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Der „Digital Divide“ in Europa. Digitale Ungleichheit in postindustriellen Gesellschaften

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 34 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissen in postindustriellen Gesellschaften
2.1.Neue Informations- und Kommunikationstechnologien in postindustriellen Gesellschaften

3. Digital Divide: Soziale Ungleichheit im Bereich der neuen IKTs

4. Datenbasis: Digital Economy And Society Index
4.1. Dimensionen des DESI
4.2. Gewichtung und Bewertungslogik
4.3. Ergebnisse des DESI 2015
4.4. Zwischenfazit: Digital Divide in der Europäischen Union?
4.5. Digitale Spaltung in der Europäischen Union

5. Wie kann die digitale Spaltung in der Europäischen Union erklärt werden?
5.1. Bevölkerungszahl
5.2. Lebenslanges Lernen
5.3. Bildung
5.4. Verteilung der Erwerbstätigen auf die Wirtschaftssektoren
5.5. Urbanisierungsgrad
5.6. BIP pro Kopf
5.7. Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

8. Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Entwicklung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien prägt die Gesellschaf- ten weltweit. Das Internet ermöglicht es den Menschen völlig neue Möglichkeiten der Kommunika- tion und vor allem auch der Informationsbeschaffung. In diesem Zusammenhang wird oft von „Big Data“ gesprochen, also dem Phänomen der massenhaften Ansammlung von Information, aber auch von Kommunikationsdaten im Internet. Doch diese Entwicklung der Diffusion von neuen In- formations- und Kommunikationstechnologien verläuft nicht im Gleichschritt der Staaten weltweit. Nicht alle Menschen weltweit haben Zugang zu den neuen Möglichkeiten der neuen Technologien. Frühere Studien versuchten eben dies zu messen, bezogen sich dabei jedoch meist nur auf die inf- rastrukturellen Bedingungen für den Zugang zum Internet. Doch dieser eindimensionale Vergleich der jeweiligen Infrastruktur reicht nicht mehr aus, um Staaten in dieser Hinsicht zu vergleichen. Vor allem nicht in Staaten, die gesellschaftliche relativ weit entwickelt sind. Dazu gehören auch die Mit- gliedsstaaten der Europäischen Union, die in dieser Arbeit hinsichtlich dieser Entwicklung vergli- chen werden sollen. Daher sind auch nutzungsspezifische Faktoren zu beachten. Damit kann diese Arbeit dem noch relativ neuen Forschungsfeld der Digital-Divide Forschung zugeordnet werden. Hier wird die soziale Ungleichheit in Bezug auf den Zugang zu den neuen Informations- und Kom- munikationstechnologien erforscht, dementsprechend wurde auch die leitende Forschungsfrage formuliert. Lässt sich im Jahr 2015 noch ein „Digital Divide“ in der Europäischen Union nachweisen und wenn ja, welche Erklärungsansätze könnte es hierfür geben?

Die Beantwortung der leitenden Forschungsfrage wird in mehreren Schritten erfolgen. Erst wird er- arbeitet werden, warum es sich bei der Diffusion von neuen Informations- und Kommunikations- technologien um eine Dimension sozialer Ungleichheit handelt. Dann wird eine Definition für den „Digital Divide“ erarbeitet, um darauf aufbauend nachzuweisen, dass in der Europäischen Union im Jahr 2015 noch ein „Digital Divide“ festgestellt werden kann. Dafür werden die Daten des „Digital Economy and Society Index“ ausgewertet, nachdem dessen inhaltlicher Aufbau und die Bewer- tungslogik erläutert wurden. Daraufhin wird der „Digital Divide“ in der Europäischen Union genauer beschrieben und es wird explorativ nach möglichen Erklärungsansätzen auf makrosoziologischer Ebene gesucht werden. Dies wird durch einen Vergleich von Daten zu verschiedenen, explorativ zusammengestellten sozialstrukturellen Merkmalen mit den Daten aus dem Index geleistet. Die Er- kenntnisse aus diesem Vergleich werden daraufhin noch einmal zusammengefasst und rekapitu- liert. Abgeschlossen wird mit einem Fazit, das die Arbeit noch einmal kritisch beleuchtet und einen Ausblick hinsichtlich der Digital-Divide Forschung geben soll.

2. Wissen in postindustriellen Gesellschaft

Gesellschaften durchlaufen nach der Modernisierungstheorie verschiedene Entwicklungsstadien, die dabei aber immer mit spezifischen „Ausformungen der Sozialstruktur [...]“ verbunden sind (Hra- dil 2006: 26). Nach Hradil können drei Entwicklungsstadien unterschieden werden, die Gesellschaf- ten in dieser Reihenfolge durchlaufen, nämlich die Agrargesellschaft, die Industriegesellschaft und die postindustrielle Gesellschaft (vgl Hradil 2006: 26). Diese Arbeit untersucht Gesellschaften, die sich im postindustriellen Stadium befinden. Laut Hradil sind Gesellschaften in diesem Entwick- lungsstadium vor allem dadurch gekennzeichnet, dass Wissen als „axiales Prinzip“ vorherrscht und die Faktoren Technisierung und Industrialisierung, die dagegen in der Industriegesellschaft vor- herrschten, als Treiber gesellschaftlicher Entwicklungen abgelöst hat. Diese Entwicklung ist vor al- lem anhand der zunehmend erfolgenden Dienstleistungsarbeit, der Zunahme an hochqualifizierten Arbeitskräften und den wachsenden Wissensbeständen in der Gesellschaft zu erkennen (vgl. Hra- dil 2006: 27). Ähnlich formuliert es auch Daniel Bell in seiner Beschreibung der nachindustriellen Gesellschaft. Auch er sieht Gesellschaften in diesem Entwicklungsstadium durch den großen Anteil an Dienstleistungsarbeit und die hohe Bedeutung von Wissen gekennzeichnet (vgl. Bell zit. n. Zilli- en 2009: 42). Er fügt aber ein weiteres Merkmal hinzu, nämlich die wachsende Bedeutung von „in- tellektuellen Technologien“ (vgl. Bell zit. n. Zillien 2009: 42, Bell zit. n. Zillien 2009: 42). Bell gibt al- so schon 1976 einen Hinweis auf neue Formen von Technologien, die einen Einfluss auf die ge- sellschaftliche Entwicklung haben. Die Werte in Tabelle 5 zeigen, dass mittlerweile in allen Staaten der Europäischen Union, der Dienstleistungssektor verhältnismäßig der Sektor mit den meisten Erwerbstätigen ist. Demnach sind die europäischen Staaten als postindustrielle Gesellschaften zu bezeichnen, jedoch mit unterschiedlich starker Ausprägung. An diesem Punkt setzt diese Arbeit an. Es wird vermutet, dass nicht nur sozialstrukturelle Unterschiede bestehen, sondern dass diese Un- terschiede eine Dimension sozialer Ungleichheit in der europäischen Union darstellen. Diese Prob- lematik wird im nächsten Abschnitt erläutert werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Wissen ein „stratifizierendes Merkmal“ postindustrieller Gesellschaften darstellt und somit einen Einfluss auf die Veränderung der Sozialstruktur hat (Zillien 2009: 57).

2.1. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien in postindustriellen Gesellschaf- ten

Hradil versteht unter Bildung respektive der Erlangung von Wissen „[...] die Vermittlung von Wert- haltungen, Einstellungen, Wissensbeständen und Fertigkeiten [...], die Menschen benötigen, um ihre sozialen Rollen als Erwachsene in einer Gesellschaft ausüben zu können (vgl. Andorka zit. n. Hradil 2006: 129). Menschen in postindustriellen Gesellschaften stehen heute vor der Herausforderung eine permanenten Aneignung von Wissen beziehungsweise eine anhaltende Weiterentwicklung ihrer Kenntnisse und Fertigkeiten im Lebensverlauf zu leisten. Dies ist auch auf die rasante technologische Entwicklung zurückzuführen, die den Menschen immer wieder neue Kenntnisse und Fähigkeiten abverlangt (vgl. Hradil 2006: 134). Zwar beziehen sich die Aussagen von Hradil hier auf die formalen Bildungswege, jedoch treffen sie hier auch auf die Wege informeller Bildung zu. Zu den informellen Bildungswegen gehören auch die Möglichkeiten, die die neuen Informationsund Kommunikationstechnologien (IKT) bieten.

Wird im Folgenden von IKTs gesprochen, ist hiermit in erster Linie das Internet gemeint. „Das In- ternet ist der weltweit größte Netzverbund, der jedem Teilnehmer eine nahezu grenzenlose Infor- mations- und Kommunikationsstruktur zur Verfügung stellt“ (uni-giessen.de, 09.03.2015). Das In- ternet kann also als eine riesige, weltumspannende Informationsquelle gesehen werden, auf die theoretisch alle Menschen weltweit zurückgreifen können. Der Begriff Teilnehmer impliziert aber schon, dass mit dem Zugang zu diesen Informationen gewisse Voraussetzungen verbunden sind. Der Bericht zur „Mediennutzung in der EU“ aus dem Jahr 2012, der auf den Daten einer Eurobaro- meter-Umfrage basiert und von der Generaldirektion Kommunikation der Europäischen Kommissi- on (COMM) in Auftrag gegeben wurde, lässt erkennen, welche Bedeutung das Internet bereits als Informationsquelle für die EU-Bürger hat (COMM 2012: 3). Die Studie sollte im Detail u. a. aufzei- gen, inwiefern die klassischen Medien und das Internet als Informationsquellen zu politischen An- gelegenheiten und zur Europäischen Union genutzt werden (vgl. COMM 2012: 25). Das Fernsehen ist in dieser Hinsicht immer noch mit Abstand die am meisten genutzte Informationsquelle, danach folgt in dieser Reihenfolge die Presse, das Radio und das Internet (vgl. COMM 2012: 25). Jedoch zeigen die jeweils ersten Antworten, dass das Internet als Informationsquelle über innenpolitische Angelegenheiten mittlerweile fast auf einer Höhe mit der Presse liegt (vgl. COMM 2012: 25). Au- ßerdem konnte aufgezeigt werden, dass mittlerweile 48 Prozent der EU-Bürger, das Internet täglich nutzen. Damit hat es das klassische Medium Presse überholt und liegt fast gleichauf mit dem Ra- dio, das einen Wert von 51 Prozent erreicht (COMM 2012: 6).

Es ist demnach festzuhalten, dass die Diffusion von Wissen innerhalb der Staaten der Europäischen Union entscheidend durch die IKTs, vor allem in Form des Internets, beeinflusst wird.

3. Digital Divide: Soziale Ungleichheit im Bereich der neuen IKTs

Nachdem die Bedeutung von Wissen und die Bedeutung der IKTs als Informationsquellen aufge- zeigt wurde, wird jetzt beschrieben, wie sich soziale Ungleichheit über die IKTs konstruiert. Es wird dabei vor allem zwischen den „informations haves“ und „information have-nots“ unterschieden (vgl. socio.ch, 09.03.2015). Dies bedeutet es wird zwischen Gesellschaften oder Staaten unterschieden, die einen vergleichsweise guten Zugang zu den Informationen im Internet haben und denen die keinen oder einen eingeschränkten Zugang zu den Informationen im Internet haben (vgl. socio.ch, 09.03.2015). Diese Definition entspricht dem wissenschaftlichen Konsens für die Begrifflichkeit der sozialen Ungleichheit übertragen auf das Gebiet der IKTs. Nach Kreckel wird soziale Ungleichheit wie folgt definiert:

„Soziale Ungleichheit im weiteren Sinne liegt überall dort vor, wo die Möglichkeiten des Zu- gangs zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern [...], dauerhaft Ein- schränkungen erfahren und dadurch die Lebenschancen der betroffenen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften beeinträchtigt bzw. begünstigt werden“ (Kreckel zit. n. Zillien 2009: 29).

In den meisten Studien zur sozialen Ungleichheit im Internet wird zwischen infrastrukturellen Fakto- ren und nutzungsspezifischen Faktoren unterschieden, die den Zugang zu Informationen im Inter- net beeinflussen. Deswegen soll auch in dieser Arbeit auf diese Unterscheidung zurückgegriffen werden.

Zu den infrastrukturellen Faktoren gehören zum Beispiel der Grad der Verbreitung von Breitband- datenverbindungen oder die Kosten, die mit der Nutzung dieser verbunden sind. Mit den nutzungs- spezifischen Faktoren ist die Annahme verbunden, dass es statusabhängige Unterschiede in der Nutzung des Internets gibt und diese Unterschiede wiederum die bestehenden sozialen Ungleich- heiten zwischen den Gesellschaften verstärken. Diese Annahme stellt die Basis der Wissenskluft- forschung dar (vgl. Zillien 2009: 82). Die Vermutung, dass mit der Verbreitung des Internets auch die Verfügbarkeit von Informationen beziehungsweise Wissen steigt und somit vermeintlich wis- sensbedingte soziale Ungleichheiten vermindert werden, wird in der Wissenskluftforschung abge- lehnt. Ergebnisse zahlreicher empirischer Studien bestätigen dies. So konnte Nicole Zillien, die sich mit dieser Thematik in ihrer Arbeit „Digitale Ungleichheit“ beschäftige, aufzeigen, „dass die Verfüg- barkeit des Internets auf Seiten der besser positionierten Gesellschaftsmitglieder einen positiven Verstärkungsprozess bewirkt“ (Zillien 2009: 242). Somit profitieren demnach die besser positionier- ten Gesellschaftsgruppen eher von der Einführung neuer Informations- und Kommunikationstech- nologien. In diesem Zusammenhang sind die besser positionierten Gesellschaftsgruppen insbe- sondere als Gruppen mit höheren Bildungsniveaus und besserer materieller beziehungsweise fi- nanzieller Ausstattung zu verstehen. Die bessere finanzielle Ausstattung bestimmter gesellschaftli- cher Gruppen ermöglicht diesen beispielsweise auch die Finanzierung teurer Breitbanddatenver- bindungen. Weiter steht ein höheres Bildungsniveau beispielsweise in Verbindung mit einer höheren Medienkompetenz, die den Ausschöpfungswert der Mediennutzung erhöht (vgl. Zillien 2009: 72).

Es wurde aufgezeigt, dass bei der Beurteilung der Zugangsmöglichkeiten zu Informationen im Internet nicht nur infrastrukturelle Faktoren berücksichtigt werden können, sondern auch nutzungsspezifische Faktoren. Ebenfalls konnte gezeigt werden, dass der Zugang zum Medium Internet in postindustriellen Gesellschaften, deren axiales Prinzip wie beschrieben das Wissen ist, eine Dimension sozialer Ungleichheit nach der genannten Definition darstellt.

4. Datenbasis: Digital Economy And Society Index

In dieser Arbeit wird auf die Daten der Studie „Digital Economy And Society Index“ kurz DESI zurückgegriffen werden, die im Zuge der Initiative „Digital Agenda for Europe“ umgesetzt wurde und seit 2014 jährlich veröffentlicht wird. Die Initiative geht wiederum auf die Strategie „Europe 2020“ der Europäischen Kommission zurück, in der die Entwicklungsziele der Europäischen Union für die derzeitige Dekade festgelegt wurden (ec.europa.eu/europe2020, 09.03.2015). Der Index soll Auskunft über die Entwicklung der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien geben.

Die Daten des DESI stammen aus verschiedenen Quellen und werden für die Erstellung des DESIs zusammengeführt. Es handelt sich also um einen zusammengeführten Index. Die meisten Daten stammen aus Studien von Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Union. Hierzu gehören die Studien „Eurostat - ICT Households Survey“ und „Eurostat - Enterprises Survey“ (digitalagenda-data.eu, 10.03.2015). In diesen Studien werden Daten zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in Haushalten und durch Individuen sowie durch Unternehmen erhoben. Im weiteren Verlauf soll nun der Aufbau des Index und die Bewertungslogik erläutert werden, um darauf basierend die Daten der Studie analysieren zu können.

4.1. Dimensionen des DESI

Im DESI werden fünf unterschiedliche Dimensionen unterschieden, die wiederum in 13 Sub- Dimensionen unterteilt werden. Auf diese Sub-Dimensionen entfallen dann 30 Indikatoren (vgl. CNECT 2015: 2). Die folgenden Aussagen zu den Dimensionen des DESI 2015 basieren auf der „methodological note“ der Generaldirektion Kommunikationsnetzwerke, Content und Technologie. Diese enthält die methodischen Erläuterungen zum DESI 2015 (CNECT 2015). Die Dimension „Connectivity“ gibt Auskunft über die Verbreitung und Güte der infrastrukturellen be- dingten Zugänge zum Internet, dazu gehören zum Beispiel die Verbreitung von Breitbandverbin- dungen und die Datenübertragungsrate. In der zweiten Kategorie „Human Capital“ werden die Fähigkeiten zur Nutzung der Möglichkeiten, die sogenannte digitale Gesellschaften bieten gemessen. Hier soll zum Beispiel gemessen werden, inwiefern Bürger der verschiedenen Staaten dazu in der Lage sind im Internet zu kommunizieren oder die damit verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten zu nutzen. Die Dimension „Use of Internet“ soll wiedergeben wie differenziert das Internet bereits durch die Bürger genutzt wird. Nutzungsmöglichkeiten sind dabei beispielsweise das Spielen von Online-Games und Online-Shopping. In der Dimension „Integration of Digital Technology“ soll aufgezeigt werden, inwieweit die Wirtschaft die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien nutzt. Hiermit ist vor allem die Nutzung des Internets als Vertriebskanal gemeint. In der letzte Kategorie „Digital Public Services“ soll ermittelt werden, ob und wie stark öffentlichen Einrichtungen bereits auf digitale Technologien zurückgreifen.

Der DESI bildet somit einen umfassenden Index, der infrastrukturelle Merkmale und Unterschiede in der Nutzung auf makrosoziologischer Ebene erfasst. Die Kategorie „Connectivity“ misst dabei inf- rastrukturelle Merkmale. Alle restlichen Kategorien messen Merkmale, die Nutzungsunterschiede in den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik aufzeigen. Der DESI bietet somit die Möglichkeit entlang der Unterscheidung von „information-haves“ und „informations have-nots“ festzustellen ob in Europa von einem „Digital Divide“ gesprochen werden kann (vgl. socio.ch, 09.03.2015).

4.2. Gewichtung und Bewertungslogik

Bevor die Analyse der Daten erfolgen kann, muss die Bewertungslogik des DESI aufgezeigt wer- den. Die Dimensionen enthalten jeweils zwei bis vier Sub-Dimensionen zu den beschriebenen Themen, diese werden gewichtet und dann erst zusammengeführt (vgl. CNECT 2015: 12). Die Staaten können in jeder Dimension Werte von 0,0 bis zum Maximalwert 1,0 erreichen (vgl. CNECT 2015: 8). Diese Werte werden für die Zusammenführung zum DESI ebenfalls gewichtet. Dabei ge- hen die Dimensionen „Connectivity“ und „Human Capital“ mit einem Anteil von 25 Prozent in den Index ein, damit stellen diese beiden Kategorien bereits 50 Prozent (vgl. CNECT 2015: 11). Die Dimensionen „Use of Internet“ und „Digital Public Services“ gehen mit 15 Prozent, die Dimension „Integration of Digital Technology“ mit 20 Prozent in den Index ein (vgl. CNECT 2015: 11). Auch für den DESI ergeben sich dann Werte zwischen 0,0 und 1,0 (vgl. CNECT 2015: 8). Für die Werte in den einzelnen Dimensionen, wie auch für den DESI gilt, dass je höher der Wert eines Staates zwi- schen 0,0 und 1,0, desto besser sind die jeweiligen Gegebenheiten in diesem Staat zu beurteilen. Hat ein Staat beispielsweise sehr schnelle Breitbanddatenverbindungen, hat das einen positiven Effekt auf den Wert, den der Staat in der Dimension „Connectivity“ erreicht. Der Wert steigt also, je schneller die Breitbanddatenverbindungen sind.

4.3. Ergebnisse DESI 2015

Die folgende Analyse der Daten erfolgt explorativ und soll einen Überblick über die Ergebnisse des DESI 2015 ermöglichen. Die Werte sind der Tabelle 1 im Anhang entnommen. In der Dimension „Connectivity“ liegt der europäische Mittelwert bei einem Wert von 0,546. Belgien weist in dieser Dimension mit 0,775 den höchsten Wert auf und Kroatien mit 0,328 den niedrigsten. Damit erreicht in dieser Dimension der Staat mit dem höchsten Wert einen Wert, der mehr als dop- pelt so hoch ist, wie der des Staates mit dem niedrigsten Wert. Die Range beträgt hier 0,45. In der Dimension „Human Capital“ hingegen liegt der europäische Mittelwert bei einem ähnlichen Wert wie in der Dimension „Connectivity“, jedoch ist hier die Range zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Wert mit 0,51 noch größer. Finnland erreicht mit einem Wert von 0,779 an erster Position einen fast drei mal so hohen Wert wie Rumänien mit 0,272 an letzter Position. Der Mittelwert für die europäischen Staaten liegt in der Dimension „Use of Internet“ mit 0,411 deut- lich unter dem der anderen Dimensionen, nur in der Dimension „Integration of Digital Technology“ ist der Mittelwert noch geringer. Der niedrigste Wert liegt hier bei Rumänien mit 0,272. Schweden erreicht mit 0,599 den höchsten Wert in dieser Dimension. Die Range ist in dieser Dimension mit 0,33 am geringsten.

Die Werte in der Dimension „Integration of Digital Technology“ weisen ebenfalls eine Range von 0,33 auf. Jedoch wird in dieser Dimension im Vergleich der niedrigste Mittelwert erreicht, dieser liegt nur bei 0,327. Dementsprechend sind die Extremwerte in dieser Dimension auch niedriger als bei den anderen. Dänemark erreicht mit 0,523 den höchsten Wert, Lettland mit 0,189 den niedrigsten.

Die Range in der Dimension „Digital Public Services“ ist mit einem Wert von 0,6 im Vergleich am größten. Der Höchstwert von 0,842, den Dänemark erreicht, ist der insgesamt höchste gemessene Wert in allen Dimensionen. Bulgarien erreicht mit 0,24 den niedrigsten Wert in dieser Dimension. Der europäische Mittelwert für den sich ergebenden DESI-Wert liegt bei 0,47 (Tabelle 1). Dänemark erreicht mit 0,676 den höchsten Wert und Rumänien mit 0,315 den niedrigsten Wert. Damit ergibt sich für den DESI eine Range von 0,36.

Damit wurden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst dargestellt. Im nächsten Schritt soll die Analyse und Bewertung dieser Ergebnisse erfolgen.

4.4. Zwischenfazit: Digital Divide in der Europäischen Union?

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass es insgesamt große Unterschiede zwischen den europäi- schen Staaten gibt. Da aber bei der Analyse explorativ vorgegangen wurde und der derzeitige For- schungsstand zum „Digital Divide“ noch keine einheitlichen Bewertungsmaßstäbe hervorgebracht hat, muss die Bewertung der Daten anhand vergleichbarer Maßstäbe erfolgen. Tobias Hüsing ver- öffentlichte 2003 im Informationsdienst Soziale Indikatoren Ergebnisse eines Index zur „digitalen Spaltung in der EU“ (Hüsing 2003: 1). Dieser Index sollte, ähnlich wie der Gini-Koeffizient, Auskunft darüber geben wie hoch der Grad der Ungleichheit zwischen verschiedenen sozialen Milieus inner- halb einzelner europäischen Länder in Bezug auf die Diffusion der Informations- und Kommunikati- onstechnologien (IKT) ist (vgl. Hüsing 2003: 3). Je höher der Wert, den ein Staat erreicht, ist, desto geringer ist in diesem Land die soziale Ungleichheit bezüglich der Diffusion der IKTs. Dementspre- chend können die Indizes nicht unmittelbar hinsichtlich ihrer Ergebnisse verglichen werden. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass eine hohe Ungleichheit innerhalb der Staaten zumindest auch auf eine schlechtere gesamtgesellschaftliche Entwicklung bezüglich der IKTs Hinweis gibt. Diese Annahme vertritt auch Hüsing, der diese Korrelation von der Entwicklung und Diffusion von IKTs innerhalb der Gesellschaft und dem Maße der Ungleichheit zwischen den verschiedenen sozialen Milieus sogar nachweisen kann (vgl. Hüsing 2003: 4).

Die Ergebnisse (Graphik 2) weisen, auch wenn sie inhaltlich anders zu interpretieren sind, auffälli- ge Ähnlichkeiten zu den Ergebnissen des DESI 2015 auf. Es ergibt sich eine ähnliche Rangfolge der Länder wie bei der Gesamtwertung des DESI 2015 (Graphik 1) sowie ein ähnliches Gefälle der Werte.

Graphik 1: DESI-Werte 2015 der einzelnen Staaten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: digital-agenda-data.eu, 10.03.2015; Daten: Digital Agenda Scoreboard 2015

Die nordischen Länder, Großbritannien und Niederlande erreichen jeweils die höchsten Werte. Ausgenommen ist Österreich, das im DESI 2015 im Vergleich nur mittlere Werte erreicht. Im unte- ren Wertebereich finden sich, mit Abweichungen, ebenfalls ähnliche Staaten, dazu gehören zum Beispiel Rumänien, Italien und Bulgarien.

[...]

Details

Seiten
34
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668253100
ISBN (Buch)
9783668253117
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335266
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Digital-Divide Forschung Kommunikationstechnologien Internet digitale Infrastruktur Vergleich Diffusion soziale Ungleichheit

Autor

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