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Analyse von CO2 Bilanzen: Übersicht der Emissionen auf der globalen Ebene und Auswertung der Entwicklung Deutschlands

Industrielle Infrastrukturen und Klimaschutz-Transformationsprozesse in der Industrie

Seminararbeit 2016 62 Seiten

VWL - Umweltökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungs- und Akronymverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Ansätze der CO2-Bilanzierung
2.1 Produzenten-Ansatz – Geografische Definition
2.2 Produzenten-Ansatz – Ökonomische Definition
2.3 Konsumenten-Ansatz – Ökonomische Definition
2.4 Carbon Leakage
2.5 Input-Output Tabellen

3 Stand der internationalen Klimapolitik
3.1 Kyoto-Protokoll
3.2 Paris-Abkommen

4 Analyse von CO2 Bilanzen auf der Ebene der Ländergruppen
4.1 Produktionsbezogene CO2-Emissionen
4.2 Konsumbezogene CO2 Emissionen und CO2 Handelsbilanzen

5 Deutschlands CO2 Bilanzen
5.1 Deutschlands CO2 Emissionen und Footprint
5.2 Faktoren für die Ausprägung der CO2 Handelsbilanzen Deutschlands

6 Fazit
6.1 Schlussfolgerung und politische Handlungsempfehlungen
6.2 Kritische Würdigung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungs- und Akronymverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung von globalen Kohlendioxid (CO2) Emissionen 1970 – 2013

Abbildung 2: Produktionsbezogene CO2 Emissionen nach Ländergruppen 1960 – 2013

Abbildung 3: Produktionsbezogene CO2 Emissionen nach geographischen Regionen 1960 – 2013

Abbildung 4: Top 10-CO2-Emittenten für 2013

Abbildung 5: Pro-Kopf CO2 Emissionen in den Top 10-CO2-Emittenten für 2013

Abbildung 6: Konsum- vs. produktionsbezogene CO2 Emissionen nach Ländergruppen

Abbildung 7: CO2 Bilanzen von Industrie- und Entwicklungsländern, 1995 – 2011

Abbildung 8: CO2 Bilanzen von Annex-B- und Nicht-Kyoto-Ländern, 1990 – 2008

Abbildung 9: Kyoto Reduktionsziele und Veränderung von produktions- und konsumbezogenen Emissionen ausgewählter Annex B-Länder, 1990 – 2011

Abbildung 10: Entwicklung von konsumbezogenen Pro-Kopf CO2 Emissionen nach Regionen

Abbildung 11: Ranking der 10 größten Nettoimporteure und -exporteure, 1995 und 2005

Abbildung 12: Transfer der CO2 Emissionen auf der regionalen Ebene, 2011

Abbildung 13: Deutschlands CO2 Emissionen, 1995 – 2011

Abbildung 14:Prozentualer Anteil von im Ausland emittierten Kohlendioxid an der CO2 Endnachfrage, 1995 und 2011

Abbildung 15: : Zusammensetzung von Deutschlands konsumbezogenen Emissionen nach derer Herkunft, 1995 – 2011

Abbildung 16: Deutschlands CO2 Endnachfrage 2011, Top 10 Industrien nach der Höhe des Konsums ausländischer Herkunft

Abbildung 17: Emissionen in Exporten, nach Produktgruppen, 2011

Abbildung 18: Abbildung 18: Kohlenstoffintensität der G20

Abbildung 19: Entwicklung von Kohlenstoffintensität in Deutschland und seinen wichtigsten THG Handelspartnern

Abbildung 20: Kohlenstoffintensität von CO2 Hotspots im Deutschlands CO2 Konsum nach motorisierten Fahrzeugen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht der Bilanzierungsansätze

1 Einleitung

Seit der Industrialisierung steigt die globale Mitteltemperatur der unteren Luftschichten, wobei für einen bedeutenden Teil dieses Anstiegs die Menschen verantwortlich sind (sog. anthropogene Klimaveränderung). Durch das Verbrennen fossiler Energieträger, die groß-flächige Entwaldung und die Land- und Viehwirtschaft werden treibhauswirksame Gase (THG) in der Atmosphäre angereichert (UBA 2016a). Kohlenstoffdioxid (CO2) ist dabei das bedeutendste Gas, da es einen Anteil von 88,2% (Stand 2013) an den gesamten THG Emissionen aufweist (UBA 2015a). Neben der weltweit steigenden Durchschnittstemperatur sind stärkere Klimaschwankungen und häufigere Extremwetter-Ereignisse wie Stürme, Dürren oder Hitzesommer die Folgen (UBA 2015b).

Der Energiesektor stellt die wichtigste Emissionsquelle dar, gefolgt von dem Industriesektor. Für Deutschland sind z.B. diese beiden Bereiche für über die Hälfte des CO2 Ausstoßes verantwortlich (Stand 2012) (Deutscher Bundestag 2014, 11). Kohlendioxid entsteht überwiegend durch Verbrennungsprozessen in Anlagen, in erster Linie durch fossile Brennstoffe zur Stromerzeugung. Weitere Emissionen entstehen bei Industrieprozessen, also der Produktion von Gütern und Waren (UBA 2016b; Deutscher Bundestag 2014, 10). Einige Länder können ihren Ressourcenabbau sowie ihre Emissionen durch die Produktions- und Konsumprozesse im eigenen Hoheitsgebiet wirksam überwachen. In einer globalisierten Wirtschaft verlaufen Produktionsketten jedoch nicht nur innerhalb eines Landes. Durch den internationalen Gütertransport werden durch Schiffe, Flugzeuge und Lastwagen weitere Emissionen emittiert. Aus diesen Gründen spiegeln die nationalen Emissionen, wie auch die Reduktion dieser - in Folge von international vereinbarten Zielen - nicht die Emissionen des endgültigen Konsums eines Landes wieder (Tukker et al. 2014, 8).

Um den Temperaturanstieg auf deutlich unter 2°C gegenüber dem Beginn der Industrialisierung zu begrenzen, gilt es die globalen CO2 sowie anderen THG Emissionen zu reduzieren (ggf. vollkommen zu neutralisieren). Der Ort der Entstehung von Emissionen ist dabei nicht entscheidend. Für die Entwicklung geeigneter Strategien und Methoden der THG Verringerung ist es jedoch relevant zu wissen, auf welchem Wege, wo und aus welchem Grund die Emissionen entstehen. Dies demonstriert ein Zitat von Jacqueline McGlade (Exekutivdirektorin der Europäischen Umweltagentur von 2003 bis 2013): „One cannot manage what one cannot measure” (Tukker et al. 2014, 4; WRF 2015). Trotz der Bemühungen in der internationalen Klimapolitik die CO2 Emissionen zu verringern, steigt der globale Ausstoß weiter an (OECD 2016). Aus diesem Grund erscheint es von großer Relevanz zu sein, die Wahl der Berechnungsgrundlage kritisch zu hinterfragen, Berechnungsansätze zu vergleichen und daraus abgeleitete Erkenntnisse auszuwerten, denn diese bedingen die Zielsetzung und die Wirksamkeit der Methoden und Strategien.

Das Ziel dieser Arbeit ist CO2 Bilanzen auf der globalen Ebene sowie auf der Staatsebene am Beispiel Deutschlands zu analysieren. Hierzu bedarf es zunächst verschiedener Grundlagen, welche in Kapitel 2: „Ansätze der CO2 Bilanzierung“ bearbeitet werden. An dieser Stelle wird auf den Unterschied zwischen dem Konsumenten- und Produzenten-Ansatz eingegangen und es werden 3 mögliche Bilanzierungsmethoden mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen präsentiert. Weiterhin wird in diesem Kapitel Carbon Leakage als Problem der Verlagerung von Emissionen ins Ausland vorgestellt und Input-Output Tabellen als Grundlange für Modelle zur Messung von Emissionen nach dem Konsumenten-Ansatz beschrieben. Kapitel 3 beschäftigt sich anschließend mit dem Stand der internationalen Klimapolitik.

In Kapitel 4 werden dann CO2 Bilanzen auf der Ebene der Ländergruppen analysiert. Nach einem Überblick zur Entwicklung der globalen CO2 Emissionen werden zunächst in Kapitel 4.1 CO2 Bilanzen nach dem Produktionsprinzip und im Anschluss in Kapitel 4.2 konsum-bezogene CO2 Emissionen sowie CO2 Handelsbilanzen dargestellt.

In Kapitel 5 werden die CO2 Bilanzen Deutschlands analysiert. Einleitend wird dargestellt, welche Rolle Deutschland in Bezug auf den CO2 Ausstoß spielt. Die CO2 Emissionen sowie der Footprint des Landes werden in Kapitel 5.1 behandelt. Kapitel 5.2: „Faktoren für die Ausprägung der CO2 Handelsbilanzen Deutschlands“ behandelt die Art der gehandelten Ware und die Kohlenstoffintensität der heimischen Wirtschaft sowie der wichtigsten Handelspartner.

Im Fazit werden die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasst, Schluss-folgerungen bzw. politische Handlungsempfehlungen ausgesprochen und ein kurzer Ausblick gegeben.

2 Ansätze der CO2-Bilanzierung

Für die Zuordnung von Emissionen auf Länder gibt es zwei Hauptansätze: der Produzenten- und der Konsumenten-Ansatz. Der Produzenten-Ansatz betrachtet die Umweltbelastungen innerhalb eines Landes oder einer Region und folgt dem Verursachungsprinzip, indem er die Produzenten für alle Emissionen, welche unmittelbar aus ihrem Produktionsverfahren resultieren, verantwortlich macht. Der Konsumenten-Ansatz hingegen ordnet die Umwelt-belastungen den Verbrauchern zu. Alle auf den Konsum der Einwohner eines Landes bezogenen Emissionen werden dem jeweiligen Land zugerechnet. Dies umfasst ebenso die direkten wie auch indirekten Emissionen von importierten Waren und Dienstleistungen für den Verbrauch (Wilting und Vringer 2009, 291-292).

Tabelle 1 zeigt diese beiden Ansätze in einer Übersicht und stellt eine Zusammenfassung der 3 verschiedenen Bilanzierungsmethoden, sowie die zugehörigen Vor- und Nachteile, dar. Die in der Tabelle resümierten Punkte werden in den Kapiteln 2.1 bis 2.3 näher erläutert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Übersicht der Bilanzierungsansätze eigene Darstellung

Die Bilanzierung von Emissionen kann nach drei Methoden erfolgen: (1) mit der Produktion innerhalb der geografischen Definition eines Landes (territoriale Bilanzierung), (2) mit der Produktion innerhalb der ökonomischen Definition eines Landes oder (3) mit dem Konsum innerhalb der ökonomischen Definition eines Landes (Peters und Hertwich 2008a, 53; Barrett et al. 2013, 452-453).

2.1 Produzenten-Ansatz – Geografische Definition

Das Konzept der territorialen Bilanzierung wird beispielsweise von der Klimarahmen-konvention UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) angewendet (z.B. im Kyoto-Protokoll, siehe Kapitel 3.1) (Bruckner et al. 2009, 8). Die UNFCCC ist das internationale, multilaterale Klimaschutzabkommen der Vereinten Nationen mit dem Ziel, eine vom Menschen verursachte Störung des Klimasystems zu verhindern und folgt den IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) Guidelines for National Greenhouse Gas Inventories (BMUB 2015b; Barrett et al. 2013, 452).

In den Richtlinien der IPCC werden die Emissionen dem Land zugerechnet, in dessen nationalem Territorium und Offshore-Bereichen, über welche das Land die Hoheitsrechte besitzt, sie verursacht wurden. Emissionen, welche beispielsweise auf dem Straßentransport durch den Treibstoffverbrauch verursacht wurden, sind dem Land zuzurechnen, in welchem der Treibstoff verkauft wurde und nicht dem Zielland der Ware (IPCC 2006, 1.4).

Die Vorteile dieses Ansatzes sind eindeutige Systemgrenzen und eine breite Daten-verfügbarkeit. Die anfallenden Emissionen sind einfach zu erfassen und die Zielgröße ist durch die nationale Klimapolitik leicht steuerbar (Bruckner et al. 2009, 8; Aichele und Felbermayr 2011a, 15).

Eine Reduktion der territorialen Emissionen kann jedoch verschiedene Gründe haben. So können nationale Reduktionsziele dadurch erreicht werden, dass weniger umweltbelastende Güter exportiert oder mehr umweltbelastende Güter importiert werden. Damit verlagert ein Land seine Emissionen ins Ausland (sog. Carbon Leakage, siehe Kapitel 2.4) (Bruckner et al. 2009, 8; Wilting und Vringer 2009, 292).

Außerdem werden bei diesem Ansatz Treibhausgasemissionen, welche aus dem internationalen Flug- und Schiffstransport auf internationalem Gebiet anfallen, keinem individuellen Land zugerechnet, da sie nicht auf nationalem Territorium entstehen (Barrett et al. 2013, 452; Wilting und Vringer 2009, 292; Peters und Hertwich 2008a, 53, 61).

2.2 Produzenten-Ansatz – Ökonomische Definition

Die Emissionen innerhalb der ökonomischen Definition eines Landes sind die der inländischen institutionellen Einheiten, da in einer globalisierten Wirtschaft die institutio-nellen Einheiten auch außerhalb ihres Landes handeln (Peters und Hertwich 2008a, 54). Diese Methode der Emissionsbilanzierung wird beispielsweise vom System of National Accounts (SNA) verwendet (Barrett et al. 2013, 452). Das SNA ist der international vereinbarte Standard für die Erstellung nationaler volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Der bekannteste Indikator für die wirtschaftliche Leistung ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), welches durch das SNA vereinheitlicht wird (SNA 2009, 1).

Bei der Emissionsbilanzierung anhand der Grenzen des Wirtschaftssystems ergeben sich verschiedene Vorteile. Die vom SNA vorgegebenen Methoden sind bereits etabliert und werden von den meisten Ländern für die internationale Berichterstattung verwendet. Die zurzeit genutzte Methode nach den IPCC Richtlinien für die Erfassung von Emissionsdaten muss nicht verändert werden, lediglich die Methode der Emissionszuordnung. Weiterhin werden bei diesem Ansatz die Emissionen direkt mit wirtschaftlichen Indikatoren, wie dem BIP, vergleichbar gemacht und eine detaillierte Analyse der ökologischen Auswirkungen von wirtschaftlichen Aktivitäten wird ermöglicht (Peters und Hertwich 2008a, 54-55).

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass im SNA die Emissionen aus dem internationalen Flug- und Schiffstransport dem Land des Transportbetreibers zugeordnet werden. Der internationale Transport wird als Export behandelt und die Emissionen werden als Brutto-wertschöpfung zugeordnet (Barrett et al. 2013, 453; Peters und Hertwich 2008a, 54).

2.3 Konsumenten-Ansatz – Ökonomische Definition

Der Unterschied zwischen dem Produzenten- und Konsumentenansatz ergibt sich aus dem internationalen Handel. Die Umweltbelastung des Konsums entspricht derjenigen der Produktion abzüglich der Exporte zuzüglich der Importe eines Landes. Dieser Zusammenhang lässt sich anhand der folgenden Formel veranschaulichen:

Konsum = Produktion – Exporte + Importe.

Mit wachsendem internationalem Handel als Folge der Globalisierung nimmt der Unterschied zwischen den Belastungen der beiden Ansätze zu (Wilting und Vringer 2009, 293-294; Peters und Hertwich 2008a, 55).

Der Konsumenten-Ansatz wird von Footprint-Ansätzen, wie dem Carbon Footprint, dem ökologischen Fußabdruck oder dem Wasser-Fußabdruck, verwendet (Wilting und Vringer 2009, 292). Der Carbon Footprint eines Landes misst alle CO2-Emissionen, welche durch den Güterkonsum der Bevölkerung entstehen. Berücksichtigt werden dabei die Emissionen der sowohl im Inland produzierten wie auch der aus dem Ausland importierten Güter (Aichele und Felbermayr 2012, 336). Der Carbon Footprint wird durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst: die Kohlenstoffeffizienz der globalen Produktion, Veränderungen in der globalen Produktionsstruktur, Veränderungen in der Höhe und der Zusammensetzung der End-nachfrage (einschließlich der Auswahl zwischen inländischen und importierten Gütern), sowie soziodemografischen Trends wie beispielsweise Veränderungen von Haushaltsgrößen oder der Anzahl der Bewohner (Minx et al. 2009, 192).

Der Konsumenten-Ansatz führt nicht zu Carbon Leakage oder Verschmutzungshäfen (sog. „pollution havens“), da die Emissionen von importierten Gütern in der Umweltbilanzierung eines Landes berücksichtigt werden. Darüber hinaus ermöglicht dieser Ansatz, im Gegensatz zur territorialen Bilanzierung, die Berücksichtigung des internationalen Transports (Wilting und Vringer 2009, 293).

Allerdings werden komplexe Berechnungen benötigt, welche die Unsicherheit erhöhen (Csutora und Mózner 2012, 6). Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass die Emissions-bilanzierung eines Landes von der Datenqualität und –verfügbarkeit seiner Handelspartner abhängt. Somit variiert die Unsicherheit in Abhängigkeit von den Haupthandelspartnern und der Komplexität des internationalen Produktionsnetzwerks für einen bestimmten Wirtschaftssektor (Peters und Hertwich 2008a, 60).

Des Weiteren besteht die Möglichkeit die Emissionsbilanzierung nach dem Produzenten- und Konsumenten-Ansatz zu kombinieren, um die Verantwortung auf die Produzenten und Konsumenten aufzuteilen (Peters und Hertwich 2008a, 55). Diese Kombinationen werden in dieser Arbeit nicht berücksichtigt, sondern lediglich beide Extrempositionen betrachtet. Außerdem werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit Begriffe wie Produktionsprinzip, Produzenten-Ansatz, produktionsbezogene Emissionen u. Ä. synonym zur territorialen Bilanzierung im Sinne des Kapitels 2.1 benutzt.

2.4 Carbon Leakage

Wie im vorherigen Kapitel dargelegt wurde, besteht bei der territorialen Bilanzierung die Gefahr für Carbon Leakage. Aus diesem Grund soll in diesem Kapitel kurz auf dieses Problem eingegangen werden.

Carbon Leakage bezeichnet die Verlagerung der Produktion und damit der CO2-Emissionen ins Ausland als eine Folge nationaler Politikmaßnahmen. Dies kann einerseits dadurch erfolgen, dass Produktionsstätten geschlossen und in einem anderen Land mit weniger strengen Klimaschutzregelungen eröffnet werden. Andererseits kann Carbon Leakage dadurch erfolgen, dass Unternehmen aufgrund ihrer höheren Produktionskosten gegen Unternehmen aus Ländern mit weniger strengen Regelungen im Wettbewerb um Kunden und Aufträge unterliegen. Ein Grund für die verteuerte inländische Produktion ist beispielsweise der Emissionshandel. Dies führt letztlich dazu, dass die Produktion der Güter im Ausland stattfindet (Bruckner et al. 2009, 6; Görlach et al. 2008, 4, 7-8; Peters und Hertwich 2008b, 1404).

In dem ursprünglichen Produktionsland sinken durch Carbon Leakage Produktion und Emission, aber auch Umsatz und Beschäftigung. Aus Umweltsicht besteht ein Problem, wenn die Verlagerung der Produktion dazu führt, dass die globalen Emissionen insgesamt höher liegen als im Referenzfall ohne Carbon Leakage. Wenn dieselben Güter, z.B. aufgrund weniger effizienter Technik, mit höheren Emissionen hergestellt werden und zusätzlich wieder importiert werden müssen, steigen bei gleichbleibender Produktion die Gesamt-emissionen (Görlach et al. 2008, 4, 9).

2.5 Input-Output Tabellen

Input-Output Tabellen bzw. erweiterte Input-Output Modelle und Analysen dienen als Grundlage für die Messung von Emissionen nach dem Konsumenten-Ansatz. Nach einer Einführung zu den Tabellen bzw. Modellen werden die derzeitigen Hauptdatenbanken genannt, sowie aufgeführt, welche Datenbanken für diese Arbeit genutzt wurden.

Eine Input-Output (IO) Tabelle beinhaltet die gesamte Wirtschaft eines Landes. Die Produktion wird dabei in Industriesektoren und der Konsum in Produkt- und Dienstleistungs-gruppen unterteilt. Die Tabellen drücken in Geldeinheiten aus, wie viel jeder Industriesektor von einem spezifischen Produkt (Output) herstellt (z.B. der Wert von Autos in Euro, produziert von der Automobilindustrie in einem Land) und wie viel jeder Industriesektor von einem spezifischen Produkt (Input) für seine Herstellungsprozesse benötigt (z.B. die Menge an Stahl, Glas, Kunststoff oder Strom um die Outputs zu produzieren) (Tukker et al. 2014, 8). Durch die Anbindung von Energieverbrauchsfaktoren oder Emissionsfaktoren ermöglichen IO Modelle die Umweltverschmutzung der Endnachfrage zuzuweisen. Damit können die Modelle die ökologischen Rucksäcke des gesamten Außenhandels eines Landes ermitteln. Wird die Input-Output Analyse um Umweltdaten erweitert (Environmentally Extended Input-Output Analysis, EE IOA), können Auswirkungen von strukturellen Veränderungen der Wirtschaft, der Technologie, des Handels, der Investitionstätigkeiten und des Konsums auf die Umwelt untersucht werden (Bruckner et al. 2009, 9).

Es können zwei IO-basierte Ansätze unterschieden werden: bei Single-Region Input-Output (SRIO) Modellen wird angenommen, dass für importierte Güter und Dienstleistungen die gleichen Technologien verwendet werden, wie für die heimische Produktion. In verschiedenen Ländern werden allerdings unterschiedliche Technologien angewendet. Aus dem Grund werden bei Multi-regionalen Input-Output (MRIO) Modellen nationale IO Modelle mittels internationaler Handelsdaten zu einem großen IO Modell verknüpft und dadurch unterschiedliche Produktionstechnologien und Umweltintensitäten in verschiedenen Ländern berücksichtigt. Diese MRIO Modelle haben sich zur Messung konsumbezogener Emissionen durchgesetzt und weisen die Umweltverschmutzung der Endnachfrage zu (Bruckner et al. 2009, 4, 9).

Die MRIO Modelle bauen hiermit auf den 3 wichtigsten Datensätzen auf: IO Tabellen, Handelsdaten und CO2 Emissionsdaten. Obwohl in der Vergangenheit die Datenverfügbarkeit und –qualität verbessert werden konnten, was u.a. die Entwicklung mehrerer MRIO Forschungsprojekte hervorrief, führt die Auswahl und Harmonisierung der 3 Datensätze zu Inkonsistenzen in den Resultaten von unterschiedlichen MRIO Datenbanken (Bruckner et al. 2009, 11-12). Beispielsweise führt die Wahl der Quelle[1] der territorialen Emissionsdaten zu unterschiedlichen quantitativen Ergebnissen (Owen und Moran 2014). Die Daten nach dem Produzenten-Ansatz sind weitgehend identisch. Aber Inkonsistenzen treten aufgrund konzeptueller Definitionsunterschiede sowie variierender Methoden und Zeitpunkte der Datenerhebung auf. Im Maximum betragen sie weniger als 20% pro Land. Schon alleine die Wahl der Quelle der Emissionsdaten, eins der 3 notwendigen Datensätzen, verursacht Differenzen (Marland 2008, 137; Moran und Wood 2014, 251; Deloitte Access Economics 2015, 2). Auch konzeptionelle Unterschiede, abhängig von den Forschungsfragen und -objekten (wie z.B. Abdeckung der Länder, zeitlicher Umfang der Studien, Zuordnung des inter-nationalen Transports zum Konsum etc.) verursachen Differenzen (Moran und Wood 2014, 246, 250).

Die aktuelle Auswertung zur Konvergenz von MRIO Datenbanken kommt zum Ergebnis, dass die Daten in den MRIO Modellen, welche zwecks Vergleichbarkeit bereinigt und harmonisiert wurden, zwischen 5 und 30% Diskrepanz pro Land aufweisen (Moran und Wood 2014, 246, 257). Jedoch existiert eine Korrelation zwischen der Größe des Landes und der Genauigkeit bzw. Übereinstimmung von bereinigten Daten der unterschiedlichen MRIO Datenbanken. Für die meisten großen Volkswirtschaften beträgt die relative Varianz vom untersuchten Durchschnitt weniger als 10% (Moran und Wood 2014, 252-253). Insgesamt kommt die Studie zum gleichen Fazit wie die früheren Untersuchungen. Trotz der insgesamt höheren Unsicherheit und Varianz in den Ergebnissen zu konsumbezogenen Emissionen im Vergleich zu den Daten zu territorialen Emissionen, sind MRIO Datenbanken in sich konsistent, was ihre Robustheit und Präzision untermauert. Obwohl unterschiedliche MRIO Datenbanken quantitativ variierende Ergebnisse liefern, qualitativ sind die Ergebnisse jedoch ähnlich (Moran und Wood 2014, 258; Peters et al. 2011a, 8907).

Zurzeit sind hauptsächlich 5 globale MRIO (GMRIO) Datenbanken verfügbar:

- EORA (Lenzen et al. 2012a; 2012b; 2013),
- EXIOBASE (Tukker et al. 2009; 2013)[2],
- WIOD (Dietzenbacher et al. 2013),
- GTAP-MRIOT (Peters et al. 2011c),
- GRAM (Bruckner et al. 2012; Wiebe et al. 2012a; 2012b)[3]

(Tukker und Dietzenbacher 2013, 11-12). In dieser Arbeit werden die Datenbanken EORA, WIOD und GRAM verwendet. Aus EXIOBASE werden keine Zahlen genutzt, da die Daten CO2 Werte nicht gesondert darstellen, sondern mehrere THG in CO2 Äquivalenten (Tukker et al. 2014, 7). Zusätzlich werden Daten des Global Carbon Atlas (Global Carbon Atlas 2015) verwendet. Dabei handelt es sich um eine Online-Plattform, welche globale wie auch regionale CO2 Daten visualisiert. Die konsumbasierten Emissionen im Global Carbon Atlas basieren auf Daten von Peters et al. 2011a. Diese Datenquelle wird in der Arbeit ebenfalls genutzt.

3 Stand der internationalen Klimapolitik

Die internationale Klimapolitik bietet mit ihren Langfristzielen eine wichtige Orientierung für die nationale Klimapolitik sowie für den Energiesektor und die Industrie. Voraussetzung für künftig erfolgreiche wirtschaftliche Betätigungen ist eine langfristig verlässliche und transparente Ausgestaltung der Klimapolitik (BMWi 2016, 2). Aus diesem Grund werden in diesem Kapitel die derzeitigen Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll und als Fortführung die Ziele des Paris-Abkommens sowie deren Berechnungsvorschriften dargestellt.

3.1 Kyoto-Protokoll

Das Kyoto-Protokoll wurde auf der Vertragsstaatenkonferenz (Conference of the Parties, COP 3) der Klimarahmenkonvention in Kyoto 1997 verabschiedet und ist 2005 in Kraft getreten. Es enthält rechtsverbindliche Begrenzungs- und Reduzierungsverpflichtungen für die im Annex B des Protokolls verzeichneten Industriestaaten. 191 Staaten haben das Protokoll ratifiziert, darunter alle EU-Mitgliedstaaten sowie Schwellenländer wie Brasilien, China, Indien und Südafrika. Die USA haben das Protokoll nicht ratifiziert (BMUB 2015a).

In der ersten Verpflichtungsperiode (2008-2012) verpflichteten sich die Annex B-Länder, ihre Emissionen der sechs wichtigsten Treibhausgase (Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4), Distickstoffoxid (N2O), Halogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (H-FKW), Fluorkohlen-wasserstoffe (FKW) und Schwefelhexafluorid (SF6)) um insgesamt mindestens 5% gegenüber den Emissionen des Jahres 1990 zu senken. Die EU hat zugesichert, ihre Emissionen in diesem Zeitraum um 8% zu verringern; dieses Gesamtziel wurde unter den damalig 15 EU-Mitgliedsstaaten aufgeteilt. Deutschland hat sich dazu verpflichtet, in dieser Periode insgesamt 21% weniger Gase zu produzieren. In der zweiten Verpflichtungsperiode (2013-2020) verpflichteten sich die Annex B-Länder, ihre Emissionen um insgesamt 18% gegenüber 1990 zu reduzieren. In dieser Periode kommt zusätzlich ein weiteres Treibhausgas (Stickstofftrifluorid (NF3)) hinzu. Die EU hat zugesagt, in diesem Zeitraum ihre Emissionen um 20% zu reduzieren. Neuseeland, Japan, Kanada und Russland haben sich entschieden, an dieser Verlängerung des Kyoto-Protokolls nicht mehr teilzunehmen. Die an dieser zweiten Periode partizipierenden Länder mit Reduktionsverpflichtungen sind noch für lediglich 15% der globalen Emissionen verantwortlich (BMUB 2015a; UBA 2013).

Für die Erfassung der Treibhausgase in der UNFCCC-Berichterstattung sind die Berechnungsvorschriften der 2006 IPCC Guidelines for National Greenhouse Gas Inventories anzuwenden (UBA 2013). Der Ansatz in den IPCC-Vorschriften verfolgt das Konzept der territorialen Bilanzierung. Hier werden die Emissionen dem Land zugerechnet, in dessen Hoheitsgebiet und Offshore-Bereich diese verursacht wurden (siehe Kapitel 2.1) (IPCC 2006, 1.4; Bruckner et al. 2009, 8). Treibhausgasemissionen, welche aus dem internationalen Flug- und Schiffsverkehr auf internationalem Gebiet anfallen, werden im Kyoto-Protokoll keinem individuellen Land zugerechnet[4] (Barrett et al. 2013, 452; Wilting und Vringer 2009, 292; Peters und Hertwich 2008a, 53, 61).

Im Rahmen des Kyoto-Protokolls entsteht aufgrund der territorialen Bilanzierung durch den internationalen Handel die Möglichkeit für Carbon Leakage (Peters und Hertwich 2008a, 56; 2008b, 1404; Bruckner et al. 2009, 8, 24). Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschafts-forschung hat das Carbon Leakage-Problem im Kyoto-Protokoll empirisch festgestellt (Aichele und Felbermayr 2011c, 29; 2011b, 25-26). Im Kapitel 4.2 wird auf die Carbon Leakage Problematik detaillierter eingegangen.

3.2 Paris-Abkommen

Auf dem Klimagipfel COP 21 in Paris im Dezember 2015 einigten sich 195 Staaten auf ein völkerrechtlich verbindliches Klimaabkommen. Die Verpflichtungen bestehen einerseits aus einem ernsthaften Klimaschutz mit dem Ausstieg aus Kohle, Öl, Gas als Energieträger sowie einer Treibhausgasneutralität für eine saubere Energiezukunft und einer Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs. Andererseits wurde ein Solidaritätspaket vereinbart für eine gerechte Unterstützung derjenigen, die von den Folgen des bereits stattfindenden Klimawandels besonders betroffen sind (Bals et al. 2016, 4-5).

Die 3 langfristigen Ziele im Paris-Abkommen sind:

- Die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur soll auf deutlich unter 2 °C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau beschränkt werden. Außerdem sollen Anstrengungen unternommen werden, den Temperaturanstieg auf 1,5 °C zu begrenzen.
- Die Fähigkeit sich den negativen Auswirkungen des Klimawandels anzupassen soll erhöht werden. Klimabeständigkeit und niedrige Treibhausgas-Emissionen sollen gefördert werden.
- Die Finanzströme sollen mit diesen Klimazielen in Einklang gebracht werden.

In Bezug auf die Emissionen besteht ein globales Ziel von Netto-Null-Treibhausgas-Emissionen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Dies bedeutet auch eine globale Dekarbonisierung bis Mitte des Jahrhunderts (UNFCCC 2015, 22; Bals et al. 2016, 5).

Im Minderungsbereich der Emissionen sollen Industriestaaten durch umfassende absolute Reduktionsziele die Vorreiterrolle übernehmen und Entwicklungsländer sollen sich langfristig Reduktions- oder Begrenzungsziele setzen. Die am wenigsten entwickelten Länder können zunächst lediglich Strategien für eine kohlenstoffarme Entwicklung einreichen (Bals et al. 2016, 17).

Das Paris-Abkommen unterscheidet sich dahingehend vom Kyoto-Protokoll, dass es ein universales Abkommen mit rechtlich verbindlichen Verpflichtungen für alle Staaten ist. Im Kyoto-Protokoll hatte nur eine kleine Gruppe von Industriestaaten verbindliche Emissionsreduktionsziele akzeptiert (Bals et al. 2016, 9).

In Bezug auf die Emissionen ist jeder Staat verpflichtet, diese in der gleichen Art und Weise zu messen und in derselben Häufigkeit sowie im selben Format zu berichten. Die vorzulegenden Berichte sollen die Messungen auf Grundlage der vom IPCC festgelegten Standards beinhalten. Im Paris-Abkommen werden die Prinzipien für die Rechenschaftslegung in Bezug auf Emissionen und Senken in den nationalen Klimaverpflichtungen (z.B. Transparenz, Genauigkeit, Vollständigkeit, Vergleichbarkeit) bis 2018 entwickelt und vor 2020 formal angenommen (Bals et al. 2016, 10, 23).

Die Formulierung im Paris-Abkommen bezüglich der Treibhausgasneutralität bezieht alle Emissionen mit ein, d.h. auch der internationale Flug- und Schiffsverkehr wird berücksichtigt. Dieser wird allerdings aufgrund der Ablehnung von mächtigen Akteuren wie den USA, China oder Indien nicht ausdrücklich behandelt. Die EU und die Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder konnten ihre Forderung, diesen Sektor explizit zu berücksichtigen, nicht durchsetzen (Bals et al. 2016, 21).

4 Analyse von CO2 Bilanzen auf der Ebene der Ländergruppen

Die globalen Kohlendioxidemissionen haben sich trotz der Bemühungen in der Weltklima-politik drastisch erhöht. Das veranschaulicht die Entwicklung von direkten CO2 Emissionen aus der Verbrennung von Brenn- und Treibstoffen, die über 60% der globalen THG Emissionen ausmachen (IEA 2015a, 3). Diese CO2 Emissionen haben sich in den letzten 40 Jahren mehr als verdoppelt: von 13 994 Mt CO2 im Jahr 1971 auf 32 189 Mt CO2 im Jahr 2013. Seit 1990 hat sich der Ausstoß um 56% erhöht, wobei der stärkste Anstieg seit dem Jahrhundertwechsel beobachtet wird (Abb. 1) (OECD 2016).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entwicklung von globalen Kohlendioxid (CO2) Emissionen 1970 – 2013 Mt, OECD 2016

Die CO2 Emissionen, die nach den vorher erläuterten Produzenten- vs. Konsumenten-Ansätzen berechnet wurden, stellen zwei Seiten derselben Medaille dar. Die Höhe der globalen Emissionen bleibt gleich, während die Verantwortung für deren Entstehung abhängig von dem Zuordnungsansatz sehr unterschiedlich für ein Land ausfallen kann (Tukker et al. 2014, 8; Peters et al. 2011a, 8905; Deloitte Access Economics 2015, i).

In diesem Kapitel werden zuerst CO2 Bilanzen nach dem in der Klimapolitik bis dato dominierenden territorialen Produktionsprinzip dargestellt, danach erfolgt ein Vergleich mit den konsumbezogenen CO2 Rücksäcken. Nach dem in diesem Kapitel aufgeführten Überblick der wichtigsten Länderakteure und bedeutsamsten Entwicklungen in beiden CO2 Bilanzierungsansätzen wird im nächsten Kapitel speziell auf Deutschland eingegangen. Zur Gewinnung der Resultate wurden existierende Forschungen ausgewertet und aggregiert, hierbei sind keine eigenen Berechnungen eingeflossen.

Die Messung von CO2 nach dem territorialen Produktionsprinzip hat eine lange Tradition in der Umweltpolitik. Es besteht eine Vielzahl an Quellen, die qualitative, frei zugängliche Daten sowie Analysen zur Verfügung stellen.[5] Diese Daten sind aktuell mit einer Verzögerung von einem Jahr, wobei erste grobe Auswertungen schon Anfang des Jahres für das vergangene Jahr verfügbar sind (Deloitte Access Economics 2015, 2).

Aufgrund der kontinuierlichen Verbesserung von Modellierung und Methoden sowie der Datenverfügbarkeit und –qualität kann inzwischen auf eine relativ große Anzahl von MRIO Untersuchungen und Datenbanken zurückgegriffen werden (Tukker und Dietzenbacher 2013, 11). Jedoch ist die Erstellung und Aktualisierung der Daten zu den konsumbezogenen Emissionen mit einem größeren Aufwand verbunden als die Aktualisierung zu den territorialen Emissionen, was auch die zeitliche Verschiebung von 3-4 Jahren in der Verfügbarkeit bedingt. Zwecks Vergleichbarkeit sind in dieser Arbeit die CO2 Bilanzen nach beiden Bilanzierungsansätzen bis zum Jahr 2013 ausgewertet worden.

4.1 Produktionsbezogene CO2-Emissionen

Traditionell waren es Industrieländer, die die Mehrheit der THG verursacht haben. In jüngster Zeit überstieg der Ausstoß von CO2 in Entwicklungsländern den von Industrie-ländern und steigt weiter rapide an (IEA 2015a, 11). Abb. 2 visualisiert die Entwicklung von produktionsbezogenen CO2 Emissionen aus fossilen Brennstoffen in Mt nach Ländergruppen in den Jahren 1960 – 2013. Während 1990 OECD-Länder für über 53% der globalen CO2 Emissionen verantwortlich waren, haben 2005 die Entwicklungsländer die Industrieländer im CO2 Ausstoß überholt. 2013 verursachten Nicht-OECD-Länder knapp 60% des globalen Kohlendioxids. Es ist zu erkennen, dass das Wachstum von weltweiten CO2 Emissionen durch den Anstieg von Emissionen in den Entwicklungsländern geprägt ist, während in den Industrieländern (OECD-Staaten, EU-28) CO2 Emissionen seit 2010 leicht rückläufig sind (Global Carbon Atlas 2015) [6] . Während der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 sanken die Emissionen von Industrieländern auf den niedrigsten Stand seit Mitte 1990. Obwohl die Emissionen seither wieder ansteigen, bleiben diese unter dem Vorkrisenniveau (IEA 2015b, 3).

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Abbildung 2: Produktionsbezogene CO2 Emissionen nach Ländergruppen 1960 – 2013 Mt, Global Carbon Atlas 2015

Nicht in allen Entwicklungsländern ist die Steigerung von CO2 Emissionen gleich ausgeprägt. Auf der regionalen Ebene unterscheiden sich die Wachstumsraten stark: Während in Asien ein starker Anstieg beobachtet werden kann, ist die Zunahme in Südamerika und dem Mittleren Osten moderat und in Afrika schwach (IEA 2015a, 5-6). Die Entwicklung von CO2 Emissionen nach geographischen Regionen ist in Abb. 3 veranschaulicht. Neben Wachstumsraten in Regionen ist auch deren Anteil an den weltweiten Emissionen visualisiert. Bis zum Anfang der 1990er wurden die meisten CO2 Emissionen in Europa ausgestoßen, danach besaß Asien den größten Anteil an den globalen Emissionen und verursachte 2013 fast die Hälfte der weltweiten CO2 Emissionen (über 46%). Trotz der insgesamt sinkenden CO2 Emissionen in Nordamerika und Europa sind deren Anteile bedeutsam (18,3% bzw. 16,2% 2013). Diese drei Regionen waren 2013 für über 80% des globalen Kohlendioxids verantwortlich (Global Carbon Atlas 2015).

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Abbildung 3: Produktionsbezogene CO2 Emissionen nach geographischen Regionen 1960 – 2013 Mt, Global Carbon Atlas 2015

Regionale Unterschiede bei den Anteilen an den globalen Emissionen bergen noch größere Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Der Großteil der globalen Emissions-aktivitäten konzentriert sich auf wenige Länder. Zwei Drittel der weltweiten Emissionen für das Jahr 2013 (23 581 Mt CO2 von insgesamt 35 669 Mt CO2) entstanden in zehn Ländern, wobei die Anteile von China (27%) und den USA (16%) die Anteile von anderen Ländern in den Top 10-CO2-Emittenten weit übertrafen (Abb. 4). Zusammen erzeugten diese beiden Länder über 15 Gt CO2. Deutschland ist der größte Emittent innerhalb der EU und belegt mit 841 Mt CO2 weltweit Platz 6 der Rangliste. In den zehn wichtigsten Emittenten Ländern sind fünf Annex B-Länder und fünf Nicht-Annex B-Länder aus dem Kyoto-Protokoll. Fünf der Top 10-CO2-Emittenten sind geographisch Asien zuzuordnen, jeweils zwei Länder dem Mittleren Osten und Europa, ein Land liegt in Nordamerika. Zu beobachten ist, dass in den letzten 50 Jahren dieselben Länder zu den Top 10-CO2-Emittenten gehören. Die Rangordnung hat sich jedoch verändert und spiegelt den drastischen Anstieg von CO2 Emissionen in den asiatischen Ländern wieder[7] (IEA 2015a, 6; Aichele und Felbermayr 2011a, 12; Global Carbon Atlas 2015).

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Abbildung 4: Top 10-CO2-Emittenten für 2013 Mt, Global Carbon Atlas 2015

Die Rolle asiatischer Länder am globalen CO2 Ausstoß wird jedoch durch Verknüpfung der territorialen CO2 Emissionen zur Bevölkerungszahl relativiert (Abb. 5). Werte für die Pro-Kopf-Emissionen divergierten stark in den Top 10-CO2-Emmittenten für 2013: Von 19 Mt in Saudi Arabien und 17 Mt in den USA bis 7 Mt in China und 1,9 Mt in Indien. Die Rangfolge innerhalb der Top 10-CO2-Emmittenten ändert sich drastisch bei den Pro-Kopf-Werten. Während China und Indien zu den größten produktionsbezogenen CO2 Emittenten in absoluten Zahlen gehören, bilden diese Länder bei den Pro-Kopf-Werten das Schlusslicht. Bei Saudi Arabien und Südkorea ist es vice versa. Die USA oder Russland hingegen belegten in beiden Ranglisten die gleichen Plätze (den 2. bzw. den 4. Platz), grundsätzlich änderte sich im Mittelfeld in beiden Ranglisten wenig (Global Carbon Atlas 2015).

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Abbildung 5: Pro-Kopf CO2 Emissionen in den Top 10-CO2-Emittenten für 2013 tCO2 pro Person, Global Carbon Atlas 2015

Insgesamt stimmt die Entwicklung der Pro-Kopf-Emissionen (Anhang 1) mit der Entwicklung absoluter produktionsbezogener CO2 Emissionen überein. Weltweit haben sich territoriale Pro-Kopf-Emissionen zwischen 1990 und 2013 um 16% erhöht. Diese Erhöhung ist geprägt durch das Wachstum der Pro-Kopf-Werte in den Entwicklungsländern (z.B. um 44% in den Nicht-OECD-Staaten, Verdreifachung in China, mehr als Verdopplung in Indien). Diese Erhöhung spiegelt auch das Wachstum des BIP pro Kopf in diesen Ländern wieder. In den Industrieländern sinken dagegen die Pro-Kopf-Emissionen (z.B. um 23% in den EU-28, um 9% in den OECD-Ländern, um 15% in den USA, um 23% in Deutschland). Dennoch emittierten auch 2013 Industrieländer im Durchschnitt weiterhin weit größere Mengen an CO2 pro Kopf als die Entwicklungsländer (z.B. 3,6 tCO2 in den Nicht-OECD-Ländern vs. 10 tCO2 in den OECD-Staaten; 14 tCO2 in Nordamerika vs. 4,1 tCO2 in Asien; 7,8 tCO2 in Europa vs. 2,9 tCO2 in Südamerika) (IEA 2015a, 8-9; Global Carbon Atlas 2015). Diese Relativierung des territorialen Ausstoßes durch Verknüpfung zur Bevölkerungszahl zeigt auf, dass das Wachstum von CO2 Emissionen in den Entwicklungsländern zum Teil durch die legitime Notwendigkeit der Armutsbekämpfung bedingt ist. Es gilt zu explizieren, inwieweit und ob dieses Wachstum mit der Reduktion der Emissionen in den Industrieländern verbunden ist (Tukker et al. 2014, 20).

4.2 Konsumbezogene CO2 Emissionen und CO2 Handelsbilanzen

Es wird zunehmend kritisiert, dass die Berechnung von CO2 Emissionen nach dem Produzenten-Ansatz nur einen Teil der THG Erzeugung abbildet, einige Emissionen vernachlässigt und als Folge die Rolle von Staaten und Ländergruppen in der THG Verursachung verzerrt werden (Bruckner et al. 2009, 4; Deloitte Access Economics 2015, v).

Hinweise auf die Problematik des produktionsbezogenen Ansatzes liefert beispielsweise die Entwicklung von Emissionen aus dem internationalen Transport. Emissionen aus Bunkerölen zum Verbrauch im internationalen Schiffsverkehr und in der internationalen Zivilluftfahrt werden in diesem Ansatz keinem Land zugeordnet, sondern getrennt erfasst (Barrett et al. 2013, 452; Wilting und Vringer 2009, 292; Peters und Hertwich 2008a, 53, 61). Es kann argumentiert werden, dass der Anteil dieser Emissionen am globalen CO2 Ausstoß relativ gering ist (unter 4% im Jahr 2013), jedoch ist er mit dem Emissionsanteil von dem auf Platz 5 in den Top 10-CO2-Emittenten rangierenden Land vergleichbar. Außerdem sind die Emissionen aus der internationalen Schiff- und Luftfahrt - trotz der Bemühungen zur Reduktion - im Jahr 2013 um 64% bzw. 90% höher als 1990 und diese wachsen schneller als andere Bestandteile der Transportemissionen (IEA 2015a, 7).

Nach dem territorialen Prinzip ist der Ort der Entstehung von CO2 Emissionen relevant, während internationaler Handel und hiermit der Transfer von in den Produkten enthaltenen Emissionen außer Acht gelassen werden (Barrett et al. 2013, 452; Wilting und Vringer 2009, 292; Peters und Hertwich 2008a, 53, 61). Das Ausmaß und die Rolle des Welthandels ist jedoch erheblich: Exporte und Importe beziffern sich auf etwa 20% des weltweiten Brutto-inlandproduktes (Tukker et al. 2014, 8) und die Wachstumsraten des globalen Handels übertreffen bei weitem die der wichtigsten makroökonomischen Größen wie der Welt-bevölkerung, des weltweiten BIP oder des globalen CO2 Ausstoßes (Peters et al. 2011a, 8904). Unter diesen Aspekten erscheint es berechtigt zu hinterfragen, inwieweit Stabilisierung bzw. Reduktion von CO2 Emissionen in den Industrieländer dadurch bedingt wird, dass emissionsintensive Produktionen in die Entwicklungsländer ausgelagert werden, obwohl die erzeugten Produkte anschließend importiert werden. Implikationen des konsumbezogenen Ansatzes für die Rolle der Länder in der CO2 Erzeugung gilt es in diesem Abschnitt quantitativ zu ergründen.

Der Vergleich von konsum- vs. produktionsorientierten CO2 Emissionen aus fossilen Brennstoffen auf der Ländergruppenebene in den Jahren 1990 – 2013 zeigt einen ähnlichen Verlauf der Emissionen in beiden Berechnungsansätzen (Abb. 7). In dem Zeitverlauf übersteigt auch der absolute konsumbezogene CO2 Ausstoß der Entwicklungsländer den der Industrieländer, dies tritt jedoch etwa 4 Jahre später ein als im Zeitverlauf der produktionsbezogenen Emissionen. Außerdem ist die Diskrepanz zwischen den CO2 Ausstößen beider Ländergruppen (OECD vs. Nicht-OECD Staaten) vor dem Überschneidungspunkt in der konsumbezogenen Berechnung deutlich größer als in der produktionsbezogenen Berechnung (3,4 Gt vs. 1,8 Gt CO2 durchschnittlich pro Jahr). In beiden Berechnungsansätzen steigt der absolute Ausstoß der Entwicklungsländer seit 2003 gleichermaßen signifikant (durchschnittlich 5,6-6% pro Jahr), während sich absoluter produktions- sowie konsumorientierter CO2 Ausstoß der Industrieländer (OECD, EU-28) seit 2011 stabilisiert haben. Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass bei den Industrieländern konsumbezogene Emissionen über die Jahre hinweg permanent größer sind als produktionsbezogene Emissionen, während sich bei den Entwicklungsländern ein gegenteiliges Bild abzeichnet. Hiermit sind Industrieländer Nettoimporteure von CO2 Emissionen und Entwicklungsländer Nettoexporteure. Nicht-OECD-Länder verursachten 2013 knapp 60% des globalen Kohlendioxids, ihr Anteil am globalen Carbon Footprint lag in dem Jahr bei lediglich 55% (Global Carbon Atlas 2015)[8].

Die Gegenüberstellung der CO2 Bilanzen von Entwicklungs- und Industrieländern (Abb. 7) bestätigt die Permanenz dessen, dass trotz der absolut steigenden CO2 Produktion und dessen Konsum Nicht-OECD-Staaten Nettoexporteure bleiben. Es ist erkennbar, dass die Bereiche der Nettoeinfuhren vs. –ausfuhren der beiden Ländergruppen die gleiche Größe haben; hiermit sind die CO2 Nettoimporte der OECD-Länder genau die CO2 Nettoexporte der Nicht-OECD-Staaten. Die Nettoimporte verdoppelten sich zwischen 1995 und 2005, wobei sie ihr Maximum zwischen 2005 und 2007 erreichten. Anschließend reduzierten sich die Werte aufgrund der Wirtschaftskrise, blieben jedoch auf einem deutlich höheren Niveau als Mitte der 1990er Jahren (OECD 2015a).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Konsum- vs. produktionsbezogene CO2 Emissionen nach Ländergruppen 1990 – 2013 Mt, Global Carbon Atlas 2015

[...]


[1] Z.B. Umweltämter der Länder, Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), International Energy Association (IEA), Emission Database for Global Atmospheric Research (EDGAR), Carbon Dioxide Information Analytics Centre (CDIAC) etc.

[2] Datenbank von EXIOPOL.

[3] EE GMRIO Tabellen auf Basis der OECD IO Tabellen.

[4] Seit 2012 sind europäische Fluggesellschaften verpflichtet am EU-Emissionshandel (European Emission Trading Scheme (EU ETS)) teilzunehmen.

[5] Z.B. Umweltämter der Länder, Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), International Energy Association (IEA), Emission Database for Global Atmospheric Research (EDGAR), Carbon Dioxide Information Analytics Centre (CDIAC) etc.

[6] Global Carbon Atlas basiert die Visualisierung für produktionsbezogene Emissionen auf den Daten von CDIAC.

[7] 1963 belegten USA, Russland und Deutschland die ersten 3 Plätze, während China, Japan und Indien auf den Plätzen 4 bis 6 lagen. 1975 verdrängte China Deutschland von dem 3. Platz. In den 1990er erhöhten sich produktionsbezogene CO2 Emissionen in den asiatischen Ländern drastischer als bei anderen Top 10-CO2-Emittenten: 1996 verdrängte China Russland von dem 2. Platz, Japan und Indien lagen auf dem 4. und 5. Platz, Deutschland belegte den 6. Platz. Seit 2006 ist der CO2 Ausstoß von China weltweit am Höchsten, der CO2 Ausstoß von Indien hat den von Japan und Russland überholt (Global Carbon Atlas 2015).

[8] Im Global Carbon Atlas basiert die Visualisierung für konsumbezogene Emissionen auf den aktualisierten Daten von Peters et al. 2011a.

Details

Seiten
62
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668255197
ISBN (Buch)
9783668255203
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335517
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Schlagworte
Analyse CO2 Bilanz Emission Deutschland Klimaschutz Industrie Transformation Transition nachhaltig Nachhaltigkeit sustainability Universität Wuppertal 2016 Produzent Konsument Leakage Input Output Kyoto Protokoll Paris Footprint Kohlenstoff MRIO SRIO THG Treibhausgas Carbon EORA EXIOBASE WIOD GRAM Global Atlas Klimapolitik UNFCCC Dekarbonisierung

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Titel: Analyse von CO2 Bilanzen: Übersicht der Emissionen auf der globalen Ebene und Auswertung der Entwicklung Deutschlands