Lade Inhalt...

Der ontologische Gottesbeweis des Anselm von Canterbury im Rahmen des aristotelischen Wissenschaftsmodells

Seminararbeit 2001 15 Seiten

Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1300)

Leseprobe

Inhalt

0. Abstract

1. Einleitung

2. Der Gottesbeweis der im Proslogion 2-4
2.1 Die Grundlagen des Gottesbeweises
2.2 Die Struktur des Gottesbeweises

3. Anselms Gottesbeweis als apodiktischer Syllogismus
3.1 Der Beweis im aristotelischen Wissenschaftsmodell
3.2 Anselms Gottesbeweis in der Form eines apodiktischen Syllogismus
3.3 Der Schluß vom Denken auf das Sein als notwendige Voraussetzung des Gottesbeweises

Zusammenfassung und Ausblick

Literatur

0. Abstract

Anselms Beweis von der Existenz Gottes wird bis heute kontrovers diskutiert. Zeitgenössische Kritiker bemühen ausgeklügelte Logiken, um die Gültigkeit des anselmianischen Arguments zu überprüfen. Viel naheliegender scheint es mir jedoch, Anselms Argument in Form eines aristotelisch-wissenschaftlichen Beweises zu rekonstruieren. Denn ein Teil dieses Beweisschemas liegt wörtlich in Proslogion II-IV vor und der Rest läßt sich daraus ableiten. Dieser Rest wird sich als notwendige, aber auch inakzeptable Voraussetzung des anselmianischen Arguments erweisen, die der Text nicht explizit ausspricht. Diese Arbeit ist der Versuch, jene inakzeptable Voraussetzung herauszustellen, um so die Ungültigkeit des Beweises sichtbar zu machen. Dazu werde ich den Aufbau des anselmianischen Arguments ausarbeiten, die Form eines Beweises im Sinne des aristotelischen Wissenschaftsverständnisses skizzieren und letztlich Anselms Argument dieser Form gemäß rekonstruieren.

1. Einleitung

Wer sich heute mit den Versuchen der Scholastiker, die Existenz Gottes zu beweisen auseinandersetzt, kann sich kaum einer gewissen Verwunderung entziehen: die Vernunft scheint nicht gerade das adäquate Mittel zum Erfassen dieses numinosen Gegenstandes zu sein.

Doch diese Versuche sind durchaus ernst gemeint. Vernunft hatte die Kritik an Glaubenssätzen einst ermöglicht (z. B. Streit um die Transsubstantiationslehre) und sollte nun die Überlegenheit der christlichen Theologie gegenüber konkurrierenden Heils- und Weltanschauungslehren (z. B. Islam, Judentum, byzantinische Theologie, aufkommende Wissenschaft) sichern. Heute werden Gottesbeweise im Kontext der Frage nach der Möglichkeit einer rationalen Theologie erörtert (vgl. z. B. Söhngen, G., 1952, 24-62; Schurr, A., 1966, 306-310).

Die Existenz Gottes wurde auf verschiedene Weisen zu begründen versucht. So schloß man vom Vorhandensein der kontingenten Welt auf die Existenz einer außerweltlichen, notwendigen Ursache (kosmologischer Gottesbeweis) oder auf ein Ziel, auf das hin die Welt zustrebt (teleologischer Gottesbeweis). Während diese Beweisformen von empirischen Voraussetzungen ausgehen, versucht eine dritte Gruppe von Gottesbeweisen ihr Beweisziel aus dem Begriff Gottes herzuleiten (ontologischer Gottesbeweis). Der wohl berühmteste Vertreter dieser Gruppe ist der Beweis des Anselm von Canterbury (1033-1109). Dieser löste eine heftige Kontroverse aus, die bis heute anhält. So wurde er z. B. von Thomas von Aquin und Kant verworfen, während Descartes von seiner Schlüssigkeit überzeugt war und ihn sogar als conditio sine qua non in sein metaphysisches System einbaute. Die zeitgenössischen Kritiker erachteten übereinstimmend den ersten Teil des aus zwei Schlüssen bestehenden Beweises (s.u.) als ungültig, den zweiten jedoch als gültig (vgl. Hartshorne, 1941; Findlay, 1948, 176-183; Malcolm, 1960, 41-62). Selbst der Einsatz der von der modernen Logik bereitgestellten Mittel vermochte keinen Konsens über die Gültigkeit des Beweises herzustellen. Morscher (1988, 60-84) hält ihn für ungültig nachdem er die Logiken der Existenz, der Kennzeichnungen und der Modalitäten zur Überprüfung bemüht hat. Weingartner (1998, 34-59) hält ihn im Rahmen des intuitionistischen Kalküls für gültig, allerdings um den Preis einer abgeschwächten Konklusion.

Doch ist es wirklich erforderlich, auf solche moderne und hochspezialisierte Kalküle zurückzugreifen? - Meines Wissens hat noch niemand versucht, Anselms Argument in der Form eines apodiktischen Syllogismus im Rahmen des aristotelischen Wissenschaftsverständnisses zu rekonstruieren, obwohl der Text Proslogion 2 - 4 diese Beweisform nahelegt. Die vorliegende Arbeit möchte diese Lücke schließen. Dazu werde ich zunächst den Gedankengang Anselms beschreiben, dann werde ich knapp skizzieren, was ein Beweis im Sinne des aristotelischen Wissenschaftsverständnisses ist und schließlich werde ich Anselms Argument dieser Form gemäß rekonstruieren. Dabei wird sich zeigen, daß eine Voraussetzung dieses Beweises nicht akzeptabel und somit der Beweis selbst nicht gültig ist.

2. Der Gottesbeweis der im Proslogion 2-4

Anselms Beweis der notwendigen Existenz Gottes setzt sich aus zwei getrennten, aber strukturell ähnlichen und aufeinander aufbauenden Schlüssen zusammen. In Proslogion c. 2 beweist er, daß Gott in Wirklichkeit existiert und in c. 3, daß er sogar notwendig existiert.

Zunächst entwirft Anselm eine Formel zur Kennzeichnung Gottes. Diese Formel ist so beschaffen, daß ihr nicht ohne Widerspruch eine fixe Position auf einer zugrundegelegten metaphysischen Seinsordnung zugewiesen werden kann. Vielmehr muß ihr jedesmal die nächsthöhere Position zukommen, wenn der Beweisgang widerspruchsfrei sein soll.

Ich werde im folgenden Anselms Ausgangsformel zur Kennzeichnung des Gottesbegriffs sowie die dem Beweis zugrundeliegende metaphysische Seinsordnung kurz skizzieren und so die Struktur des anselmianischen Beweisganges aufzeigen.

2.1 Die Grundlagen des Gottesbeweises

Anselm beginnt seine Überlegungen mit der Bestimmung Gottes als etwas, über dem nichts größeres gedacht werden kann (aliquid quo maius nihil cogitari potest). Damit ist keineswegs das Wesen Gottes erfaßt, denn der sprachliche Ausdruck ,,etwas" (aliquid) ist kein Gattungsbegriff, der für eine Klasse erschöpfend disjunktiver Gegensätze steht. Er ist aber auch keine akzidentielle Bestimmung, die Gott zukommen aber auch abgehen kann. Der sprachliche Ausdruck ,,etwas, über dem nichts Größeres gedacht werden kann" bezeichnet vielmehr eine Eigenschaft Gottes, die ihm wesentlich und ausschließlich zukommt und deshalb auch mit dem sprachlichen Ausdruck ,,Gott" austauschbar ist (i.e. Proprium).

Anselm hält den sprachlichen Ausdruck ,,etwas, über dem nichts Größeres gedacht werden kann" für so einleuchtend, daß er keiner Begründung bedarf und sogar von einem der christlichen Theologie Unkundigen (der Tor aus Psalm 13) ohne weiteres verstanden wird. Mit der Verknüpfung dieses Ausdrucks mit dem Prädikat ,,ist im Verstande" entsteht die erste Prämisse des anselmianischen Beweises: etwas, über dem nichts Größeres gedacht werden kann existiert als Gedanke.

Anselm legt seinem Beweisgang eine Rangordnung des Seins mit insgesamt drei Stufen zugrunde: Denkbares und Wirkliches, die beide zusammen das kontingente Sein ausmachen sowie notwendig Seiendes. Diese Stufen sind durch die Größer-Relation (>) wie folgt verbunden: Notwendiges > Wirkliches > Denkbares. In der Erwiderung auf die Einwände seines Zeitgenossen Gaunilo von Marmoutiers legt Anselm die Gründe für diese Seinsordnung dar (§1)1. Das notwendige Sein hat weder Anfang noch Ende, existiert immer und überall als Ganzes und kann deshalb als nichtexistierend nicht einmal gedacht werden. Dadurch kommt ihm ein seinsmäßiger Vorsprung vor dem kontingenten Sein zu, welches durch Anfang und Ende begrenzt ist, nicht immer und überall als Ganzes existiert und dessen Nichtsein zumindest gedacht werden kann. Den seinsmäßigen Vorsprung des Wirklichen vor dem Denkbaren erwähnt Anselm eher beiläufig und ohne Begründung in einem Nebensatz: ,,Denn wenn es auch nur im Verstande allein ist, kann gedacht werden, daß es auch in Wirklichkeit existiert, was größer ist 2" (c. 2).

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638120524
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3351
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – FB Philosophie
Note
gut
Schlagworte
Gottesbeweis Anselm Canterbury Rahmen Wissenschaftsmodells Seminar Gottesbeweise

Autor

Zurück

Titel: Der ontologische Gottesbeweis des Anselm von Canterbury im Rahmen des aristotelischen Wissenschaftsmodells