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„Die neuen Kriege" nach Mary Kaldor und Herfried Münkler. Kernaussagen und Kritiken

von Dennis Dikty (Autor) Stephan Mohr (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 27 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Theorien der Neuen und Alten Kriege nach Kaldor und Münkler
a) Kriegsvölkerrecht und Internationale Normen
b) Kriegstechniken in den Neuen Kriegen
c) Kriegsfinanzierung und Ökonomie
2. Kritik an den Thesen zu den neuen Kriegen
2.1 Die Kritik von Klaus Schlichte an den Thesen von den neuen Kriegen
2.2 Die Kritik von Peter Strutynski an den Thesen von den neuen Kriegen
a) Die reale Kriegsentwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg
b) Die Unvollständigkeit des Endes der bipolaren Weltordnung (1989/1990)
2.3 Die Kritik von Volker Matthies an den Thesen von den neuen Kriegen
a) Entstaatlichung beziehungsweise Privatisierung des Krieges
b) Ökonomisierung des Krieges
c) Brutalisierung der Kriege
2.4 Die Kritik der AKUF an den Thesen von den neuen Kriege
2.5 Die Kritik von Klaus Jürgen Gantzel an den Thesen von den neuen Kriegen

III. Zusammenfassung und Fazit

IV. Anhang – Kurzbiographien

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Kriege sind auf der Welt vielleicht schon genauso alt wie die Menschheit selbst. Schon zu Urzeiten kamen Menschen auf die Idee Streitigkeiten und Konflikte, beispielsweise um Nahrung, gewaltsam auszutragen. Damals waren es zwar keine Nationalstaaten, die gegeneinander kämpften, sondern Klans oder Sippen, und die Bewaffnung bestand damals aus Knüppeln, Speeren und Steinen und ist somit also nicht mit den heutigen Kriegstechnologien zu vergleichen. Aber die Idee des Krieges war damals auch schon bekannt.

Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich die Kriegstechnik mehrfach und ebenso ist es heute auch unmöglich alle Kriegsgründe zu benennen. Den Kriegen folgten auch häufig große politische Veränderungen.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts und besonders kurz danach, begann in der Politikwissenschaft und auch in der breiten Öffentlichkeit in den westlich orientierten Ländern der Begriff der „Neuen Kriege“ populär zu werden.

Genau um diesen Begriff, welcher besonders von Mary Kaldor und Herfried Münkler geprägt beziehungsweise erschaffen wurde, soll es in dieser Hausarbeit gehen.

Im ersten Abschnitt unserer Hausarbeit versuchen wir daher, anhand der Thesen von Mary Kaldor und Herfried Münkler, herauszuarbeiten, was die „Neuen Kriege“ sind und wie diese sich gegebenenfalls von den „Alten Kriegen“ unterscheiden.

Im Anschluss setzen wir uns mit verschiedenen Autoren wie Peter Strutynski, Volker Matthies, Klaus Schlichte, Klaus Jürgen Gantzel und der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung auseinander, die eine eigene Position zu den „Neuen Kriegen“ bezogen haben und stellen diese Ansichten den Theorien von Kaldor und Münkler gegenüber.

Den letzten Abschnitt unserer Arbeit stellt die Zusammenfassung und das Fazit dar, in welchem wir anhand der vorher aufgezeigten Theorien von Kaldor und Münkler und ihren Kritikern unsere eigene Position herausarbeiten. In diesem Teil soll auch der Versuch unternommen werden, ob es sich bei den heutigen Kriegen nun wirklich um ein neues Phänomen handelt. „Wie neu sind die „Neuen Kriege“ denn nun wirklich?“ oder sind sie doch mit Kriegen aus der Vergangenheit vergleichbar?

Abschließend folgt der Anhang in dem sich Kurzbiographien der einzelnen Autoren befinden sowie die ausführliche Liste der verwendeten Literatur.

II. Hauptteil

1. Theorien der Neuen und Alten Kriege nach Kaldor und Münkler

Die Vertreter der neuen Kriege, namentlich Mary Kaldor und Herfried Münkler, sind der Ansicht, dass der klassische Staatenkrieg, bedingt durch direkte Verstaatlichung des Kriegswesens wie wir ihn kennen, ein „Auslaufmodell“ ist. Die zwischenstaatlichen Kriege nehmen ab aber im selben Zug steigt die Zahl der innerstaatlichen Konflikte. Hierbei habe in den letzten Jahren eine Transformation der Konflikte stattgefunden, bei der sich laut Kaldor ein „neuer Typus organisierter Gewalt herausgebildet hat, der als ein Bestandteil unseres gegenwärtigen, globalisierten Zeitalters gelten muss.“[1]

Genau dieser neue Typus organisierter Gewalt hat nach Kaldor in ihrer Form die Gestalt eines „neuen Krieges“ angenommen. Das von ihr verwendete Adjektiv „neu“ soll diese Kriege von denen aus einer früheren Epoche stammenden vorherrschenden Kriegskonzeptionen abgrenzen. Der Begriff „Krieg“ dient ihr dazu den politischen Charakter der neuen Gewaltform hervorzuheben.[2] Für Münkler kämpfen in den Neuen Kriegen weniger die Staaten sondern vielmehr parastaatliche Akteure gegeneinander.[3]

Beide Autoren stellen in ihren Büchern zunächst eine Untersuchung der ihrer Meinung nach „Alten Kriege“ an und weisen diesen spezielle Charakteristiken zu, die sie von den „Neuen Kriegen“ (vor allem Kriege und Konflikte seit Ende des Kalten Krieges) unterscheiden sollen.

Ausgangspunkt ist der seit dem 17. Jahrhundert vor allem in Europa klassische zwischenstaatliche Krieg, welcher mit der rasch wachsenden Macht des absolutistischen Staats einherging, sich über die Napoleonischen Kriege hin bis zu den totalen Kriegen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und letztlich dem Kalten Krieg erstreckte. Zwar unterscheiden sich diese Kriege auf Grund der verschiedenen Epochen vor allem in der Technik und den Opfern von einander, doch ist ihnen nach Kaldor eines gemeinsam, sie sind alle ein „Geschöpf des zentralisierten, rationalisierten, hierarchisch geordneten Flächenstaats.[4]

a) Kriegsvölkerrecht und Internationale Normen

Ein wesentlicher Faktor der „Alten Kriege“ für Kaldor und Münkler ist deren „Zivilisierung“ durch das so genannte Kriegsvölkerrecht.[5]

Nach Münkler waren die klassischen Staatenkriege vor allem durch „Rechtsakte wie Kriegserklärung und Friedensschluss vom Zustand des Friedens getrennt“.[6] Der Staat der durch Verstaatlichung des Militärwesens ein Monopolist des Krieges wurde, hatte in der Folge daher das Recht Kriege zu erklären und zu führen.[7] Während die „Neuen Kriege“ seiner Meinung nach weder einen „identifizierbaren Anfang, noch einen markierbaren Schluss“ haben.[8]

Zu dem Kriegsvölkerrecht zählt vor allem die Unterscheidung zwischen Kombattanten, also den klar gekennzeichneten Personen vornehmlich durch eine einheitliche Uniform mit Landes- oder ähnlichen Symbolen, und den Nichtkombattanten, meistens Zivilisten. Nach Münkler gehören 90 Prozent der Gefallenen und Verwundeten in den bis Anfang des 20. Jahrhunderts geführten Kriegen zu den Kombattanten und am Ende des 20. Jahrhunderts kehrt sich genau diese Zahl ins Gegenteil.[9]

Ein wichtiges Merkmal der „Neuen Kriege“ ist für Kaldor und Münkler in diesem Zusammenhang die steigende Gewalt und der Wegfall eben jenes Kriegsvölkerrechts, welches auch die oben genannten Zahlen wiedergeben.[10] Hierzu zählt für beide vor allem der Terror gegen die Zivilbevölkerung, Massenmord, Zwangsumsiedlung und darüber hinaus eine Reihe von politischer, psychologischer und ökonomischer Einschüchterungstechniken.[11]

Besonders die von Münkler angesprochene „Strategie der sexuellen Gewalt“ von wilden Massenvergewaltigungen bis zur Internierung von Frauen, die in den Internierungslagern systematisch gefoltert und vergewaltigt werden, seien ein Merkmal der „Neuen Kriege“[12]

b) Kriegstechniken in den Neuen Kriegen

Um Kriege im „Alten Stil“ führen zu können, benötigen Staaten ein sehr weites und modernes Geflecht an Militärausstattung (wie Herr, Luftwaffe und Marine) und darüber hinaus eine Wirtschaft, welche die Folgen einer Kriegsproduktion abfangen können.[13] Daher sind heute nur noch sehr wenige Staaten in der Lage (vornehmlich die westlichen Industriestaaten und in geringem Maße noch Russland), die immensen Kosten eines solchen Krieges zu tragen und der einzige Staat, der dazu sogar weltweit in der Lage ist, sind die Vereinigten Staaten von Amerika.[14]

Im Gegensatz dazu kommen laut Kaldor und Münkler die „Neuen Kriege“ mit sehr viel geringeren militärischen Mitteln aus. So ist zum Beispiel die Kalaschnikow ein Symbol eben jener Kriege geworden, da diese sich als leicht zu erwerbende (durch nachbauten) und robuste Feuerwaffe in zahllosen Kriegen bewährt hat.[15] Schweres Kriegsgerät wie Panzer, Schiffe und Flugzeuge sind in den Neuen Kriegen so gut wie gar nicht mehr anzutreffen und wenn, dann nur noch in einem sehr geringen Aufkommen.[16]

Auf Grund der Tatsache das wie bereits angesprochen, nur noch die wenigsten Staaten in der Lage sind einen solchen umfassenden Krieg zu führen und im Grunde nur die staatlichen Armeen über schweres Kriegsgerät verfügen, deren Gegner aber zumeist nur über Handfeuerwaffen, spricht Münkler daher von der Asymmetrisierung kriegerischer Gewalt.[17] Den Alten Kriegen sei gerade die Symmetrisierung ein immanenter Bestandteil oder zumindest Ziel gewesen.[18]

Die neuen Kriege sind nach Kaldor und Münkler darüber hinaus dadurch geprägt, dass die Kriegsparteien auch nicht mehr gewillt sind eine Entscheidungsschlacht zu schlagen, um so den Konflikt möglichst zügig zu beenden.[19] Vor allem für Münkler ist die Entscheidungsschlacht ein Merkmal der Alten Kriege, da hier die Konfliktparteien meist in einer einzigen Schlacht versuchen den Gegner zumindest so zu schwächen, dass dieser an den Verhandlungstisch gezwungen wird. Diese Strategie wurde vor allem hinsichtlich der immensen Kosten eines Krieges der alten Art über einen langen Zeitraum zum Grundsatz innerhalb der Kriegsführung.[20]

In den neuen Kriegen wird gerade die Entscheidungsschlacht eben nicht mehr gesucht und die Konfliktparteien gehen vielmehr zu Guerillataktiken über, welche auf eine Destabilisierung der herrschenden Ordnung ausgerichtet sind und vielmehr eine Taktik der kleinen Nadelstiche die darauf ausgelegt ist „grundsätzlich nur Hass und Furch“ säen zu wollen.[21]

c) Kriegsfinanzierung und Ökonomie

Besondere Bedeutung erlangt der Staat wie bereits aufgezeigt in seiner Ganzheit als Monopolist der Gewalt.[22] Und genau diese Monopolstellung hat der Staat nach Kaldor und Münkler in den „Neuen Kriegen“ verloren. An die Stelle des Staates treten vielmehr privatwirtschaftlich orientierte Kriegsunternehmer und diverse Kriegsindustrien. Besonderes Merkmal sind hier die so genannten Warlords und Söldner.[23]

Gleichfalls sind sowohl Kaldor wie auch Münkler der Meinung, dass sich die Form der Kriegsfinanzierung und Kriegsführung erheblich gewandelt hat und darüber hinaus eben jener Wandel zu der steigenden Konfliktzahl beiträgt.[24] Der Krieg als solches kann sich für die daran beteiligten wieder lohnen, vor allem wenn sie zu dem oben genannten Personenkreis gehören. Herrschten in den Alten Kriegen unglaublich hohe Kosten des Militärapparates vor, so sind die Kosten in den Neuen Kriegen für die einzelnen Konfliktparteien wieder überschaubar geworden.[25] Indikator dessen ist z.B. das vermehrte Aufkommen von Söldnerfirmen und anderen Kriegsunternehmern.[26] Nach Kaldor zeigen sich hier die Auswirkung der Globalisierung – die Zunahme der den ganzen Erdball umspannenden Verflechtung im politischen, wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Bereich - am deutlichsten.[27]

Auch wenn nach Münkler der Einsatz von Söldnern moralisch fragwürdig ist, stellen sie seiner Meinung nach aus Sicht der Auftraggebenden Staaten oder Warlords etc. eine erhebliche Risikominimierung der eigenen Bürger dar und darüber hinaus eine effektive Form der Kostensenkung, da z.B. eigenes Kriegsgerät nicht mehr zum Einsatz kommen muss und Söldner in einem beauftragenden Land nicht dieselben Emotionen hervorrufen im Todesfall wie die eigenen Soldaten.[28]

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass laut Kaldor und Münkler in den Gebieten, wo sich reiche Bodenschätze oder Rohstoffe finden lassen, die Konflikte ungleich härter und vor allem häufiger vorkommen. Letztlich merkt Kaldor an, dass sich die dort befindlichen Kampfeinheiten durch Plünderung, den Schwarzmarkt oder durch Unterstützung von außen selbst finanzieren.[29] Der Krieg trägt sich letztlich selbst und daher lassen sich laut Kaldor vor allem in den Regionen wie Balkan, dem Kaukasus, Zentralasien, dem Horn von Afrika Zentral- oder Westafrika so genannte Kriegs- oder Beinahekriegswirtschaften ausmachen.[30]

Hierbei profitieren vor allem die Warlords vom Staatszerfall[31] und übernehmen an Stelle des Staates die Kontrolle über ein bestimmtes Gebiet, welches sie vor allem durch Mittel der Gewalt halten und ausbeuten, wobei die Folgen grundsätzlich von der Gesellschaft getragen werden müssen.[32]

Doch nicht nur die relativ geringen Materialkosten ermöglichen die „Neuen Kriege“, sondern auch der Faktor Mensch als natürliche Ressource ist ungleich günstiger zu rekrutieren als in den „Alten Kriegen“, wo die Soldaten in den klassischen nationalen Armeen eine sehr lange und vor allem kostspielige Ausbildung durchlaufen müssen.[33]

In den „Neuen Kriegen“ gibt es laut Kaldor und Münkler eine unglaublich große Zahl (vor allem in der Dritten Welt) sozial verarmter und dadurch gewaltbereiter Menschen, die gegebenenfalls sogar nur für eine warme Mahlzeit am Tag kämpfen.

Vor allem den von Kaldor und Münkler angesprochenen Flüchtlingslagern und der internationale Hilfe (Hilfslieferungen etc.) kommt in den neuen Kriegen eine besondere Bedeutung zu. Diese sind nicht bloß „Müllhalden des Krieges“, sondern ebenso dessen Nachschubzentren und Kraftreserven, in denen die internationale Hilfe zumindest teilweise in Ressourcen für die Fortführung des Krieges umgewandelt wird.[34]

2. Kritik an den Thesen zu den neuen Kriegen

Die Diskussion um die neuen Kriege ist keine ausschließlich wissenschaftliche Diskussion, sondern es zeigen ebenso große Teile der Öffentlichkeit Interesse an dieser Thematik.

Bücher über die neuen Kriege beziehungsweise deren Erscheinungsbild sind in jedem Buchhandel zu finden. Besonders Münkler und Kaldor, die beide in Punkt 1 behandelt wurden, sind viel zitierte literarische Werke zu dieser Thematik. In diesem Punkt soll die Kritik an den neuen Kriegen beziehungsweise deren Vertreter Münkler und Kaldor das primäre Ziel sein. Es wird von vielen Autoren die These vertreten, dass die neuen Kriege so neu gar nicht sind.

2.1 Die Kritik von Klaus Schlichte an den Thesen von den neuen Kriegen

Die Kritik von Klaus Schlichte soll anhand der drei Hauptthesen (Entstaatlichung der Gewalt, Ökonomie der neuen Kriege, Entgrenzung der Gewalt) der neuen Kriege aufgezogen werden.

Ein Merkmal von herausragender Bedeutung für die neuen Kriege, ist die Entstaatlichung der Gewalt, das heißt, dass die Hauptakteure dieser Kriege keine Staaten mehr sind, wie bei den klassischen Staatenkriegen, sondern nicht-staatliche Akteure, wie beispielsweise die „Warlords“. Zudem verschwimmt die Trennlinie zwischen Kombattanten und Zivilisten, zwischen Politik und Ökonomie sowie die klare Gebietstrennung der verschiedenen Territorialherren immer mehr.[35]

Nach Ansicht von Schlichte ist die These von der Entstaatlichung der Gewalt allerdings kein neues Phänomen, sondern das weltweite Kriegsgeschehen wird seit dem Zweiten Weltkrieg von innerstaatlichen Kriegen dominiert, „in denen die Zuschreibung des Attributs „staatlicher Akteur“ schon in vielen Fällen zweifelhaft gewesen ist.“[36]

Schlichte ist also der Meinung, dass nicht-staatliche Akteure an der Mehrzahl der Kriege seit dem Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen waren. So waren beispielsweise bei den Dekolonisationskriegen der 1950er und 1960er viele paramilitärische Gruppen und halb-staatliche Milizen in die Kampfhandlungen verwickelt.

Ein Grund für die Entstehung der These der Entstaatlichung der Gewalt ist für Schlichte „die wachsende Aufmerksamkeit für das Geschehen jenseits der Blockkonfrontation“.[37]

Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion wurden viele bewaffnete Konflikte in der Welt lediglich als Stellvertreterkrieg wahrgenommen.

Ein ebenso wichtiges Phänomen der neuen Kriege ist deren Ökonomie.

In den literarischen Werken über die neuen Kriege wird die Bereicherung als primäres Motiv angegeben, das heißt, dass diese Kriege nicht mehr als Kampfhandlungen um politische Ideen beziehungsweise Umgestaltungsversuche der Gesellschaft angesehen werden können.

„Ökonomisch […] beruhen diese Kriege nicht mehr auf der Mobilisierung der Produktion für den Krieg, wie noch die alten Staatenkriege, sondern auf Plünderung und auf Monopolisierung von Reichtumsquellen, wie etwa Exporteinkünften.“[38]

Die Habgier wird somit zum primären Grund für die Kampfhandlungen in den neuen Kriegen. Schlichte setzt dieser Argumentation entgegen, dass die Motivation der Kriegsakteure in den neuen Kriegen sich nicht nur auf Bereicherung reduzieren lässt. Zu dem war auch ein ökonomisches Interesse bereits bei den früheren Kriegen nicht vollkommen unbekannt. Schlichte spricht den Kriegsakteuren auch die Politizität nicht ab, sondern er ist der Ansicht, dass diese nur nicht mit den westlichen Mustern deckungsgleich ist.

Ebenso lagern sich bei allen Kriegen eine Vielzahl von andern kleinen Schauplätzen an. „Der lokale Opportunismus, das Ausnutzen der Chance, im Zustand des Krieges noch ganz andere Rechnungen zu begleichen, oder in unseren Augen kriminell aktiv zu werden, ist eine konstante Begleiterscheinung aller Kriege.“[39]

In der Literatur, welche sich mit den neuen Kriegen befasst, wird die Entgrenzung der Gewalt als ein Bestandteil der neuen Kriege angesehen. Die Gewalt in den neuen Kriegen richtet sich nur noch sekundär gegen die eigentlich feindliche Streitmacht, sondern Hauptziel der Gewalt wird die Zivilbevölkerung. Als Beispiele für die Entgrenzung der Gewalt werden meistens das ehemalige Jugoslawien und Westafrika genannt. Diese massive Gewalt gegen die Zivilbevölkerung wird mehrheitlich als irrationale Gewalt aufgefasst.[40]

Schlichte kritisiert auch die These von der Entgrenzung der Gewalt und negiert diese ebenso wie die zwei bereits angesprochenen Thesen. Schlichte spricht in diesem Zusammenhang von der „Ungleichzeitigkeit der Gewaltformen“[41].

Er ist der Überzeugung, dass eine Vielzahl von Gewaltpraktiken das Kriegsgeschehen, spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg, charakterisieren und ein prinzipieller Wandel der Gewaltpraktiken für ihn nicht zu erkennen ist. Vergleiche sollen in diesem Zusammenhang mit den klassischen Dekolonisationskriegen (zum Beispiel Indochina, Algerien) und dem Kampf der Partisanen im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien gegen die Wehrmacht gezogen werden.

„Empirisch lässt sich für alle Kriege nach 1945 zeigen, dass die Phänomene, die von „normalen“ Gewaltpraktiken unterschieden werden, gleichzeitig vorkommen.“[42]

Schlichte gibt den Autoren der neuen Kriege in soweit recht, dass es jedoch ein Unterschied zwischen straff hierarchisch geführten Armeen und lose strukturierten Rebellenbewegungen auf Kriegsschauplätzen in der Welt gibt. Jedoch sind für ihn auf allen Kriegsschauplätzen organisierte und kontrollierte Gewalt sowie eine gewisse Entgrenzung der Gewalt zu finden. Alle Kriege sind, um nun mit Schlichtes Worten zu sprechen, von der „Ungleichzeitigkeit der Gewaltformen“ geprägt.[43]

Wird das globale Kriegsgeschehen heute interpretiert, so werden die aus zwei Einheiten bestehenden Codierungen einfach nur durch neue ersetzt. Handelte es beispielsweise in den 50er und 60er Jahren um die Befreiungsbewegungen, die gegen den Kolonialismus kämpften, so waren es den aktuellen Beschreibungen zufolge in den 80er und 90er Jahren „sozialistische“ Regierungen /Rebellen, die gegen „demokratische“ Regierungen /Rebellen kämpften. Zwar hat der Code seit dem Ende des Ost-West-Konflikts gewechselt, jedoch besteht er immer noch aus zwei Einheiten; er ist weiterhin binär. „Entweder subsumieren heutige Autoren alle Kriege einem neuen Paradigma, demzufolge Kriegsparteien sich nach „Habgier oder Sorge“ als Handlungsleitendem Motiv unterscheiden ließen, oder sie behaupten einen Unterschied zwischen „alten“ und „neuen“ Kriegen.“[44]

[...]


[1] Mary Kaldor, Neue und alte Kriege: Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung, Edition Zweite Moderne, Frankfurt am Main 2000, S. 7 ff.

[2] Kaldor, 2000, S. 8.

[3] Herfried Münkler, Die neuen Kriege, Bundeszentrale für Politische Bildung, Schriftenreihe Band 387, Hamburg 2002, S. 18.

[4] Kaldor, 2000, S. 27.

[5] [5] Münkler, 2002, S. 27.

[6] Münkler, 2002, S. 110 ff

[7] Münkler, 2002, S. 110.

[8] Münkler, 2002, S. 27.

[9] Münkler, 2002, S. 28.

[10] Münkler, 2002, S. 27.

[11] Kaldor, 2000, S. 18; Münkler, 2002, S. 144 ff.

[12] Münkler, 2002, S. 146.

[13] Kaldor, 2000, S. 18 und 19.; Münkler, 2002, S. 131.

[14] Münkler, 2002, S. 131 ff.

[15] Kaldor, 2000, S. 19; Münkler, 2002, S. 132; http://www3.mdr.de/kulturreport/210702/thema2.html vom 13.05.06

[16] Münkler, 2002, S. 132.

[17] Münkler, 2002, S. 11.

[18] Münkler, 2002, S. 121.

[19] Kaldor, 2000, S. 17ff.

[20] Münkler, 2002, S. 67.

[21] Kaldor, 2000, S. 18 und 20.

[22] Kaldor, 2000, S. 33; Münkler, 2002, S. 32.

[23] Münkler, 2002, S. 161.

[24] Kaldor, 2000, S. 17 ff.

[25] Münkler, 2002, S. 128.

[26] Münkler, 2002, S. 161.

[27] Kaldor, 2000, S. 10 ff.

[28] Münkler, 2002, S. 238.

[29] Kaldor, 2000, S. 20.

[30] Kaldor, 2000, S. 20.

[31] Verminderte Staatseinnahmen, wirtschaftlicher Niedergang und sich ausbreitende Kriminalität wie auch Korruption. Dem Staat gelingt es in der Folge nicht mehr sein Territorium kontrollieren und verliert seinen Rückhalt in der Bevölkerung; Kaldor, 2000, S. 14 und S. 147.

[32] Münkler, 2002, S. 162.

[33] Münkler, 2002, S. 106.

[34] Münkler, 2002, S. 22 und 153 ff.; Kaldor, 2000, S. 21.

[35] vgl. Schlichte, Klaus : Neue Kriege oder alte Thesen ? Wirklichkeit und Repräsentation kriegerischer Gewalt in der Politikwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin, 2004 in: www2.hu-berlin.de/mikropolitik/doc/schlichte_neue_kriege_oder_alte_thesen_2004.pdf vom 10.04.06, S.4

[36] Schlichte, 2004, S. 4

[37] Schlichte, 2004, S. 5

[38] Schlichte, 2004, S. 5

[39] Schlichte, 2004, S. 6

[40] vgl. Schlichte, 2004, S. 7

[41] Schlichte, 2004, S. 7

[42] Schlichte, 2004, S. 8

[43] vgl. Schlichte, 2004, S. 8

[44] Schlichte, 2004, S. 2

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783668259799
ISBN (Buch)
9783668259805
Dateigröße
963 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336342
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Gesellschaftswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Krieg Kriegstechnik Mary Kaldor Herfried Münkler Neue Kriege

Autoren

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Titel: „Die neuen Kriege" nach Mary Kaldor und Herfried Münkler. Kernaussagen und Kritiken