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Die Philosophie der Sprechakte nach John L. Austin. Haben Tiere Sprechakte?

Eine philosophische Untersuchung

Hausarbeit 2016 28 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Prolog- Ist Sprache nur etwas für das Tier Mensch?

Kapitel 2: John L. Austins' Sprechakt-Theorie
Kapitel 2.1.: Der Begriff der Äußerung
Kapitel: 2.1.1: Konstative und performative Äußerungen
Kapitel: 2.1.2. : Die Theorie der „Verunglücksfälle“
Kapitel 2.2.: Die Grundthese der Sprechakttheorie
Kapitel 2.2.1 Die drei Sprechakte
Kapitel 2.3.: Von Intention und Konvention

Kapitel 3 Exkurs: Anthropomorphismus und das Tier-Bewusstsein
Kapitel 3.1: Die Intentionalität und Objektivität
Kapitel 3.2: Begriffe und intentionale Zustände

Kapitel 4: Sprechakte bei Tieren- Eine Erweiterung der Sprechakt- Theorie von John L. Austin
Kapitel 4.1. Erweiterung des Sprechaktbegriffes
Kapitel 4.2. Sprechakte in der arteigenen Kommunikation?
Kapitel 4.3. Kommunikation von Mensch mit Tier- Eine Grenze für die Sprechakttheorie?

Kapitel 5: Epilog- Fazit: Ausblick auf die Forschung

Literaturverzeichnis

Kapitel 1: Prolog- Ist Sprache nur etwas für das Tier Mensch?

ÄEs gibt keine größere Illusion als die Meinung, Sprache sein Mittel der Kommunikation [nur] zwischen Menschen“ 1

Diesen Satz schrieb der bulgarische Literaturnobelpreisträger Elias Canetti (1905-1994) in seinem Werk von 1937 „Die Blendung „. Dieses Zitat fasst, den Gedanken dieser anste- henden Untersuchung gut zusammen. Ist Sprache bzw. Kommunikation nur etwas was der Spezies Mensch vorbehalten ist? Welche Gründe hat der Mensch, sich allein als ein- zige „Tierart“2 zusehen, die eine Sprache besitzt. Dieser Gedanke hat mich dazu motiviert, diese Hausarbeit zu verfassen und plausibel zu zeigen, dass auch andere Spezies von Tieren eine Sprache besitzen und auch untereinander, handlungswirkend kommunizieren. Als Grundlage für diese Untersuchung dient mir John L. Austins Sprechakttheorie, da sie am deutlichsten zeigt, dass andere Tiere als der Mensch auch eine Sprache haben, die Handlungen vollziehen kann.

Folgende Untersuchung setzt sich mit der sprachphilosophischen Lehre von John Langs- haw Austin auseinander. Im weiteren Verlauf wird Austins' Lehre über die Sprache darge- legt, die 1962 posthum in dem Werk: ÄHow to do things with words “, veröffentlicht wurde. Die sogenannte Sprechakttheorie umfasst seine von Studenten der Harvard Universität aufgearbeitete Vorlesung in aus dem Jahr 1955. Austin selber, und das ist auch sehr stilis- tisch für ihn als Dozenten gewesen, hat nur wenige Aufsätze veröffentlicht. Das besondere an Austins' Sprechakttheorie ist, dass auf ein gesprochenes Wort wirklich eine Handlung folgt. Er ist mit dieser Idee, dass Äußerungen wirklich Handlung vollziehend sind, revoluti- onär. Im Gegensatz dazu haben seine berühmten Vorgänger wie Wittgenstein oder Frege Sprache als ein die Wirklichkeit konstruierendes Instrument angesehen. Ein besonderer Vermerk soll in dieser Abhandlung auf der den drei Sprechakten, die Austin benennt, lie- gen. Diese wären die Lokution, die Illokution und die Perlokution. Nachdem die Sprechakt- theorie von Austin dargelegt und diskutiert wurde, wodurch ein Vorwissen geschaffen wur- de, wird die eigentliche These dieser Abhandlung thematisiert. Austin bezog seine Sprechakttheorie nur auf das vernunftbegabte menschliche Individuum, aber was ist ei- gentlich mit Tieren? Die Abhandlung fokussiert dabei die These, ob Tiere fähig sind, Sprechakte zu vollziehen. Um diese These überprüfen zu können, muss vorher eine Prä- misse gesetzt werden, die für dieses Vorhaben unabdinglich ist. Es muss vorausgesetzt werden, dass Tiere ein Bewusstsein haben und somit auch ein „Sprachbewusstsein“. Die- sen Absatz der Untersuchungen möchte ich mit einem Essay, der französischen Philoso- phin Joelle Proust, unterstreichen und somit noch einmal deutlich machen, wie wichtig die Frage des Tierbewusstseins und die inneren Zustände sogenannte Intentionen, in diesem Kontext sind. Im letzten Teil möchte ich mich dann auf ein Essay des britischen Philoso- phen John Dupré beziehen, der sich dort stärker mit der Sprachfähigkeit von Affen, insbe- sondere Menschenaffen, auseinandergesetzt hat. Diese Untersuchung ist sehr spekulativ und stützt sich nur auf theoriegeladene Sachverhalte und kann zu anthropomorphistischen Sachverhalten führen, die aber nicht berücksichtigt werden sollten.

Um den Anthropomorphismus zu entgehen, ist zu beachten, dass es eine Verschiebung des Schwerpunktes in der menschlichen hin zur tierischen Kommunikation gibt. Dieser wird allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt ausführlich dargelegt

Kapitel 2: John L. Austins' Sprechakt-Theorie

Kapitel 2.1.: Der Begriff der Äußerung

Bevor die Darlegung der sprachphilosophischen Theorie von Austin beginnt, sind wichtige in diesem Zusammenhang auftretende Begriffe zu klären. So auch der wichtige Begriff der Äußerung. Dabei wird sich mit der Frage beschäftigt, was eine Aussage zu einer Äuße- rung macht, die eine ganze Handlung bewirkt. In den sprachphilosophischen Überlegun- gen vor Austins Theorie stand im Zentrum der sprachlichen Analyse der Typus von Aus- sagesätzen. Freges' Überlegungen stützten sich auf die Aussagesätze, wobei er die Aus- sagesätze als Satztypen betrachtete, die vielfach realisierbar sind. Dazu ein Beispiel: Die Aussage: ÄSokrates ist ein Mensch.“

Kann zu jeder Zeit, von unterschiedlichen Orten von einem Sprecher oder einer Spreche- rin geäußert werden. 3 Das heißt Freges Analyse gilt nicht den Aussage-Vorkommnis, son- dern dem allgemeinen Typus. Unter der Annahme des Sprachphilosophen Charles San- ders Peirce (1839-1914) unterscheidet man in der Terminologie zwischen dem allgemei- nen Typus einer Aussage und dem einzelnen Token einer Aussage. Unter dem allgemei- nen Typus fasst Peirce viele einzelne Aussage-Vorkommnisse, die den Aussagesatz reali- sieren. Der einzelne Token hingegen bezieht sich auf ein einzelnes Aussage-Vorkommnis eines sprachlichen Ausdruckes.

”In einem anderen Sinn des Wortes ‚Wort’ gibt es aber nur ein Wort ‚the’ in der englischen Sprache; und es ist unmöglich, dass diese Art Wort sich sichtbar auf einer Seite befindet oder gehört werden kann, da es kein einzelnes Ding oder Ereignis ist. Es existiert nicht, sondern bestimmt nur Dinge, die existieren. Eine solche definiert kennzeichnende Form möchte ich ‚Type’ nennen. Für einzelne Er- eignisse, die einmalig geschehen und deren Identität auf das eine Geschehen begrenzt ist, oder ein einzelnes Objekt oder Ding an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, solch ein Ereig- nis oder Ding, das nur dort, wo und wann es erscheint, signifikant ist, so wie dieses oder jenes Wort in einer einzelnen Zeile einer einzelnen Seite eines einzelnen Exemplars eines Buches, möchte ich die Bezeichnung ‚Token’ einführen.“4

Im Zentrum der Analyse standen somit nur die Typen von Aussagesätzen. Dies änderte sich mit der Theorie nach Austin. Er orientierte sich an dem einzelnen AussageVorkommnis. Für ihn galt es ihre sprachliche Bedeutung zu begreifen. Austin bezeichnet somit die einzelnen Aussage- Vorkommnisse als Äußerungen.

Kapitel: 2.1.1: Konstative und performative Äußerungen

John L. Austin revolutionierte die analytische Sprachphilosophie. Anders als seine Vor- gänger Wittgenstein und Frege bestand seine Untersuchung nicht darin, wie Aussagen und Aussagensätze die Welt konstruieren. Er beschäftigte sich vielmehr damit, dass eine Aussage nicht nur Vorstellungen im Geist eines Sprechers repräsentiert, sondern auch in der Welt eine bestimmte Wirkung hat. Die Frage, die sich zwangsläufig aufdrängt, ist fol- gende: „Was tut der Mensch mithilfe von Äußerungen?“ Und lassen sich die verschiede- nen Äußerungen kategorisieren?“ Hierzu unterscheidet Austin zwischen den performativen und den konstativen Äußerungen. Den konstativen Äußerungen ist immer ein genauer Wahrheitswert zu zuordnen, denn sie können immer wahr oder falsch sein. Dazu folgen- des simples Beispiel (1): ÄWenn der Mensch (m) auf dem Sofa sitzt, dann sitzt die Katze (k) auf dem Sofa“. Diese Äußerung lässt sich leicht in eine aussagenlogische Formel über- setzen und in einer Wahrheitswerttabelle lassen sich einfache Wahrheitswerte zuordnen:

Beispiel (1): P1: (m →k)

TABELLE 15

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand solcher aussagenlogischen Tabellen kann man den Gehalt solcher Äußerungen leicht überprüfen.

Im Gegensatz dazu stehen die performativen Äußerungen. Diese beschreiben nicht eine faktische Tatsache, wie beispielsweise, dass der Mensch und die Katze auf dem Sofa Platz genommen haben oder nicht, sondern sie führen Handlungen aus die diese Tatsa- che erst schaffen und somit die Wirklichkeit der Aussagenden ändern. So kann man den Wahrheitswert der performativen Äußerung nicht evaluieren, indem man eine Wahrheits- werttabelle aufstellt. Zu den performativen Äußerungen fasst Austin zum Beispiel das Ver- sprechen. Ein Versprechen gelingt oder misslingt, aber es ist nie wahr oder falsch. So sein berühmtes Beispiel, das Ehe-Versprechen. Hier gibt es kein war oder falsch, entweder man möchte ein Leben lang und bis der Tod einen scheide mit der Person zusammen sein oder nicht. Ein „Jein“ existiert bei Austin nicht. Es nur eindeutig, dass die Handlungen durch Aussagen, wie: „Nein, ich will nicht.“ misslingen oder durch Aussagen, wie: „Ja, ich will.“ gelingen. Austin selber unterscheidet die performativen Äußerungen noch mal in ex- plizite und primär implizite performative Äußerungen. Die expliziten performativen Äuße- rungen zeigen durch das Hauptverb an, welche auszuführende Handlung bezeichnet und welcher Akt vollzogen wird.

Beispiel (2): „Ich verspreche dir, dass ich auch zur Party komme.“

Bei den primär impliziten Äußerungen fehlen einfach die expliziten Formeln. Welche Handlung vollzogen wird, ist abhängig von dem Kontext der Äußerungsumstände.

Beispiel (3): „Ich komme auch zur Party“

Doch Austin bemerkt auch, dass sich konstative und performative Äußerungen nicht grammatikalisch und lexikalisch voneinander trennen lassen. So benötigt es nur einer Umformulierung einer konstativen Äußerung, sie sprachlich zu einer performativen Äußerung zu machen und anders herum. Die performativen Äußerungen beherbergen auch Gefahren, die Austin in seiner „Theorie der Verunglücksfälle“ festhält.

Kapitel: 2͘1͘2͘ : Die Theorie der „Verunglücksfälle“

In der Theorie der „Verunglücksfälle“ charakterisiert6 Austin die schon angesprochenen Gefahren der performativen Äußerung. Belastet sind die performativen Äußerungen mit der Tatsache der Unehrlichkeit und des Vertrauensbruches. So kann es sein, dass der Sprecher in seiner Äußerung gar nicht die Gefühle involviert, die er bei der Äußerung tat- sächlich haben sollte. Austin hat sechs Regeln, an die sich der Sprecher halten sollte:

TABELLE 27

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

”Sündigen wir gegen eine oder mehrere von diesen sechs Regeln, dann ist unsere performative Äu- ßerung in der einen oder anderen Weise verunglückt ... Verstoßen wir gegen eine der A-oder B- Regeln... dann wird die Handlung ... überhaupt nicht erfolgreich vollzogen, sie wird nicht vollendet, sie kommt nicht zustande. In den beiden Γ-Fällen dagegen kommt sie zustande, wenn auch ihr Vollzug unter solchen Umständen ... einen Mißbrauch des Verfahrens darstellt.“8

Unter dem Strich stellt Austin fest, dass alle sprachlichen Äußerungen Handlungen vollziehen. Austin braucht also ein Kriterium, dass ihn erkennen lässt, wann eine Äußerung zu einer Handlung führt und wann sie nur eine faktische Aussage ist. Diese Analyse führt ihn zu der Formulierung der Sprechakt-Theorie, die später auch nochmal von seinem Schüler Searle weitergeführt wird.

Kapitel 2.2.: Die Grundthese der Sprechakttheorie

Austin kommt bei seinen Überlegungen zu dem Schluss, dass konstative Äußerungen per- formative Komponenten haben können und umgekehrt. Die schon einmal genannte Äuße- rung: ÄSokrates ist ein Mensch“ kann auch dadurch performativ wirken, dass sie als eine Behauptung angesehen wird, die die Welt verändern kann. Die Äußerung kann dann ge- lingen oder misslingen. Im Falle des Misslingens beachtet niemand den Sprecher oder hört ihm nicht zu. Genauso verhält es sich auch bei performativen Äußerungen, die einen konstativen Charakter haben können. So zu Austin’s Hochzeitbeispiel: Sagt die Standes- beamtin: ÄHiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau“; kann das auch implizit nichts Ande- res heißen, als dass sich ein Mann und eine Frau gegenübersitzen. Sitzen sich nicht Mann und Frau gegenüber, sagt die Standesbeamtin etwas Falsches. Vor dem Hintergrund die- ser Überlegungen verwirft Austin seine Theorie von den performativen und konstativen Äußerungen und setzt einen neuen Gedanken an, den er auf den Begriff des Sprechaktes formuliert. Dieser Begriff führt zu der Gründung der sogenannten Sprechakttheorie. Sie gründet sich dabei auf folgender Grundannahme:

”Alle Äußerungen sind Sprechakte“

[...]


1 Manfred Durzak: „Die Welt ist nicht mehr so darzustellen wie in früheren Romanen“. Gespräch mit Elias Canetti. In: Gespräche über den Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976

2 Hier wird der Mensch, auch wenn es ihm in seiner Einzigartigkeit, die jeder Mensch hat, als ein Tier angesehen, weil er nichts Anderes als das ist.

3 Bertram, Georg W.: Sprachphilosophie zur Einführung, 2., erg. Aufl., Hamburg, Junius, 2014

4 Charles S. Peirce: Prolegomena to an Apology for Pragmaticism, 1906

5 Erstellt von Ann-Kathrin Limpert

6 Eckard Rolf, Der andere Austin: Zur Rekonstruktion/Dekonstruktion performativer Äußerungen - von Searle über Derrida zu Cavell und darüber hinaus, Transcript Verlag, 2015, S.40

7 Tabelle (2) entnommen aus: siehe Quellenverzeichnis

8 Austin1975; S. 37f

Details

Seiten
28
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668255234
ISBN (Buch)
9783668255241
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335629
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Fakultät für Humanwissenschaften und Theologie
Note
1,7
Schlagworte
Sprachphilosophie John Austin Tiere Sprechakttheorie

Autor

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Titel: Die Philosophie der Sprechakte nach John L. Austin. Haben Tiere Sprechakte?