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Eine psychoanalytische Interpretation von Schillers "Räuber" im Freud’schen Sinne

Hausarbeit 2011 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Die Massenpsychologie und Ich-Analyse
2.1 Der Massenbegriff bei Freud
2.2 Die libidinöse Konstitution einer Masse

3. Interpretation
3.1 Die Massenbildung der Räuber
3.2 Die Überhöhung des Führers
3.3 Die Räuber als Masse

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

6. Anhang

1.Einleitung

Friedrich Schiller (1759-1805) wird die Geschichte des bayerischen Räubers Hiesel oder des rheinischen Schinderhannes bekannt gewesen sein, als er sein Drama Die Räuber verfasst hat; denn jenes Motiv des ‚edlen’ Räuberdaseins galt ihm als Vorbild bei der Gestaltung der Figur des Karl Moor.[1] Jedoch sind die restlichen Mitglieder der Räuberbande keineswegs edel, sondern unmoralisch und ruchlos. Doch woher kommen diese Skrupellosigkeit und der Wandel zu einem Verbrecher? Genau mit dieser Fragestellung beschäftigt sich diese Hausarbeit. Methodisch liegt hier der psychoanalytische Interpretationsansatz zu Grunde, wobei vor allem Sigmund Freuds Werk Massenpsychologie und Ich-Analyse als Grundlagentext für die Erklärung der aufgezeigten Phänomene dienen soll.

Die Hausarbeit ist hauptsächlich in zwei Abschnitte gegliedert: Zunächst soll eine Begriffsbestimmung von Masse und das Aufzeigen der libidinösen Konstruktion der Räuberbande im Freud’schen Sinne erfolgen. Zweitens gilt es, die psychoanalytischen Denkansätze auf die Räuber zu beziehen. In diesem Sinne wird zunächst die Massenbildung und Karls Wandel als Hauptmann untersucht, um zuletzt das Verhalten der Räuber als Masse zu analysieren. Obwohl Freud nicht der einzige Psychoanalytiker ist, der sich mit der Massenpsychologie auseinandergesetzt hat, bleiben die Beobachtungen auf dessen Errungenschaften beschränkt, da er zusammen mit Le Bon als dessen Begründer gilt und das Heranziehen weiterer Ansichten über den Rahmen dieser Arbeit hinaus ginge.

2. Die Massenpsychologie und Ich-Analyse

2.1 Der Massenbegriff bei Freud

Da diese Arbeit Schillers Räuber hinsichtlich der Massenpsychologie Freuds untersuchen wird, ist es daher notwendig, zunächst einmal den Begriff der Masse bei Freud zu präzisieren. Freuds Massenpsychologie kann im Grunde als eine Fortführung von Gustave Le Bons Gedanken gesehen werden, der die Masse als ein „unbestimmtes Wesen“ definiert, „das aus ungleichartigen Bestandteilen besteht, die sich für einen Augenblick miteinander verbunden haben“.[2] Der Einzelne wird demnach entindividualisiert und nur noch kollektiv wahrgenommen. Nach Le Bon wirkt in der Masse Suggestion und das einer Masse zugehörige Individuum hat keine Persönlichkeit mehr. Es ist sich seiner Handlungen nicht mehr bewusst, unterliegt seinen Trieben und denkt nicht rational, sondern einseitig. Mit Persönlichkeit meint Le Bon vor allem die Sittlichkeit und das Gewissen. Die unbewusste Persönlichkeit hingegen sind Triebe, die in Menschen bereits bestehen, die jedoch zum Vorschein kommen, nachdem die Sittlichkeit und das Gewissen abgeschaltet werden.[3]

Freud selbst führt Le Bons Ausführung weiter, indem er sich von dessen Definition nicht distanziert, jedoch seine Blickrichtung vom Einzelnen auf die Masse selbst lenkt. Denn als Voraussetzung für das Zustandekommen einer Masse gilt:

daß diese Einzelnen etwas miteinander gemein haben [...] Je stärker diese Gemeinsamkeiten [...] sind, desto leichter bildet sich aus den Einzelnen eine psychologische Masse und desto auffälliger äußern sich die Kundgebungen einer „Massenseele“.[4]

Freud zufolge herrscht in solch einer Masse die ‚Führersehnsucht’ und Massen mit einem Führer sind von Führerlosen zu unterscheiden.[5] Da wir in Schillers Räuber eine Truppe mit einem Führer haben, soll im nächsten Schritt die Bindung in einer solchen Masse spezifiziert werden.

2.2 Die libidinöse Konstitution einer Masse

Bei einer Masse handelt es sich nach Freud somit um „eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ich-Ideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben“.[6] Die libidinöse Konstruktion einer Masse ist also eine Doppelbindung zwischen Führer und Geführtem, aber auch zwischen den Massenindividuen. Die ‚Libido’ ist dabei die Energie all solcher Triebe, die man unter dem Begriff Liebe zusammenfassen kann, während das ‚Ich-Ideal’ den Pol des Ichs darstellt, zu dem es strebt, mit dem es noch nicht oder nicht ganz übereinstimmt.[7] Die Massenindividuen sind also hierbei der Illusion unterworfen von ihrem Führer geliebt zu werden. Außerdem identifizieren sich die Mitglieder einer Masse dadurch miteinander, dass der Führer zu ihrer gemeinsamen Objektwahl wird. Dieses Verhältnis ist lediglich ein Abhängigkeitsverhältnis, da die gegenseitige Identifikation ein Resultat der Identifikation mit dem Ich-Ideal ist.[8] Der Vorgang der libidinösen Konstruktion der Masse kann folgendermaßen zusammengefasst werden:

[1.] Identifizierung der Massenindividuen untereinander […] [2.] Identifizierung mit dem Führer bzw. einer Idee oder Ideologie […] [3.] Projektion: Die Abtretung des individuellen Ich-Ideals an den Führer bzw. eine Ideologie, die dadurch magisch überhöht und enorm gestärkt werden […] [4.] Ersetzung des individuellen Ich-Ideals durch ein Objekt, also den Führer oder die nun kollektiv gewordene Idee […][9]

Durch diese Bindung zu einer Masse verändert sich der persönliche Charakter der Massenindividuen. Während Freud zufolge die Intelligenz gesenkt wird, wird aber auch gleichzeitig die Affektivität erhöht. Dies führt auch dazu, dass die ‚Massenseele’ als Teil einer Masse differenziert handelt. Denn als Mitglied einer Masse hat er sich nicht vor einer strafenden Autorität zu fürchten, da er diese durch die Masse selbst ersetzt hat.[10]

3. Interpretation

3.1 Die Massenbildung der Räuber

Karl Moor tritt uns in Schillers Räuber als ein freidenkender Student hervor, der aus jugendlichem Leichtsinn allerhand Unfug getrieben und Schulden gemacht hat, wofür er jetzt bestraft werden soll. Jedoch bereut er sein Handeln und gesteht in einem Brief alles seinem Vater – in der Hoffnung, dass dieser ihm alles verzeihen wird. Zur gleichen Zeit, in der Karl den von seinem Bruder Franz verfassten Brief seines Vaters erhält, welcher besagt, dass dieser ihn enterbt und verstoßen hat, möchte Spiegelberg eine Räuberbande gründen und von dieser auch Hauptmann werden. Jedoch schlägt Schweizer Karl für diesen Posten vor.[11] Aus einer Kurzschlussreaktion, die durch den anscheinenden Verrat des Vaters herbeigerufen wird, nimmt Karl an und sie schwören sich Treue bis in den Tod:

MOOR: Und nun bei dieser männlichen Rechte, schwör ich euch hier, treu und standhaft euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! Den soll dieser Arm gleich zur Leiche machen, der jemals zagt oder zweifelt, oder zurücktritt! Ein gleiches widerfahre mir von jedem unter euch, wenn ich meinen Schwur verletze! Seid ihr’s zufrieden? / ALLE: […]: Wir sind’s zufrieden.[12]

Bei näherer Betrachtung ist es ersichtlich, dass die Konstruktion der Räuberbande im Freudschen Sinne geschieht: Der erste Schritt, also „die Identifizierung der Massenindividuen untereinander […]“[13], bildet das Fundament für diese verschworene Bande. Sie alle fühlen sich in einem ähnlichen Schicksal gefangen und identifizieren sich dadurch untereinander, denn sie alle wurden mit einer düsteren Zukunftsaussicht konfrontiert. Aus dieser negativen Konfrontation erfolgt nun der nächste Schritt: Die „Identifizierung mit dem Führer bzw. einer Idee oder Ideologie […]“[14]. Denn diese Masse verbindet an primärer Stelle die Idee eines Verbrecherdaseins, angestiftet durch die Erfahrung von sozialem Elend, Abenteuerlust und vor allem Perspektivlosigkeit. Roller selbst kommentiert die Situation folgendermaßen: „Ein Räuberleben ist doch auch besser, als bei Wasser und Brot im untersten Gewölbe der Türme [zu sein].“[15]

Weiterhin kommt die zuvor erwähnte ‚Führersehnsucht’ hierbei ebenfalls zur Geltung. Die Männer wollen einen Führer, dem sie sich unterordnen können: „Du sollst unser Hauptmann sein! Du mußt unser Hauptmann sein.“[16] Sie projizieren ihr Ich-Ideal auf ihren Führer („Und Büberei ist das ganze wenn er nicht an der Spitze steht – ohne den Moor sind wir Leib ohne Seele.“[17] ) um dann schließlich ihr Ich-Ideal sogar durch Karl als ihr Oberhaupt zu ersetzen, in dem sie ihm Gehorsamkeit bis in den Tod geloben.[18]

3.2 Die Überhöhung des Führers

Karl Moor selbst wird durch die Ernennung zum Hauptmann „überhöht und enorm gestärkt“[19]. Denn genauso wie der Grund für die Konstitution der Räuberbande, ist bei genauerer Lektüre auch die Causa für Karl Moors Beitritt zur Bande ersichtlich: Es geschieht aus einer Kurzschlussreaktion wegen äußerster Verzweiflung, da er sich von seinem Vater verstoßen sieht; die Räuberbande soll ihm also ab jetzt den notwendigen Halt und die Verstärkung, die er braucht, bieten. So sieht und behandelt Karl seine Gefolgsleute als „elende Werkzeuge [s]einer größeren Pläne“[20] und vergöttert sich selbst, wenn er sich selbst als „höhere[n] Mensch[en]“[21] bezeichnet, der sich zu seiner Funktion berufen fühlt. Freud zufolge muss „[d]er Führer niemand anderen […] lieben, er darf von Herrennatur sein, absolut narzisstisch, aber selbstsicher und selbstständig“.[22] Doch warum hat Karl Moors Gewissen und Moral ihn nicht davon abgehalten sich der Räuberbande anzuschließen? Einerseits lehnt Karl ohnehin das gesamte „schlappe Kastratenjahrhundert“[23] ab, das zu nichts nütze sei und es „ekelt [ihm] vor diesem tintenklecksenden Säkulum“[24]. Andererseits sagt er selbst: „Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, dass mir jemals etwas teuer war.“[25] Denn nach Freud wird der Mensch von seinen Trieben gesteuert, doch dadurch dass er ein soziales Wesen ist, kann er sie kontrollieren und somit sexuelle oder auf Aggression bedachte Ziele in kulturelle Leistungen umwandeln. Diese Triebkontrolle wird durch sein soziales Umfeld – also durch die Gesellschaft und die Eltern – anerzogen. Nur die Angst vor dem Liebesentzug seines sozialen Umfeldes zwingt ihn dazu, diese Triebe zu hemmen.[26] Diese Freud’sche Theorie findet in dem Helden Karl Moor seine Geltung. Denn jener ist zum Zeitpunkt der Gründung der Räuberbande fest davon überzeugt, keinen Vater mehr zu haben – dessen Liebesentzug braucht er also nicht mehr zu fürchten. Für ihn ist die Liebe zu seinem Vater „die Schwäche eines Menschen, und wer sie nicht hat, muss entweder ein Gott oder – ein Vieh sein.“[27] Karl Moor hat nichts mehr zu verlieren und muss sich nicht mehr den Verboten der Menschen fügen. Er muss nun nicht wie ein Mensch seine Triebe kontrollieren, sondern kann sich wie ein ‚Vieh’, also wie ein Tier, triebgesteuert verhalten.

3.3 Die Räuber als Masse

Werden nun die Räuber als eine psychologische Masse betrachtet, kann festgehalten werden, dass sich in ihrem Räuberdasein der Charakter der ‚Massenseelen’ wandelt. Sie setzen ihr Gewissen und ihre Sittlichkeit außer Kraft, so kommen ihre unbewussten Triebe, nämlich die Skrupellosigkeit, zum Vorschein: So verbrennt Schufterle zum Beispiel Kinder und schwangere Frauen, Spiegelberg bringt mithilfe einer falschen Personenbeschreibung einen Unschuldigen an den Galgen, überfällt und plündert ein Nonnenkloster, um diese nicht zuletzt zu vergewaltigen.[28] Sie müssen ihre Triebe nicht kontrollieren, da sie im Schutze der anonymen Masse stehen und die Gesetze nicht fürchten müssen. Es sind jedoch nicht nur Schufterle und Spiegelberg, die von jenen unbewussten Trieben geleitet werden, denn das Phänomen der Ansteckung kann vor allem in dem Räuberlied gesehen werden, welches die Räuber in einem Wald

[...]


[1] Freiburger Autorenkollektiv (Hg.): Das Räuberbuch. Die Funktion der Literaturwissenschaft in der Ideologie des deutschen Bürgertums am Beispiel von Schillers Räuber. Frankfurt am Main: Verlag Stroemfeld 1993, S.53 f.

[2] Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Stuttgart: Kröner 1950, S.12.

[3] Vgl. Le Bon, Psychologie der Massen, S.17 ff.

[4] Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich-Analyse. In: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Hg. v. Anna Freud. London: Imago Publishing 1940, S.90.

[5] Vgl. ebd., S.84f.

[6] Imbusch, Peter (Hg.): Moderne und Gewalt. Zivilisationstheoretische Perspektiven auf das 20. Jahrhundert. VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004, S.139.

[7] Albrecht, Sandra: Protokoll der Vorlesung Gewissen. www.psychologie.uzh.ch/klipsastat/team/boothe/lehre/ws03/documents/ProtokollVorlEntwcklpsychWS0304GEWISSEN190104Albrecht.pdf (22. April 2011)

[8] Vgl. Nonhoff, Martin (Hg.): Diskurs radikale Demokratie und Hegemonie. Zum politischen Denken von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Bielefeld: Transcript Verlag 2007, S.130.

[9] Imbusch, Moderne und Gewalt, S. 140ff.

[10] Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, S.91f.

[11] Vgl. Schiller, Die Räuber, S.104.

[12] Ebd., S.104.

[13] Imbusch, Moderne und Gewalt, S. 140.

[14] Imbusch, Moderne und Gewalt, S. 141.

[15] Schiller, Die Räuber, S.103.

[16] Ebd., S.104.

[17] Ebd., S.103.

[18] Vgl. Ebd., S. 105

[19] Imbusch, Moderne und Gewalt, S. 140.

[20] Schiller, Die Räuber, S.160.

[21] Ebd., S.161.

[22] Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, S.138.

[23] Schiller, Die Räuber, S.95.

[24] Ebd.

[25] Schiller, Die Räuber, S.105.

[26] Vgl. Fromm, Erich (Hg.): Sigmund Freuds Psychoanalyse. Größe und Grenzen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1981, S. 106ff.

[27] Schiller, Die Räuber, S.96.

[28] Vgl. Schiller, Die Räuber, S.120f.

Details

Seiten
12
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668255531
ISBN (Buch)
9783668255548
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335569
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Schlagworte
eine interpretation schillers räuber freud’schen sinne

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Titel: Eine psychoanalytische Interpretation von Schillers "Räuber" im Freud’schen Sinne