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Die Beziehung zwischen Kirche als Institution und Kirche im Glaubenssinn. Emil Brunners ekklesiologisches Konzept und Karl Barths Kritik in der Diskussion

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Thematische Auseinandersetzung
2.1 Biblischer Befund
2.2 Theologiegeschichtlicher Befund
2.3 Grundsätzliche Positionen
2.4 Ergebnissicherung und eigener Entwurf

3 Abkürzungsverzeichnis

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Was ist die Kirche? Diese Frage ist das ungelöste Problem des Protestantismus“1 Um diese Frage, genauer um die Frage der Beziehung zwischen Kirche als Institution und Kirche im Glaubenssinn soll es in der dieser Arbeit gehen. Die Frage nach dem Wesen und Bestand der Kirche ist seit jeher interessant gewesen, weil daran viele Folgefragen hängen, z.B. die Frage nach Gemeindebau und Mission oder nach Ökumene, im Kontext der Landeskirchlichen Gemeinschaft auch nach dem Verhältnis zur Landeskirche und der eigenen Identität. Konsens scheint bei der Beantwortung die Identifikation von Institution und Glaubensgemeinschaft zu sein. Wie das praktisch auszusehen hat, ist umstritten, hat aber jeweils entscheidende Auswirkung auf praktische Fragen. Diese Arbeit versucht zu klären, ob eine Identifikation von Institution und Glaubensgemeinschaft angemessen oder eine Unterscheidung von Nöten ist. Dazu wird ein biblischer Befund erhoben, der einen Einblick in die NT-Vorstellung von Gemeinde gibt - darauf aufbauend ein theologiegeschichtlicher Befund, der zeigen soll, inwieweit die Fragestellung schon behandelt wurde und was daraus zu ersehen ist. Weiter wird anhand Brunners ekklesiologischer Darlegung eine grundlegende dem Konsens entgegengesetzte Position dargestellt, der eine Reihe kritischer Anfragen Karl Barths gegenübergestellt werden,2 um in die Diskussion einzutreten, die zusammen mit den vorherigen Ergebnissen zu einem eigenen Entwurf in dieser Frage führt.

2 Thematische Auseinandersetzung

2.1 Biblischer Befund

Betrachtet man die ekklesiologischen NT-Stellen, fällt auf: „Die Gemeinschaft derer, die Jesus Christus als den Herrn bekennen, ist in den neutestamentlichen Schriften mit vielen Begriffen, Metaphern und Gleichnissen bezeichnet“3. So kann die Gemeinde mit Begriffen des alten Bundes bezeichnet, die nur implizit benannt werden.4 IFestzuhalten ist: „Die urchristliche Gemeinde fand vor allem in dem Begriff [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] zu ihrem Selbstverständnis … Von daher verstand sich die christliche Gemeinde als Volksversammlung [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]5 Mit dieser christologischen Begründung der Gemeinde wurde die der [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]6 verbunden. Christus ruft die Seinen aus der Welt und sammelt die Volksversammlung in Christus.7 Das Herausgerufensein hat den Zweck der Heiligung, Gemeinschaft und Aussendung in die Welt, um dort zu dienen.8 So bezeichnet Jesus die Gemeinde als seine Gemeinde (Mt 16,18), was sich im Leib- Bild des Paulus widerspiegelt.9 Insofern konnte sich die Gemeinde als heilsgeschichtliche Tat Gottes verstehen, als Träger von sich erfüllenden Verheißungen (Apg 2,17-36).10 Zum Leben der Gemeinde gehörten Abendmahl, Taufe, Gebet, Predigt, Gesang und regelmäßiger Gottesdienst. Diakonische Betätigung wohl ebenfalls.11 Die Treffen der Gemeinde haben in Hausgemeinden, sowie als ganze Gemeinde stattgefunden.12 Paulus gibt jeder Hausgemeinde das Recht ekklhsia zu sein, weil sie im Abendmahl am Leib Christi teilhat - gleichzeitig bindet er sie an die eine koinonia des Leibes Christi, so dass alle in Christus miteinander verbunden sind.13 Für all dies spielt der Heilige Geist die gewichtigste Rolle.14 Die Leitung der Gemeinde durch Älteste scheint in apostolischer Zeit üblich gewesen zu sein; ebenso wie das Aufkommen der Entwicklung zur Hauptführung durch den Bischof. Solange die Apostel lebten hatten sie als Augenzeugen Christi ein Primat.15 Sicher wird es in den einzelnen Gemeinden vielerlei Unterschiede gegeben haben - „Alle christl G.n aber beruhen auf dem einen Bekenntnis zu Jesus als dem kurios, dem >>Herrn<<, bezeugen die Hoffnung der *Wiederkunft Jesu Christi und lebten als Dienstgemeinschaft für das in Christus dereinst vollendete Reich Gottes“16.

2.2 Theologiegeschichtlicher Befund

Die Entwicklung zur verfassten Kirche mit bischöflichem Leiter, auf dem sich immer mehr Macht zentrierte, wurde lange als natürlich angesehen.17 Im 11. Jh. rief die Verweltlichung des Klerus mönchischen Widerstand hervor, was „zur Bildung von Reformgemeinden führte, denen es um die Verwirklichung wahrer Frömmigkeit ging“18. Hier wird erstmals in größerem Maße eine Diskrepanz zwischen verfasster Kirche und im NT gezeigter Frömmigkeit empfunden. Man richtete sich gegen Systemmissstände, die auszumerzen waren, um echte Frömmigkeit wieder zu ermöglichen.19 Erst wieder mit der Reformation (und den vorreformatorischen Bewegungen) bricht die Frage deutlich auf. Für die Reformatoren passt die verfasste Kirche nicht mehr zu dem, was ihnen das NT über Gemeinde zeigt - genau so soll die Kirche wieder werden.20 Letztlich entstehen daraus aber ebenfalls verfasste Kirchen.21 Rudolph Sohm beschreibt 1892 „die Ekklesia ähnlich wie Brunner“22. Er sieht das Kirchenrecht als unvereinbar mit der Gemeinde Jesu, welche er als unsichtbar qualifiziert.23 In Deutschland kam die Frage im, bzw. nach dem Dritten Reich wieder auf, wie Kircheninstitution und Gemeinde Jesus Christi zusammen gehören.24 Insgesamt ist m.E. der Pietismus mit seinen Conventikeln, die Evangelische Allianz mit ihrem Ziel, Gemeinde Jesu über Institutionsgrenzen hinweg zusammen zu führen und die Gemeindeaufbautheologie von Schwarz/ Schwarz besonders hervorzuheben.25 Insgesamt fällt auf, dass in der Kirchen- und Theologiegeschichte das Thema des Verhältnisses von Institution und Gemeinde Jesu kaum behandelt wurde. Die Identifikation beider galt und gilt weithin als Konsens.26 Selbst da, wo Ekklesiologie behandelt wird, kommt die Leitfrage dieser Arbeit, d.h. Brunners Ansatz, oft nicht vor.27

2.3 Grundsätzliche Positionen

Emil Brunner: Für Brunner ist das grundlegende biblische Prinzip „personale Korrespondenz“28, d.h. Gott ist „der Gott-zum-Menschen-hin, und so ist der Mensch der Mensch-von-Gott-her.“29 Innerhalb dieser Kategorien ist Brunners Ekklesiologie zu denken, die besondere Wichtigkeit hat: „Die Frage nach dem Wesen der Kirche ist die Entscheidungsfrage für die Theologie … Im Verständnis der Kirche kommt das Verständnis des Glaubens am untrüglichsten zum Vorschein“30. Unter der Leitfrage „Wie verhält sich die Gemeinde Jesu Christi zur Institution Kirche?“ legt Brunner seine Ekklesiologie dar. Dabei stellt er dar, dass das Ungeklärtsein dieser Frage das Problem der Kirche ist. Irrigerweise wird die Gemeinde Jesu Christi mit der Institution Kirche identifiziert - genau dies aber ist nicht zulässig. „Die Ekklesia des Neuen Testaments, die Christusgemeinde, ist gerade das nicht, was jede „Kirche“ mindestens auch ist, eine Institution, ein Etwas. Die Christusgemeinde ist nichts anderes als eine Gemeinschaft von Personen.“31 Diese Gemeinschaft zeigt das Bild vom Leib, in dem die Gläubigen miteinander verbunden sind dadurch, dass sie an Christus durch den Heiligen Geist Anteil haben. „Ekklesiologie ist Christologie“32 Gott- und Menschenverbundenheit sind „Korrelate, das heißt, es kann eins nicht ohne das andere sein.“33 - darin ist die Ekklesia analogielos, d.h., ein heilsgeschichtliches Wunder. Die dogmatische Klärung gipfelt: „Weil aber die Gemeinde nichts anderes ist als … Volk-Gottes-im-Geist, ist sie in keinem Sinne eine Institution, sondern der lebendige Leib des lebendigen Hauptes.“34 Brunner hält in der Prüfung am biblischen Befund fest, dass es verschiedene ekklesiologische Auffassungen im NT gibt,35 was ihn schlussfolgern lässt, dass „mit bloßen Schriftbeweisen hier nichts entschieden werden kann, sondern die Besinnung auf sie Sache selbst, auf die Heilstatsache in Christus notwendig ist, um die eigentliche, wahre neutestamentliche Auffassung zu finden.“36. D.h., die dogmatische Klärung muss das rechte Ergebnis bringen.37 Die Geistleitung der Ekklesia ist ein wichtiges Faktum, die ein Doppeltes leistet: Sie verbindet Menschen miteinander in der Anteilhabe an Christus zu wahrer Bruderschaft und gewährleistet die innere Ordnung.38 „Es ist aber das Geheimnis der Ekklesia als Gemeinschaft des Geistes, daß sie gegliederte Ordnung ist, ohne rechtlich organisiert zu sein“39 Gerade weil die Ekklesia im Geist bewusst in der angebrochenen Endzeit lebt, lebt sie in eschatologischer Erwartung ihrer Vollendung. „Im Geist sein und in dieser Erwartung sein ist eins und dasselbe.“40 Dies spiegelt sich im gottesdienstlichen Leben wieder. Die Zusammenkünfte waren nicht bloß ein Zusammenkommen, „sondern sie waren darauf angelegt, aus dem bloßen Zusammen ein Mit-einadersein und Mit-einandertun zu machen. Sie waren ein gemeinschaftliches Tun und ein gegenseitiges von einander Nehmen und einander Geben“41 zur Auferbauung des Leibes.42 Die gottesdienstliche Versammlung ist dabei nur ein Teil der Ekklesia; der Gottesdienst (und damit die Ekklesia) umfasste vielmehr das ganze Leben, was einer Aufhebung der Trennung von Heiligem und Profanem gleich kam.43 Die Ekklesia des NT ist nach Brunner also „in Wort und Geist begründete „mystische“ Bruderschaft, … Leib Christi, dessen Haupt allein Christus ist, dessen Glieder darum gleichen Ranges sind … Volk von priesterlichen Brüdern“44. Sie ist damit nie Mittel zum Zweck, nichts Institutionelles, sondern selbst Offenbarungs- und Heilswirklichkeit. Dies drückt sich aus in gelebter Agape, die Ekklesia zu einem Ort macht, wo Geliebte sich untereinander lieben und Liebe an die Welt weitergeben.45 Die institutionale Kirchwerdung setzt beim Abendmahl ein. Aus dem Mahl als aufbauendem Gemeinschaftsakt wurde durch Bedeutungsverschiebung „das Heilsgut selbst, das, was die Gemeinde konstituiert“46. Das Materielle in der Mahlfeier, das Wort und Geist visuell unterstreichen sollte, wird das Eigentliche, eine heilige Sache. Hier startet die Verkirchlichung.

[...]


1 Brunner, Missverständnis, 7.

2 Die beiden Primärquellen sind damit als Brunner, Missverständnis der Kirche und Karl Barth, KD IV/2, 770-776 benannt.

3 Schlink, Dogmatik, 554.

4 Vgl. z.B. die Begriffe Volk Gottes, Versammlung, Bau, Herde etc. für Begriffsübernahmen aus dem alten Bund und etwa die die paulinische Formel „in Christus“, die oft als ekklesiologische Formel gebraucht ist.

5 Möller, Gemeinde I, 317-318. In Anlehnung an das atl. Verständnis des Gottesvolkes (qahal).

6 Basielia tou qeou aus der Sicht Gottes - ekklhsia aus der Sicht der Christen.

7 Vgl. Apg 2,40/ Rm 8,30/ 2Kor 6,17/ Gal 1,4/ Eph 1,10/ 2Thess 2,14.

8 Vgl. Joh 15,16/ Joh 17,19/ Rm 12,4-8/ Kol 3,12.

9 Vgl. 1Kor 12,12/ Eph 5,30/ Kol 1,18.

10 Dies gibt der Gemeinde zusammen mit dem bisher Gesagten auch eine eschatologische Perspektive.

11 Vgl. Apg 2,42-47/ 1Kor 11-14/ Kol 4,16/ 1Thess 5,27.

12 Vgl. Apg 2,46/ Apg 20,8/ 1Kor 14,23.

13 Vgl. Möller, Gemeinde I, 318.

14 Vgl. etwa die Darstellung des Lukas zur Ausbreitung der Gemeinde in der Apg, oder 1Kor 12,13.

15 Vgl. Apg 8,14/ Apg 15/ Apg 20,28/ Rm 12,8/ 1Thess 5,12/ 1Tim 5,17/ 1Petr 5,5/ Jak 5,14/ Apk 4,4

16 Haaker, Gemeinde, 668.

17 Vgl. Brunner, Missverständnis, 93.

18 Möller, Gemeinde I, 320.

19 Vor allem gegen die Simonie und den Nikolaitismus, vgl. Sierszyn. Kirchengeschichte, 2, 119-122.

20 Brunner, Missverständnis, 95-96.

21 Vgl. Sierszyn, Kirchengeschichte 3, 35-76 + Litte: Schmalkaldische Artikel.

22 Schirrmacher, Beiträge, 111.

23 Vgl. Barth KD IV/2, 774.

24 Vgl. Sierszyn, Kirchengeschichte 4, 367-384 + Brunner, Zeitliche Ordnung.

25 Vgl. Sierszyn, Kirchengeschichte 4, 60-64 ; http://www.lausannerbewegung.de/index.php?p=12; Schwarz, Theologie, 27-52. Auch wenn die theologische Durchdringung zumindest bei den beiden Erstgenannten in dieser Frage ausbaufähig ist.

26 So z.B. bis heute in der Ostkirche und der röm.-kath. Kirche (Vgl. Brunner, Missverständnis, 93-95 + Katholischer Katechismus 1993) Ebenfalls bei Schlink (Vgl. Schlink, Dogmatik, 554-561) und Thimme (Thimme, Ordnung, 40-43).

27 Vgl. Schirrmacher, Beiträge, 125-126.

28 Brunner, Wahrheit, 102.

29 Brunner, Wahrheit 102, vgl. auch Schirmmacher, Beiträge, 105-107. Daraus ergibt sich: „Die Wahrheit als Begegnung ist nicht Wahrheit von Etwas … Sie ist vielmehr diejenige Wahrheit, die den neutrischen Begriff von Wahrheit und Geist sprengt, die nur in der Ich-Du-Gestalt ihren angemessenen Ausdruck hat“ (Brunner, Wahrheit, 28-29).

30 Brunner, Gebot, 508.

31 Brunner, Missverständnis, 12. Brunner nutzt den griechischen Begriff ekklhsia als „neues“ Wort Ekklesia im Gegensatz zu Institution.

32 Brunner, Dogmatik, 50. Vgl. auch Brunner, Missverständnis, 14.

33 Brunner Missverständnis, 15.

34 A.a.O., 26.

35 (1) palästinensich-jerusalemische Auffassung, die viel Wert auf die Apostelautorität legt, (2) die johanneische Auffassung, die Apostel kaum berücksichtigt und (3) die paulinische Auffassung, die sich in der Mitte bewegt. Vgl. A.a.O., 30-32.

36 A.a.O., 32.

37 Aufgrund Paulus Überzeugung der anderen Apostel beim Apostelkonzil, die zeigt, dass „das Wort und der Geist … über das beginnende Kirchenrecht gesiegt“ (A.a.O., 31) haben, nimmt Brunner an, dass Paulus ekklesiologisches Verständnis das Richtige ist. Die weiteren Gedanken zur Ekklesia stehen auf dieser Grundlage.

38 So teilt der Geist z.B. den Einzelnen Dienste zu.

39 Brunner, Missverständnis, 51.

40 A.a.O., 57.

41 A.a.O., 60.

42 Taufe und Abendmahl dienen eben diesem Zweck. Sie gliedern in die Gemeinde ein und bauen sie auf - „In Taufe und Abendmahl vollzieht die Gemeinde ihre Gemeindewerdung“ (A.a.O., 71).

43 Vgl. Brunner, Missverständnis, 59+62+126. Gerade dies zeigt sich nach Brunner Ansicht besonders am Abendmahl, weshalb dieses den größten Unterschied zum Alten Bund darstellt.

44 A.a.O., 82.

45 Brunner, Dogmatik, 50.

46 Brunner, Missverständnis, 85. Eben dies startet für Brunner schon zur Zeit des NT (Brunner, Dogmatik, 86-89). Ansonsten wird die problematische Entwicklung, wenn sie als solche gesehen wird, oft mit der Staatskirchenwerdung angesetzt. Vgl. Stuhlmacher, Kirche, 301-302.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668258839
ISBN (Buch)
9783668258846
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336174
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule TABOR, Marburg
Note
Schlagworte
beziehung kirche institution glaubenssinn emil brunners konzept karl barths kritik diskussion

Autor

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Titel: Die Beziehung zwischen Kirche als Institution und Kirche im Glaubenssinn. Emil Brunners ekklesiologisches Konzept und Karl Barths Kritik in der Diskussion