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Fallstudie zur Rezeption progressiver Familiendarstellungen: Burkhard Spinnen, Belgische Riesen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Burkhard Spinnen: Belgische Riesen
2.1 Der Autor: Kurzportrait
2.2 Kindheits- und Familienbild
2.3 Doppeltadressiertheit

3. Fallstudie
3.1 Vorgehensweise
3.2 Die Befragten
3.2.1 Tom
3.2.2 Lisa
3.2.3 Mutter 1
3.2.4 Mutter 2
3.3 Analyse

4. Nachwort

5. Literatur
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Vorwort

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Roman >Belgische Riesen< von Burkhard Spinnen. Nachdem kurz auf den Autor und den Inhalt des Buches eingegangen wird (Kapitel 2), wird in Kapitel 3 die Fallstudie zu diesem Werk dargestellt und analysiert.

Den Roman >Belgische Riesen< habe ich als Studienobjekt ausgesucht, weil mich das Thema „Trennung/Scheidung“ und der Umgang von Kindern mit diesem Thema sehr interessiert. Im Seminar wurde eine Studie zu >Nella Propella< von Kirsten Boie vorgestellt. Die Hauptperson in diesem Buch heißt Nella, ist ein Scheidungskind und lebt bei ihrer Mutter. Die Situation zwischen dem Kind und seinen Eltern ist sehr erheiternd und wirkt sehr harmlos. Es gibt keine Probleme mit Besuchszeiten, das Kind versteht sich mit seinen Eltern gut und die Sorgen und Probleme des Kindes werden mit den Eltern oder zumindest mit einem Elternteil besprochen.

In >Belgische Riesen< werden zwei Familiensituationen einander gegenübergestellt: Eine intakte und eine frisch getrennte Familie. Hier wird die Situation der „Alleinerziehenden-Familie“ anders dargestellt als in >Nella Propella<: Die Mutter nimmt Tabletten und kommt mit ihrem Leben nicht klar, der Vater kümmert sich mehr um sich und seine Freundin als um seine Tochter und diese ist mit der ganzen Situation überfordert und kann sich ihrer Familie nicht anvertrauen.

Vor diesem Hintergrund habe ich folgende Fragestellung entwickelt:

Ist die Trennungssituation in >Belgische Riesen<

realistisch dargestellt, d.h. ist dies die „normale“ Scheidungssituation oder beschreibt Spinnen Fridz’ aktuelle Lebenssituation zu negativ?

Dieser Frage will ich in den Gesprächen mit den Kindern und den Müttern nachgehen.

2. Burkhard Spinnen: Belgische Riesen

„Bislang ist Konrad Bantelmann, 10 Jahre alt, Schwierigkeiten im Allgemeinen und Mädchen im Besonderen sorgfältig aus dem Weg gegangen. Einen Fachmann in Scheidungsangelegenheiten kann man ihn auch nicht gerade nennen. Doch Friederike, genannt Fridz, kennt sich damit leider bestens aus: Ihre Eltern sind frisch getrennt. Durch einen unglücklichen Zufall bringt Konrad sie auf die Idee, sich an der Freundin ihres Vaters zu rächen. Schlimmer noch: Ausgerechnet er, der eher Harmoniesüchtige und Vorsichtige, der am liebsten den Gutenacht-Geschichten seines Vaters lauscht, muss den Rachefeldzug des quirligen rothaarigen Mädchens organisieren. Und die Geheimwaffe der beiden ist ein außerordentlich großes Kaninchen, ein Riese...“ (Spinnen, Burkhard (2000): S. 2)

2.1 Der Autor: Kurzportrait

Burkhard Spinnen wurde 1956 in Mönchengladbach geboren. Er studierte Germanistik, promovierte und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Münster. Spinnen ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit 1996 arbeitet er als freier Autor in Münster (vgl. Spinnen, Burkhard (2000): S. 2; vgl. Spinnen, Burkhard (2001): S. 20).

2.2 Kindheits- und Familienbild

Die Hauptperson Konrad Bantelmann ist zehn Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und seinem fünf Jahre alten Bruder Peter in einer neugebauten Doppelhaushälfte im Neubaugebiet Dransfeld. Konrad ist ein sehr vernünftiger und ruhiger Junge der versucht Ärger aus dem Weg zu gehen. Er führt seine sogenannten „Dransfelduntersuchungen“ durch, bei denen er auch Friederike Frenke kennenlernt. Sie nennt sich Fridz und lebt mit ihrer Mutter alleine im Dransfeld. Ihre Eltern haben sich vor dem Umzug in das neue Haus getrennt. Fridz ist ein sehr impulsives, aufgewecktes, aber auch unglückliches Mädchen. Ihre Direktheit gefällt Konrad und so werden die beiden - trotzdem Fridz ein Mädchen ist und Konrad sonst mit Mädchen nichts zu tun haben will - gute Freunde. Die Feststellung, dass Fridz’ Eltern getrennt sind, schockiert Konrad. Er war bis dahin davon ausgegangen, dass jede Familie aus einem Vater, einer Mutter und ein bis zwei Kindern besteht und sie ein Haus mit Garten und einen VW Passat besitzen:

„Zum Beispiel haben sie alle einen Volkswagen Passat oder wenigstens ein Auto, das so ähnlich aussieht. Jedenfalls muss es länglich sein und eine Heckklappe haben. [...] Außerdem sind immer ein Vater und eine Mutter in eine der Doppelhaushälften eingezogen und die haben jeweils zwei Kinder. Das heißt, manche haben nur eines und ein paar auch drei, aber die meisten haben zwei und wenn die, die drei haben, denen, die nur eins haben, eins abgeben würden, dann hätten alle zwei.“ (Spinnen, Burkhard (2000): S. 27f)

Oberflächlich betrachtet scheint Fridz mit ihrer Situation gut zurechtzukommen, doch sie leidet sehr unter der Trennung, unter dem Zustand ihrer Mutter und darunter, dass ihr Vater eine neue Freundin (Kristine) hat.

Die Familie von Konrad - Familie Bantelmann - ist eine intakte und harmonische Familie. Der Vater arbeitet und die Mutter kümmert sich um die beiden Kinder und den Haushalt. Beide Eltern nehmen sich Zeit, um über das Erlebte am Tag zu sprechen. Der Vater erzählt seinen beiden Söhnen regelmäßig Gute-Nacht-Geschichten. Diese denkt er sich selber aus; Zusätzlich werden aber auch Vorschläge und Ideen der Kinder mit eingebaut. Das Verhältnis der Eltern zu den Kindern ist partnerschaftlich. Die Eltern sprechen mit ihren Kindern beispielsweise auch über ihre finanzielle Situation oder über Streit und Probleme.

Fridz’ Familie ist nicht intakt. Ihre Eltern sind getrennt und Fridz lebt bei ihrer Mutter. Seit Fridz’ Vater eine neue Freundin hat, haben Fridz und er kein gutes Verhältnis mehr miteinander. Beide Eltern interessieren sich nicht für die Probleme und Sorgen ihrer Tochter. Fridz muss sich um sich selbst und oft auch um ihre tablettensüchtige Mutter kümmern. Der Vater verbringt seine Zeit fast ausschließlich mit seiner neuen Freundin Kristine und versucht sein schlechtes Gewissen Fridz gegenüber mit Geschenken und Versprechungen zu vertreiben. Die Eltern merken nicht, dass Fridz die Streitereien um Geld und um das Haus realisiert und darunter sehr leidet.

2.3 Doppeltadressiertheit

„Ich denke, das Thema von >Belgische Riesen< betrifft Kinder so gut wie Erwachsene. Liebe und Freundschaft können in jedem Alter wunderbar sein oder viel Schmerz bereiten. Vielleicht kann das Buch eines für Kinder und Erwachsene werden. Ich habe versucht eine große und eine kleine Geschichte ineinander zu flechten. Und ich habe versucht alle meine Leser zum Lachen zu bringen.“ (Spinnen, Burkhard (2000): S. 2)

Wie dieses Zitat von Spinnen zeigt, ist >Belgische Riesen< ein Roman für Kinder und Erwachsene, ohne „eingebaute Beschränkung auf eine bestimmte Zielgruppe“ (Spinnen, Burkhard (2001): S. 14). Spinnen bezeichnet seinen Roman als „Nicht-nur- oder Semi-Kinderbuch“ (Spinnen, Burkhard (2001): S. 14). In seinem Artikel „Utopie des Kinderbuchs...“ beschreibt er, wie er die Gratwanderung zwischen Kinder- und Erwachsenenbuch bestritten hat.

Der kindliche und jugendliche Leser liest die Abenteuergeschichte. Die beiden Hauptpersonen Konrad und Fridz erleben zusammen ein Abenteuer, was ihre noch neue Freundschaft festigt. Dem kindlichen und jugendlichen Leser wird gezeigt, wie wichtig es ist Freunde zu haben, auf die man sich in allen Situationen des Lebens verlassen kann. Das Thema Trennung und Scheidung ist für diese Zielgruppe eher Nebenhandlung. Der junge Leser soll merken, dass man durch Racheaktionen keine Probleme lösen kann, sondern dass man über seine Sorgen und Probleme sprechen muss und - möglicherweise - zusammen mit anderen eine Lösung findet.

Für den jungen Leser sind die „witzigen“ Passagen erkennbar, er versteht diese aber wahrscheinlich nicht so, wie Erwachsene sie deuten.

Der erwachsene Leser sieht auch die Abenteuergeschichte, für ihn steht aber das Thema „Familie“ und „Trennung/Scheidung“ im Vordergrund. Was oberflächlich „witzig“ erscheint (für den jungen Leser z.B.), ist in der Realität für die Beteiligten mit viel Schmerz verbunden. Zu dieser Ansicht kommt der erwachsene Leser, wenn er „zwischen den Zeilen“ liest. Er schaut auch hinter die Fassade und erkennt, dass die Kinder sich - vielleicht entgegen seiner Vorstellung - viele Gedanken über ihre Familiensituation machen (Beispiel: Konrad und Fridz unterhalten sich über die Wahrscheinlichkeit, dass die Eltern Bantelmann sich scheiden lassen (vgl. Spinnen, Burkhard (2000): S. 139-145)). Fridz muss oft nicht nur für sich selber, sondern auch für Ihre Mutter sorgen. Die Stelle im Roman, bei der Fridz ihre Mutter mit einem Glas kaltem Wasser weckt, weil sie befürchtet, dass ihre Mutter wieder Tabletten genommen hat (vgl. Spinnen, Burkhard (2000): S. 76-79) soll dem Leser zeigen, dass die Kinder (gerade in diesem Alter) sich nicht um ihre Eltern kümmern, sondern die Eltern sich um ihre Kinder kümmern sollten. Beim Lesen wird der erwachsene Leser oft wütend auf Fridz’ Mutter, weil sie ihre Tochter mit ihren Sorgen ganz alleine lässt und die Tochter sich zusätzlich um ihre Mutter kümmern muss. Fridz’ Vater macht seiner Tochter viele Geschenke, kümmert sich aber mehr um seine neue Freundin als um seine Tochter:

„<Ich weiß ja, dass das alles ganz schlimm für dich ist. Aber da kann man leider nichts machen. Weißt du, mein Engel, wenn zwei Menschen sich nicht mehr lieben, dann müssen sie sich trennen, sonst wird alles nur noch viel schlimmer und niemandem ist geholfen. -So! [...] Und dann drückt er mich und knuddelt mich ab und sagt, du bist meine Pusteblume und meine kleine Prinzessin und meine Zauberfee. [...] Und dann haut er wieder ab und fährt zu seiner blöden Kristine.<“ (Spinnen, Burkhard (2000): S. 80).

Der Vater gibt zwar zu, dass es für die Tochter nicht einfach ist - er tut aber nichts dafür, um es ihr leichter zu machen bzw. ihr zu helfen.

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638340120
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33566
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Kinder- und Jugenbuchforschung
Note
1,7
Schlagworte
Fallstudie Rezeption Familiendarstellungen Burkhard Spinnen Belgische Riesen Zwischen Familie Kindheit

Autor

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