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Reise als Motiv in der Literatur des Mittelalters. Identitätskrise und Selbsterkenntnis im Volksbuch "Fortunatus"

Seminararbeit 2013 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Reisen im Mittelalter

3. Die Reisen des Fortunatus

4. Die metaphorische Bedeutung der Reise
4.1 Die Identitätskrise des Fortunatus
4.2 Geld als Ersatz für Identität

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Volksbuch Fortunatus wurde 1509 von einem unbekannten Autor veröffentlicht und erlangte zu seiner Zeit und in den darauf folgenden Jahrhunderten einen Bestseller-Status. Im 16. Jahrhundert erschien der Prosatext in 20 Auflagen, in elf Auflagen im 17. Jahrhundert und in neun Auflagen im 18. Jahrhundert und wurde in dreizehn Sprachen übersetzt. Die Hauptthematik des Romans beinhaltet den Protagonisten Fortunatus, der seine Heimat, die Insel Zypern, verlässt und sich mit einem Glückssäckel und Wunschhütlein einer abenteuerlichen Reise begibt.[1]

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Reise des Protagonisten und versucht die Frage zu beantworten, inwiefern die Reise als eine Reise des Protagonisten zur Selbsterkenntnis gesehen werden kann. Dazu wird zunächst für ein besseres Verständnis Hintergrundinformation zum Reisen im Mittelalter geliefert. Danach wird die Reise des Fortunatus näher untersucht und schließlich wird die metaphorische Ebene seiner Reise im Hinblick auf die Identitätskrise des Protagonisten fokussiert.

2. Reisen im Mittelalter

Dem Reisen im Mittelalter lagen, im Gegensatz zu heute, viele verschiedene Anlässe zu Grunde. Vor allem waren diese von der reisenden Person abhängig und davon, zu welcher sozialen Schicht diese Person im Gefüge der Ständegesellschaft gehörte. Das folgende Diagramm stellt die mittelalterliche Ständeordnung vereinfacht dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: Ständeordnung im Mittelalter[2]

Die meisten Herrscher im Mittelalter besaßen keinen festen Wohnsitz. Dennoch hatten die meisten Herrscher Residenzen, die ist öfter aufsuchten. So waren sie darauf angewiesen, ständig durch ihr Reich zu reisen. Das Reisekönigtum war bis ins Spätmittelalter üblich. Hierbei reiste nicht nur die königliche Familie, sondern auch der sogenannte Hofstaat.[3]

Die geistliche und weltliche Welt lebten in einer Abhängigkeit miteinander. Jedoch waren die geistlichen, sowie weltlichen Machthaber viel beschäftigt und konnten sich daher oft nicht persönlich antreffen. Deshalb setzte man Vermittler ein, die damit beauftragt waren, Nachrichten und Briefe weiterzuleiten. Allerdings unterschied man zwischen zwei Arten von Vermittlern: Boten waren oft einfacher Abstammung und besaßen nur die Aufgabe den Brief zu vermitteln und eine Antwort mitzubringen. Gesandte, welche meist Adlige oder Kleriker waren, hatten auch die Befugnis, im Namen ihrer Auftraggeber Entscheidungen zu fällen.

Ritter reisten vor allem um ihren Rum und ihre Ehre auszubauen. Auf ihren Reisen erlebten sie viele gefährliche und ruhmreiche Abenteuer. Oft waren es Kämpfe gegen Heiden, die den adligen Rittern den erhofften Respekt verschafften. Aber auch durch die festlichen Zweikämpfe zwischen Rittern, welche am Hof stattfanden, konnten sich die Ritter einen Namen machen. Jedoch waren viele Ritter nicht auf Ruhm bedacht, sondern nahmen bei den Kreuzzügen teil. Es war nicht ungewöhnlich, dass Ritter dabei ums Leben kamen oder beim Krieg inhaftiert wurden.[4]

Ein weit verbreiteter Grund zum Reisen waren die Wall- und Pilgerfahrten. Pilger reisten meist in Gruppen. Es kam selten vor, dass man Pilger allein auffand. Das Alleinreisen war sehr gefährlich, weswegen sie sich später zusammenschlossen. In Europa war es üblich sich im Frühjahr auf die Reise zu begeben. Da viele Pilger keine Reittiere hatten und den gesamten Weg zu Fuß gehen mussten, bot es sich an aufzubrechen, nachdem der Schnee geschmolzen war. Falls sie doch Tiere bei sich hatten, gab es die Möglichkeit, die Tiere grasen zu lassen. Außerdem gab es erst gegen Anfang des Spätmittelalters Gasthäuser, in welchen die Pilger übernachten konnten, daher waren sie auf gutes Wetter angewiesen. Pilgerfahrten waren sehr unterschiedlich lang. Sie konnten wenige Tage aber auch mehrere Monate betragen. Die Dauer hing vor allem von der Distanz ab, die die Pilger auf sich nahmen. Man unterschied zwischen den Fernpilgerfahrten und den Überregionalen Pilgerfahrten. Wobei das erstere mehrere Monate in Anspruch nahm. Wallfahrten waren für Frauen eine der wenigen Möglichkeiten zu reisen. Frauen wurden im Mittelalter als das untergeordnete Geschlecht beschrieben und erhielten überhaupt keine Rechte und spielten keine wichtige Rolle.[5]

Händler stellten im Mittelalter eine große Gruppe von Reisenden dar. Das mittelalterliche Handelssystem bestand aus Fern- und Kleinhandel. Während Kleinhändler nur in ihren Siedlungen tätig waren, reisten Fernhändler umher, um Waren importieren zu können. In Europa waren Gewürze und Stoffe die meist gefragten Importwaren. Deshalb reisten viele Händler nach Asien. Im Gegenzug wurden Waren aus Europa mitgenommen, die man nicht in Asien auffinden konnte. Diese Arten von Reisen waren die einzigen, bei welchen man über See fuhr. Dies hatte einen einfachen Grund: Es herrschte im Mittelalter das Zollrecht. Das Zollrecht besagte, dass die Landesherren beziehungsweise Vasallen im Namen ihres Herrschers von Reisenden und Händlern, die die Grenzen ihres Reiches überschritten, einen Zoll oder eine Maut erheben durften. Die Siedlungen, beziehungsweise autonomen Städte im Spätmittelalter, wurden vom Handel geprägt und waren auf ihn angewiesen. Deshalb wurden im 12. Jahrhundert die Städte durch ein Handelsnetz miteinander verknüpft.[6]

Die untere Schicht, also das Bürgertum, welches 89 Prozent der Bevölkerung ausmachte, unternahm keine Reisen. Dies lag vor allem an dem Zollrecht und den Gefahren, die das Reisen mit sich brachte. Viele Reisenden starben an Seuchen und Epidemien, die sie sich einfingen. Aber auch Raub und Diebstahl gehörten zu den Gefahren. Reisen konnten sich nur Reiche, Adlige oder Kleriker leisten und waren deshalb für Diebe und Gauner anregend. Ein weiteres Problem lag darin, dass Gasthäuser erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts erfunden wurden. Dies bedeutete, dass die Menschen oft im Freien schlafen mussten, welches das Risiko eines Raubes erhöhte.[7]

3. Die Reisen des Fortunatus

Um die metaphorische Bedeutung der Reise des Fortunatus herauszuarbeiten ist es von immenser Signifikanz die Motivation für die Reise und dessen Route näher zu betrachten. Den Mittelpunkt seiner Reise stellt Famagosta in Zypern, der Herkunftsort des Protagonisten, dar.

[...]


[1] Vgl. Prager, Debra: Fortunatus: “Aus dem Königreich Cipern“ Mapping the World and the Self. In: Daphnis 33 (2004). Heft 1-2. S. 123.

[2] http://www.migrazioni.altervista.org/2confessioni/deu/mittelalter/images/drei_staendeordnung.gif (01.07.2013)

[3] Vgl. Doll, Maike: Auf Reisen im Mittelalter. Gahmuret und Herzog Ernst. Norderstedt 2008, S.3.

[4] Vgl. Doll (2008), S.3ff.

[5] Jung , Janine: Frauen auf Pilgerreisen im Mittelalter. Norderstedt 2010, S.6ff.

[6] Kleinschmidt, Harald: Menschen in Bewegung. Inhalte und Ziele historischer Migrationsforschung. Göttingen 2002, S.62f.

[7] Vgl. Jung (2010), S. 6f.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668256231
ISBN (Buch)
9783668256248
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335558
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik
Note
1,3
Schlagworte
reise motiv literatur mittelalters identitätskrise selbsterkenntnis volksbuch fortunatus

Autor

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Titel: Reise als Motiv in der Literatur des Mittelalters. Identitätskrise und Selbsterkenntnis im Volksbuch "Fortunatus"