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Migration im Kontext von Umweltveränderungen. Exemplarische Betrachtung der Situation am Merapi (Indonesien)

Bachelorarbeit 2014 51 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1. Einführung: Umwelt-/Klimaveränderungen als Determinanten von Migrationsprozessen?
2. Migration im Kontext von Umweltveränderungen
2.1. NEXUS VON MIGRATION UND UMWELT
2.1.1. Dimensionen (umweltbedingter) Migration
2.1.2. Definitionen und Konzepte
2.1.3. Zahlen und Prognosen
2.1.4. Exkurs: Umweltmigration aus sozialwissenschaftlicher Perspektive
2.2. POLITISCHER UMGANG UND VERANTWORTUNG
2.2.1. Governance von Umweltmigration
2.2.2. Perspektiven und Forderungen

3. Fallbeispiel: Die Situation am Merapi (Indonesien)
3.1. DER MERAPI IN INDONESIEN ALS RISIKORAUM
3.1.1. Naturgefahr: Tektonik, Topographie und Klima
3.1.2. Bevölkerungsproblematik
3.1.3. Politische, wirtschaftliche Abhängigkeiten und Fehlentwicklungen
3.1.4. regionale Strategien der Katastrophenvorsorge
3.2. MIGRATION AM MERAPI IM KONTEXT VON NATURKATASTROPHEN - FLUCHT, VERTREIBUNG ODER ADAPTATION ?

4. Fazit und Ausblick : Von ,,Umweltflüchtling’’ hin zu ,,Mobilität im Kontext von Umweltveränderungen’’??

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

I. Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

II. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anzahl der Artikel zum Thema Umwelt-und Klimaflucht in ausgewählten Printmedien Deutschlands 1994-2011

Abbildung 2: Relativer Einfluss von Umweltveränderungen auf die Triebkräfte von Migration

Abbildung 3: Auswahl verschiedener Termini im Kontext von Klimamigration im Zeitverlauf 1985-2012

Abbildung 4: Politische Handlungsfelder für Migration im Kontext von Umweltveränderungen

Abbildung 5: Gefahrenzonen des Merapi

II. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bevölkerungssituation in den Gefahrenzonen

Tabelle 2: Transmigration aus den Gefahrenzonen nach 1994

1. Einführung: Umwelt-/ Klimaveränderungen als Determinanten von Migrationsprozessen?

Erst Anfang des Jahres 2014 kam es in der indonesischen Hauptstadt Jakarta zu schweren Überschwemmungen und Erdrutschen, die die Existenzgrundlage unzähliger Menschen zerstörte und die Region in einen Katastrophenzustand versetzte (laut dem Chef der örtlichen Katastrophenschutzbehörde). Es wird von 5.000 „Flüchtlingen“, die in 35 Flüchtlingslagern untergebracht wurden, berichtet (HOFFMANN, SEISMOBLOG 2014 nach der Quelle des Indonesian National Board for Disaster Manangement (BNPB)). Die Bezeichnung von „Flüchtlingen“ im Kontext von extremen Umweltereignissen ist in den Medien keine Seltenheit. Aber auch die politische und wissenschaftliche Debatte um Umwelt-/Klimamigranten- und flüchtlingen hat sich vor allem seit dem Jahr 2007 vermehrt. Die Anzahl der Artikel zum Thema Umwelt- und Klimaflucht in ausgewählten Printmedien Deutschlands von 1994 bis 2011 zeigt diesen Anstieg deutlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1. Anzahl der Artikel zum Thema Umwelt- und Klimaflucht in ausgewählten Printmedien Deutschlands 1994- 2011 (AUFENVENNE & FELGENTREFF 2013: 39)

Die Medienberichterstattung steht im engen Zusammenhang mit den Rhythmen von großen Klimakonferenzen (Weltklimagipfel in Kopenhagen 2009 oder auch in Cancun 2010). So rückt das Thema der umweltbedingten Migration immer mehr in den Fokus und treibt den gesamtgesellschaftlichen Diskurs an (COSTA & SCHEFFRAN 2011: 2).

Die Debatte um die Beziehungen zwischen Umwelt und Migrationsbewegungen vollzieht sich demnach schon längst nicht mehr nur in Forschungskreisen, sondern weckt politisches und öffentliches Interesse. Die verheerenden Folgen des Klimawandels und das allgegenwärtige Bewusstsein der Klima- und Umweltveränderungen spielen dabei eine tragende Rolle bei der Sensibilisierung für die Wirkungszusammenhänge mit Migrationsbewegungen (BRAUCH 2002: 55).

Die alarmierenden Zahlen und Prognosen von sogenannten ,,Umweltflüchtlingen“ in den Medien wecken allgemeine Aufmerksamkeit, müssen jedoch kritisch hinterfragt werden. Denn wie soll die quantitative Erfassung eines Phänomens erfolgen, wenn über eine fundamentale Definition kein Konsens besteht? Die Positionen zu der Debatte über Umwelt und Migration lassen sich grob in zwei Lager aufteilen: die Umweltforschung, häufig in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen, auf der einen Seite und die Migrationsforschung auf der anderen Seite. Erstere deklarieren einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Umweltveränderungen und Migrationsbewegungen. Die Migrationsforschung untersucht Umwelt als einen von mehreren Faktoren für Migration und versucht durch transdisziplinäre Forschung der Komplexität des Konzepts gerecht zu werden Die Kritik aus akademischen Kreisen am vereinfachten Wirkungsmodell zeigt deutlich, dass die vielschichtigen Migrationsentscheidungen abstrahiert und die möglichen Handlungsalternativen ausgeblendet werden (AUFENVENNE & FELGENTREFF 2013: 30).

Ziel der Arbeit ist es, zu analysieren, ob und inwiefern Migrationsprozesse und Umweltveränderungen zusammenhängen. Hierbei sollen insbesondere die Multikausalität von Migrationsursachen und die Notwendigkeit von Handlungen auf regionaler, nationaler und politischer Ebene herausgearbeitet und kritisch reflektiert werden. Zudem erfolgt dies exemplarisch mit einer umfangreichen Risikoanalyse der Region am Merpai in Indonesien. Schließlich sollen Aussagen über Migrationsbewegungen im Kontext von Naturkatastrophen am Fallbeispiel des Merapi getroffen werden. Dabei wird sich mit folgenden Fragen auseinander gesetzt:

Sind Umwelt-/Klimaveränderungen Determinanten von Migrationsprozessen? (übergeordnete Forschungsfrage)

Kann von einem einfachen Wirkungsmodell „Umwelt macht Migration“ gesprochen werden? Wie hängen Definition, Quantifizierbarkeit und politischer Umgang miteinander zusammen? Wie äußern sich die Schutzlücken für „Umweltflüchtlinge/migranten“ und inwieweit können diese mit politischen Konzepten geschlossen werden?

Wann wird eine Naturgefahr zu einer Naturkatastrophe und welche Risikofaktoren müssen in einem Raum bestehen? Wie äußeren sich diese am Fallbeispiel des Merapi und welchen Einfluss haben sie auf Migrationsprozesse? Kann daher im Kontext von Naturkatastrophen von Flucht, Vertreibung oder Adaptation am Merapi gesprochen werden?

2. Migration im Kontext von Umweltveränderungen

2.1. Nexus von Migration und Umwelt

Die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Migration äußeren sich als komplexes System, das die Forschung vor große Herausforderungen stellt, dieses konzeptionell und methodisch zu fassen. Allein die Vielfalt an Bezeichnungen von ,,Umweltflüchtling“, über ,,Klimamigrant“ und ,,Klimaflüchtling“ bis hin zu ,,Umweltmigrant“ zeigt die definitorischen Problemstellungen, den Nexus zwischen Migration und Umwelt zu bestimmen. Das folgende Kapitel soll durch die Diskussion von Dimensionen, Definitionen und Prognosen zur Begriffsklärung beitragen und die Notwendigkeit von Handlungsbedarf unterstreichen.

2.1.1. Dimensionen von (umweltbedingter) Migration

Um die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Migration besser beschreiben zu können, müssen die unterschiedlichen Dimensionen, die zur Abgrenzung und Bestimmung des Phänomens beitragen, in ihrer Vielfalt aufgeschlüsselt werden. Migration als komplexe räumliche Bevölkerungsmobilität enthält einige Grundkonstanten (Distanz, Dauer, Richtung, Freiwilligkeit der Migration etc.), zwischen denen unterschieden werden kann, um die Wanderungsbewegungen besser klassifizieren zu können. Die Schwierigkeiten dabei tauchen nicht nur bei solcher Migration auf, die durch Umwelt und Klima motiviert wird (HILLMANN 2007: 24).

Um der zu untersuchenden Komplexität des Wirkungsgefüges von Umwelt und Migration Rechnung zu tragen, muss zunächst geklärt werden, was unter Umwelt und unter Klimawandel als migrationsauslösendem Faktor zu verstehen ist. Der Weltklimarat IPCC definiert Klimawandel als die klimatischen Veränderungen, die sich sowohl auf natürliche als auch anthropogene Ursachen beziehen. Dabei werden jedoch extreme Katastrophenereignisse wie Vulkanausbrüche oder Überflutungen vernachlässigt und somit liegt der Gesichtspunkt auf langfristigen Ereignissen. Menschliche Einflüsse verstärken demnach die natürlichen Klimaveränderungen (IPCC 2007: 667). Jedoch liegt hier die Problematik für das Konzept ,,klimabedingter Migration“, weil geophysikalische Ereignisse, die nicht auf den Klimawandel oder den Menschen zurückzuführen sind, durchaus Realität sind und folglich auch Flucht- oder Wanderungsbewegungen induzieren. Den Ausdruck Umwelt hingegen so weit zu fassen, dass darunter all die Veränderungen und Zustände der natürlichen Umwelt zu verstehen sind, macht eine Klassifizierung von Migration hinfällig. Somit würde der Umweltbegriff zu einem ,,Catch-all-Begriff“ zur Erklärung von Migrationsprozessen und jeder Migrant oder Flüchtling würde aus Umweltgründen wandern (AUFENVENNE & FELGENTREFF 2013: 25). Eine klare Unterscheidung von Klima und Umwelt wird aus dieser Perspektive häufig nicht getroffen. In den folgenden Überlegungen werden die Begriffe synonym verwendet, dafür rückt die zeitliche Dimension der Umweltveränderung deutlicher in den Vordergrund Die Problematik der mangelnden Unterscheidung darf aber nicht ausgeblendet werden, weil diese vor allem bei der qualitativen Erhebung ein entscheidendes Kriterium für Unstimmigkeiten der Datengrundlage darstellt (vgl. 2.3.).

Bei der Beschreibung des Nexus von Umwelt und Migration steht die Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Wanderung im engen Zusammenhang zu den Begriffen Flucht und Migration. Migrieren Menschen in Regionen, um ihre Situation zu verbessern, kann dies zwar eine freiwillige Entscheidung sein, die Ursachen dafür sind unter Umständen beispielsweise auf Klimaveränderungen zurückführbar. Wird einer Bevölkerung aufgrund von Umweltveränderungen in Form von geophysikalischen Extremereignissen die Existenzgrundlage genommen bzw. das bisherige Habitat unbewohnbar, dann kann man sicherlich von einer unfreiwilligen Entscheidung sprechen. Um sie als Flüchtlinge auszuweisen, fehlt es jedoch an rechtlichem und politischem Status, denn dieser umfasst gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) keine Flucht aufgrund von Klima- oder Umweltveränderungen, sondern lediglich aufgrund von politischer Verfolgung (UNHCR 2009: 8). Das macht es, unabhängig von der rechtlichen Abgrenzung schwierig, ob es sich nun um Flüchtlinge oder Migranten handelt. Der Entscheidungsprozess zur Wanderung ist hoch komplex, individuell und wird durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst, wodurch man den jeweilige Grad der Freiwilligkeit nur bedingt eindeutig bestimmen kann.

Die zeitliche Dimension der Umwelt- bzw. Klimaveränderung beeinflusst die Migrationsprozesse maßgeblich, indem verschiedene Formen von Umweltereignissen wiederrum unterschiedliche Auswirkungen auf die Wanderungsentscheidung haben. Dabei kann zwischen sudden-onset und slow-onset Veränderungen unterschieden werden. Unter sudden-onset versteht man plötzliche Extremereignisse wie Überschwemmungen, Stürme oder Vulkanausbrüchen, die in ihrer Dauer und räumlichen Ausprägung variieren können. Dagegen äußern sich slow-onset Ereignisse als schleichende Umweltveränderungen, die häufig klimatisch oder anthropogen beeinflusst sind (MÜLLER et al. 2012: 13). Dazu zählen Prozesse wie Desertifikation oder auch Bodendegradation1, die in der Regel langjährig erfolgen und der Zusammenhang zur Wanderung nicht immer sichtbar ist. Um den Auswirkungen von Umweltveränderungen entgegenzuwirken, werden Anpassungsmaßnahmen entwickelt und genutzt. Greifen Vorsorge- und Bewältigungsmaßnahmen nicht oder ist ihre Umsetzung nicht möglich, müssen die Gründe hinterfragt werden. Dazu leistet die Fallstudie am Merapi in Indonesien einen umfassenden Beitrag, der die vielfältigen Einflussgrößen näher betrachtet und in einen aussagekräftigen Kontext setzt (Kapitel 3).

Bei der Klassifizierung von umweltbedingter Migration fließt das Kriterium der räumlichen Distanz ebenfalls ein. Eine einheitliche und allgegenwärtig anerkannte Definition von Migration existiert nicht, allgemein versteht man darunter zunächst mal jene dauerhafte Veränderung des Wohnsitzes zu verstehen, die sowohl grenzüberschreitend (=internationale Wanderung) als auch innerhalb der Nation (=Binnenwanderung) ablaufen kann (BÄHR 2004: 252). Im Kontext von Klimaänderungen, beispielsweise infolge eines Extremereignisses, kommt es meist zur Wanderung in nächstgelegene Regionen, die Schutz bieten. Ähnlich verhält es sich bei slow-onset Veränderungen, wodurch es häufig zu binnenstaatlicher Migration kommt, wie möglicherweise zu Land-Stadt-Wanderungen2 aufgrund der verschlechternden Lebengrundlage und der Hoffnung auf Verbesserung durch Erwerbstätigkeit und finanzielle Absicherung in urbanen Regionen. Somit scheint sich auch bei umweltbedingter Migration eine Tendenz zu binnenstaatlichen Bewegungen abzuzeichnen, wie es auch für die Mehrheit allgemeiner Migrationsbewegungen gilt. Nach Schätzungen des UNDP gibt es weltweit mehr als 740 Millionen Binnenmigranten, wobei die Zahl der international migrierenden Bevölkerung bei ca. 27,5 Millionen liegt (UNDP 2009: 4).

Auch die Frage, ob es sich um eine dauerhafte oder nur vorübergehende Migration handelt, spielt eine wichtige Rolle bei der Beschreibung des Phänomens der umweltbedingten Migration. Die Dauer ist meist abhängig von dem Ausmaß der Umweltveränderungen, die sich unterschiedlich auf den Lebensraum auswirken können. Wird dieser durch Extremereignisse oder schleichende Veränderungen unbewohnbar oder über längeren Zeitraum zerstört, ist die Entscheidung zur dauerhaften Abwanderung meist getroffen. Aber auch temporäre Migration stellt oft einen Ausweg dar, wie beispielsweise landwirtschaftliche Saisonarbeiter, die aufgrund von Schwankungen der Klimaverhältnisse vorübergehend aus der Region abwandern.

Hier stößt der Migrationsbegriff auch an seine Grenzen, wenn man die vorab angeführte Definition von Migration als dauerhafter Wohnsitzwechsel nicht weiter ausführt. Dazu muss angebracht werden, dass Wanderungen als Teil von Mobilitätvorgängen einzuordnen sind. Mobilität bezeichnet allgemein “den Wechsel eines Individuums zwischen bestimmten Einheiten eines Systems“ (KULS & KEMPER 2002:183). Neben der sozialen Mobilität (Wechsel innerhalb eines sozial definierten Systems) umfasst der Mobilitätbegriff auch die Bewegungen von Individuen in einem Raum (räumliche Mobilität), worunter Migration als Teil behandelt wird. Neben den bereits beschriebenen Dimensionen der Umweltmigration sind zusätzliche Faktoren zur Unterscheidung von Bedeutung. Weit verbreitet, wenn auch überholt, ist die Differenzierung von sogenannten Push- und Pull-Faktoren3, die den Entscheidungsprozess zu wandern maßgeblich beeinflussen. Migrationsimplizierende Push- Faktoren einerseits und Pull- Faktoren als Anziehung anderseits werden durch die politischen, ökonomischen, sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen im Herkunfts- und Zielgebiet geprägt. Sie tragen zwar zum besseren Verständnis von Migrationsentscheidungen bei, dem individuell bestimmten und hoch komplexen Prozess der Entscheidungsfindung und letztendlich der Migrationsumsetzung wird dieser Ansatz jedoch nicht gerecht.

Die verschiedenartigen Dimensionen und die Problematik der Unterscheidungen machen es schwer, eindeutige Aussagen über die umweltbedingte Migration zu treffen. Sie leisten nur eine Art Gerüst, in welchem Rahmen sich diese bewegt.

Die Umweltmigration als greifbare Wanderungsform gestaltet sich als schwierig, da sie analytisch nicht von anderen Wanderungsformen infolge politischer, sozialer oder ökonomischer Ursachen getrennt werden kann. Abhängig vom Betrachtungsmaßstab finden Migrationsentscheidungen und -Bewegungen in einem multikausalen Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren statt, die sich gegenseitig beeinflussen (BROWN 2007: 196). Bei sudden-onset Ereignissen ist die Verbindung zur umweltbedingten Migration eindeutiger zu als bei slow-onset Veränderungen, wenn beispielsweise der Meeresspiegelanstieg als schleichendes Ereignis nicht als direkter Auslöser für Abwanderung fungiert. Vielmehr verhalten sich Faktoren, die Wanderungen motivieren können, in einem komplexen Wirkungsgefüge. Abbildung 2 verdeutlicht den Einfluss von Umweltveränderungen auf die verschiedenen Migrationstriebkräfte. Die Länge der Linien zeigt diesen Einfluss auf die jeweiligen Ursachen und es gilt: je länger die Linie, desto stärker der Einfluss. Zusammenfassend sollen die jeweiligen Migrationsursachen kurz erläutert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2. Relativer Einfluss von Umweltveränderungen auf Triebkräfte von Migration (FORESIGHT 2011:52)

Im politischen Kontext können fehlende Regierungsstrukturen oder Marginalisierungsprozesse 4 Migrationsentscheidungen induzieren, Verfolgung oder Unterdrückung seitens des Staates können den Migrationsprozess dagegen hemmen (MÜLLER et al. 2012: 16). Ökonomische Triebkräfte zur Abwanderung wirken auf der Individuum- und Haushaltebene, beispielsweise unzureichendes Einkommen zur Sicherung der Lebensgrundlage, das durch Arbeitsmarktungleichheiten auf der Makroebene verursacht wird.

Da jede Migration sich als individuelles Projekt manifestiert, sind soziale Motive von großer Bedeutung. Durch soziale Bindungen und Netzwerke5 oder auch Bildungszugang können Migrationsmöglichkeiten und -entscheidungen gefördert werden. Diese Faktoren besitzen jedoch auch einen selektiven Charakter, denn nicht jeder Mensch hat die notwendigen finanziellen und sozialen Voraussetzungen zur Durchführung der Migration. Dies beschreibt der Begriff der trapped population angewendet werden, worunter man festsitzende Bevölkerungsteile versteht, denen trotz starker Umweltrisiken der Zugang zur Abwanderung verwehrt wird (FORESIGHT 2011: 103). Um diese Risikogruppe zu vermindern, könnten organisierte Umsiedlungen ein Instrument sein. Auch demografische Triebkräfte wie Bevölkerungsdichte oder Altersstrukturen wirken sich auf die Entscheidung zur Abwanderung aus (vgl. Kapitel 3).

Ökologische Faktoren sind unter anderem die Bewohnbarkeit des Raumes, die Versorgungssicherheit, als auch die Exposition gegenüber Naturgefahren. Diese Ursachen stehen in enger Verbindung zu den Klimaveränderungen, die im Kontext mit Migration behandelt werden. Dies zeigt auch das Schaubild (Abb.2.), denn ökologische Ursachen werden neben ökonomischen und politischen Triebfedern relativ gesehen am meisten von Klimaveränderungen beeinflusst. Die Auswirkung auf soziale und demografische Motive fällt eher gering aus. Eine falsche Schlussfolgerung wäre jedoch, dass diese Faktoren weniger wichtig für das Migrationsprojekt sind. Weiterführend darf nicht unberührt bleiben, dass Wanderung nur eine von mehreren Antworten auf dieses Ursachengefüge sein kann oder selbst als Anpassungsmaßnahme interpretiert werden kann (FORESIGHT 2011: 54). Abschließend kann festgehalten werden, dass es sich bei jedem Migrationsprojekt um ein interdependentes Gefüge von Ursachen handelt, das auf vielfältiger Weise durch Umweltveränderungen beeinflusst werden kann. Am Fallbeispiel des Merapi in Indonesien wird ein solches Gefüge im regionalen Kontext näher beleuchtet.

2.1.2. Definitionen und Konzepte

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gab es eine Vielzahl an Definitionsversuchen von Migration im Kontext von Umweltveränderungen. Bezeichnungen wie ,,Umweltflüchtling“, ,,Umweltmigrant“ oder auch ,,Klimaflüchtling“ werden häufig parallel verwendet.

Der von El-Hinnawi verwendete Begriff des ,,Umweltflüchtlings’’ ist eine der ersten Publikationen. Im Auftrag des United Nations Development Programm (UNEP) definierte ElHinnawi 1985 im Rahmen seiner Studie ,,environmental refugees“ als:

“ those people who have been forced to leave their traditional habitat, temporarily or permanently, because of a marked environmental disruption (natural and/or triggered by people) that jeopardizes their existence and/or seriously affects the quality of live. “ ( EL-HINNAWI 1985: 4)

Die Definition zielt hauptsächlich auf Flucht/ Vertreibung als Antwort auf verändernde Umweltzerstörung ab. Die Unterscheidung, ob kleinräumig oder grenzüberschreitend, ob durch schleichende Umweltveränderungen oder Extremereignissen leistet El-Hinnawi nicht. Beispielsweise politische oder soziale Ursachen werden nicht berücksichtigt. Die zu weit gefasste Bezeichnung von El-Hinnawi wurde in Folge von weiteren Autoren als Basis für Modifizierungen6 genutzt. Als deutsche Vertretung ist an dieser Stelle die Definition von Wöhlcke (1992) zu nennen, der die Auffassung El-Hinnawis erweiterte. Er fügte den Faktor des Bevölkerungswachstums (spezieller der Überbevölkerung) als Auslöser für Migrationen hinzu und versteht unter natürlichen Umweltschäden auch Extremereignisse, die durch den Klimawandel und Menschen verstärkt werden (WÖHLCKE 1992: 13). All diese Definitionen betonen den Zwang der Migration als unmittelbare Reaktion auf Umweltveränderungen, die als Hauptursache im Fokus stehen.

Myers modifiziert in zahlreichen Arbeiten sein Verständnis von Umweltflüchtlingen und kommt schließlich dazu, auch andere Einflussfaktoren zu berücksichtigen, die Migrationsbewegungen verursachen. Demnach lautet die Definition nach Myers:

people who could no longer gain a secure livelihood in their homelands because of drought, soil erosion, desertification, deforestation and other environmental problems, together with the associated problems of population pressures and profound poverty. In their desperation, these people feel they have no alternative but to seek sanctuary elsewhere, however hazardous the attempt. Not all of them have fled their countries, many being internally displaced. But all have abandoned their homelands on a semi-permanent if not permanent basis, with little hope of a foreseeable return. “ (MYERS 2002: 609)

Es handelt sich demnach um Menschen, die aufgrund von verändernden Umweltbedingungen in Verbindung mit weiteren Problemen7 fliehen. Der dominierende Faktor ist dabei der Umweltsituation zuzuschreiben. Auf der Basis dieses Konzeptes von Myers wurden etliche Schätzungen über das weltweite Ausmaß von ,,Umweltflüchtlingen“ gestützt und operationalisiert. Diese werden im Kapitel 2.1.3. Zahlen und Prognosen näher beleuchtet. Trotz des Kontinuums der Freiwilligkeit von Migrationsbewegungen werden bei Definitionsversuchen unfreiwillige Wanderungen meist mit Flucht bezeichnet und Wanderungen auf freiwilliger Basis als Migrantion. Dass ein Migrant als Flüchtling anerkannt wird, ist jedoch an einen rechtlichen Status gekoppelt, der durch die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) festgelegt wurde und auf die Einbeziehung solcher Personen verzichtet, die durch Naturkatastrophen oder Umweltveränderungen vertrieben werden (UNHCR 2009: 9). Dadurch vermeiden vor allem Organisationen den Begriff des Flüchtlings wie z.B. die International Organization for Migration (IOM) und geht zum Begriff der ,,Umweltmigranten’’ über, die wie folgt definiert werden:

, ,Environmental migrants are persons or groups of persons, who for compelling reasons of sudden or progressive changes in the environment that adversely affect their lives or living conditions, are obliged to leave their habitual homes, or chose to do so, either temporarily or permanently, and who move either within their country or abroad. “ ( Zitiert nach LACZKO 2009: 21 )

Kritiker beklagen die fehlende Unterscheidung von Flucht und freiwilliger Wanderung. Renaud et al. erweitern die Definition von IOM um die Dimension Freiwilligkeit und kommen zur Bezeichnung ,,environmentally (forced/motivated) migrant/refugees“ (RENAUD ET AL. 2007: 11). Dabei unterscheiden sie zwischen drei Arten:

1. ,,environmentally motivated migrants “
2. ,,environmentally forced migrants “
3. ,,environmental refugees “

Die Menschen, die sich aufgrund von Umweltveränderungen in Form von sogenannten Umweltstressoren für Migration entscheiden und somit Risikominderung betreiben, fallen unter die erste Kategorie. Dies können Land-Stadt-Wanderungen oder auch Abwanderung aufgrund von industriellen Altlasten sein.

,,Environmentally forced migrants“ sind durch Umweltveränderungen quasi gezwungen abzuwandern. Prozesse wie Desertifikation oder Meeresspiegelanstieg machen diese Wanderung meist dauerhaft. Der Zeitraum der Migrationsumsetzung kann weitgehend selbst gewählt werden.

Die dritte Kategorie der ,,environmental refugees“ sind aufgrund von Extremereignissen (sudden-onset) gezwungen fluchtartig abzuwandern. Sie werden zudem von der zweiten Wanderungsart über den schutzrechtlichen Status und der Spanne der Selbstbestimmtheit differenziert (RENAUD ET AL. 2007: 11f.).

Eine weitere Differenzierung der Terminologie entwickelte Hugo 2008, der den Begriff ,,environmentally induced migration“ in die Debatte über den Zusammenhang von Migration und Umwelt einbringt. Unterschieden werden hier vier Migrationstypen (MÜLLER ET AL. 2012: 21 übersetzt nach HUGO 2008: 16ff.):

- Migration infolge von Umweltkatastrophen (sudden-onset)
- Migration infolge von Umweltdegradation (slow-onset)
- Migration aufgrund von Klimawandel, der Veränderungen der klimatischen Bedingungen in bestimmten Gebieten mit sich bringt
- Migration infolge von Bauprojekten

Auch an dieser Unterscheidung kann kritisiert werden, dass der Mehrdimensionalität von Migrationsbewegungen letztlich nicht ausreichend Rechnung getragen wird. Das Ausmaß einer Katastrophe ist nicht nur von Umweltfaktoren abhängig, sondern wird maßgeblich durch regionale Rahmenbedingungen mitbestimmt. Zusätzlich sind Umsiedlungen aufgrund von großen Bauprojekten nicht primär durch Umweltveränderungen bedingt, sondern in erster Linie politischen bzw. ökonomischen Ursachen zuzurechnen.

Biermann und Boas (2010) greifen den Flüchtlingsbegriff wieder in ihre Definition,,climate (change) refugee“ auf und nennen in ihren Arbeiten vier Ursachentypen von Umweltflucht (BIERMANN &BOAS 2010: 892 f.):

1. ,,Deposition “ (Umweltverunreinigung durch Schadstoffeinträge)
2. ,,Degradation “ (Verringerung der Nutzbarkeit von natürlichen Ressourcen)
3. ,,Desaster “ (Extremereignisse wie Erdbeben oder Vulkanausbruch)
4. ,,Destabilisierung “ (Destabilisierungen im sozialen Gefüge, Konflikte)

Dieser Ansatz nähert sich der Vielzahl von Umweltveränderungen, die auf Umweltflucht wirken können. Der Aspekt der umweltbedingten gewaltsamen Konflikte ist dabei besonders hevorzuheben, weil auch dieser unter Umständen Fluchtbewegungen auslöst. Eine solche Klassifizierung kann jedoch nicht schematisch angewendet werden, weil die Existenz von Mischformen durchaus der Realität entspricht (JAKOBEIT & METHMANN 2002:12).

Anhand dieser Überlegungen lässt sich gut erkennen, dass eine Reihe von begrifflichen Problemen und Abgrenzungen auftaucht. Die zeitliche Entwicklung von Definitionen und Konzepten bezüglich der Einordnung von Umwelt-bzw. Klimaveränderungen als Motoren für Migration zeigt sich in der folgenden Grafik (Abb.3.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3. Auswahl verschiedener Termini im Kontext von Klimamigration im Zeitverlauf 1985- 2012 (MÜLLER et al. 2012: 25 nach HILLMANN et al. 2011: 6)

Es lassen sich deutlich zwei Tendenzen erkennen, die sich im Verlauf der Begriffsbestimmungen herauskristallisiert haben. Zum einen die Dominanz der unfreiwilligen Abwanderung oder Flucht in den Definitionsversuchen und zum anderen dennoch die Verlagerung der Begrifflichkeiten ,,Umweltflüchtling“ hin zu ,,Umwelt/Klimamigrant“. Neueste Entwicklungen zeigen, dass der Terminus ,,Mobilität’’ immer mehr in den Diskurs über umweltbedingte Wanderungsbewegungen gerät und zum neuen Paradigma der Forschungsperspektiven wird. Das kann daran liegen, dass unter dem Begriff der Mobilität die verschiedenen Formen der umweltbedingen Wanderungsbewegungen besser reflektiert werden, besonders die Dimension der Freiwilligkeit. Damit ist gemeint, dass die Problematik rund um den Aspekt der Flucht annähernd vermieden wird, wenn der Begriff der Mobilität im Kontext von Umweltveränderungen herangezogen wird.

Zusammenfassend wird festgehalten, dass keine einheitlicher Terminus für das Phänomen der Umweltmigration existiert und Gegenstand vieler kritischer Diskussionen ist. Die Notwendigkeit des Handlungsbedarfs ist jedoch allgegenwärtig, wie das nächste Unterkapitel zeigen wird.

[...]


1 Bodendegradation und Desertifikation (Bodenverschlechterung in ariden und semiariden Gebieten) sind quasinatürliche Prozesse des Ökosystems Boden, die durch anthropogene Eingriffe wie z.B. Übernutzung beschleunigt bzw. beeinflusst werden (vgl. Brauch 2002: 38)

2 Land-Stadt-Wanderungen zählen zu den häufigsten Formen von Binnenmigration (vgl. BÄHR 2004: 299)

3 Bei Push-and Pull-Modellen liegt der Schwerpunkt bei gebietsspezifischen Faktoren (Herkunfts- und Zielgebiet) zur Erklärung von Migration (vgl. BÄHR 2004: 260f.)

4 Prozesse, bei denen Bevölkerungsgruppen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, verbunden mit wirtschaftlicher und physischer Isolation (BOHLE 2007: 810)

5 Hier ist das Entstehen „Transnationaler sozialer Räume“ zu nennen, worunter soziale

Verflechtungszusammenhänge verstanden werden, die geographisch-räumlich verworren sind (PRIES 1996:456)

6 vgl. Jacobson (1988), Environmental Refugees, S.6, zitiert nach GEMENNE 2011: 542

7 Darunter zählt Myers beispielsweise Bevölkerungsdruck, Armut, politische Repression, ausgeschöpfte Ressourcen etc.

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Titel: Migration im Kontext von Umweltveränderungen. Exemplarische Betrachtung der Situation am Merapi (Indonesien)