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Der Medea Mythos. Darstellung in den Versionen von Heiner Müller und Christa Wolf

Hausarbeit 2016 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Euripides Version der Medea

3. Heiner Müllers Version der Medea

4. Christa Wolfs Version der Medea

5. Vergleich der Medeen

6. Rückschlüsse auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft

7. Fazit

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit behandelt den griechischen Mythos der Kindsmörderin Medea und legt dabei das Augenmerk auf die unterschiedliche Bearbeitung und Darstellung der Medea durch Euripides, Heiner Müller und Christa Wolf. Die Faszination für Medea hat nicht nur die Jahrhunderte überdauert, sondern vielmehr versteht jede Epoche ihre Ge- schichte anders und revidiert das Bild, das wir von ihr haben.1 Deshalb werden im ers- ten Teil der Hausarbeit die Medeen der oben genannten Autoren charakterisiert und es werden besonders das Verhalten und die Entscheidungen Medeas analysiert.

Es wurden die Versionen von Heiner Müller und Christa Wolf gewählt, da sie zwei Au- toren der selben Generation sind. Viel entscheidender jedoch ist, dass sie als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik auch den selben Kulturraum teilten.2 Deshalb ist es interessant zu sehen, dass zwei Autoren mit gleichen Lebensbedingungen den Me- dea-Mythos bearbeiteten und trotzdem zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Denn während Heiner Müller sich nah an die Version von Euripides hält und Medea zu einer wahnsinnigen und rachsüchtigen Furie macht, lässt Christa Wolf ihre Medea als humane, empathische und eigenwillige Frau wirken, die zum Opfer von Intrigen und Verleumdung wird. Es lassen sich somit schon auf den ersten Blick große Unterschiede zwischen den beiden Texten feststellen.

Bei der genaueren Bearbeitung der Texte wird der Blick dabei auf folgende Frage gerichtet: „Welche Rückschlüsse lassen sich von der Darstellung der Medea auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft ziehen?“. Diese Frage hat sich ergeben, da Medea eine beliebte Protagonistin in der feministischen Literatur ist.3

Im zweiten Teil der Hausarbeit werden daher Müllers und Wolfs Medeen mit einander verglichen und die gestellte Forschungsfrage beantwortet. Das zentrale Ergebnis des Vergleichs ist, dass sich Müllers Medea nur durch den Mord an Glauke und ihren Kin- dern aus der Unterdrückung Jasons befreien kann. Durch diesen Emanzipationsakt ver- sucht sie ihre eigene Identität, welche sie in der Ehe mit Jason verloren hat, wiederzu- finden. Bei Wolf dagegen, bewahrt Medea in ihrer Ehe ihre Identität, doch sie ist als emanzipatorisches Vorbild ungern gesehen und wird daher zum Opfer einer männlich beherrschten Gesellschaft und verliert sowohl ihre Heimat wie auch ihre Kinder.

2. Euripides Version der Medea

Euripides Version der Medea von 431 v. Chr. ist nicht nur eine der bekanntesten, son- dern auch die erste in der Medea als Kindsmörderin auftaucht. In seinem Stück „Me- dea“, tötet diese ihren Bruder bei der Flucht aus ihrem Heimatland aus Liebe zu Jason, der sie jedoch später für die Tochter des Königs verlässt. Medea fühlt sich dadurch ver- raten und ist außer sich vor Wut: „Nicht wird sie ablassen vom Groll […] bevor sie je- manden niedergeschmettert hat“.4 Der Hass den sie für ihren Mann empfindet geht so- gar auf ihre Kinder über: „Ihr verfluchten Kinder der verhaßten Mutter, geht zugrund mit eurem Vater, und das ganze Haus gehe unter!“.5 Von ihrem Wahn nach Rache lässt sie sich weder abbringen, noch lässt sie sich beruhigen.6 Sie plant deshalb, Jasons Ver- lobte durch Gift umzubringen. Rache will sie vor allem nehmen, da sie in ihrem Stolz verletzt wurde und nimmt damit sogar in Kauf, von der Gesellschaft als barbarisch an- gesehen zu werden: „Keiner soll mich für gering und schwach halten und ruheliebend, sondern von entgegengesetzter Art“.7 Nach dem Tod Glaukes will sie eigentlich das Land verlassen, ohne ihre Kinder zu töten, doch sie weiß, dass diese ansonsten von den Korinthern getötet würden, um Rache an ihr zu nehmen. Da ihre Kinder ohnehin des Todes geweiht sind, beschließt Medea, dass sie durch ihre eigenen Hände sterben sol- len. „Denn in jedem Fall müssen sie sterben, und da sie es müssen, will ich sie töten, die ich sie geboren habe“.8 Euripides stellt Medea als barbarisch dar, da sie nur an ihre kompromisslose Rache denken kann. Sie ist eine leidenschaftliche Frau, die mit Leib und Seele lieben, hassen und rächen kann. Treibkraft ihrer Rache sind vor allem der Verrat durch Jason und ihr damit verletzter Stolz. 9

3. Heiner Müllers Version der Medea

Heiner Müller nutzt für sein Stück „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“ die Version des Euripides als Vorlage und gestaltet seine Medea ähnlich wie die von Euripides. Medea ist vertraut mit Giften und hat aus Liebe zu Jason sogar ihren Bruder getötet. Doch als Jason sie für die Königstocher verlässt, um politisch auf- steigen zu können, kann sie erstmals ihre Vergangenheit und Fehler wieder klar sehen. Anhand der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit fängt sie an, um ihren Bruder zu trauern und gibt Jason die Schuld an seinem Tod.10 Sie hat für ihren Mann alles auf- gegeben und sich ihm freiwillig unterworfen.11 Dies wird deutlich als sie sagt: „Für dich habe ich getötet und geboren / Ich deine Hündin deine Hure ich“.12 Indem sie sich ihrem Mann unterordnete, verlor sie sogar ihre eigene Identität.13 In der Ehe zu Jason wurde Medea vom Subjekt zum Objekt degradiert, denn Jason nutzte, verbrauchte und zerstör- te ihren Körper.14 Durch den Verrat Jasons und die Einsicht ihrer Fehler, will sich Me- dea aus ihrer selbstverschuldeten Unterdrückung befreien und wieder zu der werden die sie früher war, indem sie an ihm Rache nimmt.15 So hofft sie aus ihrer Rolle als Frau und Mutter ausbrechen zu können.16

Deshalb denkt sich Medea - genau wie bei Euripides - eine List aus und bitte um einen weiteren Tag mit ihren Kindern bevor sie die Stadt verlässt. In Wahrheit jedoch, plant sie den Mord an Jasons Verlobter und ihren Söhnen. Sie ist rachsüchtig und gleichzeitig wahnsinnig, denn sie erfreut sich an dem qualvollen Tod der Königstochter: „Vor Mit- ternacht wird sie in Flammen stehen / Geht meine Sonne auf über Korinth / Ich will euch lachen sehn wenn die mir aufgeht“.17 Anschließend bringt sie in ihrem Wahn ihre Söhne um und zeigt auch dabei keine Gefühle von Trauer oder Reue, sondern fühlt sich lediglich befreit, denn sie sagt: „Aus meinem Herzen schneiden will ich euch / Mein Herzfleisch Mein Gedächtnis Meine Lieben / Gebt mir mein Blut zurück aus euren Adern“18. Nur mit Hilfe von Gewalt kann sie ihren Emanzipationsakt verwirklichen.19 Und hofft darauf, dass sie sich so aus ihrer Geschlechterrolle befreien kann.20 „Will ich die Menschheit in zwei Stücke brechen / Und wohnen in der leeren Mitte / Ich Kein Weib kein Mann“.21

Zusammenfassend lässt sich Müllers Medea als eine Frau beschreiben, die aus Liebe zu ihrem Mann alles für ihn getan und aufgegeben hat. Jedoch hat er sie vor allem ausge- nutzt und schließlich verlassen, was sie zu der Einsicht brachte, dass sie ihr Leben wie- der selbst in die Hand nehmen muss und sich emanzipieren und befreien muss.

4. Christa Wolfs Version der Medea

Im Gegensatz zu Euripides und Heiner Müller stellt Christa Wolf ihre Medea in ihrem Roman „Medea. Stimmen“ anders dar. Medea ist hier keine rachsüchtige oder wahnsin- nige Barbarin, sondern eine kluge und eigenwillige Frau, die Opfer von Machtspielen und Intrigen wird und letztlich an diesen scheitert. Medea verlässt ihre Heimat nicht primär aus Liebe zu Jason, sondern aus moralischer Überzeugung, da ihr Vater ihren Bruder töten ließ, um seine Macht zu erhalten.22 Sie ist eine Frau, die die Wirklichkeit so wahrnimmt, wie sie ist und ihre Umgebung und die jeweiligen Machtverhältnisse durchschauen kann.23

In der neuen Heimat verhält sie sich nicht wie die anderen Frauen, da sie erhobenen Hauptes durch die Stadt geht, ihren Gefühlen freien Lauf lässt und ihre Haare offen trägt.24 Medea lässt sich als starke und selbstbewusste Frau beschreiben, die sich als Gleichgestellte der Männer ansieht.25 Auch bei Christa Wolf wird Medea von Jason verlassen, aber sie denkt weiterhin rational und verspürt kein Bedürfnis sich, an ihm zu rächen.26 Außerdem ist sie einfühlsam, klug und hilft den Menschen in Krankheit und Not.

[...]


1 Vgl. Göbel-Uotila, Marketta: Medea. Ikone des Fremden und des Anderen in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Hildesheim: Georg Olms 2005. S. 24.

2 Vgl. Colombo, Daniela: Das Drama der Geschichte bei Heiner Müller und Christa Wolf. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009. S. 9.

3 Vgl. Glaser, Horst Albert: Medea oder Frauenehre, Kindsmord und Emanzipation: zur Geschichte eines Mythos. Frankfurt am Main: Peter Lang 2001. S. 7.

4 Euripides: Medea. Ergänzte Aufl. Stuttgart: Reclam 2011. S. 17.

5 Euripides: ebd. S. 17.

6 Vgl. Euripides: ebd. S. 19.

7 Euripides: ebd. S. 67.

8 Euripides: ebd. S. 97.

9 Vgl. Eichelmann, Sabine: Der Mythos Medea. Sein Weg durch das kulturelle Gedächtnis zu uns. Marburg: Tectum 2010. S. 34 f.

10 Vgl. Müller, Heiner: Die Stücke 3. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002. S. 75.

11 Vgl. Ullrich, Renate: Die Macht der Frauen. Oder: Warum Medea ihre Kinder tötete. In: UTOPIE kreativ 216 (2008). S. 869-882, hier: S. 879.

12 Müller, Heiner: ebd. S. 75.

13 Vgl. Müller, Heiner: ebd. S. 75.

14 Vgl. Preußer, Heinz-Peter: Mythos als Sinnkonstruktion. Die Antikenprojekte von Christa Wolf, Heiner Müller, Stefan Schütz und Volker Braun. Köln/ Weimar/ Wien: Böhlau 2000. S. 271 f.

15 Vgl. Ullrich, Renate: ebd. S. 879.

16 Vgl. Colombo, Daniela: Das Drama der Geschichte bei Heiner Müller und Christa Wolf. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009. S. 37.

17 Müller, Heiner: ebd. S. 78.

18 Müller, Heiner: ebd. S. 79.

19 Vgl. Schütte, Uwe: Heiner Müller. Köln/ Weimar/ Wien: UTB 2010. S. 84.

20 Vgl. Glaser, Horst Albert: Medea oder Frauenehre, Kindsmord und Emanzipation: zur Geschichte eines Mythos. Frankfurt am Main: Peter Lang 2001. S. 136.

21 Müller, Heiner: ebd. S. 79.

22 Vgl. Wolf, Christa: Medea. Stimmen. 7. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp2013. S. 98.

23 Vgl. Koskinas, Nikolaos-Ioannis: „Fremd bin ich eingezogen, fremd ziehe ich wieder aus.“ Von Kassandra, über Medea, zu Ariadne: Manifestation der Psyche im spätesten Werk Christa Wolfs. Würzburg: Königshausen & Neumann 2008. S. 124 und 135.

24 Vgl. Wolf, Christa: ebd. S. 47 und 64.

25 Vgl. Eichelmann, Sabine: Der Mythos Medea. Sein Weg durch das kulturelle Gedächtnis zu uns. Marburg: Tectum 2010. S. 108.

26 Vgl. Wolf, Christa: ebd. S. 182.

Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668253698
ISBN (Buch)
9783668253704
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335403
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Heiner Müller Christa Wolf Medea Mythos Medea Stimmen Frauenbild in der Gesellschaft Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten

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Titel: Der Medea Mythos. Darstellung in den Versionen von Heiner Müller und Christa Wolf