesem Begriff meist die erste Bedeutung beimisst.2 Heutzutage verbinden wir mit dem Wort Automat eine Maschine, wie etwa eine Kaffeemaschine oder Waschmaschine, die uns den Alltag erleichtert, indem sie für uns die Arbeit verrichten. Ursprünglich waren die Automaten jedoch nicht derart zweckorientiert, sondern dienten eher der Statussignalisierung.

2.2 Der Automat in Literatur und Technik

Schon immer war der Mensch bestrebt, hinter die Geheimnisse der Entstehung des Lebens zu kommen. In Anlehnung an die Götter sehnte er sich, selber über Leben und Tot zu bestimmen. Die Geschichte der Automaten beginnt in der Antike. Bereits Daidalos wird in der antiken Mythologie mit belebten Statuen in Verbindung gebracht. Auch Hesiods „Werke und Tage“ beinhaltet unter anderem den Prometheusmythos.

Um Prometheus dafür zu bestrafen, dass er den Göttern das Feuer gestohlen hat, beauftragt Zeus Hephaistos eine Frau aus Lehm zu schaffen. Diese verfügt über die verführerischsten Gaben und erhält den Namen Pandora. Schließlich wird Pandora zu Epimetheus, dem Bruder des Prometheus gebracht, welcher das Geschenk trotz Warnung seines Bruders annimmt. Daraufhin öffnete Pandora ihre Büchse, die Unheil und Krankheit über die Welt bringt. Die Faszination der künstlichen Menschen ging jedoch über die Mythologie hinaus. Die Griechen, besonders die Mechaniker der Schule von Alexandria, verfügten über solch eine ausgereifte Technik, dass es ihnen bereits möglich war, selbstbewegliche Maschinen zu konstruieren. Daraufhin wurde Byzanz zum neuen Zentrum des Automatenbaus und schaffte besonders prunkvolle Automaten, welche repräsentativen Zwecken dienten. In der mitteralterlichen Literatur traten Automaten häufig als bewegliche Statuen und mechanische Vögel auf. Voraussetzung für das Automatenmotiv in der Literatur bildeten jedoch deren technische Umsetzungen.

Gegen Ende des Mittelalters nahm die Weiterentwicklung der Automatenmenschen in Mitteleuropa ihren Lauf. Einer Legende nach soll Albertus Magnus einen mechanischen Türsteher konstruiert haben, der den Gästen nicht nur die Tür öffnete, sondern auch den Gründen ihres Kommens fragte und daraufhin über ihren Einlaß entschied. Auch Papst Sylvester II. soll einen Kopf gefertigt haben, der kommunikationsfähig war und zur Entscheidungsfindung beisteuerte.

Im 14. Jahrhundert profitierte der Automatenbau von der Erfindung des mechanischen Uhrwerks, welches es nun ermöglichte, die beweglichen Statuen mit einer Zeitfunktion zu kombinieren, wie zum Beispiel die Uhr des Straßburger Münsters, die mit einem mechanischen Hahn versehen wurde. Die Automaten legten ihre schmückende Funktion ab und erfreuen sich als eigenständiges Kunstwerk wachsender Popularität. Aufgrund der hohen Herstellungskosten konnten sich jedoch nur Bürger der Oberschicht an Automaten wie Weihnachtskrippen und Wasserspielen erfreuen.

Im 18. Jahrhundert war das Vertrauen der Menschen in Technik und Wissenschaft bereits verbreitet und die Konstruktion von automatischen Menschen eine Modeerscheinung geworden. Der Fokus wurde auf eine möglichst perfekte biologische Nachahmung von Mensch und Tier gelegt. Ein Mechaniker, der einen besonders naturgetreuen Automaten konstruiert hat, war Jacques de Vaucansons. Ihm gelang es einen nahezu lebensgroßen hölzernen Flötenspieler zu schaffen, der die Töne nicht mehr durch das Uhrwerk, sondern durch entsprechende Bewegungen der Finger und Zunge hervorbrachte. Ebenfalls konstruierte er eine dreidimensionale, anatomisch korrekte Ente, die zur Nahrungsaufnahme und Verdauung fähig war.

Nach Vaucansons wurden komplexe Maschinen gefertigt, die der Sprache mächtig waren und ein Höchstmaß an Menschlichkeit besaßen. Zu diesen gehörten zum Beispiel die Androiden von Pierre und Henri Jacquet- Droz. Nachdem Jacquet- Droz mit seinem weiteren Kunstwerk, der Klavierspielerin, die größte Scheinlebendigkeit erreichte, wuchs die Skepsis unter den Menschen. Es kursierte der Verdacht er habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und hatte beinahe eine Verurteilung durch die Inquisition zu Folge. Mit dem Höchstmaß an Perfektion und Menschenähnlichkeit stieg zwar die Faszination der Menschen an Automaten, behaftete diesen jedoch auch mit dem Unheimlichen und Dämonischen. Die nahezu unübertreffbaren Leistungen von Jacquet- Droz hatten die Häufung von betrügerischen Scheinautomaten zu- folge. Das heißt, dass Menschen sich als Automaten ausgegeben haben. Letztendlich traten Mechaniker von der Nachahmung des Menschen über zur Entwicklung von Nutzmaschinen, die durch neue Antriebskräfte, wie Dampf und Elektrizität betrieben wurden.3 In der heutigen Zeit wird deutlich, dass der Mensch tatsächlich auf dem besten Wege ist Leben zu schaffen. Im Interesse der Wissenschaft ist nun nicht mehr die Schaffung eines mechanischen Menschen, sondern einem aus Fleisch und Blut. Die moderne Gentechnik ermöglicht es bereits Tiere zu klonen und Gewebe in der Petrischale heranzuzüchten.

2.3 Die Entwicklung des Automatenmotivs aus dem Marionetten-Stil der Romantik und dessen Bedeutung für diese Epoche

Die meisten Werke von Hoffmann stammen aus der Zeit zwischen 1808 bis 1822. In dieser Zeit erfreuten sich umherwandernde Puppenspieler großer Beliebtheit beim Volk. Auch Hoffmann teilte dieses Interesse und soll sogar Besitzer diverser Marionetten gewesen sein. Sein Interesse an den automatischen Kunstwerken ging sogar soweit, dass er 1813 eine Ausstellung dieser in Dresden aufsucht und sogar selber Automaten herstellte.4 In der Romantik war man am Höhepunkt der Menschlichkeit der Mechanik angekommen. Doch die künstlichen Menschen weckten in den Menschen nicht nur Bewunderung, sondern auch Angst, da sie ein Ebenbild ihrer selbst darstellten und sie somit austauschbar machten.

[...]


1 Hohoff, Ulrich: E.T.A. Hoffmann. Der Sandmann. Textkritik, Edition, Kommentar, Berlin/New York 1988 S. 335

2 Kreplin, Dietrich: Das Automaten-Motiv bei E.T.A. Hoffmann, Bonn 1957 S.7f

3 Sauer, Liselotte: Marionetten, Maschinen, Automaten. Der künstliche Mensch in der deutschen und englischen Romantik, Bonn 1983 S.11-24

4 Kreplin S. 11ff

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668265486
ISBN (Buch)
9783668265493
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336876
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann Automat Automatenmotiv Android Der Sandmann

Autor

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