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Die Übersetzungsschulen von Toledo. Zum Konzept der „convivencia“ im mittelalterlichen Spanien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Convivencia - der Versuch einer Begriffserklärung

3. Die Übersetzungsschulen in Toledo

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Jahr 1492 kann unter mehreren Gesichtspunkten als ein Wendepunkt in der Geschichte gesehen werden. In China gab es beispielsweise innere Krisen: politisch durch Eunuchen und die sogenannte Frauenpartei, militärisch durch die Invasion der Mongolen und Tungusen und wirtschaftlich durch Hungersnöte und Pestseuchen.1 In Europa erfuhr die Wirtschaft, Politik und Kunst in Florenz durch den Tod Lorenzos di Medici tiefe Einbrüche, was sich auf den Handel und die Kunst in weiten Teilen Italiens und Europas ausgewirkt haben dürfte. Ein weiterer Meilenstein in dieser Zeit war der erste Globus, welcher von Martin Behaim vollendet wurde und endgültig das Bild der Erde als Kugel erfahrbar machte.2 Das wohl bekannteste Ereignis in diesem Jahr ist wohl die Reise des Christoph Columbus, die eigentlich die Entdeckung Indiens zum Ziel hatte und die Entdeckung Amerikas als Ergebnis hervorbrachte. Darüber hinaus gab es in diesem Jahr auf der ganzen Welt weit mehr Ereignisse, die je nach Land und Kontinent einen Wendepunkt darstellen. Zu diesem Zeitpunkt lassen sich im alten Amerika vier verschiedene Kulturformen beobachten: 1. Die primären Hochkulturen der Maya, Inka und Azteken, 2. Sekundären Hochkulturen wie beispielsweise die Chibcha in Bogota, 3. Die indianischen Kulturen vor allem in Nord- aber auch in Mittelamerika, welche im Begriff waren sesshaft zu werden und 4. Die Jäger- und Sammlervölker im Nordwesten, in Patagonien und im Amazonasgebiet.3 Natürlich hatten auch die Entdeckungsreisen des Christoph Kolumbus weitereichende Folgen. Der Ausbau globaler Handels- und Wirtschaftsverbindungen führte zu einer massiven Kolonialisierung und Europäisierung Richtung Westen. Auch das Weltbild und die Selbstbetrachtung wurden eurozentrisch, was sich schon allein in dem Begriff der Entdeckung verdeutlicht.4 Das für diese Arbeit jedoch wichtigste Ereignis im Jahr 1492 ist die Eroberung Granadas durch die Katholischen Könige.5 Damit wurde das Ende der maurischen Herrschaft in Spanien und zugleich auch das Zusammenleben der drei Buchreligionen auf der Iberischen Halbinsel eingeleitet.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Konzept der convivencia - spanisch für Zusammenleben - der Muslime, Juden und Christen auf der Iberischen Halbinsel. Hierbei soll untersucht werden, in wie fern convivencia positiv im Sinne des friedlichen Miteinander gedeutet werden kann und in wie weit ein solches Konstrukt den politischen und religiösen Mächten des 11. Jahrhunderts bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert unterworfen war. Nachdem der Begriff der convivencia und dessen Ursprung erläutert wurde, soll gezeigt werden, dass auf der Ebene des Übersetzens ein friedliches Zusammenleben durch praktische Gegebenheiten sichtbar und möglich war. Die sogenannten Übersetzungsschulen von Toledo sind hierbei das faszinierende Beispiel für die Zusammenarbeit von Juden, Christen und Muslimen, die weit über den lokalen Kontext ausstrahlte und somit ein wichtiger Teil europäischer oder sogar globaler Geschichte ist. Doch bei all der Begeisterung für das Miteinander in Toledo darf nicht vergessen werden, dass es zur gleichen Zeit in anderen Teilen Spaniens bei weitem nicht so friedlich zuging und dass das Konzept der convivencia im Rückblick nicht immer als ein positives zu werten ist und auch nicht als solches angesehen wurde. Dazu werde ich im ersten Teil der Arbeit den Diskurs zwischen den Historikern Américo Castro und Claudio Sànchez-Albornoz vorstellen. Dieser diskutiert die Frage, wie trotz der hervorragenden Errungenschaften dieses Zusammenlebens, die Entwicklung Spaniens durch die Eroberung und das Edikt von Granada eine solch fatale Wendung nehmen konnte und letztlich in der Vertreibung der Juden 1492 und der Muslime 1609 endete. Im zweiten Teil der Arbeit soll am Beispiel Toledos gezeigt werden, wie das Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen bis zum Erlass des Edikts von Granada funktionierte und welchen Zwängen Nicht-Christen währen der Reconquista unterlagen. In meinen Schlussbetrachtungen werde ich versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb das Konzept das convivencia am Beispiel Toledos so einzigartig ist, aber auch warum es durch die vorherrschenden Machtverhältnisse keine tragende Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens von Christen, Juden und Muslimen sein konnte.

2. Convivencia - der Versuch einer Begriffserklärung

Der Begriff der convivencia ist seit seiner Begründung durch den spanischen Kulturhistoriker Américo Castro (1885 - 1972) stark umstritten.6 Convivencia kann zunächst einmal mit „Zusammenleben“ übersetzt werden. Dieses Wort suggeriert - ähnlich wie der heutige Begriff des Kosmopolitismus7 -, dass es sich um etwas Positives, etwas Harmonisches handeln muss, das sich dahinter verbirgt. Das genau bezweifelt der Historiker Claudio Sánchez-Albornoz (1893 - 1984)8, sodass mit Blick auf die Ausdeutung der Begrifflichkeit von einem Streit der Gelehrten gesprochen werden kann. Beide Historiker wuchsen in der gleichen Zeit auf, genossen eine liberal-aufklärerische Bildung, kämpften im Spanischen Bürgerkrieg für die Republikaner und gingen aufgrund der Repressionen unter General Franco ins Exil.9 Seit der Eroberung Granadas 1492 und dem Edikt zur Ausweisung der Juden und später auch der Muslime galt die Vorstellung und der Wunsch nach dem „ewigen, christlichen Spanien“. Diese Vorstellung festigte sich durch die Proklamation des „reinen Blutes“ und hielt sich bis in die Zeit des Franco-Regimes.10 In diesem Zusammenhang befassten sich vor allem Historiker auch mit der Periode, in welcher die Iberische Halbinsel unter maurischer Herrschaft stand. Américo Castro, dessen Familie ihre Wurzeln in Granada hat und welcher sich daher mit den Ereignissen um 1492 verbunden sah11, vertrat in seinem Werk „España en su historia - Cristianos, moros y judíos“ von 1938 die Ansicht, dass die Zeit der convivencia durch ein tolerantes Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen bestimmt war, das ohne Frage identitätsstiftend für das heutige Spanien sei.12

Damit stand Castro allerdings in starkem Widerspruch zu gängigen, traditionalistischen Ansichten der spanischen Historiker jener Zeit. Am deutlichsten zeigt sich das in der Antwortschrift „España: un enigma histyrico“ des Historikers Claudio Sànchez-Albornoz von 1957. Nach ihm zeige sich der homo hispanicus bereits bei Seneca und Trajan und sogar bei den vorrömischen Iberern. Castros Lehrer Mendéz Pidal vertrat bereits die Ansicht, dass Phöniker, Griechen und Römer auf Widerstand stießen, als sie an die spanischen Küsten gelangten, bis sie sich hispanisierten. Spanien bildete somit einen kulturellen Kern, den viele Menschen anderer kultureller Herkunft zwar bereicherten, den sie aber im Grundsatz nicht beeinflussten.13 Er argumentiert weiter, dass erst durch den Verrat der Juden die Eroberung Spaniens durch die Araber möglich gewesen sei und das Reich der Spanier zerstört wurde. Seiner Meinung nach, wurde die Geschichte Spaniens nicht verändert, sondern unterbrochen. Die Eroberer wurden und waren nie Spanier.14 Die Reconquista sei notwendig gewesen, denn nur durch die Vertreibung alles Arabischen und Jüdischen aus Spanien konnte sich das Volk in den ursprünglichen Bahnen wieder weiter entwickeln.15 Erst durch die Einnahme Granadas durch die Katholischen Könige 1492 und die damit einhergehende Vertreibung der nichtkonvertierten Juden konnte Spanien wieder seine alte Identität zurückerlangen.16

Der Fakt, dass eine solche nationalistische, wenn nicht gar antisemitische Sichtweise auf Geschichte auch von den Faschisten unter General Franco vertreten wurde, scheint nicht verwunderlich. Zudem formuliert Sànchez-Albornoz eine nicht haltbare, lineare Auffassung von Geschichte, die alles, was dem postulierten Hauptstrang gesellschaftlicher Entwicklung - in diesem Fall der Entwicklung eines 'reinen' spanischen Volkskörpers - zuwiderläuft, als Fehler oder Störfaktor abqualifiziert wird. Seit den bahnbrechenden Arbeiten des britischen Historikers Eric Hobsbawm wird in der Geschichtswissenschaft von multipolaren Entwicklungen ausgegangen und von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gesprochen17. Geschichte ist keine immer kontinuierliche Entwicklung in eine bestimmte Richtung. Vielmehr ist sie durch Kontinuität und Brüche gekennzeichnet und wird gerade durch unvorhergesehene Ereignisse verändert. Américo Castros Auffassung kommt dieser Sichtweise auf Geschichte sehr nahe.

Américo Castros Konzept der convivencia war nach Georg Bossong keine kulturhistorische Utopie oder gar ein Mythos, sondern zeitweise gelebte Realität.18 Castro vertritt die Ansicht, dass die auf der Iberischen Halbinsel lebenden Iberer, Kelten, Römer und Westgoten keine Spanier waren, wohl aber die Muslime und Juden, die ab dem 10. Jahrhundert mit den Christen zusammenlebten.

[...]


1 M. Kossok: Das Jahr 1492. Ein Versuch. In: Debatten um die Conquista : Probleme, Perspektiven und Kontroversen (1993). S. 30.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd. S. 33-35.

5 Kossok. Das Jahr 1492. S. 29.

6 An dieser Stelle und im weiteren Verlauf der Arbeit wird nicht auf die Originaltexte der Autoren Castro und Sànchez-Albornoz verwiesen, sondern mit der Wiedergabe Dritter gearbeitet.

7 Mehr zum Vergleich zwischen convivencia und Kosmopolitismus ist in John F. Sullivans II. Contemplating Convivencia: Cosmopolitanism, Exclusivism and Religious Identity in Iberia nachzulesen.

8 Die Schreibweise der Namen nach G. Bossong: Das maurische Spanien. Geschichte und Kultur. München: C.H. Beck 2007.

9 Bossong: Maurisches Spanien. S. 10.

10 Vgl. R. L. Martinez-Davila: Finding Spain’s Identity: mérico Castro and His Exploration of Convivencia in Medieval Spain. Zu finden unter: http://cryptojews.com/finding-spains-identity-americo-castro-exploration- convivencia-medieval-spain/. Eingesehen am 10.02.2014.

11 Vgl. ebd.

12 G. Bossong: Das maurische Spanien. S. 10.

13 J. Goytisolo: Spanien und die Spanier. 1. Auflage. München, Luzern: Suhrkamp Taschenbuch 1982. S. 24.

14 Ebd.

15 Bossong. Maurisches Spanien. S. 11-12.

16 Goytisolo: Spanien. S. 25.

17 Vor allem in Working-class Internationalism. In: Contributions to the History of Labour & Society. 1, 1988, 3- 16 S. 14.entwickelt Eric Habsbawn den Gedanken der Ungleichzeitigkeit weiter, der bereits in den 1930er Jahren vom Philosophen Ernst Bloch geprägt wurde.

18 Bossong. Maurisches Spanien. S. 121.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668261686
ISBN (Buch)
9783668261693
Dateigröße
805 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336596
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
2
Schlagworte
convivencia 1492 Toledo Spanien Mittelalter Übersetzungsschulen

Autor

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