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Das Menschenbild Gehlens und die pädagogischen Konsequenzen

Seminararbeit 2003 31 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zum Menschenbild Gehlens
2.1. Der Mensch als Mängelwesen
2.1.1. Unspezialisiertheit
2.1.2. Weltoffenheit
2.2. Menschliches Handeln
2.3. Reizüberflutung und Entlastung
2.3.1. Kultur
2.3.2. Institutionen
2.3.3. Fantasie
2.4. Antriebsüberschuss
2.5. Die Wurzeln der Moral
2.5.1. Ethos der Gegenseitigkeit
2.5.2. Physiologische Tugenden
2.5.3. Humanitarismus
2.5.4. Institutionenmoral
2.6. Zusammenfassung

3. Zu den erziehungswissenschaftlichen Konsequenzen
3.1. Voraussetzungen für Erziehung
3.2. Mittel der Erziehung
3.2.1. Individuelle Erziehung
3.2.2. Institutionelle Erziehung
3.2.3. Kooperative Erziehung
3.3. Ziele der Erziehung
3.3.1. Für den Menschen als Individuum
3.3.2. Für den Menschen als Teil der Gesellschaft
3.4. Zusammenfassung

4. Kritisches Fazit

5. Literaturangaben

1. Einleitung

Was ist der Mensch? Diese Frage beschäftigte Philosophen seit Beginn der Menschheit und tut es auch heute noch. Arnold Gehlen hat in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Versuch gewagt, eine Typologie des Menschen zu erstellen, eine Definition, die den Menschen in seiner Gesamtheit umfaßt. In seinem Werk Der Mensch. Seine Natur und Stellung in der Welt, das er im Laufe der Jahre überarbeitet, aber nie grundsätzlich verändert hat, erstellt er ein Menschenbild, das den Menschen nicht nur im Verhältnis zu sich selbst, sondern vor allem auch im Umgang mit anderen und mit der Gesellschaft beschreibt. Dieses Menschenbild sowie seine Konsequenzen für die moderne Pädagogik sollen in der vorliegenden Arbeit näher vorgestellt werden.

In einem ersten Teil werde ich Gehlens Bild vom Menschen näher erläutern und dabei nacheinander auf seine Mängelwesentheorie, sein Verständnis vom Menschen als handelndes Wesen, die Theorie der Reizüberflutung und Entlastung sowie des Antriebsüberschusses und des Ursprungs menschlicher Moral eingehen. In einer Zusammenfassung werde ich die Hauptpunkte seiner Theorie noch einmal wiederholen und im Hinblick auf den zweiten Teil ordnen.

Der zweite Teil wird sich mit den Konsequenzen des erarbeiteten Menschenbildes für die Pädagogik befassen. Hier werde ich zuerst die Voraussetzung für Erziehung als solche, die Mittel der Erziehung und darauffolgend die Ziele von Erziehung und Pädagogik erläutern. Im letzten Kapitel dieses zweiten Teiles werde ich die wichtigsten Punkte zusammenfassen, um dann ein abschließendes Fazit zu ziehen.

2. Zum Menschenbild Gehlens

In der Einleitung zu seinem Werk „Der Mensch“ bezeichnet Gehlen den Menschen als „das noch nicht festgestellt Tier“[1]. Hierfür nennt er zwei Gründe: Zum Einen ist der Mensch noch nicht festgestellt, weil es bisherigen anthropologischen Forschungen nicht gelungen ist, das menschliche Wesen hinlänglich zu beschreiben und zu analysieren. Ziel einer ganzheitlichen Anthropologie muss es sein, alle Einzelaspekte, die den Menschen ausmachen, zu einem kohärenten Gesamtbild zusammenzufügen. Zum Anderen ist der Mensch Gehlens Auffassung zufolge biologisch nicht determiniert und entzieht sich durch die „Unvorhersehbarkeit seines Verhaltens“[2] jeder Definition. Mit anderen Worten: Im Gegensatz zum Tier ist der Mensch nicht mit artspezifischen Verhaltensmustern geboren, er kreiert sich im Laufe seines Lebens selbst.

Es existiert demzufolge nicht ein spezifisches Merkmal, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Vielmehr muss sich eine treffende Beschreibung und Definition des Menschen auf mehrere artspezifische Merkmale beziehen, die in ihrer Gesamtheit das Wesen des Menschen ausmachen[3].

2.1. Der Mensch als Mängelwesen

Im Gegensatz zu anderen Lebewesen ist der Mensch „hauptsächlich durch Mängel bestimmt“[4]. Gehlen bezeichnet diese näher als „Unangepaßtheiten, Unspezialisiertheiten, als Primitivismen, d.h. als Unentwickeltes“[5] und nennt als Beispiele für diese Mängel das fehlende Haarkleid des Menschen, seinen Instinktmangel, die Schutzbedürftigkeit seiner Nachkommen im Kleinkindalter sowie fehlende Angriffs- oder Fluchtorgane. Der Mensch ist somit ein „‚riskiertes‘ oder ‚monströses‘ Wesen, das ständig ums Überleben kämpfen muss; Selbsterhaltung ist die erste Pflicht“[6].

Die mangelhafte natürliche Ausstattung des Menschen zeigt sich in seinem Umgang mit sich selbst und der ihm feindlich gegenüberstehenden Welt und soll im Folgenden näher beschrieben werden.

2.1.1. Unspezialisiertheit

Vergleicht man den Menschen mit anderen Säugetieren, so wird bald offenkundig, dass der Mensch so gut wie keine Spezialisierungen aufweist. Er ist hingegen geprägt von einer in der Tierwelt „einzigartigen […] biologischen Mittellosigkeit“[7], d.h. er ist weder für eine spezielle Umwelt noch für ein spezielles Jagdverhalten prädestiniert und ausgestattet. Selbst sein Gebiss ist weder ein reines Pflanzen- noch ein reines Fleischfressergebiss.

Dem Menschen fehlen darüber hinaus alle Filter der Weltwahrnehmung, d.h. kaum ein Objekt hat für ihn eine instinktive Bedeutung. Er nimmt seine gesamte Umgebung ungefiltert wahr und muss selbst entscheiden, welche Objekte von Nutzen sind, wo Gefahren für ihn lauern könnten und so weiter. Der Mensch ist einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt, einer „unzweckmäßigen Fülle einströmender Eindrücke, die er irgendwie zu bewältigen hat“[8] und der er sich nicht entziehen kann, bis er eigene Filter der Weltwahrnehmung entwickelt hat.

Laut Gehlen ist der Mensch gekennzeichnet durch einen Mangel an echten Instinkten und einer Unspezialisiertheit des Bewegungsapparates. Dies führt zwangsläufig dazu, dass er als Natur- Mensch undenkbar ist: Er ist keiner bestimmten Umwelt angepasst und wäre somit ohne technische Hilfsmittel- von einfachen Jagdwerkzeugen in primitiven Gesellschaften bis hin zu Elektrizität und Technologie in der heutigen Welt - in der Natur nicht überlebensfähig. „Der Mensch ist Spezialist auf Nichtspezialisiertsein“[9], die einzige Spezialisierung, die er vorzuweisen hat, ist die Fähigkeit, seine Unspezialisiertheit zu kompensieren.

2.1.2. Weltoffenheit

Die Unspezialisiertheit des Menschen bezüglich seiner Umwelt führt dazu, dass er „der tierischen Einpassung in ein Ausschnittsmilieu“[10] entbehrt und so keine naturgegebene Umwelt hat. Die ihn umgebende Welt steht ihm feindlich gegenüber und es liegt an ihm, sie „allein durch seine Arbeitsfähigkeit oder Handlungsgabe, d.h. durch Hände und Intelligenz“[11] zu einer lebensfreundlichen Umwelt umzuwandeln. Durch seine fehlenden Instinkten und die durch den Mangel an Reizfiltern hervorgerufene Reizüberflutung ist er somit nicht mit einer „Umwelt instinktiv nahegebrachter Bedeutungsverteilung“[12] konfrontiert, sondern mit einem „Überraschungsfeld unvorhersehbarer Struktur, das erst in ‚Vorsicht‘ und ‚Vorsehung‘ durchgearbeitet, d.h. erfahrbar gemacht werden muß“[13].

Gehlen bezeichnet den Menschen daher als „weltoffen“[14]: Er hat keine naturgegebene Umwelt, in der er ohne technische Hilfsmittel überleben kann, und muss sich so die Welt umgestalten, bis sie seinen Bedürfnissen entspricht.

Diese Weltoffenheit des Menschen birgt zum Einen Nachteile, da der Mensch in keiner natürlichen Umwelt zu Hause ist. Zum Anderen befähigt sie ihn jedoch dazu, nahezu jede Umwelt seinen Bedürfnissen gemäß umzugestalten und sie sich zum Zuhause zu machen. Somit kann er dank seiner Weltoffenheit und Unspezialisiertheit paradoxerweise doch in fast jeder Umwelt überleben. Der Mensch, so Gehlen, kann sein Leben nicht einfach geschehen lassen, er muss es „führen“[15].

2.2. Menschliches Handeln

Gehlen bezeichnet den Menschen als handelndes Wesen:

„Der Mensch ist, um existenzfähig zu sein, auf Umschaffung und Bewältigung der Natur hin gebaut, und deswegen auch auf die Möglichkeit der Erfahrung der Welt hin: Er ist handelndes Wesen, weil er unspezialisiert ist, und also der natürlich angepassten Umwelt entbehrt.“[16]

Im Unterschied zum tierischen ist das menschliche Handeln nicht einfach bloße Reaktion auf einen Reiz. Der Mensch kann überlegt und planmäßig handeln, seine Reaktion auf einen Reiz ist nicht ausschließlich von seinen Instinkten geprägt, sondern immer auch „Ausdruck seines Willens“[17].

Die Möglichkeit zum überlegten Handeln verdankt der Mensch dem Hiatus. Gehlen beschreibt dieses Phänomen als eine temporäre Kluft zwischen Reiz und Reaktion, die es dem Menschen ermöglicht, über seine Reaktion nachzudenken und somit nicht rein instinktiv zu handeln. Während beim Tier ein bestimmter Reiz eine bestimmte instinktive Reaktion hervorruft, ist der Mensch durch den Hiatus befähigt, seine Instinktresiduen zu umgehen und seine Triebe und Bedürfnisse zu kontrollieren[18]. Gehlen bezeichnet den Hiatus als ein „Kunststück der Natur“[19], das dem Menschen das Überleben überhaupt erst ermöglicht.

Die Charakterisierung des Menschen als handelndes Wesen ist so deutlich ausgeprägt, dass sich das Motiv des bewussten Handelns durch sein gesamtes Tätigkeitsfeld zieht. So lassen sich dann „nicht nur Körperbewegungen und sinnliche Wahrnehmungen, selbst Bewusstsein und Denken […] als Phasen oder Momente des Handelns deuten”[20]. Aus diesem Prinzip ergibt sich das Konzept des Handlungskreises: Jede Handlung hat ein bestimmtes Resultat, das wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und das zwangsläufig zu neuen Handlungen führt.

Der Mensch interagiert in drei verschiedenen Weltbezügen[21]: Handlungen im objektiven Weltbezug sind auf die Außenwelt gerichtet. Sie können direkt auf die Außenwelt einwirken und sie aktiv und plastisch verändern. Handlungen im intersubjektiven Weltbezug sind auf die Mitwelt ( die „Sphäre des Geistes“[22] ) gerichtet. Im Gegensatz zur Außenwelt hat die Mitwelt keine raumzeitliche Struktur, sie konstituiert sich als eine Welt der Normen und Werte, an denen der Mensch seine Handlungen messen und orientieren kann. Der dritte Weltbezug des Menschen ist der subjektive, der uns durch persönliche Erfahrungen und Erlebnisse gegeben ist. Diese subjektiven Gegebenheiten können „durch Handlungen ausgedrückt, aber auch angeregt oder unterdrückt werden“[23].

[...]


[1] Gehlen, Der Mensch, 16

[2] Weissmann, 26

[3] vgl. Gehlen, Der Mensch, 13

[4] Gehlen, Der Mensch, 33

[5] Gehlen, Der Mensch, 33

[6] Thies, 35

[7] Gehlen, Der Mensch, 34

[8] Gehlen, Der Mensch, 36

[9] Konrad Lorenz, zitiert nach Thies, 51

[10] Gehlen, Der Mensch, 35

[11] Gehlen, Der Mensch, 34

[12] Gehlen, Der Mensch, 36

[13] Gehlen, Der Mensch, 36

[14] Gehlen, Der Mensch, 35

[15] Gehlen, Der Mensch, 29

[16] Gehlen, Der Mensch, 38

[17] Weissmann, 36

[18] vgl. Gehlen, Der Mensch, 59 f

[19] Gehlen, Der Mensch, 349

[20] Thies, 26

[21] vgl. Thies, 27 f

[22] Plessner, zitiert nach Thies, 28

[23] Tiess, 28

Details

Seiten
31
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638339858
ISBN (Buch)
9783638687249
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33536
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Pädagogisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Menschenbild Gehlens Konsequenzen Mittelseminar Anthroplogie Zukunft Natur

Autor

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Titel: Das Menschenbild Gehlens und die pädagogischen Konsequenzen