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Vergessen, verloren, verdrängt? Frauen an der Front im Ersten Weltkrieg am Beispiel der Kriegskrankenschwester Eveline Hrouda

von Clara Omag (Autor)

Seminararbeit 2013 31 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Dekonstruktion eines Mythos
2.1. Gegen eine männliche Erzählung des Ersten Weltkriegs - Die Stimmen der Frauen
2.2. Die Rückkehr der soldatischen Männlichkeit

3. Selbstzeugnisse deuten - den Krieg verstehen: Analyse des Buches ÄBarmherzigkeit - Als freiwillige Malteserschwester im Weltkrieg“
3.1. Eveline Hrouda: Ein Leben voller Motivation, Arbeit und Erschöpfung
3.2. Starke Männer, schwache Frauen? Geschlechterspezifische Blicke auf den Ersten Weltkrieg
3.2.1. Die drei Gesichter der Krankenschwestern: Kamerad, Friedensengel, Prostituierte
3.2.2. In den Lazaretten: Das Verhältnis Arzt-Schwester-Patient
3.2.3. Zwischen Rivalität und Freundschaft: Selbst- und Fremdwahrnehmung der Krankenpflegerinnen
3.2.4. Gewalt, Soldaten, Krieg aus Sicht einer Schwester

4. Schlussfolgerungen und Ausblick

Bibliographie

1. Einleitung

Seit den siebziger Jahren haben die Geschlechterforschung und die Geschichtswissenschaft weitgehend versucht, den Platz von Frauen in der Geschichte sichtbar zu machen und sich so von dem alten Mythos zu verabschieden, dass Frauen im Ersten Weltkrieg nur eine passive Rolle spielten. Allerdings zeichnet sich oft noch die Tendenz ab, dass die Position von Frauen zu Hause, in der Heimat, war, die der Männer hingegen als Krieger an der Front. Doch gerade im Ersten Weltkrieg dürfen die Kriegskrankenschwestern nicht vergessen werden.2

Die Geschichte der Kriegskrankenschwestern ist allerdings noch nicht ausreichend erforscht. Während es in England und Frankreich schon etliche Beiträge zum Einsatz von Krankenschwestern im Krieg gibt, scheint es vor allem in Österreich noch ein weit unerforschtes Feld zu sein, auch da die Arbeit der Pflegenden nie wichtig genug erschien, um festgehalten zu werden.3 Nun soll in dieser Forschungsarbeit diese Lücke etwas weiter geschlossen werden, indem das 1935 erschienene Buch der österreichischen Kriegskrankenschwester Eveline Hrouda ÄBarmherzigkeit. Als freiwillige Malteserschwester im Krieg“ untersucht werden soll. Denn der Mythos der passiven Frau im Krieg entstand auch dadurch, dass den Selbstzeugnissen der Frauen nicht der gleiche Stellenwert zugeteilt wurde wie denen der Soldaten. Die Erfahrungen von Frauen, so wurde oft argumentiert, wären keine direkten, da sie nicht selbst auf dem Schlachtfeld ihr Leben riskiert hätten. Jedoch konnten sie in den Lazaretten die Gewalt des Krieges etwa in Form von Wunden, Verletzungen und traumatisierten Soldaten hautnah miterleben. Die Geschichte der Frauen im Krieg wurde aber nie erzählt - Ä[I]t was a failure of memory creation”4, stellt auch Darrow fest.

Nun soll aber die aktive Rolle von Frauen, vor allem von Frauen an der Front, durch die Analyse des Buches von Eveline Hrouda sichtbar gemacht werden. Welche Rolle spielten die Krankenschwestern an der Front und wie wurde diese von innen und außen wahrgenommen? Wie standen sie Männern, egal ob Soldaten, Ärzten oder Patienten gegenüber? Und wie erlebten sie den Krieg innerhalb der Lazarette? Diese geschlechterspezifischen Fragen bilden den Kern der Arbeit, denn nur so können verstaubte Geschlechterrollen offengelegt werden.

2. Die Dekonstruktion eines Mythos

Kaum ein Mythos der Geschichte konnte sich derart lange halten wie der der passiven Frauen, die keine Rolle in den Kriegen spielten. Seit einigen Jahrzehnten bemüht sich die Forschung nun, Frauen sichtbarer zu machen und ihre Position in der Geschichte darzustellen. So soll auch dieser Analyse des Buches ÄBarmherzigkeit“ der Kriegskrankenschwester Eveline Hrouda eine Offenlegung der stets versteckten Stimmen der Frauen vorausgehen. Dies geschieht aus einer geschlechterspezifischen Sicht, die traditionelle männliche und weibliche Bilder dekonstruieren und ihnen einen neuen Platz in der Geschichte zuschreiben soll.

2.1. Gegen eine männliche Erzählung des Ersten Weltkriegs - Die Stimmen der Frauen

Lange Zeit wurde geglaubt, dass nur Männer im Ersten Weltkrieg eine aktive Rolle innehatten und nur sie den Schrecken und die Gewalt der Schlachten erfahren hatten. Der Platz der Frau hingegen war zuhause an der Heimatfront, wo sie sicher war. Der bewaffnete Mann galt als Beschützer der schwachen, schutzbedürftigen Frau, wobei der Soldat mythisch überhöht zu einem politischen Märtyrer stilisiert wurde, der sein Leben für das Vaterland aufgibt, während die Frau diesen in Würde bedauern und seiner gedenken sollte.5 So scheinen Heimatfront und Kriegsfront zwei unterschiedliche Blöcke zu sein, in denen sich Männer und Frauen gegenüberstehen und sich immer mehr voneinander entfernen.6

Die Rolle der Frau im Krieg war aber keineswegs eine passive, da auch Frauen den Folgen der gewonnenen und verlorenen Schlachten ausgesetzt waren. Auch sie waren mit Lebensmittelknappheit, Überfällen und anderen Gefahren konfrontiert, was dazu führte, dass sich immer mehr Frauen emanzipierten und zunehmend der zugewiesenen Rolle als Hausfrau entkamen.7 Zudem trug die Unterstützung der Frauen an der Heimatfront maßgeblich zum Erfolg des Krieges bei: Ohne ihre Liebesgaben, Briefe und aufbauenden Worte hätte der Krieg wahrscheinlich nicht so viele Jahre angehalten. Dennoch wurde die Kriegsgesellschaft entlang der traditionellen Geschlechterdichotomie organisiert, wobei die Heimatfront weiblich-schutzbedürftig und die Front, mit Ausnahme der Krankenschwestern, männlich kodiert war.8 Allerdings muss hier erwähnt werden, dass, wie Hacker feststellt, das gegensätzliche Bild Front-Heimat(front) nicht statisch war, sondern einer ständigen Dynamik unterlag, sodass das Hinterland und somit auch die Zivilbevölkerung oft selbst zur Front wurden.9 Zudem wurden auch Frauen und Mädchen durch Propaganda mobilisiert, am Krieg teilzunehmen und als Krankenschwestern an die Front zu gehen. Auch Eveline Hrouda gehörte zu den Frauen, die unentgeltlich arbeiteten und somit die weibliche Mobilisierbarkeit und Dienstbarkeit verkörperten.10

Trotz des Einsatzes und der kurzfristigen Emanzipation der Frauen an der Heimatfront im Ersten Weltkrieg sollte der Ausbruch aus den traditionellen Geschlechterrollen nicht währen. Der konservative Charakter überwiegte, sodass Frauen während und vor allem nach dem Krieg wieder in die alten gesellschaftlichen Felder zurückgedrängt wurden, während die Männer weiterhin den Arbeitsmarkt und die Politik bestimmten.11

So wurde die Geschichte des Ersten Weltkriegs auch vor allem von denen erzählt, die ihn hautnah miterlebt hatten. Viele Soldaten, aber auch Schwestern griffen zur Feder und brachten ihre Erlebnisse zu Papier. Da Frauen jedoch nicht als vollwertige Bürger angesehen wurden und den Männern unterlegen waren, wurde ihren Selbstzeugnissen kaum Bedeutung zugeschrieben. Es wurde angenommen, dass nur diejenigen Geschichte schreiben konnten, die auch die Konfrontationen auf dem Schlachtfeld miterlebt hatten und eine Frau, die nicht selbst kämpfte, hatte keinen Anspruch darauf, die Siege und Verluste des Krieges zu schildern.12 Allerdings ist es, wie Cooke feststellt, Änot enough for women to have been there; they have to write and interpret what it means to have been there.”13 Und dieser Mythos der passiven Frau kann nur dekonstruiert werden, indem Selbstzeugnisse von Frauen, vor allem von Frauen an der Front, analysiert und aufgearbeitet werden. Denn die Selbstzeugnisse der Krankenschwestern sind genauso authentisch und bieten zudem noch eine wichtige Abwechslung zu den männlichen Erzählungen.14

Jedoch muss man bei der Analyse von Selbstzeugnissen stets im Hinterkopf bewahren, dass diese nicht objektiv sind, sondern durch den Filter persönlicher Erlebnisse laufen und so in einer gewissen Sprache und Erzählweise ausgedrückt werden. Darüber hinaus wurde in Tagebüchern sicher nicht alles aufgeschrieben, da moralische Wertvorstellungen den Männern und Frauen im Krieg vorgaben, was sie denken und fühlen sollten. So bringt Higonnet diesen Gedanken mit folgender Aussage auf den Punkt: ÄWe can understand a letter, a diary, a memoir, or a testimonio not just as sincere act of self-expression but as a many-voiced act of self-presentation whose self varies according to the intended audience.“15 Demnach muss auch die Aufarbeitung des Buches von Hrouda unter diesem Aspekt betrachtet werden. Ihre Erzählung ist objektiv und zweckgebunden, wobei bewusst gewisse Aspekte verschwiegen werden. Überaus wichtig ist bei dieser Untersuchung aber die zeitliche Distanz des Erlebten und des Geschriebenen, da das Buch ja erst 1935, 17 Jahre nach Kriegsende, veröffentlicht wurde. Bevor also ihr Selbstzeugnis analysiert werden kann, scheint es unumgänglich, dieses in den Kontext der Zeit zu setzen.

2.2. Die Rückkehr der soldatischen Männlichkeit

Wie bereits erwähnt, ist es wichtig, Hroudas Werk im Spiegel des Erscheinungsjahres zu betrachten, da vor allem die 30er Jahre von einer erneuten Kriegsbegeisterung und Glorifizierung der Soldaten geprägt waren. Doch nun muss die Entwicklung der Geschlechterrollen und vor allem der Männlichkeit genauer untersucht werden, da auch die männliche Stärke oft in einer mythischen Weise dargestellt wurde, die es zu hinterfragen gilt. Diese Entwicklung ist auch tragend für die Analyse von Eveline Hroudas Werk. Die darin ausgedrückte Kriegsbegeisterung kann nämlich nur aus dem Verständnis der damaligen Zeit erklärt werden, einer Zeit, in der die schrecklichen Erfahrungen und Traumata zunehmend von einer neuen Kriegsverherrlichung verdrängt wurden.

Im 1914 so optimistisch begonnenen Krieg fand Österreich 1918 seine schmetternde Niederlage. Der Verlust des Reiches, der Macht und des Ansehens, aber auch die Demütigung und die zerbröselnde Wirtschaft hinterließen den klein gewordenen Verliererstaat Österreich in einer schwierigen politischen und ökonomischen Situation. Jedoch spürte nicht nur das Land die Schäden des Krieges, sondern auch die Menschen. Erschöpft und kriegsmüde sehnten sie sich nach Frieden. Krank, zerbrechlich und traumatisiert verkörperten die zurückgekehrten Männer nicht mehr die starke, militarisierte Männlichkeit, die im Laufe des 19. Jahrhunderts maßgebend wurde. Dieser Pazifismus war nach 1918 mit Männern konfrontiert, die als Helden in den Krieg gezogen waren und stets als Beschützer ihrer Familie galten. So mündeten die traumatischen Erfahrungen der nervenaufreibenden Schlachten, aber auch die Konfrontation der Kriegsheimkehrenden mit den selbstständiger gewordenen Frauen in einer wahren Krise der Männlichkeit.16

Jedoch konnte sich der Pazifismus der Nachkriegszeit nicht lange halten, da er auf Männer traf, die in den Jahren an der Front gelernt hatten, Gewalt zu akzeptierten. Trotz des Zerfalls der K. und K. Armee herrschte noch die Meinung vor, dass die neue Republik Deutschösterreich bewaffneter Kräfte zur Verteidigung bedürfe - so sollte auch die soldatische Männlichkeit wieder in ihrer alten militärischen Form hergestellt werden.17 Die Männer suchten nun in den Wehrverbänden eine neue Gemeinschaft, in der sie ihren Frust überwinden konnten. So wurde die pazifistische Grundströmung zunehmend von dem traditionellen Männermodell verdrängt, das den glorreichen Heldentod hochstilisierte. Diese Heroisierung der toten Soldaten fand etwa Ausdruck in neuen Kriegerdenkmälern, die die Ende der 20er Jahre einsetzende Militarisierung der Gesellschaft zusätzlich unterstützen.18

Der Pazifismus war zwar in den dreißiger Jahren noch nicht ganz zerstört, jedoch wurden die Stimmen, die nach Frieden riefen, immer leiser, laut wurde nach neuen Helden für das Vaterland gerufen. Treffend formuliert Hämmerle: ÄDer zunächst ‚entmännlichte‘ und desavourierte Soldat war somit ‚wiederauferstanden‘ - mit neuem Gesicht zwar und martialischer als zuvor, aber eben auch in Fortführung verloren geglaubter soldatischer Werte.“19

Das Erwachen der neuen Männlichkeit wurde auch auf Staatsebene umgesetzt. Ehemalige Heerführer wurden auf Briefmarken abgebildet, die Militärgerichte wieder geöffnet und die nach dem Krieg aufgehobene allgemeine Wehrpflicht wurde erneut eingeführt.20 Vaterländische Geschichtsbücher und Unterrichtsmethoden prägten die Schulbildung, Kriegsgeschichte wurde als Lehrfach an der Universität unterrichtet. Darüber hinaus wurde auch die Publikation von kriegsverherrlichender Literatur massiv gefördert, um die Menschen auf einen neuen Krieg vorzubereiten und dafür zu motivieren.21 Und genau in diese Tradition reiht sich auch Eveline Hroudas Buch ein. Dieses erschien wie bereits erwähnt 1935 - genau zu der Zeit, in der die Rückkehr der soldatischen Männlichkeit und der Kriegsverherrlichung besonders stark war. So ist auch Hroudas Ton im gesamten Buch großteils kriegsbejahend und optimistisch. Jedes Selbstzeugnis ist aber in gewisser Hinsicht auch eine erzählte Geschichte. So soll in der folgenden Analyse nicht der glatte und logische Erzählstrang wiedergegeben werden, sondern die Brüche mit diesem, denn anhand dieser Bruchstellen können relevante, neue Informationen gefiltert werden.

3. Selbstzeugnisse deuten - den Krieg verstehen: Analyse des Buches „Barmherzigkeit - Als freiwillige Malteserschwester im Weltkrieg“

In diesem Kapitel sollen nun Geschlechterrollen im Ersten Weltkrieg anhand des Werkes von Eveline Hrouda genauer untersucht werden. Bevor aber dessen Inhalt in kritischer Weise unter genderspezifischen Aspekten untersucht werden soll, scheint es wichtig, dem eine kurze Biographie Hroudas voranzustellen. Diese bietet einerseits einen Überblick über den Werdegang der Kriegskrankenschwester und trägt andererseits zu einem globalen Verständnis der Untersuchung bei.

3.1. Eveline Hrouda: Ein Leben voller Motivation, Arbeit und Erschöpfung

Eveline Hrouda wurde am 18. November 1892 in Vrbičan bei Lobositz in Böhmen als Tochter einer gutbürgerlichen Familie geboren. Sie wuchs in Pohrlitz auf, wo ihr Vater als Direktor der Domänendirektion von Herberstein arbeitete. Nach dem Besuch der Volks- und Bürgerschule absolvierte Hrouda einen zweijährigen Fortbildungskurs.22

Wie Hrouda in ihrem Buch betonte, war sie bereits vor Ausbruch des Krieges voller Kriegsbegeisterung und hegte stets den Wunsch, mit an die Front ziehen. Da sie den Protest ihrer Eltern fürchtete, meldete sie sich 1914 heimlich als freiwillige Krankenpflegerin beim Roten Kreuz in Brünn. In kürzester Zeit wurde sie von Prof. Dr. Schmeichler ausgebildet und als sie ihr neues Wissen in der chirurgischen Abteilung des Roten Kreuz Spital I in Brünn umsetzen konnte, schlug für sie endlich Ädie so heiß ersehnte Stunde, für das Vaterland tätig sein zu dürfen“23. Die Motivation Hroudas, als Krankenpflegerin den Krieg mitzuerleben, stellt aber keine Ausnahme dar. Der Krankenschwesternberuf wurde vor Kriegsausbruch in einer derartigen Weise idealisiert, dass er zum Wunschtraum für viele adelige und bürgerliche Mädchen wurde. Die Krankenschwester könne nämlich in den Lazaretten ihre Weiblichkeit entfalten und aufopfernd ihre Arbeit erledigen. Da sie freiwillig an die Front ziehe, werde ihre Aufgabe auch nicht durch professionellen Ehrgeiz oder Materialismus verunreinigt. So sahen viele in der Ausübung des Pflegeberufes einen Weg, ihre Weiblichkeit auszuleben, selbstständig zu werden und den Mauern des behüteten Elternhauses zu entkommen.24

Im Oktober 1914 zog Eveline Hrouda mit der II. freiwilligen Brünner Sanitätskolonne an die Front. Die Reise dorthin erschien bei Hrouda als fröhliches Ereignis, Ä[s]ingend, voller ehrlicher Kriegsbegeisterung fuhren die jungen Soldaten lachend dem Tod entgegen“25. Hroudas erster Einsatzort war Sanok in Galizien. Jedoch musste ihre Kolonne aufgrund des Vormarsches der Russen Sanok verlassen und es erfolgte eine lange Reise über Budapest, Bratislava (Preßburg), Neusiedl am See, Eisenstadt, Ödenburg, Wiener Neustadt, Wien, Braunau bis nach Rosenberg in Preußisch-Schlesien. Im Jänner 1915 wurde Hrouda in das Epidemiespital in Petrikau in Polen versetzt. Hrouda arbeitete noch in Czenstochau und Prerau, bevor sie im April 1915 die Organisation des Roten Kreuzes verließ, nicht zuletzt, da sie mit den anderen Schwestern nicht zurechtkam.

Allerdings wollte Hrouda weiterhin als Kriegskrankenschwester arbeiten. So war sie vom 15. September bis zum 20. Dezember 1915 im K. u. K. Epidemiespital in Troppau tätig. Durch Hilfe ihres einflussreichen Bekannten, Generalmajor Adolf von Boog, Kommandant der 25. Infanterie-Truppendivision, wurde Hrouda als Krankenschwester vom Souveränen Malteser-Ritter-Orden aufgenommen. Hrouda erhielt die Wahl, entweder im Verwundetenspital in Sofia oder an der Isonzofront eingesetzt zu werden. Die junge Frau entschied sich für ersteres und reiste am 8. Februar 1916 nach Bulgarien, um ihren Dienst anzutreten. Das Spital in Sofia galt nicht nur als Pflegestation für Verletzte, sondern spielte auch eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben der bulgarischen Hauptstadt, da häufig hohe Beamte, Diplomanten und Adelige zu Besuch kamen.26

Am 17. Juli 1917 zog Hrouda dann aber doch an die Isonzofront, wo sie sich nur 12km hinter der Hauptkampflinie um die verwundeten Soldaten kümmerte. Sie wurde in den Spitälern in Istria, Udine, Vittorio, Livenza und Lovrana eingesetzt, wobei diese Zeit an der Front sicherlich die strengste für die junge Frau aus Brünn war. Sichtlich erschöpft von der vielen Arbeit in den Frontlazaretten erkrankte Hrouda öfters. Jedoch kämpfte sie immer weiter und trat auch nicht trotz Anratens der Ärzte vom Dienst zurück. So erhielt Eveline Hrouda für ihre Tätigkeit als Kriegskrankenschwester auch etliche Auszeichnungen, wie etwa das österreichische Verdienstkreuz, das goldene Malteserkreuz, das Ehrenzeichen vom bulgarischen Roten Kreuz oder die türkische und deutsche Rotkreuzmedaille.

Nach Kriegsende kehrte Hrouda nach Wien zurück, wo sie zunächst bei ihrer Schwester blieb. Die Rückkehr von der Front wurde von ihr, ebenso wie von anderen Krankenschwestern, die sich dazu geäußert haben, als enttäuschend und demütigend erlebt.27 ÄMein Einzug war nicht glorreich; der verlauste Held kehrte aus dem Feldzug heim“28 - kurz, in einem Satz, beschreibt sie die Heimkehr als beschämende Niederlage. Als eine der wenigen freiwilligen Kriegskrankenpflegerinnen schaffte es Hrouda, auch nach 1918 als Krankenschwester arbeiten zu können.29 Sie besuchte die Krankenpflegerschule im Wiener Wilhelminenspital und übte dort auch ihren Dienst aus. In den 30er Jahren schrieb Hrouda, aufbauend auf ihren Tagebuchaufzeichnungen, ihre Kriegsmemoiren, die 1935 vom Leykam- Verlag in Graz unter dem Titel ÄBarmherzigkeit - Als freiwillige Malteserschwester im Weltkrieg“ veröffentlicht wurden.30 1936 heiratete sie Major Karl Josef von Bako, der aber bereits neun Jahre später starb. 1968 verkaufte Hrouda ihr Haus in Wien und zog nach Kroatien. Dort ist sie - soweit sich ältere Nachbarn erinnern - im Mai oder Juni 1972 beim Baden in Rovinj ertrunken.

[...]


2 vgl. Regina Schulte, Die Schwester des kranken Kriegers. Krankenpflege im Ersten Weltkrieg als Forschungsproblem, in: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History 7 (1994), Heft 1, S. 83-85.

3 vgl. Ilsemarie Walter, Die Quellenlage zur österreichischen Pflegegeschichte am Beispiel der Forschung über die Pflege im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, in: Ilsemarie Walter/Elisabeth Seidl/Vlastimil Kozon (Hg.), Wider die Geschichtslosigkeit der Pflege, Wien 2004, S. 169.

4 Margaret Darrow, French Women and the First World War: War Stories of the Home Front, New York 2000, S.5.

5 Herrad-Ulrike Bussemer, Der Frauen Männerstärke. Geschlechterverhältnisse im Krieg, in: Rolf Spilker/Bernd Ulrich, Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg 1914-1918, Bramsche 1998, S. 192.

6 Schulte, Die Schwester des kranken Kriegers, S. 83.

7 Margaret Randolph Higonnet//Jane Jenso//Sonya Michel/Margaret Collins Weitz (ed.), Behind the Lines. Gender and the Two World Wars, New Haven, Conn. [u.a.] 1987, S. 1.

8 Ulrike Seiss, Ä… ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!“ Selbstinszenierungen, Kriegsrezeption und Männlichkeitsbilder im Tagebuch einer jungen Frau im Ersten Weltkrieg. Wien, Univ., Dipl.-Arb. 2002, S. 22

9 Hanna Hacker, Gewalt ist: keine Frau. Der Akteurin oder eine Geschichte der Transgression, Königstein 1998, S. 156.

10 Seiss, Ä… ich will keinen Krieg oder als Krankenschwester mit!“, S.23

11 vgl. Higonnet et al., Behind the Lines, S. 1-5.

12 vgl. Margaret Randolph Higonnet, Not so Quiet in No-Woman’s-Land, in: Miriam Cooke/Angela Woollacott, Gendering War Talk, Princeton 1993, S. 205-207.

13 Miriam Cooke, WO-man Retelling the War Myth, in: Miriam Cooke/Angela Woollacott, Gendering War Talk, Princeton 1993, S. 177.

14 Margaret Randolph Higonnet, Nurses at the Front. Writing the Wounds of the Great War, Boston 2001, S. XX.

15 ebd., S. XXIX.

16 vgl. Christa Hämmerle Ä`Vor vierzig Monaten waren wir Soldaten, vor einem halben Jahr noch Männer…` Zum historischen Kontext einer ÄKrise der Männlichkeit“ in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg, in: L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 19/2 (2008), S. 52-57.

17 Ernst Hanisch, Männlichkeiten. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts, Wien/Köln/Weimar 2005, S. 48- 51.

18 vgl. Hanisch, Männlichkkeiten, S. 54-56.

19 Hämmerle, ÄVor vierzig Monaten waren wir Soldaten“, S. 67.

20 Hanisch, Männlichkeiten, S. 67.

21 Oswald hberegger, Vom militärischen Paradigma zur ˏKulturgeschichte des Krieges`? Entwicklungslinien der österreichischen Weltkriegsgeschichtsschreibung im Spannungsfeld militärisch-politischer Instrumentalisierung und universitärer Verwissenschaftlichung, in: Ders. (Hg.), Zwischen Nation und Region. Weltkriegsforschung im internationalen Vergleich. Ergebnisse und Perspektiven, Innsbruck 2004, S. 81, 82.

22 Diese Informationen enstammen einer kurzen Biographie auf zwei DIN-A4 Seiten, die von Herrn Otwald Schromm erarbeitet wurde und dem Exemplar von ÄBarmherzigkeit“ in der Österreichischen Nationalbibliothek beigefügt wurden. Otwald Schromm wurde am 02.12.1918 in Pohrlitz geboren und ergänzte Hroudas Biographie durch Informationen der Chronik der Stadt Pohrlitz, die sein Großonkel verfasst hatte. 1991 stellte er diese der Nationalbibliothek zur Verfügung. Am 30.08.1991 ist Herr Schromm in Wien verstorben.

23 Hrouda, Barmherzigkeit, S. 8.

24 vgl. Schulte, Die Schwester des kranken Kriegers, S. 87.

25 Hrouda, Barmherzigkeit, S. 14.

26 Gerhart Feucht, Die freiwillige Sanitätspflege des Souveränen Malteser Ritter Ordens, Großpriorat von Böhmen-Österreich im Kriege 1914-1918 und das Militärhospital in Kirling bei Wien 1866, Wien 2012, S.64f.

27 vgl. Schulte, Die Schwester des kranken Kriegers, S.95f.

28 Hrouda, Barmherzigkeit, S. 227.

29 Schulte weist darauf hin, dass der Werdegang der meisten Kriegskrankenschwestern nach dem Krieg noch nicht eingehend erforscht wurde. Hier müsste noch sozial- und lebensgeschichtliche Arbeit getan werden.

30 Das originale Tagebuch von Hrouda kann nicht mehr aufgefunden werden, weshalb sich diese Seminararbeit in der Analyse nur auf die publizierte Ausgabe von 1935 stützt.

Details

Seiten
31
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656985136
ISBN (Buch)
9783656985143
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336823
Note
Schlagworte
vergessen frauen front ersten weltkrieg beispiel kriegskrankenschwester eveline hrouda

Autor

  • Clara Omag (Autor)

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Titel: Vergessen, verloren, verdrängt? Frauen an der Front im Ersten Weltkrieg am Beispiel der Kriegskrankenschwester Eveline Hrouda