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Sexueller Missbrauch und die Folgen. Ein kurzer Überblick

Ausarbeitung 2004 15 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriff
2.1 Definition
2.2 Abgrenzung

3 Darstellung
3.1 Täter
3.2 Opfer

4 Diagnose

5 Folgen
5.1 Täter
5.2 Opfer
5.3 Gesellschaft

6 Biblisches

7 Schluss

8 Abkürzungsverzeichnis

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll einen grundlegenden Überblick über das Thema geben, wobei die Darstellung aufgrund der erforderlichen Kürze an der Oberfläche bleiben muss und längst nicht umfassend alle Aspekte ansprechen kann. Die ersten fünf Punkte beschreiten den Weg von der Definition über die momentane Situationsdarstellung, die Diagnose und die möglichen Folgen. Der sechste Punkt betrachtet das Thema abschießend aus biblischer Sicht.

2 Begriff

2.1 Definition

In der Broschüre des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW wird definiert: „Sexueller Missbrauch sind sexuelle Handlungen, die Erwachsene an oder mit Kinder und Jugendlichen vornehmen.“[1] Dabei bleibt die Frage offen, wie denn „sexuelle Handlungen“ zu definieren sind. Dieses Manko weist meines Erachtens auch die Gesetzgebung auf, die den Begriff ebenso wenig definiert (StGB § 176 / 182[2] ). Weiter stimme ich mit Oerter überein, dass eine Definition sich nicht nur auf Erwachsene als Täter beschränken darf, da oft auch Jugendliche an Kindern sexuelle Gewalt üben.[3] Problematisch ist m. E. die Frage, bis zu welchem Alter eine Person als Kind, bzw. Jugendlicher verstanden wird. Der Gesetzgeber schützt Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren.[4] Diesen Missstand behebt Whitman in seiner Definition: „Unter dem Begriff <<sexueller Missbrauch von Kindern>> wird gewöhnlich jede Form von sexuellen Berührungen oder Ausnutzung von Kindern und Jugendlichen verstanden, die diese Begegnung aufgrund ihrer Entwicklung noch nicht verstehen oder abwehren können.“[5] McDowell und Stuart weiten die Definition auch auf Gespräche aus, durch die „sexuelle Befriedigung bei einem Kind“[6] gesucht wird.[7] Mit Oerter lässt sich zusammenfassend festhalten, dass allen Definitionen gemein ist, von einem „Gefälle im Hinblick auf Alter, Reife oder Macht“[8] zu reden. Weiterhin problematisch ist m. E. außerdem der Begriff als solches. Dieser legt nahe, dass es auch einen angemessenen sexuellen „Gebrauch“ von Kindern und Jugendlichen gäbe, was nicht der Fall ist. So sollte besser von „sexueller Gewalt“ oder „Gewalt gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ geredet werden.

2.2 Abgrenzung

[9] Aufgrund der Definition stellt sich die Frage, wie sexuelle Gewalt von normaler und notwendiger Zärtlichkeit abzugrenzen ist. Kann diese Grenze nicht gezogen werden, droht die Gefahr einer generell sexualfeindlichen Haltung, oder sogar einer misstrauischen Haltung gegen jedweden Körperkontakt. Dabei ist für Kinder die Nähe zu anderen besonders wichtig für ihre Entwicklung. Kinder, die wenig Nähe erfahren haben, haben kein Maß mit dem sie messen können, ob Berührungen etc. gut oder schlecht sind und sind damit u.U. anfälliger für sexuelle Gewalt, als Kinder, die mehr Nähe erfahren durften. Deswegen ist abzugrenzen: „Sexueller Missbrauch beginnt dort, wo körperliche Nähe nicht dazu dient, Zuneigung auszudrücken, sondern von Erwachsenen lediglich zur eigenen Bedürfnisbefriedigung ausgenutzt wird. Entscheidendes Kennzeichen … ist somit die Intention des Täters“[10]. Diese Abgrenzung sollte m. E. ergänzt werden durch den Hinweis, dass auch Jugendliche, die solches tun, sexuelle Gewalt ausüben. Von Seiten der Kinder ist die Abgrenzung bei gesunder Entwicklung eindeutig. Sie merken genau, wer sich respektvoll und einfühlsam verhält, ihren Willen achtet und respektiert.[11]

3 Darstellung

3.1 Täter

Statistisch gesehen sind „Bei durchschnittlich 97,5 Prozent der weiblichen und bei 78,7 Prozent der männlichen Opfer (…) die Täter männlich“[12]. Die Anzahl der weiblichen Täter darf wohl höher eingeschätzt werden, weil Frauen normaler als Männer Kindern körperlich nah sein können und so Gewalt einfacher zu vertuschen ist.[13] Bei Männern ergeben sich „folgende Tätergruppen in der Rangreihe ihrer Häufigkeit: zur Hälfte Bekannte, zu einem Viertel Verwandte und Angehörige (Onkel, Brüder, Väter, Cousins) und zu einem Fünftel Fremdtäter.“[14] Whitman hält fest, dass „das Risiko des sexuellen Missbrauchs eines Kindes durch den Stiefvater oder den Freund der Mutter größer ist als das entsprechende Risiko beim leiblichen Vater“[15]. Dabei ist zu beobachten dass soziale Schicht, Alter und Nationalität der Täter keine Rolle spielen, sie dem Betrachter von außen meist als normal erscheinen und „normale“ (sexuelle) Beziehungen zu Gleichaltrigen haben. D.h. dass die meisten Täter nicht psychisch krank sind und damit für ihr Verhalten auch verantwortlich gemacht werden können.[16] Whitman kann das Verhalten der Täter als verhaltensgebundene Sucht einstufen. Daraus folgt, dass das Verhalten des Täters zwanghaft ist und davon ausgegangen werden muss, dass es nicht bei einer Missbrauchstat bleibt.[17] Dabei gilt: „Je näher das Mädchen oder der Junge dem Missbraucher steht, je abhängiger sie von ihm sind, desto intensiver ist häufig der sexuelle Missbrauch, desto länger dauert er an.“[18] Sexuelle Gewalttäter, die die Kinder nicht so gut kennen, haben statistisch gesehen eine weitaus größere Anzahl verschiedener Opfer, denen sie meist „nur“ einmal Gewalt antun.[19] Zur Kategorisierung und auch zur Frage der Ursache für das „Täter-Werden“ gibt es so viele verschiedene Ansätze, wie verwendete Literatur, weswegen darauf hier nicht näher eingegangen werden kann.[20] Es kann aber wohl davon ausgegangen werden, dass Täter eine gewisse Karriere sexueller Fantasien und Abnormalitäten hinter sich haben – meist steigert sich auch die Intensität der sexuellen Gewalt mit der Dauer und der Häufigkeit der Gewaltanwendung.[21]

3.2 Opfer

Man geht davon aus, „dass der relative Anteil von Mädchen und Jungen unter den Opfern des sexuellen Missbrauchs einem Zahlenverhältnis von (…) 2:1 bis 4:1“[22] entspricht, wobei zu beobachten ist, dass Mädchen häufiger als Jungen in der Familie missbraucht werden.[23] Insgesamt ist davon auszugehen, dass in Europa und den USA jedes 3. / 4. Mädchen und jeder 7. / 8. Junge bis insgesamt 18 Jahre schon einmal sexuelle Gewalt erfahren hat. Bei Behinderten scheint das Risiko wesentlich höher zu liegen. Jede 2. behinderte Frau hat statistisch gesehen schon sexuelle Gewalt erfahren.[24] Die größte Häufung sexueller Gewalt gibt es im Alter von 10 – 13 Jahren; generell sind aber alle Altersgruppen betroffen. Einige Studien können aufzeigen, dass Kinder, die ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern haben missbrauchsgefährdeter sind, als andere.[25] Whitman gibt für das Jahr 1979 die Zahl der gemeldeten sexuellen Gewalttaten gegen Kinder und Jugendlich in den USA mit „711142“[26] an, wobei davon ausgegangen werden muss, dass die tatsächliche Zahl der Verbrechen wesentlich höher liegt. Entsprechend der unterschiedlichen Einschätzung über die Höhe der Dunkelziffer kann für Deutschland davon ausgegangen werden, dass jährlich 80.000 bis 300.000 Kinder sexuell missbraucht werden.[27] Damit wird klar: „Sexueller missbrauch ist kein Ausnahmedelikt, sondern gehört – so bedrückend diese Vorstellung auch sein mag – zur Alltagserfahrung sehr vieler Mädchen und Jungen.“[28] Auch hier ist zu beobachten, dass es Opfer in allen sozialen Schichten, Nationalitäten etc. gibt.[29]

4 Diagnose

„Persönliches Erkennen des Missbrauchs beginnt mit dem inneren Willen des einzelnen, die Möglichkeit eines Missbrauchs in Erwägung zu ziehen (Sgroi), und geht weiter mit dem Erkennen typischer körperlicher Symptome und Verhaltensweisen, die bei Opfern, Tätern oder ihren Familien vorkommen.“[30] Weil anscheinend weder das eine noch das andere ausreichend gegeben ist, kann Ruthe konstatieren: „Nichts spricht dafür, dass sexueller Missbrauch selten vorkommt, aber alles spricht dafür, dass er selten wahrgenommen wird.“[31]. Die Möglichkeit des Missbrauchs ist bis hier her weitreichend nachgewiesen worden. Typische Symptome beim Opfer sind sowohl körperlich („Verletzungen der Geschlechtsorgane, Knutschflecken, Bissspuren in erogenen Zonen, Striemen an der Innenseite der Oberschenkel, blaue Flecken im Bereich des Unterleibs u.ä.“[32] ), als auch im Verhalten (Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Scham- und Schuldgefühle, selbstzerstörerische Verhaltensweisen generelles Misstrauen gegenüber engen Beziehungen oder Scham- und Distanzlosigkeit[33], sexualisiertes Verhalten oder unangemessenes Wissen über Sexualität[34] ) festzustellen. Dabei bleibt festzuhalten, dass dies Symptome sein können, die auch auf etwas anderes hindeuten und nichts mit sexueller Gewalt zu tun haben müssen. Gerade körperliche Symptome sind eher selten, da die Täter sich Mühe geben werden, solche eindeutigen Hinweise nicht entstehen zu lassen. „Normalbefunde sind bei Missbrauchsopfern häufig“[35]. Das wiederum bedeutet, dass für die Feststellung im Schwerpunkt Eigenbekundungen von Opfern benötigt werden. Dass der Aussage von Kindern diesbezüglich unbedingt Glauben zu schenken ist, weisen zahlreiche Studien nach, die Lügen fast ausschließlich im Bezug darauf festgestellt haben, dass das Geschehen aus Scham oder Angst verleugnet, bzw. aus denselben Gründen ein anderer als Täter beschuldigt wird.[36]

[...]


[1] Weber, Was stimmt da nicht?, 9.

[2] Vgl. http://www.survivors-arts.de/content/category/3/70/68/.

[3] Vgl. Oeter / Montada, Entwicklungspsychologie, 808.

[4] Vgl. . http://www.survivors-arts.de/content/category/3/70/68/.

[5] Whitman, Schweigen, 16.

[6] McDowell / Stuart, Missbrauch, 20.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Orter / Montada, Entwicklungspsychologie, 809.

[9] Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 11-12.

[10] AaO, 11.

[11] Vgl. http://www.praevention.org/an_erwachsene.htm.

[12] Orter / Montada, Entwicklungspsychologie, 812.

[13] Vgl. Ebd.

[14] Ebd.

[15] Whitman, Schweigen, 17.

[16] Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 10.

[17] Vgl. Whitman, Schweigen, 107 – 115.

[18] Weber, Was stimmt da nicht?, 10.

[19] Vgl. Whitman, Schweigen, 43 – 45.

[20] Einige Ansätze dazu werden in Dorlöchter, Pädagogik, 447 – 455, sowie bei Whitman, Schweigen, 103 – 106 vorgestellt.

[21] Vgl. http://www.praevention.org/taeter.htm.

[22] Oerter / Montada, Entwicklungspsychologie, 811.

[23] Vgl. Ebd.

[24] Vgl. http://www.praevention.org/opfer.htm.

[25] Vgl. Oerter / Montada, Entwicklungspsychologie, 811 – 812.

[26] Whitman, Schweigen, 42.

[27] Vgl. http://www.aktiv-gegen-sexuelle-gewalt.de/missbrauch/zahlenfakten.htm.

[28] Weber, Was stimmt da nicht?, 8.

[29] Vgl. Ebd.

[30] Whitman, Schweigen 18.

[31] Ruthe, Familie, 127.

[32] Weber, Was stimmt da nicht?, 14.

[33] Vgl. Weber, Was stimmt da nicht?, 14 – 18.

[34] Vgl. Oerter / Montada, Entwicklungspsychologie, 813.

[35] http://www.dggkv.de/SKM-Mschr-1997.pdf.

[36] Vgl. Oerter / Montada, Entwicklungspsychologie, 814 und Whitman, Schweigen, 78 – 79.

Details

Seiten
15
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783668260931
ISBN (Buch)
9783668260948
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336176
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule TABOR, Marburg
Note
Schlagworte
sexueller Missbrauch Missbrauch Missbrauchsopfer

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Titel: Sexueller Missbrauch und die Folgen. Ein kurzer Überblick