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Tattoo. Bericht aus einer Zwischenwelt

Die Tätowierung als unentbehrlicher Rückzugsort

Masterarbeit 2015 117 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretische Vorüberlegungen
2.1 Unser Körper: vom Haben und Sein
2.2 Unsere Haut: Schutz und Schau
2.3 Unsere Tätowierung: Arbeit an der Grenze

3 Historische Kontextualisierung: Die Tätowierung vom Kulturkontakt über den Jahrmarkt zur Massenkompatibilität
3.1 Malen, stechen, ritzen: Die Tätowierung in den Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts
3.2 The Tattooing Trade: Auf den Zirkusbühnen dieser Welt
3.3 Tattoo 2.0: Die Tätowierung in Zeiten digitaler Medien

4 Praktische Vorgehensweise
4.1 Ein poststrukturalistisches Erbe
4.2 Möglichkeiten einer kritischen Sozialforschung

5 Individualität per Nadelstich? Die Tätowierung zwischen Einzigartigkeit und Einschreibung des Anderen
5.1 Von der Gemeinschaft zur Gesellschaft
5.2 Der Unterschied macht‘s
5.2.1 Schmerz
5.2.2 Hauptsache anders
5.3 Die Einschreibung des Anderen
5.4 Individualität? Zurück auf Anfang!

6 Was bedeutet schon für immer ? Die Tätowierung zwischen Kontinuität und Vergänglichkeit
6.1 Gestern
6.1.1Von der Erinnerung zum Gedächtnis
6.1.2 Auf der Suche nach Ursprünglichkeit
6.2 Heute
6.2.1 Weil das durft‘ ich mir auch anhören: das wär dochäNazi-Tattoo
6.2.2 Entschleunigung ist Haut-Sache, oder: Die Angst keine Zeit zu haben
6.3 Morgen
6.3.1 They are just a reminder of a part of my life I left behind
6.3.2 Cover Up – Zwischen Bewahren und Löschen
6.4 Für immer?

7 Wenn man’s Original kennt, dann is’ es ‘ne Katastrophe – Die Tätowierung zwischen Authentizität und Reproduktion
7.1 Tradition – not Trend?
7.2 Die weitere Form des Ich-selber-sein-könnens
7.2.1 Auf das Bild folgt das Bild folgt das Bild
7.2.2 Das Projekt Schönheit
7.2.3 Aufruhr in der Zwischenwelt
7.3 Die Macht der Illusion

8 Abschlussbetrachtung und kritische Reflexion

Literaturverzeichnis

Whilst the women in Europe paint their cheeks red, those of Taiti dye their loins and buttocks of deep blue.

This is an ornament, and at the same time a mark of distinction. The men are subject to the same fashion.

I cannot say how they do to impress these indelible marks, unless it is by puncturing the skin and pouring the juice of certain herbs upon it, as I have seen by the natives of Canada.

Louis-Antoine Bougainville , Voyage autour du monde, 1771

This accomplished, however, he turned round – when, good heavens! What a sight! Such a face! It was of dark, purplish, yellow color, here and there stuck over with large, blackish looking squares. Yes, it’s just as I thought, he’s a terrible bedfollow; he’s been in a fight, got dreadfully cut, and here he is, just from the surgeon.

[…]

Ignorance is the parent of fear, and being completely nonplussed and confounded about the stranger, I confess I was as much afraid of him as if it was the devil himself who had thus broken into my room at the dead of night.

[…]

“You gettee in,” he added, motioning to me with his tomahawk, and throwing the clothes to one side. He really did this in not only a civil but a really kind and charitable way. I stood looking at him a moment. For all his tattooings he was on the whole a clean, comely looking caninibal. What’s all this fuss I have been making about, thought I to myself – the man’s a human being just as I am: he has just as much reason to fear me, as I have to be afraid of him.

Better sleep with a sober cannibal than a drunken Christian.

Herman Melville, Moby-Dick; or, the Whale, 1851

The demand for tattooing in New York City is just about large enough to yield a fairly good living to the only three purveyors of permanent pictures in this metropolis.

[…]

“There are almost as many changes in tattoo styles as there are in automobiles or ladies’ garments,” he observes.

“Some swell people from uptown drop in occasionally to have a fancy job done. Now and then a young flapper wants some kind of a trick design put on her arm, but I never do. I can remember, though, when quite a number of women were among my customers. They usually had their sweetheart’s name tattooed on them. Then if they had a fight with the guy they would have me put a bunch of flowers on it to the blot the name out. I knew one girl whose arm looked like the Garden of Eden.”

Bertram Reinitz, The New York Times, 27. Juni 1926

1 Einleitung

„Die Theorie kann sich nicht

damit zufriedengeben zu beschreiben

und zu analysieren, sie muß im Universum,

das sie beschreibt, selbst zum Ereignis werden.“

Jean Baudrillard, 1987[1]

„In einer Welt, in der alles digital wird

und Religion und Herkunft ihre Bedeutung verlieren,

zeigt eine Tätowierung, wer Du bist.“

Don Ed Hardy, 2013[2]

„I’d like to know

one goddamn truth before I die.“

Lyle Tuttle, 2014[3]

Wir haben Angst. Ängste beherrschen den Menschen jeden Tag; wenngleich auch auf die unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Arten und Weisen. So finden wir uns in einer paradoxen Realität wieder, in der die bloße Debatte um Grenzen im selbigen Moment bereits neue errichtet: Während die einen ihr Unheil erfahren, weil sie tagtäglich an vollkommen reale, greifbare und gefestigte Grenzen stoßen, leiden die anderen unter dem vermeintlichen Wegfall dieser. Die schier grenzenlosen Möglichkeiten der sich permanent selbst erneuernden Konsumgesellschaft sowie die Herausforderungen einer nur noch schwer durchschaubaren, komplexen, im digitalen Raum verflüchtigenden Umwelt resultieren in zunehmender Orientierungslosigkeit, der ewigen Suche nach Sinn und der nahezu bis zur Perversion getriebenen Fixierung auf das einzige, worauf wir augenscheinlich noch realen und tatsächlichen Einfluss ausüben können – uns selbst.

Das ist jetzt. Hier sind wir und hier ist auch unsere Tätowierung.[4] Nicht umsonst ist es demnach die Haut – als unsere Körpergrenze – in die wir Bilder, Symbole und Zeichen einschreiben, sie damit zu festigen und zu sichern versuchen. Doch unterschätzen wir dabei nicht das vielschichtige Erbe unserer Hautmarkierung: Allein im Westeuropäischen Kontext prägen bis heute rund 250 Jahre soziale, kulturelle und politische Einwirkungen das Tattoo und stoßen auf die Sehnsüchte, Erwartungen und das Begehren ihrer Träger. Unsere Tätowierung kann sich also keinesfalls mit ihrer bloßen Grenzstellung zufrieden geben. Vielmehr greift sie in die unterschiedlichsten Richtungen und scheint daher in einer Zwischenwelt verortet; in einem Grenzraum, in dem in vielerlei Hinsicht Äußeres verinnerlicht und Inneres nach außen getragen wird.

Die vorliegende empirische Untersuchung widmet sich primär der Frage, inwiefern wir die Zwischenwelt der Tätowierung als unentbehrlichen Rückzugsort nutzen, um uns auf die Suche nach all dem zu begeben, was uns im schwindelerregenden Tempo der uns diffus gegenüberstehenden Umwelt verlorengegangen zu sein scheint. Die Grenzstellung unseres Hautbildes dabei fortwährend als Ausgangspunkt der Betrachtungen nehmend, setze ich mich im ersten Teil dieser Arbeit mit der Tätowierung zwischen Individualität und Einschreibung des Anderen auseinander, wobei der Fokus auf der Frage liegt, welcher gesellschaftliche Nährboden uns dazu bewegt einer permanenten, wenn nicht gar zwanghaften Vergewisserung unser Einzigartigkeit zu bedürfen. Im zweiten Kapitel widme ich mich der Zeitlichkeit unseres Hautbildes – der bedeutsamen Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und untersuche, inwiefern es sich bei der Markierung um einen stabilisierenden, bewahrenden, gar konservativen Akt handelt, der sich als potentielle Entschleunigungsstrategie an der Grenze zwischen Kontinuität und Vergänglichkeit konstituiert. Im letzten Teil der Betrachtungen richte ich das Augenmerk auf das Tattoo zwischen Authentizität und Reproduktion und stelle mich der Frage, ob unser sehnsüchtiges Verlangen nach Echtheit in traditionellen Verfahren des Tätowierens und im Hautbild als echtem Ausdruck unserer Selbst gestillt werden kann, oder ob wir uns in der visuellen Reproduktion und derer gesellschaftlicher Normen und Reglementierungen zu verlieren drohen. Die grundlegende Ontologie der Tätowierung anzweifelnd wird uns die Fragestellung, inwiefern das Tattoo die Möglichkeit bietet gefestigte und unsere Lebenspraxis formende Ideale und Dogmen anzuzweifeln und herauszufordern die gesamte Untersuchung hindurch begleiten.

Der epistemologischen Analyse des empirischen Datenmaterials stelle ich dabei einige ausgewählte theoretische Vorüberlegungen zu Körper und Haut voraus sowie grundlegende Überlegungen zur Genealogie der Hautmarkierung, die daraufhin in einer historischen Kontextualisierung epochal eingebettet und mit Blick auf ihre geschichtliche Grenzstellung im Hier und Jetzt verortet werden soll. Daran anschließend finden sich einige Erläuterungen zur praktischen Vorgehensweise der Untersuchung und dem Umgang mit dem empirischen Datenmaterial sowie das Plädoyer für die Anwendung einer kritischen Sozialforschung.

2 Theoretische Vorüberlegungen

„Denn was hier gerade in Frage steht,

ist die Forderung nach einem rechten Anfang,

einem absoluten Ausgangspunkt, einer

prinzipiellen Verantwortung.“

Jacques Derrida, 1968[5]

Wenngleich auch die Eingrenzung als solches nicht zu den Prämissen des hier entstehenden Diskurses zählen soll und ich in Anlehnung an Jacques Derridas philosophische Überlegungen zur différance auch bei meinen Betrachtungen „strategisch von dem Ort und dem Zeitpunkt […], wo ‚wir‘ sind“ (Derrida 2004: 116; Hervorh. im Orig.) ausgehen möchte, sollten wir der empirischen Annäherung an die Thematik vorausgehend zuerst einen Schritt zurück wagen und mit Hilfe einiger theoretischer Überlegungen dem Aufmerksamkeit schenken, was die Tätowierung in ihrer Einzigartigkeit im Wesentlichen konstituiert und das Betrachten, Anfassen, Lesen und Deuten ihrer erst ermöglicht: dem Körper, beziehungsweise der Haut.

Da es sich bei dem Akt der Körpermarkierung sprichwörtlich um Arbeit an unserer Grenze handelt, werde ich, neben einem Einblick in die fortwährende Debatte um den Körper im Spannungsfeld zwischen einerseits diskursivem Konstrukt, auf dem Kultur sowohl eingeschrieben, als auch erschaffen wird und andererseits leiblicher, lebender und sterbender Materie (vgl. Bronfen 1998; vgl. Marzano 2013), ebenfalls auf den besonderen Stellenwert der Haut eingehen, die „ästhetisch gesehen, die absolute Grenze des Leibes“ (Akashe-Böhme 1998: 30) darstellt und somit sowohl unser Inneres vom Äußeren trennt, als auch beides durch wechselseitige Einflussnahme zueinander in Beziehung stellt.

Ich runde die theoretischen Vorüberlegungen ab, indem ich mich der Genealogie der Tätowierung detaillierter zuwende, die sie konstituierenden Merkmale näher erläutere, um anschließend die hervorgebrachte Erkenntnis als Grundlage für den empirisch-analytischen Teil dieser Arbeit zu verwenden.

2.1 Unser Körper: vom Haben und Sein

„Was den Körper angeht, gibt es eine Ambiguität.

Er ist das, was wir von uns sehen. Das, was wir als für

immer uns zugehörig empfinden. Aber auch das, was wir

nicht sehen und nie sehen werden.“

Paul Valéry, 1923[6]

Während der Sozialphilosoph Erich Fromm im „Haben und Sein zwei grundlegend verschiedene Formen menschlichen Erlebens [entdeckte], deren jeweilige Stärke die individuellen und kollektiven Charakterunterschiede bestimmt“ (Fromm 1976: 15), prägt gerade das durchaus spannungsgeladene Ineinandergreifen dieser so gegensätzlichen Vorstellungen das ambivalente Selbstverständnis unseres Körpers. Wir haben einen Körper. Wir sind aber auch dieser Körper. Während Fromm in Weiterführung Marx’scher Tradition die Binaritäten des sogenannten Habenmodus der Existenz (Fromm 1976: Zweiter Teil), den er im Konsum-, Macht- und Profitzwang der Industrie- und Erwerbsgesellschaft verortet sieht, und des Seinsmodus, als lebendige, erlebte, aktive Art des „Aufeinander-Bezogenseins“ (Fromm 1976: 59), aufrechterhält, verlieren diese Grenzen in Bezug auf unseren Körper an starrer Kontur.[7] Denn der menschliche Körper ist zugleich Körpersubjekt und Körperobjekt. […] Wir können nicht einfach unser Körper ‚sein‘, weil das Individuum sich nicht auf seine Materialität oder seine Organfunktionen reduzieren lässt. Aber wir können unseren Körper auch nicht einfach ‚haben‘, wenn wir nicht davon ausgehen, dass das Subjekt dieses Habens eine Seele ist, die sich in diesem Körper aufhält wie ein Pilot in seinem Raumschiff. Jeder von uns ist zugleich ein physischer Körper, der im ‚Außen‘ lebt, und ein psychischer Körper, der zum ‚Inneren‘ dieses Wesens gehört. (Marzano 2013: 11f.; Hervorh. im Orig.)

Auch dieses Bewusstsein des menschlichen Körpers als eine grundlegend ambivalente und dennoch stets ineinandergreifende und aufeinander bezogene Verbindung aus Materie und Geist muss vor dem Hintergrund eines über die Jahrhunderte hinweg transformierten Körperverständnisses gesehen werden, mit dem sich bereits in der Antike Philosophen und Naturforscher wie Platon und Aristoteles auseinandersetzten und voneinander abweichende Theorien im Hinblick auf Einheit und Trennung von Leib und Wesen entwickelten. Festzuhalten ist an dieser Stelle jedoch, dass „trotz aller Versuche, den Menschen als unteilbare Einheit aus Körper und Geist zu betrachten“ (Marzano 2013: 23), der Dualismus, wie ihn René Descartes bereits im 17. Jahrhundert in seinen Ausführungen zur grundsätzlich verschiedenen Beschaffenheit und Funktion von Seele und Körper an vielerlei Stellen anbrachte, nie vollkommen überwunden wurde. Speziell in der heutigen Zeit, in der das Projekt Körper Hochkonjunktur verzeichnet, wird die Vorstellung der Überlegenheit des Willens über den Leib schier unaufhörlich als Legitimation für die Kontrolle und Beherrschung dessen herangezogen.[8]

Dass bereits bei Platon und Descartes behandelte Leib-Seele-Problem erscheint aus heutiger Sicht nahezu symptomatisch für die grundlegende Spannung, die den Körperdiskurs prägt und herausfordert. Im Hinblick auf die Tätowierung, deren Schaffensprozess hier als Moment der Körpermodifikation behandelt wird, erscheint es als sinnvoll sich aus dem reichen Katalog an Körper-Paradoxa zunächst auf die Kontroverse zu konzentrieren, die bereits der französische Anthropologe Marcel Mauss 1934 mit seinem Aufsatz Die Techniken des Körpers/Les techniques corporelles anstieß:

Ich käme nie zum Ende, wenn ich alle die Fakten aufzeigen wollte, die ich aufzeigen könnte, um das Zusammenspiel von Körper und moralischen oder intellektuellen Symbolen sichtbar zu machen. Betrachten wir uns in diesem Augenblick einmal selbst. Alles in uns wird vorgegeben. […] Wir verfügen über eine Reihe erlaubter und unerlaubter, natürlicher und unnatürlicher Haltungen. So geben wir einer Handlung, wie jemanden starr anzublicken, unterschiedliche Bewertungen: sie ist Zeichen von Höflichkeit bei der Armee und Zeichen der Unhöflichkeit im täglichen Leben. (Mauss 1934: 206)

Mauss Erkenntnis der Prozesshaftigkeit des Sozialen resultierte aus der Beobachtung, dass „Menschen in einer von Kultur zu Kultur verschiedenen Weise gehen, rennen, schwimmen, tanzen, miteinander schlafen oder ihre Säuglinge pflegen“ (Basting 1998: 13) und kann noch heute, in einer Zeit in der die Einsicht über das Ausmaß gesellschaftlicher Einschreibungsprozesse als Selbstverständlichkeit gilt, als Ausgangspunkt für die Debatte über den Körper im Spannungsfeld zwischen biologischer Ursprünglichkeit[9] und sozio-kultureller Konstruktion und Kodierung gesehen werden.

Einen wesentlichen Beitrag zu einer poststrukturalistisch geprägten Betrachtung[10] des Körpers als Text, der im Prozess kultureller, gesellschaftlicher, situativ bedingter und fortwährend neu ausgehandelter Macht- und Hierarchieverhältnisse geschrieben und somit subjektiviert sowie konstituiert wird, leistet der Soziologe und Philosoph Michel Foucault mit seinen Arbeiten zu körperlich eingeschriebenen Disziplinierungsmaßnahmen des individuellen menschlichen Körperverhaltens (vgl. Basting: 1998; vgl. Ludewig: 2002). In Überwachen und Strafen verdeutlicht er, dass der Körper unmittelbar im Feld des Politischen [steht]; die Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn; sie umkleiden ihn, markieren ihn, dressieren ihn, zwingen ihn zu Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen. (Foucault 1975: 37)

Im Hinblick auf die Allgegenwärtigkeit der Macht im menschlichen Körper konstituiert sich laut Foucault erneut ein Spannungsfeld, an welches die amerikanische Philosophin und Philologin Judith Butler in späteren wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit ihren Überlegungen zum Subjekt, auf welches Macht wirkt, das jedoch ebenfalls selbst Macht be wirkt anknüpft (Butler 2001: 18ff.). So hält Foucault fest, dass die [p]olitische Besetzung des Körpers […] mittels komplexer und wechselseitiger Beziehungen an seine ökonomische Natur gebunden [ist]; zu einem Gutteil ist der Körper als Produktionskraft von Macht- und Herrschaftsbeziehungen besetzt; auf der anderen Seite ist seine Konstituierung als Arbeitskraft nur innerhalb eines Unterwerfungssystems möglich […]; zu einer ausnutzbaren Kraft wird der Körper nur, wenn er sowohl produktiver wie unterworfener Körper ist. (Foucault 1975: 37)

Ähnlich konstruktivistisch radikal, allerdings speziell im Bezug auf die sozio-kulturell beeinflusste Herstellung von Geschlecht – dabei vor dem Hintergrund ihrer Theorie zu intelligiblen Körpern nicht nur bezüglich des sogenannten sozialen Geschlechts (gender), sondern ebenfalls im Hinblick auf die Konstruktion des biologischen (sex) – argumentiert Butler und bewertet die körperliche Identität als „culturally restricted principle of order and hierarchy, a regulatory fiction” (Butler 1990: 33). Insbesondere in Bezug auf die Kritik der leiblichen Entkörperlichung räumt die Theoretikerin eine epistemologische Unerreichbarkeit des Körpers als Materie ein und weist auf die Unzulänglichkeit der Sprache hin, die als diskursive und symbolisch vermittelte Praktik den außersprachlichen Körper nicht vollends zu konstituieren vermag:

Just as no prior materiality is accessible without the means of discourse, so no discourse can ever capture that prior materiality […]. In some ways, it is precisely to claim that there is a limit to constructedness, a place, as it were, where construction necessarily meets its limits. (Butler 1998: 278)

Festgehalten werden muss jedoch, dass Butler es hier selbst ist, die an dieser entscheidenden Stelle „durch ihr Konstatieren von Unverfügbarkeit einen ontologischen Effekt [produziert], denn der Körper ist nicht einfach unverfügbar, sondern fungiert als solcher in ihrem Text“ (Tischleder 2001: 36, Hervorh. im Orig.). Handelt es sich um leibliche Grenzerfahrungen unseres real existierenden Körpers, scheinen uns diese Überlegungen unzureichend theoretisch. Besonders in den letzten drei Jahrzehnten haben daher vermehrt Künstler, Autoren und Philosophen „der fatalen Logik, die den Körper als Ort einer Entkörperlichung und Enteignung festlegt, ästhetische und kritische Projekte entgegengehalten, in denen es darum geht, den Körper für sich neu in Anspruch zu nehmen“ (Bronfen 1998: 21).

Jean Baudrillard greift in diesem Zusammenhang Nietzsches Bild vom befreiten Körper auf, den er besonders in Also sprach Zarathustra in seiner Bewegung feiert (vgl. Nietzsche 1983) und kritisiert eine durch Beschlagnahme und illusionäre Überformung herbeigeführte Beraubung seiner Subjektivität:

Wir haben ihn zu einer Art materialistischen Ausfällung gezwungen. Dadurch, dass wir unseren Körper heutzutage der Interpretation unterziehen, obwohl es doch stattdessen möglich wäre, ihn im Tanz, im Zweikampf und in den Gestirnen zu erspüren, dadurch, daß wir in unseren uneingestandenen Simulakren von Realität von ihm als von einem individualisierten Raum erzählen, in dem Trieb, Begehren und Phantasma ihren Sitz haben, ist aus ihm die materialistische Ausfällung geworden, die in sich eine gewaltige Kraft zur Leugnung der Welt barg, eine über-weltliche Kraft zur Illusion und zur Metamorphose. (Baudrillard 1987: 40)

Besonders die epistemologische Auseinandersetzung mit der Tätowierung als Produkt und Prozess, der ebenso durch die Konfrontation mit der materiellen Vergänglichkeit des Körpers, wie auch durch die leibliche Erfahrung und Empfindung von Schmerz und Heilung maßgeblich geprägt ist, verlangt regelrecht nach einer Auffassung des Körpers, in der dieser nicht nur „auf Grund disziplinierender und reglementierender Praktiken kulturell hergestellt wird“ (Bronfen 1998: 20), sondern innerhalb derer auch „ein wenig Ontologie gewagt werden [muss], um den Körper als lebendigen, gefühlten Referenten wieder ins Feld theoretischer Überlegung zu führen“ (Tischleder 2001: 39).

2.2 Unsere Haut: Schutz und Schau

„Schöne Haut möchten wir berühren.

Von der Haut hingegen, die Spuren trägt, können

wir den Blick nicht wenden. Sie beschäftigt uns länger,

denn sie erzählt ungleich mehr.“Barbara Basting, 199811

Im Gesamtwerk Körper muss unserer Haut zweifelsohne ihre außergewöhnliche Rolle zugestanden werden. Sie fungiert als Sinnesorgan, optische und ästhetische Grenze, ist eines der größten Organe unseres Körpers, bildet simultan die Schutzhülle um unser Inneres und die Leinwand für Einschreibungen durch das Äußere; sie verrät und verbirgt zugleich. Insbesondere in ihrem Auftreten als Grenze zwischen den zunächst binär anmutenden Dichotomien des Inneren und Äußeren kommt ihr stets ein großes Augenmerk zuteil. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sie sich in dieser Position keineswegs starr verhält, sondern gerade erst durch die Einwirkungen aus beiderlei Richtungen ihre einzigartige Form erhält.

Bereits Friedrich Nietzsche konstruiert 1887 im Rahmen seiner Abhandlung zur Genealogie der Moral eine Innen-Außen-Polarität, indem er hervorbringt, inwiefern sich der Mensch unentwegt inmitten der spannungsgeladenen Beziehung zwischen dem Innen und Außen aufhält und insbesondere den Moment der gehemmten Veräußerlichung innerer Instinkte zur Geburtsstunde des schlechten Gewissens erklärt:12

[...]


[1] (Baudrillard 1987: 77)

[2] (Exner 2013; Interview mit Don Ed Hardy)

[3] (Kakoulas 2014; Interview mit Lyle Tuttle)

[4] Die Begriffe Tätowierung, (Haut)Markierung und Hautbild werden in der folgenden Untersuchung synonym verwendet, wohingegen ich explizit auf die Bezeichnung Tatau verzichte. Näheres zu dieser Unterscheidung ist in Kapitel 3.1 Malen, stechen, ritzen: Die Tätowierung in den Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts nachzulesen.

[5] (Derrida: 1968: 115)

[6] (Valéry 1923: 543; zit. nach Basting 1998: 16)

[7] Ich möchte an dieser Stelle Fromms Überlegungen im Bezug auf die Unzulänglichkeit sprachlicher Repräsentationen erlebter Gefühle, Erfahrungen und subjektiv wahrgenommener Wirklichkeit besonders hervorheben. In der Lebensweise des Seins sieht er den Moment „sich selbst zu erneuern, zu wachsen, sich zu verströmen, zu lieben, das Gefängnis des eigenen isolierten Ichs zu transzendieren, sich zu interessieren, zu geben. Keines dieser Erlebnisse ist jedoch vollständig in Worten wiederzugeben. Worte sind Gefäße, die wir mit Erlebnissen füllen, doch diese quellen über das Gefäß hinaus. Worte weisen auf Erleben hin, sie sind nicht mit diesem identisch“ (Fromm 1976: 60). Des Weiteren führt er an: „In der Habenstruktur herrscht das tote Wort, in der Seinsstruktur die lebendige Erfahrung, für die es keinen Ausdruck gibt“ (Fromm 1976: 60). Speziell diese Annahmen habe ich während meines Forschungsprozesses als Ausgangspunkt genommen, mich intensiver mit den methodologischen Möglichkeiten einer qualitativen Sozialforschung unter Einbezug und Erweiterung ausgewählter poststrukturalistischer und sprachkritischer Betrachtungsweisen auseinanderzusetzen. Nähere Erläuterungen zu meiner Vorgehensweise sowie dem daraus resultierenden Umgang mit dem empirisch erhobenen Datenmaterial führe ich in Kapitel 4 Praktische Vorgehensweise an.

[8] Zum substantiellen Unterschied der beiden Stoffe Leib und Geist, der die Theorie des Dualismus grundsätzlich prägt, formuliert Descartes seine Gedanken bereits besonders eingänglich im Discours de la méthode (1637): „[…] c’est-à-dire l’âme par laquelle je suis ce que je suis, est entièrement distincte du corps, et même qu’elle est plus aisée à connaître que lui, et qu’encore qu’il ne fût point, elle ne laisserait pas d’être tout ce qu’elle est.“ / „[…] d.h. die Seele, durch die ich bin, was ich bin, gänzlich vom Körper unterschieden ist und sogar leichter zu erkennen ist als dieser, und dass sie, selbst wenn er nicht wäre, nicht aufhörte, alles das zu sein, was sie ist“ (Descartes 1637: 64f.).

[9] Ich verwende an dieser Stelle bewusst den Begriff Ursprünglichkeit im biologischen Kontext, um die Diskussion über den Körper zwischen Natur/Angeborenem und Kultur/Erworbenem sprachlich zu umschreiben. Ich werde mich im Verlauf dieser Arbeit jedoch unter Einbezug Judith Butlers Konzept intelligibler Körper (vgl. Butler 2004) mit der Frage beschäftigen, ob und falls ja, inwiefern wir Ursprünglichkeit überhaupt zu denken vermögen und in diesem Zusammenhang ebenso sprachlich artikulieren können.

[10] An dieser Stelle liegt es weder in meinem Interesse eine letztendlich unzureichende Kurzfassung der zentralen Grundbegriffe einer strukturalistischen/poststrukturalistischen Sozialwissenschaft anzubringen, noch Foucault und den facettenreichen Erkenntnisgewinn seiner grenzüberschreitenden Arbeiten in nur einer geisteswissenschaftlichen Methodenrichtung/Tradition zu verorten. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf Foucault, da ich einen zeitgemäßen empirischen Erkenntnisgewinn lediglich unter Berücksichtigung seines kritischen Diskursbegriffs als vertretbar erachte. Diesen greife ich in Kapitel 3 Praktische Herangehensweise noch einmal auf.

[11] (Basting 1998: 15)

[12] ( In diesem Teilbereich Nietzsches Überlegungen setze ich mich nicht mit dem grundsätzlichen Vorhandensein sogenannter ursprünglicher Instinkte sowie seiner generellen Betonung der Urspünglichkeit (deren Vorkommen – oder zumindest die Eventualität mittels einer diskursiv geprägten und symbolisch vermittelten Sprache darüber zu kommunizieren – ich grundlegend anzweifle) auseinander, sondern beschäftige mich mit der Erzeugung binärer Oppositionen wie Innen-/Außenwelt, zwischen denen im Hinblick auf den Körper zwar eine Bedingtheit und die Möglichkeit der gegenseitigen Einwirkung besteht, die bei Nietzsche in dem an dieser Stelle zitierten Werk jedoch zwei gegensätzliche Entitäten darstellen.

Details

Seiten
117
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668267107
ISBN (Buch)
9783668267114
Dateigröße
15.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335422
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Philosophische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Tätowierung Hautbild Zwischenwelt Individualität Einschreibung Zeitlichkeit Authentizität Reproduktion Palimpsest Simulakrum Borderland

Autor

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Titel: Tattoo. Bericht aus einer Zwischenwelt