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Der Einfluss des Naturrechts und des Nationalsozialismus auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 37 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Worte

2. Theoretische und philosophische Grundlagen der Menschenrechte
2.1. Menschenrechte als Naturrecht
2.2. Menschenrechte als soziale Konstruktion

3. Unrechtserfahrungen als Ursprung der Menschenrechte
3.1. Exkurs: Der Nationalsozialismus
3.1.1. Das Menschenbild des Nationalsozialismus
3.1.2. Menschen- und Bürgerrechte im Nationalsozialismus
3.2. Die Entstehungsgeschichte der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
3.3. Der Einfluss der NS-Zeit auf die Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

4. Fazit: Erfahrungen von Leid - Der Ursprung der Menschenrechte?

5. Literaturverzeichnis

6. Abstract/ Zusammenfassung

1. Einleitende Worte

Haben Menschenrechte einen Ursprung? Lässt sich diese Frage überhaupt mit deren grundsätzlichen Ideen vereinbaren? Menschenrechte werden als angeboren und unverlierbar beschrieben, sie gelten als vorstaatlich, egalitär, moralisch, universell, unteilbar und individuell (Fritzsche 2009: 16). All diese Eigenschaften lassen den Schluss zu, dass Menschenrechte weder eine Geschichte noch einen Ursprung haben, dass sie für jeden gleich gelten und schon immer gegolten haben. Aber ist das wirklich so? Haben die Menschenrechte tatsächlich keine Historie?

Anders als sich anhand der Charakteristika vermuten lassen würde, hat die Idee menschlicher Rechte mehrere Geschichten und unterschiedliche Ursprünge. Sie umfassen eine Zeitspanne vom antiken Griechenland bis ins späte 20. Jahrhundert und werden verschieden begründet und erklärt. Diesen sogenannten „Genealogien der Menschenrechte“ gehen schon Generationen von Philosophen, Rechtswissenschaftler und Historiker nach und sie sind auch heute noch heftigst umstritten.

Eine dieser Genealogien ist das Naturrecht, das durch Philosophen wie Hugo Grotius oder John Locke geprägt wurde. Dieses lässt sich mit den oben genannten Eigenschaften der Menschenrechte leicht vereinbaren: „Natural rights are moral rights“ (Mäkinen 2015: 67). Aber gibt es tatsächlich Rechte, die wir nur haben, weil wir Menschen sind? Oder ist es nicht eher so, wie Jeremy Bentham bereits 1843 gesagt hat: „Natural rights is simple nonsense; natural and imprescriptible rights, rhetorical nonsense, - nonsense upon stilts“ (zit. nach Bedau 2000: 263)?

Einen anderen, fast schon entgegengesetzten Ursprung sehen die Vertreter der sozialen Konstruktion von Menschenrechten. Sie verfolgen die Ansicht, dass Menschen nicht al- leine durch ihre Gattung und die Natur Rechte haben, sondern diese erst durch Unter- drückungs- und Leiderfahrungen entstehen. Ein Individuum kommt hiernach also nicht durch das Menschsein zu seinen Rechten, sondern bekommt diese erst von Menschen durch und mit der Geschichte verliehen. Erst durch die Missachtung von Menschenrech- ten können diese entstehen und sich entwickeln: „Am Anfang der Entwicklung von Men- schenrechten stehen Mord und Folter, Sklaverei und Knechtschaft, also die noch nicht begrenzten Möglichkeiten, Menschen zu erniedrigen und zu unterdrücken“ (Fritzsche 2009: 24). Kann das aber sein? Wie ist es möglich, dass Menschenrechte erst nach deren Verletzung deklariert werden können?

Ziel dieser Arbeit soll es neben der Beantwortung dieser Fragen sein, die These zu be- leuchten, dass, obwohl sich die menschenrechtlichen Ursprünge bis tief in die antike Ge- schichte verfolgen lassen, sie hauptsächlich durch die Erfahrungen des Nationalsozialis- mus begründet werden können (Winston 2007: 288). Es soll daher gezeigt werden, dass Menschenrechte eben nicht „vorstaatlich“, „selbstverständlich“ oder „natürlich“ sind. Vor allem in den großen Revolutionen Amerikas und Frankreichs zeigte sich, dass erst durch die Rebellion zahlreicher Verletzter menschliche Rechte deklariert worden sind. Besonderer Blick wird jedoch auf die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948 und den Holocaust gelegt: Erst durch die Men- schenrechtsverletzungen des Nationalsozialismus konnten unsere heutigen Menschen- rechte entstehen.

Die Forschungsfrage, die daran anschließend beantwortet werden soll, ist folgende:

Inwieweit ist die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 auf das Naturrecht und die Unterdrückungserfahrungen des Nationalsozialismus zurückzuführen? Die politische, wissenschaftliche und zeitgenössische Relevanz dieser Fragestellung ergibt sich einerseits aus unserem heutigen Menschenrechtsverständnis und dem gegenwärtigen Kampf um sie: Unsere gegenwärtigen Menschenrechte der Vereinten Nationen unterscheiden sich nahezu fundamental von denen der naturrechtlichen Philosophen. Dass weltweit Völker und Menschenrechtsorganisationen für die die Rechte der Unterdrückten eintreten müssen, um diese durchzusetzen, zeigt zudem, dass sich Menschenrechte scheinbar nicht naturgegeben begründen lassen.

Die Beantwortung der Forschungsfrage wird insbesondere anhand prägnanten Sekundär- literaturen wie „The Universal Declaration of Human Rights: Orgins, Draftin, and Intent“ von Johannes Morsink (1999) oder dem Artikel „Human Rights as Moral Rebellion and Social Construction“ von Morton Winston (2007) erarbeitet werden. Für die Untersu- chung des nationalsozialistischen Menschenbildes und deren Menschenrechtsverletzun- gen wird zudem die damalige Primärliteratur hauptsächliche Grundlage sein. Aber auch Autoren wie Charles R. Beitz, Eike Wolgast und Jim Ife werden für die Bearbeitung der Forschungsfrage eine wichtige Rolle spielen. Dies kann dadurch erklärt werden, dass die drei Wissenschaftler einen guten Überblick über die verschiedenen Ursprünge der Men- schenrechte geben und insbesondere auf die Unterschiede zwischen Naturrecht und so- zialer Konstruktion eingehen. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich somit um eine qualitative Studie.

Sie beginnt damit, sowohl das Naturrecht (2.1.) als auch die Idee der soziale Konstruktion (2.2.) von Menschenrechten theoretisch zu definieren. Das Menschenbild des Nationalsozialismus (3.1.1.) sowie dessen Unrechtserfahrungen (3.1.2.) werden skizziert, bevor schließlich die Entstehungsgeschichte der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (3.3.) genauer betrachtet wird. Danach wird besonders auf deren Aufbau und die Einflussnahme der Erfahrungen des Nationalsozialismus auf diese eingegangen (3.3.), bevor ein Fazit (4.) den Abschluss dieser Arbeit bildet.

Menschenrechte werden in dieser Arbeit verstanden als „fundamentale Rechte, welche die Stellung der Individuen in polit[ischen] Gemeinwesen regeln sollen“ (Rieger 2010: 592). Sie sichern einen „durchsetzbaren Mindeststandard an individueller Freiheit sowie polit[ischer] und sozialer Gleichheit“ (ebd.) und können als Freiheitsrechte, politische Grundrechte sowie bürgerliche Gleichheitsrechte definiert werden (Löw 1986: 199). Die vorliegende Arbeit umfasst also den Menschenrechtskatalog der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 als Grundlage des Menschenrechtsverständnisses: Sie sind unteilbar, universell und unveräußerlich (Koenig 2005: 61-64).

2. Theoretische und philosophische Grundlagen der Menschenrechte

Das folgende Kapitel dient dazu, die theoretischen Grundzüge der unterschiedlichen Menschenrechtsgenealogien zu skizzieren und ihre jeweilige Begründung zu überprüfen. Zuerst wird auf das Natur- und Vernunftrecht eingegangen. Insbesondere soll anhand der Naturrechtslehren gezeigt werden, dass der Ursprung unserer heutigen Menschenrechte nicht durch diese Theorien erklärt werden kann. Nachfolgend wird die Idee der sozialen Konstruktion von Menschenrechten thematisiert. Diese Schritte sind für die Fragestel- lung insofern wichtig, als dass sie die verschiedenen Erklärungsansätze vergleichend dar- stellen und einführend in die Problematik der Fragestellung eingegangen werden kann.

2.1. Menschenrechte als Naturrecht

Die natur- und vernunftrechtliche Idee des Ursprungs der Menschenrechte geht davon aus, dass ein übergeordnetes, immerwährendes Recht existiert, das Menschen besitzen - „simply in virtue of their humanity“ (Beitz 2009: 49). Das Menschenrechtsverständnis des ius naturale erlebte seinen Durchbruch in den Werken der englischen Philosophen Thomas Hobbes und John Locke. Neben diesen waren es insbesondere der Niederländer Hugo Grotius, sowie der deutsche Philosoph Samuel von Pufendorf und der Franzose Jean-Jacques Rousseau, die der Idee der menschlichen und bürgerlichen Rechte in ihren Schriften große Bedeutung zusprachen.

Natürliche Rechte sind moralische Rechte (Mäkinen 2015: 67). Sie sind insofern „natürlich“, als dass sie auf dem individuellen menschlichen Subjekt gründen, durch die menschliche Natur aufkommen und unabhängig von jedem Gesetz oder Sitte der Menschen sind (ebd.). Das Naturrecht kann daher definiert werden als „those moral rights (a) that could be possessed by persons in a state of nature and (b) whose grounds (or justifications) are not merely conventional“ (Simmons 2015: 11).

Der Naturrechtslehre folgend sollen jedem Menschen weltweit die gleichen Rechte auf gleiche Weise zugesprochen werden (ebd.: 11-12). Diese Universalität wird insbesondere durch „die wesenshafte Gleichheit aller Menschen und der natürlichen Einheit des Menschengeschlechts“ (Ernst 1984: 243) begründet. Auch im „state of nature“ ist das ius naturale existent, d.h. es ist auch dann gegeben, wenn weder ein Staat noch eine sonstige (staatliche) Institution präsent sind (Beitz 2009: 52).

Freiheit und Gleichheit der Menschen sind im Naturrecht die zentralen Schlüsselbegriffe. Das naturrechtliche Menschenbild konzentriert sich dementsprechend insbesondere auf die eigenständigen Individuen: Jeder Mensch weltweit kann gleich, frei und selbstständig handeln. Die Gewährleistung und Realisierung ihrer individueller Rechte ist demnach das erstrebte Ziel (Wolgast 2009: 33). Dieses, sich von anderen Wesen abhebende Men- schenverständnis des Naturrechts kann auch erklären, inwiefern den angeborenen Men- schenrechten eine so besondere Stellung zugesprochen werden kann (Ife 2010: 73-74): Natürliche Rechte lassen sich aufgrund ihrer Allgegenwärtigkeit, Unveräußerlichkeit und Universalität deutlich von positiven, in Verfassungen festgeschriebenen Rechten unter- scheiden. Weltweit sind demnach alle Menschen dazu befugt, unabhängig ihrer Staatszu- gehörigkeit diese Rechte in Anspruch zu nehmen (Beitz 2009: 49). Ausgehend von der Annahme, dass das Naturrecht zudem jedem positivierten Recht übergeordnet ist, vertritt der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch die Ansicht, dass der Rechtssatz des Naturrechts, „stärker [ist] als jede rechtliche Setzung, sodass ein Gesetz, das ihnen widerspricht, der Geltung bar ist“ (1945: 79).

Heute wird das Naturrecht häufig als der (theoretische) Geburtsmoment der Menschen- rechte verstanden (Halme-Tuomisaari/ Slotte 2015: 5): Trotz der Tatsache, dass die Idee der Menschenrechte bereits im antiken Griechenland Eingang in den philosophischen Diskus genommen hat, kann sie als Vermächtnis des Naturrechts verstanden werden (Beitz 2009: 50). Insbesondere auf die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika (1776) und in der Französischen Deklaration der Menschen- und Bürger- rechte (1789) hat das Naturrecht als moralische Grundlage Einfluss in die staatliche Politik gefunden (Halme-Tuomisaari/ Slotte 2015: 5). Vor allem Rechte wie Leben, Frei- heit und Eigentum sowie die wirtschaftliche und politische Emanzipation wurden anhand natur- und vernunftrechtlicher Argumente eingefordert (Ernst 1984 :243).

Mit dem Begriff des ius naturale wird oftmals auch die Idee eines Schöpfers assoziiert (Ife 2010: 74, Morsink 1999: 272). Zwar lassen sich seit Entwicklung von „Naturgesetz“ zu „Natur- und Vernunftrecht“ auch andere Ursprünge für diese Rechte finden - insbe- sondere die Evidenz der Vernunft (Ernst 1984: 244): Erst durch den aufklärerischen Ge- danken, dass das menschliche Wesen befähigt ist, autonom zu denken und zu handeln, konnten die Menschenrechte des Naturrechts ihre volle Geltung erhalten -, aber auch zahlreichen naturrechtlichen Vertretern lag nichts ferner „als die Leugnung der religiösen Grundlage und Bedingtheit des Rechts“ (Bachof 2014: 6). Explizit wird in der Unabhän- gigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Jahr 1776 auf diesen Gedanken sowie auf die Universalität und die Selbstverständlichkeit der Rechte Rück- griff genommen: „We hold these truths to be self evident: that all men are created equal; that they are endowed by their Creator with certain unalienable rights; that amog these are life, liberty and the pursuit of happiness“ (Declaration of Independence, 1776). Auch die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 spricht aufgrund ihres Universalitätsbewusstseins von „natürlichen, unveräußerlichen und geheiligten Rechten“ (Déclaration des droits de l'homme et du citoyen, 1789): Nicht der Franzose, sondern jeder Bürger und jeder Mensch sollte mit der Deklaration angesprochen werden (Wolgast 2009: 62).

An diese Erkenntnisse schließt sich aber die Frage an, wie aus Sicht des Naturrechts er- klärt werden kann, dass sich menschliche Rechte entwickeln beziehungsweise wie solch eine Weiterentwicklung gerechtfertigt wird? Wenn wir „die Wahrheiten als selbstver- ständlich erachten“, warum wurden sie erst 1776 deklariert (Hunt 2015: 111)? Und vor allem: Wie können Menschenrechtsverletzungen erklärt werden, wenn die Gleichheit und Freiheit aller Menschen von Natur aus festgeschrieben ist?

Menschenrechte, die durch einen naturrechtlichen „top-down“-Ansatz gerechtfertigt werden, als angeboren gelten und im menschlichen Wesen begründet werden, können sich nicht den zeitlichen Umständen anpassen. Sie werden weder hinterfragt, noch lassen sich Argumente für ihre Entwicklung finden. Das Naturrecht zieht seine Kraft aber explizit aus seinem vorstaatlichen Anspruch. Eine mögliche Veränderung und Weiterentwicklung der Rechte käme einer Negierung des Naturrechts gleich. Die Entstehung der Rechte kann durch diese philosophische Begründung also vielmehr theoretisch und nicht praktisch, historisch und politisch erklärt werden.

In seinem Werk „The Last Utopia: Human Rights in History“ schreibt Samuel Moyn zu- dem, dass die Allgemeingültigkeit und Universalität des Naturrechts „does not bear some affinity to the contemporary forms of cosmopolitanism“ (2010: 20). Das Naturrecht ba- siert zu sehr auf der Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft, als dass ihm ein Universalitätsanspruch zugesprochen werden kann (ebd.: 12). Zwar hat das Naturrecht seinen moralischen Inhalt in die Deklarationen des 18. Jahrhunderts gefunden und insbe- sondere die Französische Deklaration spricht von einem universell geltenden Recht. Da aber weder in den Vereinigten Staaten von Amerika noch in Frankreich die Rechte für je- den gleich zugänglich waren (Frauen, Sklaven etc.) noch ein internationales Dokument existierte, das tatsächlich jedem Menschen weltweit den gleichen Wert und die selben Rechte zugesprochen hatte, kann der Ursprung der universellen Menschenrechte nicht durch das Natur- und Vernunftrecht erklärt werden. Es waren keine weltweiten Themati- ken, die die Rechte entstehen ließen, sondern vielmehr kulturelle und staatliche Aspekte: Kulturelle Rechte sind häufig lokal, niemals aber universell (Gregg 2012: 18).

Anhand der Entstehungsgeschichte der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 (siehe auch Kapitel 3.2.) lässt sich schließlich zeigen, dass auch und insbesondere die heutigen Menschenrechte nicht durch die naturrechtlichen Argumente erklärt werden können: Die Präambel der Deklaration lässt zwar den Schluss zu, dass die Delegierten der Menschenrechtskommission ein naturrechtliches Verständnis der Menschenrechte hatten, wenn sie von „angeborenen Würden“ und „unveräußerlichen Rechten“ sprechen (AEMR 1948: Präambel). Ebenso scheint der 1. Artikel der Erklärung auf den ersten Blick eine schlichte Übernahme der Französischen Deklaration von 1789 und naturrecht- licher Argumente zu sein: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würden und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“ (ebd.: Art. 1). Auch, dass einzelne Staaten wie Brasilien oder die Niederlande versuchten, die Menschenrechtsidee mit der Gottebenbildlichkeit und der Natur des Menschen zu legitimieren, spiegelt diese Annahme wider: Sie entwarfen erste Versionen der Deklaration mit explizitem Bezug auf das Naturrecht oder auf Gott (Morsink 1999: 284-290). Ihre Argumentation war, dass die Mehrheit der Weltbevölke- rung an Gott oder ein höchstes Wesen glaube „and would therefore be pleased to see hu- man rights so grounded“ (ebd.: 285).

Aber die meisten Delegierten wollten es vermeiden, die „Allgemeine Erklärung der Men- schenrechte“ naturrechtlich, philosophisch, metaphysisch oder theologisch zu begründen (Koenig 2005: 62). Mit Blick auf die Universalität der Deklaration wurde der Vorschlag der christlich geprägten Repräsentanten von vielen Vertretern negiert: Vor allem kommu- nistischen Staaten wie China, der Sowjetunion oder Chile lehnten die Idee grundsätzlich ab. China beispielsweise rechtfertigte die nichtchristliche Begründung damit, dass der Staat einen Großteil der Weltbevölkerung repräsentiere, „mit Idealen und Traditionen, die sich von der christlichen Welt unterschieden“ (ebd.). Andere Repräsentanten - auch westliche Delegierte - argumentierten, dass nicht jeder Mensch und Staat religiös sei, die Deklaration aber möglichst allen Staatsoberhäuptern und Menschen weltweit zugäng- lich sein sollte. Sie sollte ihren Universalitätsanspruch schließlich nicht dadurch verlie- ren, dass sich religiöse Minderheiten ausgeschlossen fühlen könnten (Morsink 1999: 286, 288).

Wie also konnten und sollten die Menschenrechte schließlich gerechtfertigt werden? Kamen sie von den Menschen selbst? Oder sollten sie doch religiös beziehungsweise naturrechtlich begründet werden (Normand/ Zaidi 2008: 186)?

Nach langen Diskussionen und Kompromissbildungsversuchen schufen die Repräsentan- ten schließlich mit 26 zu vier Stimmen und neun Enthaltungen, trotz der Einflüsse ver- schiedener Religionen, eine säkulare Deklaration, „one in which no value is allowed to trickle down from above“ (Morsink 1999: 283, 289). Der Entwurf der naturrechtliche Grundierung der Menschenrechte wurde ebenfalls mit 16 zu sechs Stimmen und acht Enthaltungen verworfen (ebd.: 288): „The God and nature camps were too polarized to reach agreement, and the final compromise dropped reference to either“ (Normand/ Zaidi 2008: 187). Die Delegierten einigten sich darauf, dass sie keine philosophischen und na- turrechtlichen Begründung benötigten, um die Deklaration zu rechtfertigen. Es waren vor allem die Erfahrungen des Nationalsozialismus, die für Formulierungen wie „angeboren“ oder „unveräußerlich“ oder die Inhalte der Rechte verantwortlich waren (Morsink 1993: 358): „These are not mere Enlightenment reflexes, they are deep truths rediscovered in the midst of the Holocaust and put on paper again shortly thereafter“ (ebd., siehe Kapitel 3.3.). Die Repräsentanten der Menschenrechtskommission übernahmen letztlich zwar nicht die Menschenrechtslegitimation des Naturrechts. Aber insbesondere dessen Moral findet sich in den Artikeln der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ wieder (Morsink 1999: 283).

2.2. Menschenrechte als soziale Konstruktion

Anders als die naturrechtliche Annahme geht die Genealogie der sozialen Konstruktion davon aus, dass Menschenrechte erst durch historische Unrechtserfahrungen entstehen - sie also nicht durch die Natur gegeben sind. Ihrer Entdeckung und Entwicklung gehen vielmehr Schmerz, Unterdrückung und Erniedrigung voraus: Die menschlichen Rechte stellen hiernach das Resultat einer Rebellion gegen unrechte Leiderfahrungen dar (Fritz- sche 2009: 24).

Um zu verstehen, wie Menschenrechte anhand des sozialkonstruktivistischen Grundge- dankens erklärt werden können, ist es von Nöten, die Bedeutung der Unterdrückungen von Minderheiten als Fundament für die Entstehung der Menschenrechte in den Blick zu- nehmen (Winston 2007: 286). Insbesondere durch den „bottom-up“-Ansatz können die- ser sozialkonstruktivistischen Perspektive folgend Menschenrechte entstehen. Die Idee der von unten nach oben verlaufenden Entwicklung von Menschenrechten ist für Morton Winston daher „the single most satifying and philosophically, politically, and historically adequate account of the nature, orgin, and justification of human rights“ (ebd.: 284).

Unsere heutigen Menschenrechte sind nach diesem Verständnis die normativen Antwor- ten auf historische Unrechtserfahrungen, Repression und politische Kämpfe (ebd.: 286, 293, 295): „[B]ehind all law is someone's story - someone whose blood, if you read clo- sely, leaks through the lines“ (MacKinnon 1993: 59). Spezielle Rechte - wie insbesonde- re die Menschenrechte auf Leben, Freiheit und Sicherheit - resultieren aus der morali- schen Reflexion und Einschätzung dieser Leiderfahrungen (Winston 2007: 291): Sie kön- nen also als sozial konstruierter Versuch verstanden werden, diese Erlebnisse in der Zu- kunft zu vermeiden (ebd.: 286). Als Produkte des menschlichen Moralverständnisses ver- suchen Menschenrechte daher das Ziel der menschlichen Emanzipation zu erreichen (ebd.: 293). Niklas Luhmann spricht deshalb davon, dass sich Menschenrechte vielmehr durch die „Evidenz der Rechtsverletzungen“ erklären lassen als durch „die Klarheit der Geltungsgrundlagen und der Präzision entsprechender Texte“ (Luhmann 1993: 577). Aber nicht nur während kriegerischen Auseinandersetzungen und in autokratischen Herr- schaftssystemen ereignen sich Menschenrechtsverletzungen. Auch im Alltag jeden Staa- tes können sich diese Unterdrückungserfahrungen finden lassen (MacKinnon 1993: 62). Es ist daher für die Vertreter der sozialen Konstruktion von Menschenrechten besonders wichtig, diese als solche zu erkennen und das internationalen Menschenrechtsverständnis zu erweitern (Winston 2007: 282). Insbesondere die Soziologie und Anthropologie spie- len bei der Identifizierung und der Erforschung von Menschenrechte daher eine besonde- re Rolle (Ife 2010: 76). Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Iris Marion Young hat zudem einen Katalog von Auswirkungen der menschlichen Unterdrückungen definiert. Darunter fallen neben Ausbeutung und Marginalisierung von Minderheiten auch Machtlosigkeit sowie willkürliche Gewalt (Winston 2007: 288). Diese Erkenntnisse machen das Auffinden von neuen, aus Repressionen resultierenden Menschenrechten un- komplizierter (ebd.).

Menschenrechte sind aber nicht deshalb weniger wahr, weil sie sozial konstruiert sind - im Gegenteil: Morton Winston vergleicht sie mit der Idee von Zeitzonen, dem Geld oder nationalen Grenzen. Diese existieren nur, weil sich die Menschheit kollektiv auf sie geei- nigt hat und sie als „wahr“ deklarieren. Genau wie andere von Menschen konstruierte Objekte sind sie fähig, sich, lösend von ihrer ursprünglichen Funktion, weiterzuentwi- ckeln (ebd.: 295).

Die Idee der sozialen Konstruktion von Menschenrechten versteht diese also schließlich als dynamische Entwicklungsprozesse (Kirste 2013: 127). Erst durch und mit der Ge- schichte können sie entstehen. Ohne diese Entwicklungsakte hätten sich die heutigen so- genannten zweiten und dritten Generationen der Menschenrechte nicht bilden können (ebd.). Unter diesen „neueren“ Menschenrechten werden sowohl wirtschaftliche, soziale und kulturelle (2. Generation) als auch kollektive Rechte verstanden (3. Generation) (Fritzsche 2009: 25).

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Details

Seiten
37
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668256736
ISBN (Buch)
9783668256743
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335988
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Politikwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Politik Menschenrechte Holocaust Drittes Reich Naturrecht Allgemeine Erklärung der Menschenrechte AEMR UN UN-Charta Politische Theorie Genealogien Soziale Konstruktion MR Morsink Menschenrechtsverletzungen Entstehungsgeschichte

Autor

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Titel: Der Einfluss des Naturrechts und des Nationalsozialismus auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948