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Gesundheitswahn? Selbstoptimierung und individueller Zwang als Reaktion auf sozialen Druck zur gesunden Ernährung

Bachelorarbeit 2016 63 Seiten

Ernährungswissenschaft / Ökotrophologie

Leseprobe

Inhalt

Abstract

Abstract (englisch)

Einleitung

1 Ernährung
1.1 Ernährungssituation
1.2 Essverhalten

2 Wandel der gesellschaftlichen Strukturen
2.1 Individualisierte Gesellschaft
2.2 Wertewandel
2.2.1 Schlankheitsideal
2.2.2 Megatrend Gesundheit - Gesundheitsstreben
2.3 Essen als individuelle Freiheit versus sozialer Zwang
2.4 Gesundheitsbegründete Anforderungen an das Individuum
2.5 Affektkontrolle

3 Einflüsse auf das Individuum
3.1 Auswirkung der Beziehung auf das Selbstkonzept
3.2 Übernehmen von Ernährungstrends
3.3 Identitätsfindung
3.3.1 Anerkennung
3.3.2 Ernährung als Statussymbol

4 Informationsverhalten von Verbrauchern
4.1 Anpassung an Versorgungsströme und Notwendigkeit zur Differenzierung
4.2 Informationsgläubigkeit und Organisation des Informationschaos‘
4.3 Handlungsfähigkeit durch Faustregeln und konkurrierende Bildprogramme
4.4 Informationsflut führt zur Unsicherheit

5 Selbstoptimierung
5.1 Sicherheit durch persönliche Leistung
5.2 Hilfestellung zur verstärkten Affektkontrolle über Smartphone Applikationen
5.2.1 Bedürfnis nach Anerkennung über soziale Netzwerke
5.2.2 Selbstoptimierungsdrang
5.3 Intensive Auseinandersetzung mit Essen führt zu gestörtem Essverhalten
5.3.1 Phänomen Orthorexia nervosa
5.3.2 Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl
5.3.3 Auswirkungen der Fixierung auf die gesunde Ernährungsweise

6 Schlussfolgerung

Quellenverzeichnis

Abstract

Das individuelle Ernährungsverhalten von Menschen ändert sich mit Wandel der Kultur und Strukturen in der Gesellschaft, denn Gesellschaft und Individuum bedingen sich wechselseitig. Das Umfeld beeinflusst das Individuum, welches sich wiederum mit seinem Verhalten auf seine Umwelt auswirkt. Durch den Megatrend Gesundheit stellt sich für einige Menschen der Fokus auf gesunde Ernährung. Über die Art und Weise des Ernährungsstils lässt sich ein Status nach außen zeigen und Anerkennung für den Selbstwert erfahren. Wer sein affektives Verhalten nicht unter Kontrolle hat und ungesunde Nahrungsmittel zu sich nimmt, zeigt das unter Umständen öffentlich über die Körperform, welche von der Gesellschaft als undiszipliniert erworben abgetan wird. Bei einigen Menschen veranlasst der gesellschaftliche Druck einen individuellen Zwang, sich gesund ernähren zu müssen, bzw. den Drang dazu, sich im Hinblick auf die gesunde Ernährung selbst zu optimieren. Dabei leisten technische Hilfsmittel, wie die App für Smartphones, Unterstützung bei der Kontrolle des Essverhaltens. Die aufschwingende Fixierung auf gesunde Ernährung birgt allerdings auch Gefahren, sodass Essstörungen begünstigt werden können oder die Besessenheit in das Phänomen Orthorexia nervosa führen kann.

Abstract (englisch)

The change in values, cultural changes or changes in structure in the society are causing changes in individual eating behaviors. The social invironment and the individual are positions that interact with each other either ways. With the megatrend health humans ensue their focus on healthy nutrition, which confers status to them. Through a healthy lifestile someone considers positon to find recognition which pushes their intrinsic-value. For whom that does not control their affective behaviors presents an unacceptable non-disciplinated body. Pressure from the society may causes the compulsion to implement a healthy nutrition or likewise to optimize the functionality of the own body. Technical support, like apps for smartphones, can help to improve the performance of a healthy concept. The increasing rigid fixation on healthy eating behavior contains imperment to health like encouraging eating disorders or leads to a new phenomenon called orthorexia nervosa, an obsession on healthy diet.

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird eine Veränderung im Ernährungsverhalten von Menschen behandelt. Im Laufe der Industrialisierung ist u. A. durch die Techni-sierung und den Einsatz von Maschinerie die Produktion von Nahrung stark angestiegen. Zur gleichen Zeit sind Standards bezüglich der Qualität innerhalb der Lebensmittelproduktion stark angehoben worden. Der Wohlstand in den Industrieländern zeichnet sich zum Einen durch die Überproduktion, die permanente Verfügbarkeit und den globalen Zugriff auf Lebensmittel aus. Zum Anderen, stellt er sich über existentielle Sorgen, wodurch sich Grundbedürfnisse der Menschen auf ein verändertes Niveau begeben.

Es lassen sich eine Bewegung in pluralisierte Lebensformen und ein zunehmendes Streben nach Individualität vermerken. In der komplexen Umwelt fällt es schwerer als zuvor, sich zu orientieren und zu verorten. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass der Mensch als soziales Wesen die Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu der Gesellschaft sucht und zusätzlich das Bedürfnis verspürt, sich als Individuum und etwas Besonderes hervorzuheben. Auch lässt sich nur über diesen Kontrast Anerkennung erfahren, worüber das Individuum sein Selbstbewusstsein speist. Durch den Megatrend Gesundheit ergibt sich ein Feld, in dem sich Verortung und Selbstverwirklichung realisieren lässt.

Das Angleichen an eine gesunde Ernährungsweise ist nicht für jeden in gleicher Weise umsetzbar. Daraus resultiert eine Spaltung der Gesellschaft in dick und dünn, über Sanktionierung oder Exkludierung wird unterschieden zwischen affektkontrolliert oder -nachgebend. Das Streben nach Gesundheit und Schönheitsideal übt gesellschaftlichen Druck aus, der sich bei manchem Typ Mensch in Selbstoptimierung und individuellem Zwang äußert. Zunächst kann durch die Vielfalt und Menge an Informationen über Ernährung eine Unsicherheit in Entscheidungen resultieren, denn der Markt wird von Anbietern für gesundheitsfördernde Waren und Dienstleistungen überhäuft.

Unter Anderem wächst innerhalb des Gesundheitstrends der Markt für Unterstützungsprogramme in Form von Anwendungssoftware (Apps) für das Smartphone. Die moderne App als Hilfestellung beeinflusst das Ernährungsverhalten, indem es die Kontrolle über das eigene Essverhalten fördert und motivierend auf das Durchhaltevermögen wirken kann. Das Nachhalten des Leistungsverhaltens wird durch die modernen Technologien vereinfacht. Die Kollektion von Daten ermöglicht ein langfristiges Einsehen in den Leistungsverlauf, der nicht nur vom Nutzer selber betrachtet, sondern auch mit anderen geteilt werden kann. Wird von den Mitmenschen ein gleich hoher Wert dem Ausleben eines gesunden Ernährungsstils beigemessen, kann darüber Anerkennung erfahren werden. Daraus kann Motivation gesteigert werden.

Der Megatrend Gesundheit, der allgegenwärtig Medien überschwemmt, kann bei einigen Menschen einen Zwang auslösen sich gesund ernähren zu müssen. Der Fokus auf gesunde Ernährung, kann sich vom Positiven in eine extreme Fixierung ausformen, indem essgestörtes Verhalten begünstigt wird. In den letzten Jahren wird dazu ein eventuell weiteres Störungsbild im Essverhalten disskutiert. Das beobachtete Phänomen wird Orthorexia nervosa genannt. Es bezeichnet die Vernarrtheit in eine gesunde Ernährungsweise.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. In der Arbeit wird durchgängig die männliche Schreibweise verwendet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten grundsätzlich für beiderlei Geschlecht

1 Ernährung

In der vorliegenden Arbeit wird das heutige Ernährungsverhalten und die veränderte Sichtweise der Gesellschaft auf Ernährung mit seinen individuellen Auswirkungen behandelt. Dazu liegt es nahe, den Begriff Ernährung zunächst vom Grundkern her zu ergründen, um den Kontrast der Veränderung zu verdeutlichen.

Wird der Begriff Ernährung von Grund auf erläutert, so stellt die orale Aufnahme von Nahrung einen lebensnotwendigen Bestandteil der Daseinsvorsorge für den Menschen dar (Leonhäuser et al. 2009, S. 19). Die Nahrungsaufnahme ist ein existenzielles Bedürfnis eines jeden Menschen. Durch sie wird der Körper mit Energie und Nährstoffen versorgt, die er zur Aufrechterhaltung und Entwicklung benötigt.

Dem ursprünglichen simplen Status von Essen als Existenzsicherung wird zunehmend ein veränderter Wert beigemessen. Dazu werden die Begriffe Essen und Ernährung zunächst differenziert. Während der Begriff „Essen“ eher emotionale Aspekte, wie gemeinsames Genießen einer Speise, assoziieren lässt, werden bei dem Begriff „Ernährung“ rationale Denkinhalte aktiviert. Diese Kognitionen stehen bspw. mit gesundheitlich relevanten Aspekten in Beziehung. Diese Wissensinhalte können bspw. Verknüpfungen mit der Zusammensetzung eines Lebensmittels oder ihrer Kalorienanzahl darstellen. (Fehrmann 2002, S. 7); (Pudel; Westenhöver 2003, S. 69 f.).

1.1 Ernährungssituation

Die Ernährungssituation in den Industrieländern hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert. Das Spektrum der Nahrungsmittel, aus dem gewählt werden kann, ist aufgrund von Vielfalt in der Nahrungsmittelauswahl und der Globalisierung des Nahrungsmittelmarktes, in dem in Überfülle produziert wird, ohne Grenzen vorzufinden. Ernährung entscheidet sich immer weniger an dem, was regional, saisonal vorhanden und traditionell vorgegeben wird, sondern bereitet dem Konsumenten ein unbegrenztes Feld an Möglichkeiten (Rose 2009, S. 282). Während für einen Großteil der Weltbevölkerung ein ausreichendes Nahrungsangebot knapp ist, steht den Menschen in Deutschland eine Lebensmittelvielfalt in hoher Qualität und zu akzeptablen ökonomischen Bedingungen zur Verfügung (Dietrichsen 1990, S. 38).

In Deutschland hat sich bis zum heutigen Zeitpunkt durch eine Vielzahl qualitätssichernder Maßnahmen eine Lebensmittelsicherheit entwickelt. Dabei spielt ein kontinuierliches Qualitätsmanagement eine große Rolle, das den einwandfreien Zustand eines Produktes nach den Sicherheitsbestimmungen garantiert. Qualitätssicherungssysteme wie Rückverfolgbarkeit, Herkunftsabsicherung oder Hygienevorschriften werden aufgrund der stetig wachsenden Anforderungen fortlaufend überprüft und angepasst. Betriebe sind der Einhaltung der vorgeschriebenen Richtlinien verpflichtet und werden zudem regelmäßig kontrolliert (Bll 2016).

Es existieren Regelungen zur Kennzeichnungspflicht, sodass z.B. Zutaten, die im Herstellungsprozess verwendet wurden, in einer Zutatenliste auf der Produktverpackung aufgelistet werden (Bmel 2014).

Um die permanente Verfügbarkeit einer breiten Produktpalette zu gewährleisten, wird von der Industrie im Überschuss produziert und die damit einhergehende Vernichtung des Überangebots in Kauf genommen. Der Herstellungsprozess von Lebensmitteln wird weitreichend mit technischen Hilfsmitteln auf ein geringes finanzielles Niveau reduziert, sodass hochwertige Ware auch bei Discountern zu niedrigen Preisen erhältlich ist.

Aus diesen Gründen resultiert der heutige Umgang mit Lebensmitteln. Ebenso nimmt die Wertigkeit eine veränderte Stellung im Bewusstsein der Menschen in Europa ein. Die verminderte Wertschätzung lässt sich auch aus den jährlichen Lebensmitteln ablesen, die weggeworfen werden, diese belaufen sich 2015 auf rund 11 Millionen Tonnen in Deutschland, wovon der größte Anteil aus privaten Haushalten stammt (Vzbv 2015). Aus heutiger Sicht dient das Essen nicht mehr primär dem Bedürfnis der biologischen Existenzsicherung, als dass es viel mehr einen Symbolcharakter nach außen trägt. Essen steht heutzutage für Genuss, Geselligkeit und gesellschaftlichen Status (Fehrmann 2002, S. 19).

Zwar ist die Ernährung eine biologische Notwendigkeit, aber die Auswahl von, der Umgang mit und die Zubereitung von Nahrung unterlag zu jeder Zeit der kulturellen Ausgestaltung der Menschen. Steht eine Gesellschaft im Wandel, dann verändert sich auch das Handeln des Individuums. Es ist in die gesellschaftlichen Strukturen eingebunden, obgleich es sich zunehmend im eigenen Individualisierungsprozess befindet. Handeln sowie das Ernährungsverhalten, sind dynamisch und wechselseitig in ihren Folgen: „Die sich verändernden Strukturen verändern die Handelnden, die ihrerseits handelnd die Gesellschaft verändern“ (Leonhäuser et al. 2009, S. 23).

Eine Folge der Veränderung der Gesellschaft ist, dass im Laufe der Entwicklung die Sorge um die Verfügbarkeit der Lebensmittel in den Hintergrund gerät. Vordergründig gewinnen psychologische und soziale Faktoren, bei der Steuerung der Auswahl an Bedeutung. Daraus ergibt sich ein erheblicher Einfluss, den Ernährung auf das alltägliche Leben nimmt, wenn existentielle Sorgen nicht vorhanden sind (Richter-Kornweitz 2015, S. 106).

1.2 Essverhalten

Das veränderte Wertebewusstsein von Ernährung hat Einfluss auf das individuelle Essverhalten. Im Folgenden sollen die spezifischen Einflussgrößen auf das Essverhalten näher erläutert werden.

Die individuelle Wertprägung und Einstellung zum Essen sowie Essgewohnheiten unterliegen einem lebenslangen Entwicklungsprozess (Gätjen 2013, S. 90).

Zunächst folgt die Nahrungsaufnahme einem Instinkt zu essen, der evolutionär bedingt ist, wie das Saugen an der mütterlichen Brust. Genetisch angeborene Geschmackspräferenzen schützen den Körper vor Gefahren, so kann ein Bitterstoff im Lebensmittel ein Hinweis für Unreife, Verderb, potenzielle Gefahr darstellen. Ebenso genetisch angeboren ist das Verlangen nach verschiedener Nahrung, sodass der Körper mit den notwendigen Stoffen ernährt wird (ebd. S. 89). Unter die angeborenen Instinkte fällt auch die Imitation des elterlichen Essverhaltens, was ursprünglich mit der Sicherheit einhergeht, nicht vergiftete Speisen zu sich zu nehmen. Über die verzehrte Nahrung der Mutter werden Lebensmittelpräferenzen bereits im Mutterleib geprägt, ebenso lassen sich erste Geschmackseindrücke über die Muttermilch übertragen (ebd.). Ernährungsverhalten wird vor allem im Kindesalter durch Erfahrungen geprägt, wenn Verhaltensweisen der Erziehungspersonen beobachtet, imitiert und adaptiert werden (Leonhäuser et al. 2009, S. 113). Die elterliche Auswahl aus dem Nahrungsangebot stellt somit eine primär prägende Basis für die Essgewohnheiten des Kindes dar. Geprägt ist der Einfluss der Eltern durch deren Vorlieben, Kultur und sozialen Status (ebd.).

Es wird dem Kind in dieser primär prägenden Phase eine Welt dargeboten, die von ihm beobachtet, imitiert und als Normalität empfunden wird. Gerade in dieser Phase ist das vorgelebte Essverhalten entscheidend für die kindliche Nachahmung (Gätjen 2013, S. 91). Diese Begegnung mit der ersten eigenen Welt legt einen Grundstein für das jeweilige Wertebewusstsein, Ernährungsgewohnheiten und Einstellungen, die auch Teil der eigenen Persönlichkeit sind.

In der sekundären Phase kommt das Individuum in Kontakt mit einer, für es zunächst unbekannten Umwelt, die ihm neue Verhaltensweisen und Reize darbietet, wodurch die Möglichkeit eröffnet wird, auch verschiedene Formen der Ernährung zu vergleichen und zu bewerten. Dabei spielen sowohl körperlich interne sowie externe Variablen eine Rolle (Dietrichsen 1990, S. 2).

Wie ein Mensch sich in seiner Umwelt zu orientieren versteht, hängt stark von seiner individuellen Persönlichkeitsstruktur ab und dem wechselseitigen Abgleich von Gesellschaft und Individuum. Anders formuliert, steht die subjektive Welt eines Individuums als Basis für dessen Wahrnehmung, wobei das Umfeld, in dem sich das Individuum bewegt, diese Wirklichkeit unentwegt formt. Dadurch ist die innere sowie äußere Welt in der permanenten wechselseitigen Einflussnahme einer stetigen Entwicklung ausgesetzt. Das Selbst entwickelt sich kontinuierlich als Produkt einer spiegelnden Umwelt (Maaz 2013, S. 11).

Grundsätzlich wird eine Veränderung in der Gesellschaft auch vom Individuum mitgetragen. Individuen streben zwar zunehmend nach Individualisierung, also einem Alleinstellungsmerkmal, dass sie von der Masse abheben lässt, sie sind trotz allem in die Strukturen einer Gesellschaft eingebunden und bedingen sich wechselseitig (Dietrichsen 1990, S. 16). Das bedeutet, dass ein kollektiv gebildetes Normen- und Wertesystem der Gesellschaft, in Bezug auf die Ernährung, die Art und Weise zu essen und zu trinken vorgibt (ebd. S. 26). So wird das ursprünglich triebhafte Bedürfnis zu essen kultiviert bzw. zivilisiert.

Das engere Umfeld, in dem das Individuum lebt, hat dabei größeren Einfluss auf seine Denk-, Fühl- und Verhaltensprozesse als die Gesamtgesellschaft (Dietrichsen 1990, S. 18). Wenn eine Änderung des Umfelds stattfindet, hat das gleichermaßen zur Folge, dass vorhandenes und neues Ernährungsverhalten in Interaktion treten und das Individuum alltägliches, habitualisiertes Ernährungsverhalten hinterfragt und individuell ändert (Reitmeier 2013, S. 39). Ernährungsverhalten ist also keine starre, einen Menschen begleitende Verhaltensweise, sondern kann sich individuell ändern. Weitestgehend geschehen all diese Vorgänge unterbewusst, sie unterliegen nicht der bewussten Steuerung (Rattner, Danzer 2006, S. 19).

Der Prozess der Wahrnehmung und kognitiven Verarbeitung von Reizen, ist sehr komplex und läuft individuell unterschiedlich ab. Das Individuum wird dabei von situativen, physiologischen, emotionalen und sozialen Faktoren beeinflusst, die die Entwicklung des Ernährungsverhaltens zu einem multidimensionalen Vorgang machen (Hederbrand 2005, S. 82).

Wichtig ist es auch zu bedenken, dass die Ernährung nicht für jeden Menschen eine gleich große Bedeutung trägt. Menschen handeln der Ernährung gegenüber auf Grundlage der Bedeutung, welche die Ernährung für sie besitzt.Diese wird aus der sozialen Interaktion mit den Mitmenschen herangezogen. Auch die Bedeutung kann kontinuierlich neu interpretiert und geändert werden (Reitmeier 2013, S. 39).

Neben den Unterschieden zwischen den einzelnen Individuen, unterscheiden sich auch verschiedene soziale Klassen in ihrem Ernährungsverhalten. Mütter mit geringerem Bildungsgrad bspw., verwenden weniger Aufmerksamkeit auf ihre Vorbildfunktion in Ernährungserziehung bzw. der Vermittlung über Wissen der gesunden Ernährungsweise, als dass sie vielmehr darauf achten, dass die Kinder ausreichend mit Nahrung versorgt sind (Leonhäuser et al. 2009, S. 120 f.). Ändert sich die Kultur oder die soziale Schicht, in der sich ein Individuum bewegt, so werden sich, bedingt durch die neuen Umwelteinwirkungen, die Nahrungmittelpräferenzen ähnlicher werden (Hrboticky & Krondl 1984 zitiert in Logue 2009, S. 155). So wird Essverhalten zu einem Indikator für die Zugehörigkeit eines sozialen Milieus (Rose 2009, S. 287). Ernährung wird zum Statussymbol und Aushängeschild der persönlichen Interessenneigung.

Einflüsse durch Gleichaltrige und Medien wirken sich auf die häuslich gewohnten Ernährungspraktiken aus (Leonhäuser et al. 2009, S. 113). Insbesondere für Jugendkulturen ist die Gruppenzugehörigkeit und das Erleben eines gemeinsamen Habitus entscheidend. Das gemeinsame Praktizieren eines Ernährungstrends kann einen solchen Habitus beinhalten (ebd. S. 126). Zahlreiche Ernährungstrends bringen ihre Einstellungen und Überzeugungen zum Ausdruck. Dadurch ergibt sich eine Abgrenzung zu anderen Gruppen oder auch zum Verhalten von Erwachsenen. Manche Personen wechseln ihre Zugehörigkeit mehrmals, andere zählen sich nie als Mitglied einer Gruppe. Gemeinsam ist den Gruppen der Wunsch nach Gemeinschaft, sozialer Verortung und Netzwerken. Zum Teil werden Geschmacksübertretungen, die Erfindung neuer Stile und Provokationen in der Adoleszenzphase dazu genutzt, um sich von Erwachsenen zu separieren. Im Zuge der Individualisierungs-, Subjektivierungs- und Pluralisierungstendenzen wächst das Bedürfnis nach Orientierung in einem überschaubarem Netzwerk. Damit entwickeln sich individualisierte und pluralisierte Lebensformen innerhalb der Gesellschaft.

2 Wandel der gesellschaftlichen Strukturen

2.1 Individualisierte Gesellschaft

Die Entscheidung, was und wie wir essen, wird nicht länger delegiert oder einfach hingenommen wie in Zeiten materieller Knappheit oder in sozial stark hierarchischen Gesellschaften. Es geht seit langer Zeit nicht mehr vordergründig um die Befriedigung lebenswichtiger physiologischer Grundbedürfnisse, sondern vermehrt um Identitätssicherung, soziale Unterscheidung, ästhetischen und sinnlichen Genuss. Der Trend zur Individualisierung ermöglicht auch, sich die jeweiligen Esspartner je nach Situation und Bedürfnis selbst auszusuchen und findet nicht mehr notwendigerweise vor allem am familiären Tisch statt. Der Begriff der Individualisierung beinhaltet die Einzigartigkeit und das Losgelöstsein von gemeinschaftlichen Beziehungen (Abels 2010, S. 18).

Wie von dem Soziologen Ulrich Beck Mitte der achtziger Jahre beschrieben, endete die traditionelle Industriegesellschaft mit dem Übergang in eine Gesellschaft, die von immer größeren Risiken geprägt und von einer starken Individualisierung gekennzeichnet ist. Ebenfalls zu beobachten ist bedingt durch die Modernisierung die Veränderung des Wertesystems. Eine zunehmende Säkularisierung, was als Bedeutungsverlust von Religion bezeichnet werden kann, hatte ein Zerbrechen des einheitlich vorgegebenen Wertesystems zur Folge. In dieser Verbindung bewirkte die einsetzende Individualisierung, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts traditionelle Werte wie Disziplin und Pflichterfüllung vorerst an Bedeutung gewannen. Die Turbulenzen und Belastungen der industriellen Entwicklungen brachten zu dieser Zeit tiefgreifende Veränderungen bis in den Lebensalltag mit sich, weshalb das Festhalten an traditionellen Werten Stabilität bewirkte und Durchhaltevermögen unterstützte. Unter anderem durch den einsetzenden technischen Fortschritt, welcher innovatives Denken fortlaufend voraussetzt, entstand eine zunehmende Auflockerung der traditionellen Werte und führte zu einem Wertewandel (Beck 1986 zitiert in Klages 1984, S. 14).

Der Freisetzungsprozess, den Beck beschreibt, begann mit dem Wirtschaftsaufschwung, welcher der deutschen Bevölkerung mehr Wohlstand brachte. Er hatte zur Folge, dass die Hierarchien zwischen den Klassen und Schichten und auch ihre intern spezifischen Bindungen abebbten. Daraus ergab sich zunehmend der Verlust ihrer „traditionellen Prägekräfte“ (ebd.). Ebendiese versprachen Sicherheiten, deren Zerfall Unbestimmtheit mit sich brachte (ebd.). Das Individuum wurde zunehmend aus lebensbestimmenden Determinanten losgelöst. Früher verblieb der Mensch in der sozialen Schicht seiner Herkunft, wohingegen das einzelne Individuum heute frei darüber bestimmt, wie es seinen eigenen Lebenslauf gestaltet (Beck 1986, zitiert in Reitmeier 2013, S. 42).

Von Max Weber wird der Begriff der Entzauberung in den Verlauf der Individualisierung eingefügt (Abels 2010, S. 235). Darunter ist zu verstehen, dass verbindliche Sinnsysteme nicht mehr vorherrschen, auf die alle Bezug nehmen. Seit dem zwanzigsten Jahrhundert wurden die Menschen hauptsächlich über Medien darüber aufgeklärt, dass kein Wert und keine Norm besser oder schlechter ist als ein anderer. Die so genannte „Entzauberung der Welt“ (Weber 1904 zitiert in Abels 2010, S. 103), wie Weber sie betitelt, beinhaltet ebenso, dass ein naives Vertrauen auf einen festen Sinn nicht mehr möglich ist und Gewissheiten schwinden. Sie werden durch die Freisetzung des Individuums zu eigenen Entscheidungen, ersetzt und selbst konstruiert. Ein einzig wahrer Leitfaden, an den es sich zu halten gilt, wird vom individuellen Sinn des Lebens substituiert (Abels 2010, S. 235 f.).

Freigesetzt von Klasse sowie Familie kann und muss das Individuum aus den unbeschränkten Möglichkeiten nun sein eigenes Leben formen, wodurch es zur Pluralisierung der Lebensformen kommt. Begleitet von der neuen Freiheit ergibt sich für Beck ambivalent dazu die zwingende Notwendigkeit, sich zu entscheiden, wobei die freie Entscheidung in Abhängigkeit mit der Verantwortung des Entscheidungsträgers steht (Beck 1986, zitiert in Reitmeier 2013, S. 181).

Neben der These der Entzauberung spricht Beck von einer „neuen sozialen Einbindung“ des Individuums (Beck 1986, zitiert in Abels 2010, S. 213). Aus seiner individuellen Lage heraus sollen Entscheidungen für sein eigenes Leben getroffen werden, wobei die Erwartungen des Umfeldes mit einbezogen werden sollen, die eine bestimmte Richtung vorgeben. Es breitet sich Druck auf Privates sowie Öffentliches aus, erzeugt von Moden und Konjunkturen, von Institutionen und Standards. Beck nennt diesen neuen Modus der Vergesellschaftung Re-Integration und Kontrolle. Für Beck besteht ein Zusammenhang von Freisetzung und Standardisierung. Die Herauslösung aus traditionellen Lebenszusammenhängen geht einher mit einer Vereinheitlichung und Standardisierung der Existenzformen (ebd.).

Zusammengefasst beschreibt Beck, dass im Laufe der Individualisierung ein Sinnverlust für das individuelle Leben eintritt. Auf der eigenständigen Suche nach dem Sinn des Lebens, gehen dem Individuum unter der Entzauberung der feste Halt und der Zweck verloren. Die folgende Freigabe eröffnet letztendlich die Aufgabe, gemeinschaftliche Beziehungen selbst herzustellen. Die zunehmende Institutionalisierung nimmt richtungsweisenden Einfluss auf das Individuum und kontrolliert auch seine Vorstellungen von Freiheit. Nach dieser These liegt bei den ununterbrochenen Entscheidungen, die das Individuum zu treffen hat, die Schwierigkeit vor, einen sozialen Konsens des Richtigen oder Vernünftigen mit einzubeziehen. Die Schwierigkeit kommt daher, weil die Entscheidungen durch Sachzwänge präformiert und die Folgen des Handelns nicht eindeutig sind (Abels 2010, S. 237).

Das In-Einklang-Bringen zwischen den Wünschen und Bedürfnissen sowie den eigenen Fähigkeiten und der Umwelt ist vor allem eine psychische Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Die Konsequenz daraus ist, laut Beck, eine immer größer werdende Verunsicherung und eine dauernde Vergewisserung, auf dem richtigen Weg zu sein (Reitmeier 2013, S. 181).

Insbesondere in der Adoleszenzphase, in der der Mensch sich noch selbst zu finden versucht, verspürt er das Bedürfnis nach Vorgaben, die ihm Sicherheiten versprechen. Die wechselseitige Vergewisserung über ein geteiltes Verständnis von Regeln, Normen und der Wirklichkeit schlechthin geschieht während der Jugendphase innerhalb gleichaltriger Gruppen, auch Peer Groups oder Peer-Gruppen genannt (Reitmeier 2013, S. 176). Sie dienen als bedeutungsvolle Instanz der Orientierung und stellen somit eine wichtige Ressource für die Subjektbildung dar. Vor allem, weil der Heranwachsende einen körperlichen Umstellungsprozess mitmacht, findet in diesem Alter auch die Internalisierung von Idealen körperlicher Attraktivität statt, ebenso verbunden mit der Unsicherheit, dieses Ideal überhaupt erfüllen zu können. Das stark ausgeprägte Vergleichsverhalten unter Jugendlichen kann letztendlich zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führen und somit die Anfälligkeit für gestörtes Essverhalten erhöhen (Reitmeier 2013, S. 181).

Neben dem Konkurrenzverhalten, kann ein kollektiv gewählter Ernährungsstil eine Quelle für das Selbstwert- und Identitätskonzept herbeiführen, um sich von anderen abzugrenzen wie auch eine gemeinschaftliche Stärke zu verspüren. Das Streben nach Autonomie und Selbstverwirklichung, das Finden der eigenen Persönlichkeit und die Orientierung in einer vorgegebenen Welt sind prägende Erfahrungen, denen sich ein Individuum stellen muss, um sich in einer individualisierten Welt einen Platz zu verschaffen (Rose 2009, S. 287).

2.2 Wertewandel

Möchte man betrachten, inwieweit Verhaltensweisen und Entscheidungen im Bereich der Ernährung gebildet werden, ist es hilfreich aus der vielschichtigen Dimension der beeinflussenden Faktoren zu untersuchen, wie und welche Werte und Leitbilder den Menschen dabei prägen. Dabei geraten vordergründig junge Erwachsene in den Blick, da sie in ihrem Verhalten noch nicht so stark manifestiert sind.

Werte stehen im Fokus, denn an ihnen orientieren sich Handlungen von jungen Menschen, während sie in der Phase der Jugendzeit nach Orientierung suchen und ihre Zukunft planen. Alte Werte bzw. die Werte der Alten werden kritisch hinterfragt und auf eine mögliche Übernahme geprüft (Gille et al. 2006, S. 32). Darunter kann auch die Kritik an hohem Fleischverzehr verstanden werden, der für die alte durch eine Lebensmittelknappheit nach dem zweiten Weltkrieg geprägte Generation, ein Produkt des Wohlstandes darstellte. Für die jüngere Generation wird im Gegensatz dazu, unter bspw. ethischen Gesichtspunkten, Fleisch als eher minderwertiges Produkt angesehen. Denn sie ist mit einem hohen Angebot an Fleischwaren aufgewachsen (vgl. Reitmeier 2013, S. 231).

Wenn heute über Werte gesprochen wird, kommt in diesem gesellschaftlichen Bereich vielfach die Verknüpfung mit dem Wandel zustande, da er sich durch deutliche Veränderungsprozesse kennzeichnet. Veränderungen als Auswirkung von Werteverlust und Wertewandel kommen ebenso häufig zur Sprache, wobei an dieser Stelle häufig die junge Generation in den Blick genommen wird (Gille et al. 2006, S. 32). Die Veränderung der Vorstellung von Werten wird so z.B. für einen Verlust moralischer Standards, ausartenden Individualismus und Privatismus wie auch für einen allgemeinen Zerfall des Gemeinsinns verantwortlich gemacht (Hepp 2001, in Gille et al. 2006, S. 132).

Als Ursache für den Wertewandel werden schnelle gesellschaftliche und soziale Veränderungen durch die rasante Entwicklung im technologischen Bereich, der Aufbau der globalen Märkte und die Pluralisierung von Lebensformen gesehen. Eine Analyse des Wertewandels liefert Helmut Klages, der Pflicht- und Akzeptanzwerte sowie Selbstentfaltungswerte als voneinander unabhängige Dimensionen im Werteraum sieht (Klages 1995, zitiert in Reitmeier 2013, S. 274). Diese Wertegruppen können in der gesellschaftlichen Wirklichkeit in vielfältiger Weise in den verschiedensten Kombinationen auftreten. Dabei ist es auch möglich, dass ein ambivalenter Charakter zwischen den Wertekombinationen entsteht (ebd.). Während tendenziell Wertebereiche wie Selbstverwirklichung und Kritikfähigkeit in ihrer Wichtigkeit steigen, können konventionelle Werte wie Pflicht- und Akzeptanzwerte gleichsam Bedeutung finden oder beibehalten werden. Die Bedeutung in diesen Bereichen ist eher rückläufig (ebd.); (Gille et al. 2006, S. 135).

Damit ist ein Austausch der Grundwerte von materialistischen Wertvorstellungen, wie Einkommen und Besitzerweiterung, hin zu postmaterialistischen Werten festzustellen. Besonders stark ist diese Substitution bei jungen Menschen zu beobachten. An Bedeutung zunehmend sind auch die Selbstentfaltungswerte wie Kreativität und Individualismus, sowie hedonistische Werte, die z. B. den Genuss des Lebens beinhalten, Abwechslung und das Ausleben emotionaler Bedürfnisse. Diese Trends zeigen die Basis für die zunehmende Erlebnisorientierung, was übergreifend als Wandel zur „Erlebnisgesellschaft“ bezeichnet wird (Schulze 1992, S. 37).

Werte werden auch als übergeordnete subjektive Sinngebung bezeichnet, die für den Handelnden eine richtungsweisende Funktion haben können. Sie sind „innere Führungsgrößen des menschlichen Tuns und Lassens, die überall dort wirksam werden, wo nicht biologische Triebe, Zwänge oder rationale Nutzenerwägungen den Ausschlag geben“ (Klages 1984, S. 9 f.).

Diejenigen Werte, die gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden, erreichen eine allgemeine Richtlinienkompetenz und Gültigkeit. Dabei müssen sie dem Träger nicht immer bewusst werden, sondern können in sozialen Gewohnheiten und Normen und in kultureller Selbstverständlichkeit eingebettet sein (ebd.). Es ist demnach ersichtlich, dass die Wertprägung für eine subjektive Zielsetzung in der Handlungsplanung und Entscheidung u. A. im Bereich der Ernährung eine zentrale Rolle spielt.

Darüber hinaus stehen Werte für Vorstellungen von gesellschaftlich und persönlich Wünschenswertem und individuelle Zielvorstellungen von dem, was erstrebenswert ist. Sie sind damit Anhaltspunkte, an denen sich menschliches Verhalten orientieren kann, aber nicht notwendigerweise orientieren muss. Denn die Werte, die ein Mensch bewusst oder auch unbewusst vertritt, lassen ihm im Alltag einen relativ großen Handlungsspielraum (ebd.).

Durch die subjektive Aneignung und Verinnerlichung werden Werte zum Bestandteil des individuellen Überzeugungssystems. Zwar haben Werte den Charakter innerer Dispositionen, dennoch sind sie stark mit Normen und Rollen verflochten. Die Aneignung und Aufnahme von Werten geschieht über zentrale Sozialisierungsstrukturen durch die vielfältigen Einflüsse, die auf ein Individuum wirken. Familie, Freunde, Schule, Vorbilder, aber auch Massenmedien übernehmen elementare Bedeutung. Denn ein von der Mehrheit anerkanntes und getragenes Wertesystem trägt zur Stabilität des sozialen Handelns und des gesellschaftlichen Systems bei (Klages 1984, S. 9 f.). Generell sind Werte relativ stabile Persönlichkeitseigenschaften, die eine selbst konstruierte Lebensaufgabe, die von einer Situation auf die nächste übertragen wird, beinhalten können, jedoch können sie durchaus abhängig vom Erreichen bzw. Überschreiten bestimmter Statuspassagen in der Lebensbiographie sein. Auch die Phase der jungen Erwachsenen stellt eine wichtige Statuspassage im Leben eines Menschen dar (Gille et al. 2006, S. 137).

2.2.1 Schlankheitsideal

Um den Wandel und die Bedeutung von gesundheitsorientiertem Ernährungsverhalten verstehen zu können, ist ein Blick auf die Veränderungen unserer Gesellschaft und der Stellenwert von Ernährung in ihr unabdingbar.

Welche Einstellung Gesellschaften zu ihrer Ernährung haben, verändert sich. Damit einher geht die Einstellung gegenüber dem Körperbild. Ein wohlbeleibter Körper galt demnach in der Antike bis weit ins Mittelalter hinein als Indikator des Wohlstandes, während ärmere Gesellschaften von Hunger bedroht waren. Mit Sicht auf die Weltbevölkerung ist ein Großteil der Menschen heute noch weit von einem ausreichenden Nahrungsangebot entfernt. Im Gegensatz dazu hat sich die Ernährungssituation in den Industrieländern in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert. Für die Menschen in Deutschland ist die Lebensmittelpalette von hoher Qualität und Überfluss gekennzeichnet (Dietrichsen 1990, S. 38).

Innerhalb dieses Reichtums entwickelt sich eine Überflussgesellschaft, in der das Lebensmittel als solches an Wert verliert und eine konkrete Selektion der wertvollen, gesundheitsversprechenden Lebensmittel stattfindet, um den Körper dem gesellschaftlich anerkannten Ideal näher zu bringen.

Wohlbeleibtheit ist zu heutiger Zeit kein Mittel der sozialen Distinktion mehr, vielmehr ein Grund der negativen Sanktionierung (Klotter 2015a, S. 122). Dieser Indikator des Wohlstandes wurde abgelöst vom heutigen Ideal des Schlank-Seins und begleitet die Gesellschaft mehr oder weniger bewusst in ihren Ernährungsentscheidungen. Dabei werden Schlankheit und Wohlbeleibtheit, die für jeden sichbar sind, als Indikator für eine dahinter stehende Eigenschaft gesehen. Schlankheit gilt nicht als schön ohne Grund, sondern in ihr wird eine Bedeutung festgelegt, womit sie etwas repräsentiert (Klotter, 2015b, S. 49).

Schlankheit gilt als Ausdruck der Mäßigung und der Affektkontrolle, in ihr sind die Selbstkontrolle und die Dominanz der Vernunft impliziert. Es zeigt sich, nach außen sichtbar, dass eine Fähigkeit der Kontrolle über den eigenen Körper vorliegt, um dem Schlaraffenland nicht maßlos zu verfallen. Im umgekehrten Fall wird den Dicken nachgesagt, sie würden ohne Willensstärke ihrem Trieb zu essen nachgeben. Menschen mit Adipositas, so beschreibt es Klotter, werden als Träger ihres selbst verantworteten Schicksals, als „verfallen“ angesehen (ebd.).

Es sei nicht vorstellbar, dass sie eventuell nach anderen Idealen und Maßstäben handeln. Ihnen werden Eigenschaften wie Faulheit und Maßlosigkeit unterstellt, die eine Kluft zwischen Wissen und Handeln ausmachen (Klotter 2015a, S. 126).

Ambivalent zueinander entwickelt sich zum Einen das Abbild des Handelns, was sich im durchschnittlich zunehmenden Körpergewicht niederschlägt. Zum Anderen das gegensätzliche Abbild des Wissens um den schönen Menschen, der auf gezügelte Weise zu essen vermag, wie es das vorgelebte Schönheitsideal aus den Medien zeigt. Daneben nimmt das Wissen um die gesunde Ernährung zu und das Wissen danach zu handeln (Herzog 2015, S. 62). So entsteht ein Krieg zwischen den zwei Positionen, dick und dünn. Über den BMI (Body-Mass-Index) kann sich der Mensch kategorisieren lassen, in böses oder gutes Menschenbild. Die Wahl der Identität geschieht stets freiwillig, jedoch erfolgt die Zuweisung eines Rangplatzes nicht dem freien Willen, wodurch gleichzeitig ein zwanghaftes Verhältnis entsteht (Klotter, 2015b, S. 46 f.).

2.2.2 Megatrend Gesundheit - Gesundheitsstreben

Seit dem neunzehnten Jahrhundert lässt sich ein klarer Wandel des Gesundheitsverständnisses vermerken. Gesundheit wird immer häufiger als wichtiges Verhaltensziel in Konsumentscheidungen eingebunden. Der Wert, der einem Ziel beigemessen wird, ist bedeutend für die Aktivierung von Motivation. Dadurch wird ein Maßstab für die Beurteilung des eigenen Verhaltens geschaffen, das den Innenaspekt ausmacht. Daneben werden Leit- und Richtlinien für die Wahrnehmung der Umwelt des Einzelnen geliefert, die den Außenaspekt darstellt (Kroeber-Riel/ Gröppel-Klein 2013, zitiert in Silbermann 2015, S. 8). Der (Stellen-) Wert, den Gesundheit im Leben einer Person einnimmt, steigt mit der subjektiven Bedeutung. Dem Thema Gesundheit wird zunehmend gesamtgesellschaftlich Aufmerksamkeit geschenkt. Dies lässt sich vor allem auf einen gesellschaftlichen Wandel des Gesundheitsverständnisses zurückführen.

Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts setzte sich eine pathogene Orientierung durch, wobei die Erkundung von Krankheitsursachen dominierte, was sich als negatives Gesundheitsverständnis verstehen lässt, das Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit definiert (Antonovsky/ Franke 1997, zitiert in Silbermann 2015, S. 8). Da den Erkrankten ein medizinisches Verständnis fehlt, sind sie auf Verhaltensanweisungen des Arztes beschränkt und wenden als „unmündige“ Verbraucher vornehmlich vorgegebenes Verhalten an (Faltermaier 1994, zitiert in Silbermann 2015, S. 8). Es lassen sich eine Verschiebung der Verantwortung sowie Schuld an der eigenen Krankheit vom Individuum an das professionelle Gesundheitssystem vermerken. Der individuelle Verhaltensaspekt verliert ebenso an Bedeutung (Ehrlich 2006 zitiert in Silbermann 2015, S. 8).

Diese Perspektive wandelte sich seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zu einem ganzheitlichen Gesundheitsverständnis, in dem additiv zu den physischen, ebenso psychische und soziale Faktoren des Individuums als relevante Aspekte der Gesundheit berücksichtigt werden (Ehrlich 2006, zitiert in Silbermann S. 8). Darüber hinaus wird mit dem Aufkommen der Risikofaktorenmedizin dem Kranken wieder mehr Verantwortung wie auch Selbstverschuldung zugewiesen. Damit geraten Verhaltensweisen für die Entstehung von Krankheiten erneut in den Blick. Die Entwicklung geht in eine salutogenetische Orientierung über, womit ein positives Gesundheitsverständnis einhergeht, das sich mit der Erkundung der Ursachen für Gesundheit befasst und Gesundheit als Vorhandensein von Bewältigungsfähigkeit und -ressourcen versteht (Antonovsky/ Franke 1997; Schachenhofer 1997 zitiert in Silbermann 2015, S. 9). Mit der veränderten Sichtweise, dass der Mensch mit seiner Lebensweise eigens Verantwortung für seine Gesundheit trägt, wandelt sich auch seine Rolle vom passiven Patient zum aktiven und selbstbestimmenden Konsument im Gesundheitsbereich. Es werden nicht mehr nur Gesundheitsleisungen zum Zweck der reinen Krankheitsbehandlung konsumiert, sondern die Entwicklung geht hin zur ganzheitlichen Gesundheitsoptimierung. Begleitet von der Tatsache, dass der Mensch ein immer höheres Alter erreicht, kommt es dazu, dass eine gesunde Lebensweise mit präventivem Charakter an Bedeutung gewinnt und Gesundheit sich als Wert etabliert (Dunn 1959, zitiert in Silbermann 2015, S. 9). Der Lebensstil und das tägliche Konsumverhalten tragen grundlegend zur Gesundheits- sowie Krankheitsentwicklung bei.

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Titel: Gesundheitswahn? Selbstoptimierung und individueller Zwang als Reaktion auf sozialen Druck zur gesunden Ernährung