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"In a Station of the Metro" als repräsentatives Beispiel für Ezra Pounds imagistische Dichtung

von Angelika Felser

Hausarbeit (Hauptseminar) 1995 25 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I Einleitung

II „Imagism“
II.1 Die Ideale des Imagismus
II.2 Entscheidende Einflüsse auf Pounds Dichtung T. E. Hulme – Haiku – Vorticism

III „In a Station of the Metro“
III.1 Das Gedicht als repräsentatives Beispiel für Pounds imagistische Dichtung
III.2 Das Bild der „modernen Stadt“

IV Resümee

LITERATURVERZEICHNIS

I Einleitung

The age demanded an image

Of its accelerated grimace

Something for the modern stage

Not, at any rate, an Attic grace;

Not, not certainly, the obscure reviews

Of the inward gaze;

Better mendacities

Than the classics in paraphrase!

The “age demanded”, chiefly, a mould in plaster,

Made with no loss of time,

A prose kinema, not, not assuredly, alabaster

Or the “sculpture” of rhythm.

Ezra Pounds ironisches Portrait des zeitgenössischen Künstlers steht am Ende der Imagismus-Dekade (1910-1920), die als Vorläufer zur Moderne in der englischen Literatur verstanden wird. In seinen Versen werden die beiden Hauptströmungen, die zu einer regelrechten Revolution des literarischen Stils führten, deutlich: das Bild („image“), welches nun in den Vordergrund rückt und die Kritik an der Zeit („age“). Was die Menschen scheinbar von Dichtung verlangten, war ein kurzlebiges und oberflächliches Bild, ein „Kinema der Prosa“ – Pound jedoch lieferte mit seiner Dichtung ein Bild, das zwar in einem kurzen Moment wahrgenommen wurde, dennoch aber aufgrund seiner Intensität und knappen, gedrängten Form im Gedächtnis erhalten blieb („It is better to present one Image in a lifetime than to produce voluminous works“[1] )

„Imagism“ hieß das Schlagwort, mit dem er als erstes geistiges Haupt der sogenannten „Imagisten“ für eine neue Form der Dichtung plädierte, für eine Dichtung, die die konventionellen poetischen Themen und Reimschemata umstieß und gegen die zeitgenössische Poetik revoltierte, welche Pound als „rather blurry, messy […] sentimentalistic mannerish“[2] bezeichnete.

Die vorliegende Arbeit soll Aufschluss über Pounds imagistische Dichtung geben. Dazu werden die Faktoren erläutert, die zu seinem Verständnis von Imagismus und dessen Idealbild von Dichtung führten. Neben Einflüssen bestimmter Zeitgenossen Pounds, wie z.B. T. E. Hulme, spielte auch orientalische Poetik, besonders die japanische Form des sogenannten „Haiku“, eine große Rolle bei Pounds Suche nach dem idealen „Bild“, dem Vortex, welches er in „Lustra“, seiner Gedichtssammlung mit inhaltlich kürzeren Gedichten, gefunden zu haben scheint. „In a Station of the Metro“, das wohl bekannteste Gedicht dieser Sammlung, übertrifft alle Gedichte der Imagisten an Konzentration. Es soll als repräsentatives Beispiel für Pounds Dichtung dienen. Inhaltlich offenbart das Gedicht ein bestimmtes Bild der „modernen Stadt“, welches in Anlehnung an Baudelaires „A Une Passante“ kurz illustriert werden soll.

II „Imagism“

II.1 Die Ideale des Imagismus

Als Pound im Jahre 1908 nach London kommt, ist er ein begeisterter Anhänger Yeats’ („the only poet worth of serious study“[3] ). Die Begegnung mit Ford Madox Ford (Hueffer) schwächte jedoch schon ein Jahr später seine Begesiterung für Yeats.[4] Fords Beharren auf Klarheit und Präzision in der Dichtung entspricht der Idee von T. E. Hulme und F. S. Flint, beide Mitglieder des „Poets’ Club“, denen er im Jahre 1909 begegnet. Hulmes Vorhersage für die Dichtung („a period of dry hard classical verse“[5] ) sollte die Kernthese der späteren „Imagismus“- Bewegung sein, die sich aus dem „Poets’ club“ entwickelte. Angeregt hierdurch, stellt Pound schon früh eigene ultimative Ziele der Poesie auf:

„1.) To paint the thing as I see it
2) Beauty
3) Freedom from didacticism”[6]

In der eigentlichen Blütezeit des Imagismus (1912-1917) ist es Pounds leidenschaftliches Verfechten seines Ideals vom Image, das im Gegensatz zu dem der französischen Symbolisten steht, was ihn zum ersten geistigen Haupt der Bewegung macht. Zu der neuen Dichterschule („Les Imagistes“) gehören Schriftsteller wie T. E. Hulme (der Begründer), H(ilda) D(oolittle), D. H. Lawrence, William Carlos Williams, John Gould Fletcher und Richard Aldington.[7] F. S. Flint weist darauf hin, dass sie sich nicht als revolutionäre Schule verstanden, sondern lediglich die Absicht verfolgten, Dichtung im Sinne Sapphos, Catulls und Villons („the best writers of all time“[8] ) zu schreiben. Ihr Glaube an diesen einzig wahren Dichtungsstil erlaubte keine Abweichung: „They seemed to be absolutely intolerant of all poetry that was not written in such endeavor, ignorance of the best tradition forming no excuse.“[9]

Flint führt die drei wichtigsten (nicht veröffentlichten) Regeln Pounds auf, nach deren Maßstäben die Imagisten Dichtung schreiben und bewerten sollten:

“ 1. Direct treatment of the „thing“, whether subjective or objective
2. To use absolutely no word that did not contribute to the presentation
3. As regarding the rhythm: to compose in sequence of the musical phrase, not in the sequence of a metronome”[10]

Dichtung, die von dieser Doktrin abwich, wurde als “dürftig” empfunden (“[...] By these standards they judged all poetry, and found most of it wanting“[11] ). Um die zeitgenössischen Dichter von ihren Regeln zu überzeugen, griffen die Imagisten teilweise zu drastischen Mitteln:

„1. They showed him his own thought already splendidly expressed in some classic.
2. They re-wrote his verses before his eyes, using about ten words to his fifty.”[12]

Mittels ihrer Doktrin, so Pound selbst, wollten die Imagisten die neun-zehntel “schlechter” Dichtung, die zu ihrer Zeit von der Gesellschaft als Standardliteratur angesehen wurde, “aussortieren” und den “Gefahren”, ebensolche zu verfassen, vorbeugen: “The first three simple proscriptions will throw out nine-tenths of all the bad poetry now accepted as standard and classic; and will prevent you from many a crime of production.”[13]

Flint räumt ein, dass die Dichtergruppe leicht als „snobistisch“ eingestuft werden konnte, sich ihr Snobismus jedoch „[…]in its most dynamic form“ härter gegen die eigenen Mitglieder als gegen Außenstehende richtete.[14]

Besonders wichtig für Pound ist die Abgrenzung des Bildverständnisses der Imagisten von dem der französischen Symbolisten, zu deren bekanntesten Anhängern Baudelaire, Mallarmé, Verlaine und Rimbaud zählten. Nach Pound stellt ein Symbol eine gewisse Gefahr dar, weil es im Gegensatz zum Bild keine variable Bedeutung habe: „A symbol, Pound believed, is potentially evil, because it fixes an existential value in a word and replaces a physical with an intellectual (or mystical) value.[15] [...] The imagist’s images, on the other hand, have a variable significance, like the signs „a“, „b“, and „x“ in algebra.“[16]

Mallarmés These “to name a thing was to take away half the pleasure”[17] macht den krassen Widerspruch zu den Forderungen der Imagisten (“Direct treatment of the thing”, “To use absolutely no word that did not contribute to the presentation”) deutlich. Pound klagt die Symbolisten für ihre Ungenauigkeit an: “He [Pound] arraigned symbolism for its „softness“ and arbitrariness, its ultimate renunciation of the „de facto world“ and aspiration after infinitude […].“[18]

Dichtung müsse eindeutig sein, das Bild “hard, clear and concentrated”[19]. Pound fordert, dass der Dichter seine Eindrücke mit Hilfe des präzisen, den Sachverhalt genau treffenden Wortes, mot juste, beschreibt. Er bezeichnet denjenigen, der nicht versucht, dieses mot juste zu finden, als faul („This is usually only the result of being too lazy to find the exact word“[20] ). Das Bild sei nicht Schmuck, sondern selbst die Sprache: “The point of Imagism is that it does not use images as ornaments. The image is itself the speech.”[21]

Nach Pound benötigt man keine Abstraktionen wie “dim lands of peace”, da das natürliche Objekt stets das adäquate Symbol sei[22], “itself an instrument of vision, a lens”[23], mit dessen Hilfe der Dichter auf Sinneseindrücke reagiere. Um den freien und fließenden Gedankenassoziationen des Dichters gerecht zu werden, dürfe der Versrhythmus nicht von einer „unbestimmten Musik“ geleitet werden, wie es Verlaine in seinem Werk „Art of Poetry“ empfiehlt[24], sondern von einem „absoluten Rhythmus“ („a rhythm which corresponds exactly to the emotion or shade of emotion to be expressed.“[25] ). Dies sei nur durch den bereits von Hulme proklamierten free verse gewährleistet, der den Gedankenfluss nicht unterbricht: „Don’t chap your stuff into separarte iambs. Don’t make each line stop dead at the end, and then begin every next line with a heave. Let the beginning of the next line catch the rise of the rhythm wave, unless you want a definite longish pause.”[26]

Es wird deutlich, dass Ezra Pounds Ideale nicht mit denen der zeitgenössischen Dichter in Einklang zu bringen sind und dass seine Forderungen an Dichtung sehr präzise formuliert sind. In Anlehnung an T. E. Hulme, an alte orientalische Dichter und schließlich in Anlehnung an Künstler der Vorticism -Bewegung findet der Imagist sein persönliches virtú – das Optimum des „harten, klaren, konzentrierten Bildes“, das seine gesamte spätere Dichtung beeinflussen sollte.

II.2 Entscheidende Einflüsse auf Pounds Dichtung T. E. Hulme – Haiku – Vorticism

Die Bekanntschaft mit Thomas Ernest Hulme im Jahre 1908, dem Begründer des Poets’ Club, der als Vorläufer der eigentlichen Imagismus-Bewegung zu sehen ist und die Auseinandersetzung mit chinesischer und japanischer Dichtung, besonders mit der japanischen Form des „Haiku“, waren die zunächst einflussreichsten Faktoren auf Pounds Verständnis von imagistischer Dichtung. Dass diese beiden Faktoren als miteinander verknüpft gesehen werden müssen, führt uns Flint in seiner Beschreibung des Poets’ Club vor Augen[27].

Es wird deutlich, dass Hulme bestens mit orientalischer Dichtung vertraut war und dass die Mitglieder des Clubs imagistische Gedichte erörterten und ihre Gedanken darüber austauschten. Hulme selbst verfasste fünf Gedichte, die seine Ideale von Imagismus widerspiegelten („The great aim is accurate, precise, and definite description […] It is essential to prove that beauty may be in small, dry things.“[28] )

„Autumn“ soll als Beispiel für seine Dichtung dienen[29]:

[...]


[1] Pound, Ezra, „A Few Dont’s by an imagiste“. Poetry: A Magazine of Verse, Vol. 1, October 1912 - March 1913, Harriet-Monrae, New York 1966, S. 200-206; hier S. 201.

[2] Abrams, M. H., A Glossary of Literary Terms, Orlando 1988, S. 77.

[3] Brooker, Peter, A student’s Guide to the Selected Poems of Ezra Pound, London 1979, S. 61ff.

[4] „M. Yeats has been subjective; believes in the glamour and associations which hang near words […]. He has much in common with the French Symbolists. Mr. Hueffer believes in an exact rendering of things. He would strip words of all “association” for the sake of getting a precise meaning [...]. He is objective.” Zitiert nach: Brooker, S. 61.

[5] Brooker, S. 61.

[6] Brooker, S. 61f.

[7] Abrams, S. 77.

[8] Flint, F. S., “Imagism”. Poetry: A Magazine of Verse, Vol. 1, October 1912 - March 1913, Harriet-Monrae, New York 1966, S. 198-200; hier S. 199.

[9] Flint, S. 199.

[10] Flint, S. 199.

[11] Flint, S. 199.

[12] Flint, S. 199f.

[13] Flint, S. 206.

[14] Flint, S. 200.

[15] Barabarese, J. T., „Ezra Pound’s Imagist Aesthetics: Lustra to Mauberley“, The Columbia History of American Poetry, ed. by Parini, Jay and Brett Millier, New York 1993, S. 284-318; hier s. 288.

[16] Barabarese, S. 289.

[17] Grover, Philip, Ezra Pound. The London Years: 1908 – 1920, New York 1978, S. 22.

[18] Zach, Natan, „Imagism and Vorticism“. Modernism. A Guide to European Literature 1890 – 1930, ed. By Malcolm Bradbury and James Mc Farlaine, Penguin Books, London 1991, S. 235.

[19] Abrams, S. 78.

[20] Pound, S. 206.

[21] Grover, S. 23.

[22] Pound, S. 201.

[23] Barabarese, S. 289.

[24] Grover, S. 22.

[25] Grover, S. 22.

[26] Pound, S. 204.

[27] „I think what brought the real nucleus of this group together was a dissatisfaction with English poetry as it was then (and is still, alas!) being written. We proposed at various times to replace it by pure vers libre; by the Japanese t a n k a and h a i k a i; we all wrote dozens of the latter as an amusement; by poems in sacred Hebrew form; [...] by rimeless poems like Hulme’s “Autumn” and so on. In all this Hulme was ringleader. He insisted too on absolutely accurate presentation and no verbiage.” Zitiert nach: Hughes, Glenn, Imagism and The Imagists. A study in Modern Poetry, London 1960, S. 11.

[28] Hughes, S. 16f.

[29] entnommen aus: Hulme, Thomas Ernest, Speculations. Essays on Humanism and the Philosophy of Art, ed. Herbert Read, London 1921, reprinted 1949, Appendix C “The complete Poetical Works of T. E. Hulme”

Details

Seiten
25
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783668251328
ISBN (Buch)
9783668251335
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335234
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Anglistik
Note
gut
Schlagworte
Haiku Imagismus Vortizismus

Autor

  • Angelika Felser

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