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Der Lindenbaum von Wilhelm Müller und seine Bedeutung im Zyklus 'Die Winterreise'

Eine lyrische Wanderung durch den Prozess der Selbstfindung

Seminararbeit 2004 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. WILHELM MÜLLER: DER POET UND SEINE EPOCHE
2.1 Kurzbiographie
2.2 Romantik und Natur

3. „DIE WINTERREISE“ – WANDERUNG ZUM EIGENEN ICH
3.1 Entstehungsgeschichte und Grundthematik
3.2 Der Zyklus als sinnstiftendes Element
3.2.1 Formale Struktur
3.2.2 Themen und Motive

4. „DER LINDENBAUM“ UND DIE VERGÄNGLICHKEIT DES SEINS
4.1 Symbolik des Lindenbaums
4.2 Das Lindenbaum-Gedicht
4.2.1 Inhalt und äußere Form
4.2.2 Die Wahl der Motive

5. PROBLEMATIK DER GEDICHTANALYSE
5.1 Bisherige Deutungsansätze
5.2 Eigene Interpretationsvorschläge

6. SCHLUSSBEMERKUNG

7. BIBLIOGRAPHIE

1. EINLEITUNG

Es ist das Schicksal vieler Künstler, dass ihre Werke nicht den Ruhm ernten, den sie verdient haben. Vielen wird erst die gebührende Achtung zuteil, wenn der Künstler selbst bereits verstorben ist; andere wiederum kommen – trotz ihrer zweifelllosen Meisterhaftigkeit – nie in den Genuss einer derartigen Anerkennung. Einem dieser Künstler möchte ich diese Hausarbeit widmen: Wilhelm Müller. Sein komplexes Werk „Die Winterreise“[1] stellt dabei die thematische und motivische Grundlage für die genaue Untersuchung des darin enthaltenen Gedichts „Der Lindenbaum“[2] dar. Meine Analysen zielen darauf ab, nicht nur bereits gewonnene Erkenntnisse über den Winterreise-Zyklus zusammenzutragen, sondern neue Deutungsansätze zu finden. Besonderes Augenmerk möchte ich darauf legen, unter welchen Aspekten das Lindenbaumgedicht zu seiner Entstehungszeit in der Romantik – und heute im 21. Jahrhundert – zu betrachten ist. Ziel dieser Arbeit soll es sein, dem modernen Leser und seinem Verständnis von Lyrik, dieses Werk aus dem 18. Jahrhundert zugänglich zu machen.

2. WILHELM MÜLLER: DER POET UND SEINE EPOCHE

2.1 Kurzbiographie

Da es viele Stationen im Leben Müllers gibt, die nur wenig Bedeutung für „Die Winterreise“ haben, beschränke ich mich auf eine überschaubare Anzahl von Lebensdaten, die ich als die wichtigsten empfinde. Neben dem Werk von Verena Leistner[3], findet sich eine ausführliche Biographie Müllers mit Auflistung des Gesamtwerks in seinem literarischen Nachruf zum 200. Geburtstag[4].

Johann Ludwig Wilhelm Müller kam am 7. Oktober 1794 in Dessau als siebtes Kind in einem protestantischen Elternhaus zur Welt. Zur Vorbereitung auf die Universität besuchte er die Dessauer Hauptschule, bevor er 1812 nach Berlin ging um dort sein Studium in klassischer Philologie und Germanistik anzutreten. Bereits im Februar 1813 unterbrach er jedoch sein Studium, um am Befreiungskrieg gegen Napoleon mitzuwirken. Ein Jahr später wurde er zum Leutnant ernannt und führte seinen Dienst in Brüssel weiter.

1815 kehrte er nach Berlin zurück um sein Studium fortzusetzen. Zwischen 1816 und 1818 erschienen seine ersten Gedichte, außerdem wurde er Mitglied in der „Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache“. 1817 und 1818 unternahm Müller ausgedehnte Reisen nach Italien und Griechenland, die ihm Inspirationen für weitere Schriften lieferten. 1819 wurde Müller sesshafter: Er trat eine Hilfslehrerstelle in Dessau an, arbeitete gleichzeitig an der Errichtung der Herzoglichen Bibliothek und gab 1820 eine eigene Zeitschrift heraus. Am 21. Mai 1821 heiratete er Adelheid Basedow, mit der er in den darauffolgenden Jahren zwei Kinder bekam. Ansonsten war sein Alltag durch einen immensen schriftstellerischen Schöpfungsdrang bestimmt. Der Zyklus „Die Winterreise“ ist nur eines von vielen Werken, die in den letzten acht Jahren seines Lebens erschienen. Am 30. September 1827 verstarb Wilhelm Müller in seiner Dessauer Heimatstadt.

2.2 Romantik und Natur

Wenngleich Müller eine individuelle Persönlichkeit darstellte, war sein Leben geprägt durch das soziales Umfeld und durch die gesellschaftlichen und kulturellen Normen, die sein Zeitalter bestimmten. Zwar gibt es Aspekte in Müllers Biographie, die sich auf den ersten Blick kaum in seiner schriftstellerischen Tätigkeit abzeichnen, wie z.B. sein politisches Engagement. Gerade in seinem Wesen als Künstler lässt sich jedoch ein „roter Faden“ ausmachen, der sowohl Teile seines persönlichen Lebens wie auch seines künstlerischen Daseins einnimmt. Deshalb ist es mir an dieser Stelle meiner Arbeit wichtig, charakteristische Aspekte des romantischen Denkens auszumachen, die kennzeichnend für Müllers literarisches Schaffen sind und sich stellenweise in seinen Werken widerspiegeln.

Die romantische Bewegung in Europa erstreckt sich von 1790 bis 1830, wobei die literarische Romantik mit ihren Hauptvertretern (z.B. August Wilhelm Schlegel.) erst um 1793 einsetzte.[5] Es ist unmöglich, eine allgemeingültige Aussage über den romantischen Gedanken zu treffen, der allen Vertretern dieser Bewegung gerecht werden könnte. Dennoch möchte ich einige wichtige und zentrale Themengebiete der Romantik zusammenzufassen. Neben dem Märchen und dem Mythos galt die Poesie als bevorzugtes Ausdrucksmittel der romantischen Literatur. Komplexe seelische Vorgänge im Leben des Menschen waren häufige poetische Themen. Diese jedoch wurden vom Dichter künstlerisch verschlüsselt und so benötigte der Leser die passende Leseweise bzw. ein hermeneutisches Vorverständnis, um das Niedergeschriebene wieder zu entschlüsseln.[6] Aspekte des Wanderns oder ausführliche Naturschilderungen stellten beliebte Inhalte der romantischen Poesie dar.

So auch bei Wilhelm Müller, der nicht nur selbst gerne auf Reisen war, sondern für seine lyrischen Werken meist den Handlungsort der freien Natur wählte. In der romantischen Literatur wurde die Natur verherrlicht, während man zeitgleich mit der industriellen Ausbeutung derselben begann und die Natur durch künstlich angelegte Parkanlagen zähmte. Trotz der Vorliebe für die Naturschilderung ging es der romantischen Poesie nicht um deren Naturnachahmung, vielmehr versuchte sie sich an der „Erzeugung einer eigenen Wirklichkeit“[7]. Diesem Riss zwischen dem künstlerischen Subjekt und der realen Welt versuchten viele Dichter mittels ihrer Poesie Herr zu werden. Bei Müller äußert sich dieser Versuch in der „Winterreise“ und ihrem „spezifischen Verhältnis zur Natur“[8].

3. „DIE WINTERREISE“ – WANDERUNG ZUM EIGENEN ICH

3.1 Entstehungsgeschichte und Grundthematik

Der Zyklus „Die Winterreise“ besteht aus 24 Einzelgedichten, die etappenweise von Müller geschrieben und veröffentlicht wurden. Die ersten zwölf Gedichte der „Winterreise“ erschienen bereits in „Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1823“, zehn weitere wurden im März 1823 in den „Deutschen Blättern für Poesie, Litteratur, Kunst und Theater“ abgedruckt.[9] Im zweiten Band der Müllerschen „Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Walhornisten“ von 1824 war der vollständigen Zyklus mitsamt den nachträglich eingefügten Gedichten „Die Post“ und „Täuschung“ enthalten. Interessant an der endgültigen Fassung der „Winterreise“ ist die Gedichtfolge, die Müller vor der Veröffentlichung in der „Urania“ veränderte. Die Reihenfolge der Gedichte ist nach Günther Baum unabdingbar für die Aufrecherhaltung des zyklischen Systems und für das Verstehen der Winterreise-Thematik im Allgemeinen,[10] was ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit genauer erläutern werde.

Insgesamt lässt sich die Thematik der „Winterreise“ als „düster“ und „schauerlich“ bezeichnen.[11] Das lyrische Ich wird von einem Wanderer vertreten, der alleine durch eine Winterlandschaft reist. Anlass für die Wanderschaft bietet ihm eine enttäuschte Liebeserfahrung, was man aus dem ersten Gedicht „Gute Nacht“ herauslesen kann. Diese nicht erwiderte Liebe verliert im Laufe des Zyklus immer mehr an Bedeutung und wird schließlich abgelöst durch eine Reihe wiederkehrender Motive und psychischer Entwicklungsstufen, die der Wanderer auf seiner Reise zu durchleben hat.

3.2 Der Zyklus als sinnstiftendes Element

3.2.1 Formale Struktur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die 24 Gedichte des Zyklus verfügen entweder über ein jambisches (xx) oder trochäisches (xx) Versmaß. Meist verwendet der Dichter den Kreuzreim abab, nur selten bedient er sich des Schemas abcb oder des Paarreims. Müller gebraucht kaum alte Verbformen (wie etwa nachgestellte Adjektive), was in der romantischen Poesie ansonsten durchaus üblich war. Bis auf die Gedichte „Gute Nacht“, „Die Post“, „Im Dorfe“, „Täuschung“ und „Die Nebensonnen“ stehen alle Gedichte in einer vierzeiligen Strophenform, also der typischen Volksliedstrophe. Einerseits hielt der Dichter der „Winterreise“ noch an älteren Formen fest (z.B. Volkslied), befand sich sprachlich jedoch bereits auf dem Weg zu einem moderneren poetischen Verständnis. Die Musikalität seiner Werke führte dazu, dass viele Gedichte von verschiedenen Komponisten vertont wurden. Auch Schubert entdeckte das Potential der Müllerschen Poesie für sich und vertonte u.a. „Die Winterreise“. Müller hat Schuberts Komposition jedoch nie kennen gelernt, da sie erst nach seinem Tod fertig gestellt wurde. Die äußere Form der Winterreise-Gedichte lässt sich zusammenfassend mit „volksliedhafte(r) Simplizität“[12] beschreiben; inhaltlich findet sich jedoch ein komplexes motivisches Netzwerk. Alan P. Cottrell hat zudem festgestellt, dass das formale Prinzip dem eines Kreises gleicht.[13] Diesen Aspekt möchte ich im Folgenden genauer untersuchen.

3.2.2 Themen und Motive

Wie bereits in 3.1 angedeutet, wird die Thematik der enttäuschten Liebe in „Die Winterreise“ durch das Motiv des Wanderns abgelöst und bleibt als kontinuierliche Handlung des Wanderers bis zum Ende der „Winterreise“ bestehen. Die Wanderung ist jedoch nicht das einzige Motiv des Zyklus. Der gesamte Zyklus beruht auf Gegensätzen, wie Ruhe und Bewegung, Rückblick und Flucht, Stillstand und Aufbruch. Natürlich lassen sich diese Gegensätze auf das große Wanderschaftsmotiv zurückbeziehen. Sie werden jedoch in den einzelnen Gedichten in ihrer Intensität unterschiedlich gebraucht und sind auch nicht gleichzeitig in jedem Gedicht vertreten. Müllers Gedichte lassen sich zu Vierergruppen zusammenfassen, wobei das erste Gedichte jeder Gruppe eine Form der Neuerung bzw. eines aufkeimenden Hoffnungsschimmers für den Wanderer darstellt.[14] Die Gedichte „Der Lindenbaum“, „Rückblick“, „Im Dorfe“, „Das Wirtshaus“ und „Frühlingstraum“ leiten jeweils eine dieser Gruppen ein. Sie stehen somit thematisch wie inhaltlich für eine Phase des Umbruchs und bilden die psychische Grundlage des Wanderers für die folgenden Gedichte der Gruppe.

Außer dem Prinzip der Gruppierung treten wiederkehrende Motive auf, die lineare Handlungsabläufe erkennbar machen. Sie lassen sich wie folgt unterteilen:[15] Wanderschaft (s.o.), Wasser und Wind sind allesamt Motive der Bewegung. Zum körperlich-seelischen Bereich gehören Motive der Augen/des Sehens, der Tränen und des Herzens. Die Motive Täuschung, Desillusion oder Todessehnsucht bilden eine Kette von wiederkehrenden Grunderfahrungen, denen sich das lyrische Ich im Zyklus der Wanderschaft zu stellen hat. Die Motivstränge, die sich durch diese Einteilung bilden lassen, sind in die gesamte „Winterreise“ eingeflochten und somit an ihrer zyklischen Form maßgeblich beteiligt.

[...]


[1] Hatfield, James Taft (Hg): Gedichte von Wilhelm Müller. Vollständige kritische Ausgabe, in: Deutsche Literaturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, No. 137/Dritte Folge No. 17, Berlin: Behrens Verlag, 1906.

[2] Ebenda, S. 113/114.

[3] Leistner, Maria-Verena (Hg): Wilhelm Müller. Werke, Tagebücher, Briefe. Mit einer Einleitung von Bernd Leistner, Gedichte 1/Band 1, Berlin: Gatza Verlag, 1994.

[4] Michels, Norbert (Hg): Wilhelm Müller, eine Lebensreise. Zum 200. Geburtstag des Dichters. Mit Beiträgen von Gerd Brüne u.a., Weimar: Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, 1994.

[5] Meyers Taschenlexikon in 10 Bänden. Meyers Lexikonredaktion (Hg), Band 8, Augsburg: Weltbildverlag GmbH, 1999, S. 2888.

[6] Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Ansgar Nünning (Hg), 2. überarbeitete und erweiterte Auf., Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Poeschel Verlag, 2001, S. 563.

[7] Metzler-Lexikon, a.a.O., S. 563.

[8] Michels, eine Lebensreise, a.a.O., S. 59.

[9] Leistner, Wilhelm Müller, a.a.O., S. 303.

[10] Zit. in Wittkop, Christiane: Polyphonie und Kohärenz. Wilhelm Müllers Gedichtzyklus „Die Winterreise“, Stuttgart: M&P Verlag für Wissenschaft und Forschung, 1994, S. 29.

[11] Michels, eine Lebensreise, a.a.O., S. 63.

[12] Ebenda.

[13] Cottrell, Alan P.: Wilhelm Müller`s Lyrical Song-Cycles. Interpretations and Texts, Chapel Hill: The University Of North Carolina Press, 1970, S.35-68.

[14] Michels, eine Lebensreise, a.a.O., S. 101.

[15] Vgl. Wittkop, Polyphonie und Kohärenz, a.a.O., S. 52.

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638340496
ISBN (Buch)
9783638842860
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33614
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2
Schlagworte
Lindenbaum Wilhelm Müller Bedeutung Zyklus Winterreise Gedichte Baum Wald

Autor

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