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Logos als Schlüsselbegriff der griechischen Philosophie. Die Erkenntnistheorie von Heraklit

Essay 2010 8 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Heraklit:Erkenntnislehre

Essay

Heraklit führte bereits in der Antike den Beinamen „der Dunkle“ (skoteinos) oder „der in Rätseln sprechende“ (ainiktes), und war nicht selten Spott ausgesetzt. Selbst Sokrates soll eingeräumt haben, Passagen in Heraklits Schriften nicht verstanden zu haben.1

Zunächst soll der Begriff des „Logos“ näher betrachtet werden, um den Einstieg in die Erkenntnistheorie Heraklits zu erleichtern. Dabei richtet sich das Augenmerk auf das zweite Fragment:

„Gegenüber der hier gegebenen, unabänderlich gültigen Auslegung [Logos] erweisen sich die Menschen als verständnislos, sowohl bevor sie als auch wenn sie sie einmal gehört haben. Denn obwohl alles in Übereinstimmung mit der hier gegebenen Auslegung geschieht, gleichen sie Unerfahrenen, sobald sie sich überhaupt an solchen Aussagen und Tatsachen versuchen, wie ich sie darlege, indem ich jedes Einzelne seiner Natur gemäß zerlege und erkläre, wie es sich damit verhält. Den anderen Menschen aber entgeht, was sie im Wachen tun, genau wie das, was sie im Schlaf vergessen.“

Der in diesem Fragment zum ersten Mal erwähnte Logos ist der Schlüsselbegriff in Heraklits Denken und wird später eine wichtige Rolle in der griechischen Philosophie einnehmen. Das selbstständige Nachforschen ist für Heraklit die erste Bedingung zum Erfassen des Logos.2

Es geht ihm um das rechte Verstehen dessen, was zu hören und zu sehen ist und somit um eine korrekte Interpretation alles Wahrgenommenen.3

Erkenntnis im Heraklitschen Sinne gilt also als Stufe zum Einvernehmen mit dem Logos.4

Logos kommt von „legein“5, was ürsprünglich „sammeln“ und „lesen“ heißt, später aber „sprechen“, „auslegen“ bedeuten konnte.6 Somit ließe sich Logos als Wort, Auslegung oder Aussage übersetzen. In diesem Sinn ist es auch im genannten Fragment zu verstehen. In diesem Fragment wird gesagt, dass Heraklit den Menschen eine Erklärung aller Dinge gibt, welche immer und allgemein gültig ist. Alles geschieht in Übereinstimmung mit dieser Analyse. Heraklit vertritt also mit seiner Auslegung der Dinge eine allgemeine Gesetzlichkeit der Welt. Dennoch verstehen dies die meisten Leute nicht.

An dieser Stelle wird Heraklits elitärer Erkenntnispessimismus offensichtlich.

Ebenso wie man sich an Träume oder das Schlafwandeln nicht erinnert, erfassen die Menschen das nicht, was sie selbst im wachen Zustand getan und erlebt haben, nicht, so als hätten sie diese Erfahrung gänzlich vergessen.

Dabei unterscheidet Heraklit stets zwischen der subjektiven Wahrheit, welche aus privater Perspektive und Wahrheit des Einzelnen keimt, und der objektiven Wahrheit, welche die allgemeine ist. Eine Folgerung dessen bildet das 3. Fragment: „Daher hat man sich dem Allgemeinen anzuschließen; d.h. dem Gemeinschaftlichen, denn der gemeinschaftliche [Logos] ist allgemein; ungeachtet der Tatsache aber, dass die Auslegung eine allgemeine ist, leben die Leute, als ob sie über eine private Einsicht verfügten.“

Heraklits Erkenntnistheorie geht aber von einem allgemeinen, von der Subjektivität der beschränkten Einzelstandpunkte Logos als gemeinsame Wahrheit aus: „Einsicht zu haben ist etwas Allgemeines.“ (Fragment 32) Die Menschen haben den Logos als ihnen gemeinsame Wahrheit in sich:

„Es ist allen Menschen gegeben, sich selbst zu erkennen und vernünftig zu sein.“ (Fragment 33)

allerdings wird dieser durch ihren privaten Subjektivismus überschattet und bleibt ihnen somit verborgen.

Heraklit betont, dass es sich beim Logos nicht einfach nur um seine Auslegung handelt, sondern um die objektive Erklärung, deren Sprachrohr er nun ist. Pausenlos äußert er seinen Unmut über die Unwissenheit der Menschen, die auf ihren jeweiligen falschen Standpunkten verharren und sich weigern die Wahrheit zu erkennen:

„Die Leute verstehen die Dinge nicht, die ihnen begegnen, und wenn diese ihnen erklärt werden, begreifen sie sie nicht und beharren auf ihren privaten Einsichten.“ (Fragment 5)

„Die ohne Verständnis hören, gleichen Tauben; das Sprichwort bezeugt es ihnen: >Anwesend sind sie abwesend.<“ (Fragment 6)

„Hunde kläffen an, wen sie nicht kennen.“ (Fragment 7)

„Der Dummkopf pflegt bei jeder Auslegung den Kopf zu verlieren.“ (Fragment 8)

Heraklit wirkt hier elitär und zielt gleichzeitig auf das Intersubjektive der Verständlichkeit von Wahrheit.

Heraklit setzt einerseits auf die menschlichen Sinne, die als Quellen der Wahrheit dienen. Optische und auditive Erfahrungen geben dem Menschen die Möglichkeit aus ihnen zu lernen:

„Dingen, die zu sehen und zu hören Belehrung bringt, gebe ich den Vorzug.“ (Fragment 35)

Dabei wird die Wichtigkeit der Augen als Quelle der Wahrheit betont: „Augen sind schärfere Zeugen als die Ohren.“ (Fragment 36)

Andererseits betont er jedoch, dass es um hinter dem unmittelbaren Sinneseindruck die Wahrheit zu finden, den menschlichen Verstand braucht:

„Schlechte Zeugen sind den Menschen Augen und Ohren, wenn sie unverständige Seelen haben.“7 (Fragment 37)

Somit gesteht Heraklit den Wahrnehmungswerkzeugen (Augen und Ohren) eine gewisse Zuverlässigkeit in bezug auf die Erkenntnis der Wirklichkeit zu. Allerdings spielen bei den Vorsokratikern die Aspekte des Körperlichen und Geistigen zusammen, so dass die Sinneserfahrung nicht ohne den Aspekt des Denkens verstanden werden kann.8

Hier stellt sich die Frage, ob Heraklit einer der ersten Skeptiker gewesen ist. Auch wenn Heraklit einer rein über die Sinnesorgane vermittelten Wahrnehmung nicht traut, ist er noch lange kein Skeptiker. Zum einen muss bei diesem Fragment berücksichtigt werden, dass es von Sextus Empiricus überliefert ist, der ein ausgewiesener Skeptiker ist. Zum anderen deutet bereits der zweiten Fragmentteil Heraklits Überzeugung an, dass Erkenntnis grundsätzlich möglich ist. Wenn Heraklit feststellt, dass Augen und Ohren denjenigen Menschen schlechte Zeugen sind, die unverständige Seelen besitzen, dann muss im Umkehrschluss gelten, dass es ebenso Menschen mit verständigen Seelen gibt und diese durchaus auf ihre Sinnesorgane als Quelle der Wahrheit (siehe Fragment 35 und 36) setzen können. Zudem würden Skeptiker- im Widerspruch zu Fragment 36 - nichteinmal den Augen als Erkenntnisquelle trauen.

Alle fünf Fragmente implizieren jeweils zumindest eine Form der Erkenntnis. Heraklit sagt desweiteren, dass die Wahrheit oft in den Dingen verborgen ist: „Natur pflegt sich versteckt zu halten.“ (Fragment 27)

Auch dieses Fragment zeigt, dass Heraklit zwar kein Skeptiker ist, aber davon ausgeht, dass Erkenntnis nicht auf der Oberflächlichkeit der Sinneswahrnehmung gründen kann, sondern über diese hinausgehen muss bzw. eine verständige Seele als Basis fordert.

Auf dieses für die Erkenntnistheorie Heraklits zentrale Fragment wird im folgenden näher eingegangen. Bei diesem Fragment ergeben sich zwei Diskussionspunkte, ein grammatischer und ein inhaltlicher.

Der grammatische bezieht sich auf die Übersetzung, die nur schwer vom Griechischen (physis kryptesthai philei) ins Deutsche übertragbar ist. Wenn das griechische Original mit „Natur“ übersetzt wird, ist zu beachten, dass das griechische physis in diesem Zusammenhang „Natur“ mit der Konnotation „Seiende Wesenheit von Etwas“, „Wesenhaftigkeit“ oder „Beschaffenheit“ von etwas bedeutet. Das griechische kryptesthai wird mit „sich verstecken“ übersetzt. Im Deutschen findet diese mediale Bildung des Griechischen, die etwas zwischen aktivem Tun und passivem Geschehenlassen beschreibt keine adäquate Übersetzung. An dieser Stelle könnte man also kryptesthai philei in folgendem Sinne verstehen: „fügt sich in den Akt des sich entziehens“. Heideggers „Seinsfuge“9 wäre hier ein Möglichkeit der Vermittlung zwischen aktivem tun und passivem Geschehenlassen. Das „sich verbergen“ wäre hier das aktive Tun und das „sich fügen“ das passive Moment des Geschehenlassens.Mit der traditionellen Übersetzung von philei mit „liebt“ ergibt sich eine weitere mögliche Übersetzungsart: Die seiende Wesenheit liebt es sich zu entziehen.

Auf inhaltlicher Ebene liegt die Schwierigkeit in den zwei möglichen Lesearten: eine Ontologische und/oder eine Erkenntnistheoretische. Die Hauptschwierigkeit liegr darin, dass der von Heraklit verwendete Begriff der physis sowohl ontologisch, als auch erkenntnistheoretisch verstanden werden kann. Da dieses Kapitel mit der Überschrift „Erkenntnislehre“ versehen ist, stellt dies ein Problem dar. Ontologisch gelesen hieße dieses Fragment, dass sich im Erblicken von etwas als „seiende Wesenheit“, es zu diesem Wesen selbst gehört, dass es sich selbst im Moment des Betrachtens entzieht. Dies kann am Beispiel eines Forschers verdeutlicht werden: Wenn man etwas erforscht, stellen sich sofort viele tiefergehende, weitere Fragen, so dass unbefriedigende sich selbst stets entziehende Ergebnisse dem Forscher anhaften. Immerwieder aufgestellte Dogmen, z.B. in Form von Hypothesen, die bewirken, dass sich etwas der Erkenntnis entzieht und dass sich diese Hypothesen sich selber entziehen, sind dafür verantwortlich. An dieser Stelle finden wir ebenfalls eine Ontologie des des Entzugs. Liest man dagegen dieses Fragment erkenntnistheoretisch, so besagt das Fragment, dass einer möglichen Erkenntnis, ein Entbergen der sich ihrem Wesen nach stets verbergenden „Wesenheit“, vorausgehen muss.

Auf die Frage, wie es nun gelinge das Verborgene zu enthüllen, wird mehrfach auf ein Prinzip der Erkenntnis durch Selbsterkenntnis verwiesen:

„Ich beriet mich bei mir selbst.“ (Fragment 40)

„Das Denken geht bei Heraklit aus der Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst hervor.“10

[...]


1 Als man Sokrates fragt, was er von den Schriften Heraklits halte, soll er gesagt haben: „Was ich verstanden habe, ist ausgezeichnet- ich glaube zu dem, was ich nicht verstanden habe, bedürfte es eines delischen Tauchers“. Rapp, Christof: Die Vorsokratiker, München 1997.

2 Stemich Huber, Martina: „Heraklit. Der Werdegang des Weisen“, in: Bochumer Studien zur Philosophie, hrsg. von Kurt Flasch, Ruedi Imbach, Burkhard Mojsisch und Olaf Pluta, Amsterdam/Philadelphia 1996. S.37.

3 Vgl. Stemich Huber, S.38

4 Vgl. Stemich Huber, S.39

5 Das griechische Wort Logos entstammt derselben Wurzel wie das deutsche Wort „legen“. Die

dementsprechende Bedeutung ist etwa noch in der Verwendung von „legein“, wo das Wort beschreibt, wie die Gefährten des Hektor nach der Verbrennung von dessen Leichnam die Gebeine zusammenlegen, gegeben und kann daher auch als für Heraklit relevant gelten. „Legein“ bezeichnet daher eine menschliche Tätigkeit, die etwas zusammenträgt, was seiner natürlichen Beschaffenheit nach immer schon zusammengehört. Vgl. Thurner, Martin: Der Ursprung des Denkens bei Heraklit, Stuttgart/Berlin/Köln 2001.S.209f

6 Auch im Deutschen ist das Verb „lesen“ Mehrdeutig: Zum einen erfasst man ein Textstück, indem man es liesr. Zum anderen steht das Verb lesen als synonym für „sammeln“ (Bsp.: Pilze sammeln).

7 Hier könnte man ergänzen: Solche (unverständigen Seelen) haben die meisten.

8 Vgl. Stemich Huber, S.133.

9 Heideggers will mit dem Begriff der „Seinsfuge“ ausdrücken, dass sich etwas im Akt des Verbergens fügt. In Martin Heidegger, Beiträge zur Philosophie, Klostermann, Frankfurt am Main 1989.

10 Vgl. Thurner S. 204.

Details

Seiten
8
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668265936
ISBN (Buch)
9783668265943
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336874
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Philosophisches Seminar
Note
1
Schlagworte
logos schlüsselbegriff philosophie erkenntnistheorie heraklit

Autor

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Titel: Logos als Schlüsselbegriff der griechischen Philosophie. Die Erkenntnistheorie von Heraklit