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Deutscher Rap und Minnesang. Rhythmus und andere Gemeinsamkeiten

Hausarbeit 2015 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Begriffsklärung Minnesang

3. Begriffsklärung Rap

4. Gemeinsamkeiten von Rap und Minnesang
4.1 Entstehungskontext
4.2 Agonalität
4.3 Repräsentation
4.4 Mündlichkeit
4.5 Schriftliche Speicherung
4.6 Vom Reim zur Strophe
4.7 Rhythmus und Metrum
4.7.1 Im Rap
4.7.2 Im Minnesang

5. Gegensätze

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

HipHop und Mittelalter? Dabei denken Sie womöglich an Filme wie „Ritter Jamal – Eine schwarze Komödie“ oder merkwürdige, fiktive Situationen, in denen Ritter und Edelfrauen auf eine Kultur treffen, die vielen als Inbegriff der Moderne gilt. Doch tatsächlich finden sich in kulturellen Ausprägungen von damals und heute gewisse anthropologische Konstanten: Die Verteidigung des eigenen Reviers und Besitzes, Formung und Stärkung einer eigenen Gruppe und Ausleben der eigenen Kreativität. Letztere kommt im Mittelalter vor allem durch den Minnesang zum Ausdruck. Und die neuzeitliche Rap-Musik lässt sich da nicht nur auf dem Papier zum Vergleich heranziehen. Längst rühmen sich einige deutsche Rap-Künstler als Nachfolger der Minnesangkultur. Im letzten Jahrzehnt fand sogar auf der Wartburg, diesem geschichtsträchtigen Ort deutscher Sangeskunst, das„HipHop meets Minnesang“-Festival statt und räumte den Rappern aus Deutschland einen würdigen Platz in der Nachfolge eines Walther von der Vogelweide oder Wolfram von Eschenbach ein. Und auch die Rap-Text-Analyse hält in den letzten Jahren immer mehr Einzug in die Didaktik der deutschen Literatur. In Workshops wie „Wettkampfpoetiken im Deutschunterricht: Sangsprüche und HipHop“ wird das gemeinsame Potential der Musikgenres diskutiert. Sascha Verlans Buch „Rap-Texte für die Sekundarstufe“ wurde sogar vom Reclam-Verlag verlegt und gibt Lehrern einen Kanon an Rap-Texten an die Hand.

In dieser Arbeit werde ich einige der auffälligsten Gemeinsamkeiten von Minnesang und deutscher Rap-Musik erläutern. Ich beginne mit einer kurzen Begriffsklärung von Minnesang und Rap und erläutere anschließend deren Gemeinsamkeiten. Besonders ausführlich werde ich auf die Aspekte Rhythmus und Metrum eingehen, bevor ich zum Schluss übersichtlich einige Gegensätze aufliste. Die Ergebnisse dieser Arbeit finden sich zusammengefasst in einem Fazit.

2. Begriffsklärung Minnesang

Das Metzler-Literaturlexikon bezeichnet Minnesang als „erotische Liebesdichtung zwischen etwa 1150 und 1450“ (Burdorf et al. 2007, 502) und entgeht damit der Antwort auf die Frage, ob Minnesang denn nun gesungene, gesprochene oder überhaupt vorgetragene Dichtung sei. Was jedoch aus dieser Definition eindeutig hervorgeht, ist, dass das Genre Minnesang an ein bestimmtes Thema gebunden ist: „Weltliche Adelslyrik im Mittelalter ist durchweg Liebeslyrik.“ (Brandt 1999, 232) Diese Liebe ist meist idealisiert, unerfüllt und einseitig von einem Mann ausgehend an eine adelige, meist verheiratete Frau gerichtet. (Brandt 1999, 232-237) Minnelieder werden in so genannten Stollenstrophen verfasst, die aus einem Auf- und Abgesang bestehen, wovon der Aufgesang wiederum aus zwei metrisch und melodisch identischen „Stollen“ besteht. Diese Strophenform basiert auf Reimen. „Die einfachste Form besteht aus zwei Reimpaaren: ab ab.“ (Brandt 1999, 736) Die Künstler des Mittelalters erweiterten diese einfache Form jedoch schon bald und gestalteten frei eigene Stollenformen, Auf- und Abgesänge von unterschiedlicher Länge, Hebungszahl und Reimen. (Burdorf et al. 2007, 736)

3. Begriffsklärung Rap

Rap entstammt der HipHop-Kultur und ist Sprechgesang, der von einem Interpreten, dem Rapper, rhythmisch vorgetragen wird. (Burdorf et al. 2007, 627) Da der Text eines Raps zwar rhythmisch, aber gesprochen vorgetragen wird, halte ich es für unangebracht, die Tätigkeit eines Rappers als Singen zu bezeichnen. Zwar verleitet der Terminus „Sprechgesang“ zu dieser Annahme, und sicher hat auch jeder gesprochene Satz eine eigene Melodie, dennoch kann man das gesprochene Wort deutlich vom Gesang unterscheiden. „Er singt seinen Rap vor“ ist also ein Paradoxon. Einer Rapper singt nicht, er rappt. Grundlage des Rhythmus gibt die Hintergrundmusik, der so genannte Beat, dem Rapper vor. Der Beat besitzt in aller Regel einen Viervierteltakt (Burdorf et al. 2007, 627) mit einem Grundschlagstempo zwischen 90 und 105 Schlägen pro Minute. (Sonja Würtemberger 2009, 204)

Viele Lieder, in denen Raps vorgetragen werden, enthalten auch Gesangspassagen. Insbesondere in der Populärmusik findet sich also keine reine Rap-Musik, sondern eine Mischform. Ein Rap-Text unterteilt sich in Verse mit immer gleicher Hebungszahl, die sich reimen. Durch diese Reime gewinnt der Rap seine Musikalität. (Sonja Würtemberger 2009, 201f)

Im Gegensatz zum Minnesang ist die Form des Raps nicht an einen bestimmten Inhalt geknüpft. Rappen kann man über alles und jeden. Wir können diesen Begriff daher verwenden und damit lediglich eine Struktur meinen. In dieser Arbeit beschränke ich mich ausschließlich auf deutschsprachige Rap-Musik.

4. Gemeinsamkeiten von Rap und Minnesang

Lohnt sich ein Vergleich zwischen zwei Kulturen, die aus heutiger Sicht so verschieden scheinen? Die Antwort lautet: Ja. Minnesang und Rap-Kultur im Allgemeinen haben oft frappierende Gemeinsamkeiten. Der Anspruch einiger Rapper, mit ihrer Kunst in die Fußstapfen der mittelalterlichen Adelslyrik zu treten, mag zwar etwas salopp formuliert sein, doch vertritt der moderne Sprechkünstler durchaus viele der Traditionen des Minnesangs. Beide Kulturen entstanden, weil sich eine Gruppe von Menschen damit selbst unterhalten wollte. In beiden Kunstformen haben der Wettstreit mit anderen Dichtern und die Repräsentation des eigenen Werkes und der eigenen Gruppe besonderen Stellenwert. Beide sind mündliche Kulturen und folgen ähnlichen formalen Regeln, was Rhythmus und Reim betrifft.

4.1 Entstehungskontext

Die Hip-Hop-Kultur entsteht etwa 800 Jahre nach der Zeit, in der man die ersten Minnesänger vermutet. (Brandt 1999, 254) Doch die Bedingungen sind ähnlich. Beide Kulturen entstehen aus dem Mangel an einer weltlichen, künstlerischen Unterhaltungsform. Der frühmittelalterliche Adel war größtenteils Analphabet und konnte die lateinischen geistlichen Texte (die Kirche besaß zu dieser Zeit das Monopol auf Feste, Feiern und Rituale) nicht lesen. Diese Umstände „begünstigten wesentlich die Ausbildung der volkssprachlichen Dichtung mit weltlich-feudaler Thematik“. (Erich Kleinschmidt 1976, 45)

Die afroamerikanische Unterschicht in der New Yorker Bronx konnte an der Unterhaltungskultur weißer, wohlhabender Bürger nicht teilhaben und schuf deswegen ihre eigene. Da ihnen der Zugang zu vielen Diskotheken verwehrt war, organisierten sie eigene Straßenfeste, die so genannten Block-Partys auf denen sich durch eine Verkettung musikalischer Experimente eine Kultur des Rappens herausbildete. (Verlan 2012, 8) Die beiden Kunstformen wurden bzw. werden innerhalb der Schicht, in der sie entstanden, von deren Angehörigen produziert und rezipiert. Genau wie der Minnesang (Brandt 1999, 237) folgt der Rap sozialen Regeln und Teilnehmer zielen auf Anerkennung innerhalb ihrer sozialen Schicht. (Verlan 2012, 8ff)

4.2 Agonalität

Minnesänger wie Rapper pflegen gleichermaßen einen „Streit der Form.“ (Sonja Würtemberger 2008, 125) In keinem anderen musikalischen Genre der Neuzeit wird derartig viel parodiert, diffamiert, sich auf andere Künstler und Kunstwerke bezogen, und mit Sprache gespielt, wie in der Rap-Musik. (Klaus Bayer 2004, 452f) Von allen westlichen musikalischen Kulturen des 21. Jahrhunderts kommt der Rap dem Minnesang damit am nächsten. Das Prinzip der Agonalität, das beiden Kulturen innewohnt ist eine ihrer augenscheinlichsten Gemeinsamkeiten. (Sonja Würtemberger 2008, 128) Grundlage dieser Agonalität bildet jeweils die enge Verbindung zwischen Autor und Werk. Der Minnesänger ist stolz auf seinen Ton (Dôn) und verachtet „dönediebe“, die die von ihm erdachte „metrisch-melodische Grundgestalt“ (Volker Mertens 2005, 185) ungefragt kopieren. Diese Art des Plagiats nennt man in der Rap-Kultur „biten“ (ich bite, du bitest, er bitet usw.). (Sonja Würtemberger 2008, 125) Genau wie die Rapper betrachten die Minnesänger ihre Werke als geistiges Eigentum. (Sonja Würtemberger 2008, 138)

Dieser Wettstreit, der im besten Sinne ein „Sängerkrieg“ ist, wird auch durch überhöhte Selbstdarstellung ausgetragen, was die nächste große Gemeinsamkeit dieser beiden Künste darstellt.

4.3 Repräsentation

Der Minnesang „vollzog sich in zeremoniellen Handlungsformen mit dem Ziel einer überhöhten Selbstdarstellung […]. Minnesang war die Repräsentationskunst einer feudalen Oberschicht […].“(Erich Kleinschmidt 1976, 72) Und auch in Rap-Texten geht es beim „Angeben“ (boasting) genau darum: Sich selbst als den fähigsten, kunstfertigsten Rapper darzustellen. (Sonja Würtemberger 2009, 121ff) Tatsächlich diente Rap in seinen Anfangszeiten der Repräsentation eines bestimmten Personenkreises. Wie im Minnesang der Hof, so wurde und wird noch heute im Rap das eigene Wohnviertel, der (Wohn-)block gepriesen: „Wir haben die fettesten Partys.“ (Verlan 2012, 14f)

4.4 Mündlichkeit

Beide Traditionen sind stark mündlich geprägt. (Sonja Würtemberger 2008, 126) Sie entstammen dem sanglichen bzw. sprachlichen Vortrag und entfalten dabei ihre vom Autor beabsichtigte Wirkung. Dr. Monika Sokol bezeichnet das in einem Interview als so genannte Oratur, die „älter und kulturübergreifender als Literatur“ sei. (Monika Probst 2014)

4.5 Schriftliche Speicherung

Die sichere und exakte Speicherung von Musik ist ohne Elektronik nicht möglich. Und da heute offensichtlich keine mündlich tradierten Minnelieder mehr existieren, die mit Sicherheit vor 800 Jahren schon so gesungen wurden, verlassen sich Forscher auf Handschriften. Davon abgesehen, dass die Überlieferung der Minnelieder den üblichen Störfaktoren ausgesetzt war, erwies sich das Notationssystem selbst als unzureichend. Es ermöglicht keine vollständige Rekonstruktion eines Sangs. Die heute bekannten Notenzeichen gab es noch nicht. In den seltenen Fällen, da nicht nur der Text aufgeschrieben wurde, benutzte man Neumen. Diese Intonationshilfe diente vermutlich nur als eine Gedächtnisstütze für jemanden, der das Minnelied noch grob beherrschte. Sie zeigen nämlich keine konkreten Tonhöhen oder Melodieverläufe an, sondern Geschwindigkeit, den Einsatz des Tremolo, Verbindung oder Trennung von Tönen, Klangfarbe und –intensität, kurzum den Stil, in dem ein Lied vorzutragen war. (Volker Mertens 2005, 178f) Doch selbst mit dem heute üblichen Notationssystem, mit Notenzeilen und Tonwerten dürfte Minnesang schwer zu fassen gewesen sein, da er einer so genannten prächronometrischen Kultur entstammt, der ein gleichmäßiges Metrum fremd war, die ihre Melodieverläufe also wahrscheinlich ungern zwischen Taktstriche gepresst hätte. (Volker Mertens 2005, 177-183)

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Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668253551
ISBN (Buch)
9783668253568
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335444
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,3
Schlagworte
Deutschrap Deutscher Rap Minnesang Rhythmus Musik Mittelalter Modern

Autor

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Titel: Deutscher Rap und Minnesang. Rhythmus und andere Gemeinsamkeiten