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Verlobung unter Ungleichen - Nation, Rasse und Geschlecht in Heinrich von Kleist´s Verlobung in St. Domingo

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Historischer Hintergrund

3. Revolution & Nation

4. Rassismen
4.1 Sklaverei
4.2 Fronten im Rassenkampf
4.3 Rassistische Stereotype
4.4 Gustavs rassistische Kategorisierungen

5. Schwarze Hure – Weiße Heilige

6. Geschlechterrollen & -bilder
6.1 Die Apolitische
6.2 Motivation Emotion
6.3 Verführter Verführer
6.4 Die Waffen der Frau
6.5 Rollenzuschreibungen

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Heinrich von Kleists Werke sind getragen von der Faszination des Widerstandes. Er sympathisiert mit dem Widerstand gegen Okkupation und Unterwerfung. Dabei behandelt er stets auch die immanente Gefahr der Verselbständigung der Form und Entkoppelung von den ursprünglichen Wertvorstellungen. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren die Ideale, die sich die bürgerliche Revolution in Frankreich 1789 auf ihre Fahnen schrieb. Ideale, die auch Kleist für sich beanspruchen konnte, ließen sie doch einen breiten Interpretationsspielraum offen. Sollte die Freiheit dem französischen Bürger gelten, oder auch den feudal Geknechteten im unfreien Europa? Hatte man bei der Gleichheit auch die der Geschlechter gemeint? Und waren die Sklaven in den Kolonien die Brüder der Revolutionäre Frankreichs?[1] Fragen die in der Nationalversammlung diskutiert und die spätestens mit der Machtübernahme Napoleons de facto verneint worden waren.

Kleists Novelle „Die Verlobung in San Domingo“ spielt, vor dem Hintergrund dieser Wertediskussion, im Jahr 1803 in der französischen Kolonie Saint Domingue. Der Dichter greift die Widerstandsthematik auf und zeichnet darin eine, in seiner Zeit verbreitete Vorstellung gesellschaftlicher Ordnung, patriarchaler und rassistischer Prägung. In der Novelle lässt sich Kleists Variante einer „aufgeklärten“ Nomenklatur herausarbeiten. Diese Arbeit analysiert „Die Verlobung in St. Domingo“ unter den Kategorien Rasse und Geschlecht. Zum besseren Verständnis ist ein historischer Aufriss vorangestellt. Ein erstes kleineres Kapitel betrachtet, wo sich Kleists Skepsis gegenüber Revolutionen und seine nationalistische Kritik an der Eroberungspolitik eines Bonaparte wiederfinden lässt, die nicht mit einer Kritik an den Idealen der Französischen Revolution verwechselt werden dürfen. Viel Spaß beim lesen!

2. Historischer Hintergrund

Die Unabhängigkeitskämpfe auf Haiti, die die historische Bühne für Kleists Novelle abgeben, befinden sich im zwölften und letzen Jahr. Veröffentlicht wurde „Die Verlobung in St. Domingo“ – im folgenden vereinfachend „Verlobung“ genannt – 1811, das genaue Entstehungsjahr ist nicht bekannt. Kleists Kenntnisse um die Situation auf Haiti können zurückgeführt werden auf seine Frankreichaufenthalte 1801-1803; seine Inhaftierung auf Fort Joux, wo die Mulattengeneräle Rigaud und Besse ebenso eingekerkert waren, wie Toussaint Louverture, der in diesem Gefängnis 1803 ums Leben kam; sowie auf Gespräche mit Heinrich Zschokke in der Schweiz 1801-1803. Die Ereignisse auf Haiti wurden außerdem von Europas Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt und dienten als Folie für den nationalen Widerstand nicht nur Russlands gegen die hegemoniale Eroberungspolitik Napoleons.

1492 „entdeckt“ Christoph Kolumbus Haiti. Wenige Jahre später wird die Stadt St. Domingo gegründet und bildet als Sitz des spanischen Vizekönigs den Mittelpunkt des Kolonialreichs. Die einheimische indigene Bevölkerung gilt bereits Mitte des 16. Jahrhunderts als von der Kolonialmacht ausgerottet. 1697 wird mit dem Frieden von Rijswijk der Westteil der Insel an Frankreich abgetreten und entwickelt sich unter dem Namen Saint Domingue schnell zu einer der profitabelsten Kolonien. 1791 beginnt der Befreiungskampf der zu hunderttausenden als Arbeitssklaven aus Afrika importierten Schwarzen. 1804 ziehen sich die europäischen Truppen zurück, es wird die „Erste Republik Haiti“ ausgerufen. Der erste Führer im Unabhängigkeitskrieg ist Toussaint Louverture, die Generäle Jean Jaques Dessalines und Alexandre Petion bringen die Revolution zum Sieg. Dessalines proklamiert am 1. Januar 1804 die Unabhängigkeit und ernennt sich selbst zum Kaiser.

Haiti ist damit die erste Kolonie, die ihre Unabhängigkeit proklamierte. Der Sieg der Schwarzen auf Haiti ist der erste erfolgreich zu Ende geführte Sklavenaufstand der Weltgeschichte und der Beginn des Niedergangs napoleonischer Weltmachtsträume.

3. Revolution & Nation

Betrachtet man die Verlobung unter der Kategorie Nation, darf man nicht den Fehler begehen, Kleists ablehnende Haltung gegen revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen als einen Affront gegen den Nationalstaat, in dem sich diese vollziehen, zu begreifen.

Kleists Schilderungen beginnen mit den „unbesonnene[n] Schritte[n] des National Konvents“[2]. Damit spielt er an auf die zwischen 1790 und 1794 erlassenen Dekrete, die erst den Mulatten, dann den frei geborenen Schwarzen und schließlich allen Schwarzen zivile Rechte zuerkannten. Der Autor positioniert sich damit nicht zur Sklavenfrage oder gegen Frankreich, denn vielmehr gegen die Revolution, die u.a. von diesen Schritten provoziert werden sollten.

Kleist ist kein Freund von Revolutionen, der Dialektik des Widerstands wegen, der in der Aufgabe der anfänglichen Ideale zu münden oder sich in neuen Terror zu wandeln droht. Beides Kritik Kleists am revolutionären Frankreich, die sich an vielen Stellen in die Novelle einschreibt.[3] Unumwunden zum Ausdruck kommt dies beispielhaft in einer von zwei sich im revolutionären Frankreich ereignenden Erzählungen in der Verlobung. Gustav berichtet Toni von der Hinrichtung Marianes: „... wie ich die Unbesonnenheit so weit treiben konnte, mir eines Abends an einem öffentlichen Ort Äußerungen über das eben errichtete furchtbare Revolutionstribunal zu erlauben. Man verklagte, man suchte mich; ja, in Ermangelung meiner [...] lief die Rotte meiner rasenden Verfolger, die ein Opfer haben musste, nach der Wohnung meiner Braut, und [...] schleppte man dieselbe [...] mit unerhörter Leichtfertigkeit statt meiner auf den Richtplatz.“[4] Nicht Frankreich ist hier Angriffsobjekt sondern die Grausamkeiten, die die Revolution hervorbrachte.

Kleists Revolutionskritik muss abgegrenzt werden von der, des deutschen Nationalisten Kleist an der napoleonischen Hegemonial- und Okkupationspolitik. Im Jahr 1806 schreibt er an seine Schwester, „Es wäre schrecklich, wenn dieser Wüterich sein Reich gründete. Nur ein sehr kleiner Teil der Menschen begreift, was für ein Verderben es ist, unter seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Völker der Römer. Es ist auf eine Ausplünderung von Europa abgesehen, um Frankereich reich zu machen.“[5] Bei Erscheinen der Novelle im Jahr 1811 befindet sich Napoleon am Höhepunkt seiner Macht. Eine offene Kritik an Frankreich unterläge der Zensur der Besatzungsmacht. Die Novelle ist dennoch durchsetzt von antinapoleonischen Anspielungen. Die zweite Geschichte aus Frankreich beinhaltet dann auch doppelt verschlüsselt eine Anspielung auf napoleonische Unzivilisiertheit und Unterdrückung. Auf Gustavs Frage nach der Vaterstadt berichtet Babekan, „daß Toni vor funfzehn Jahren [...] in Paris von ihr empfangen [...] worden wäre.“[6] Ihr Vater sei ein „reicher Marseiller Kaufmann, namens Bertrand“[7], der sich „beim Ausbruch der Revolution in die öffentlichen Geschäfte“[8] einmischte. Lützeler weißt darauf hin, dass der Generaladjutant Napoleons, Henri-Gratien Graf Bertrand, ebenso hieß. „Im Bewußtsein der Europäer war Bertrand eine Art alter ego des französischen Kaisers.“[9] Als führender Militär stand Bertrand synonym für französische Eroberungsfeldzüge von Preußen bis Ägypten. In der Verlobung leugnet Bertrand die Vaterschaft Tonis ab, worauf Barbekan ein Gallenfieber erlitt „und bald darauf noch sechzig Peitschenhiebe, [...] in deren Folge ich [Barbekan] noch bis auf diesen Tag an der Schwindsucht leide“[10]. Die Leugnung der Vaterschaft kann gelesen werden als das Verweigern von Freiheit und Bürgerrechten, die, mit der formellen Abschaffung der Sklaverei in oben angesprochenen Dekreten, den Schwarzen von Saint Domingue zugestanden worden waren. Mit welcher Härte dies geschah soll Barbekans Strafe, die sie dafür erhielt, demonstrieren. Sie war mit sechzig Peitschenhieben höher als das im „Code noir“ vorgeschriebene Höchstmaß von fünfzig.[11] Die Reaktion Babekans in der Verlobung ist eindeutig – an der Stelle, an der sie in den Widerstand gegen die Weißen eingeführt wird, ist Motivation die „Folge einer grausamen Strafe, die sie in ihrer Jugend erhalten hatte“[12].

Eine Motivation die auch andere von napoleonischer Fremdherrschaft geknechtete Nationen teilen können.

Ein weiterer Aspekt, in dem Nationalität in der Verlobung eine Rolle spielt, macht Kleists Position in dieser Frage in anderer Hinsicht deutlich: Gustav ist „ein Offizier der Französischen Macht, obschon, wie Ihr wohl selbst urteilt, kein Franzose; mein Vaterland ist die Schweiz“[13]. Die Schweiz wurde 1803 – bereits ein Jahr unter französischer Besetzung - mit der Unterzeichnung einer Defensivallianz zum Vasallenstaat Frankreichs. Sie verpflichtete sich zur Bereitstellung von 16000 Soldaten. Das „Elend, das der Kollaborateur Gustav von der Ried durchmacht, und sein schließlicher Tod sind die Folgen einer Unterwerfungspolitik der Eidgenossenschaft unter die Gewalt einer fremden Macht. Gerade weil die Schweiz im Bewusstsein der Europäer als das freiheitsliebende Land par excellence galt, wird hier die Schmach eines in völlige Abhängigkeit von Frankreich geratenen Staates deutlich gemacht.“[14] Gustavs Tod ist aber keineswegs das Ende der Schmach. Kleist erwähnt in einer weiteren Spitze gegen Frankreich die Flucht auf die englische Flotte, die nicht wie behauptet ihre Rettung, als vielmehr Kriegsgefangenschaft bedeutete.

Der verschlüsselte Ruf nach einer Befreiung Europas von der Fremdherrschaft Napoleons und nationaler Selbstbestimmung war für den zeitgenössischen Rezipienten der Verlobung kaum zu überlesen.

4. Rassismen

4.1 Sklaverei

Die strukturelle Dimension der Sklaverei und des Kolonialismus findet in der Novelle kaum direkte Erwähnung und wird in der einzigen Äußerung dazu – der Antwort Gustavs auf die Frage Tonis, wodurch sich die Weißen so verhasst gemacht hätten – als historischer Fakt scheinbar der eigenen Verantwortung enthoben: „Der Fremde erwiderte betroffen: durch das allgemeine Verhältnis, das sie, als Herren der Insel, zu den Schwarzen hatten, und das ich, die Wahrheit zu gestehen, mich nicht unterfangen will, in Schutz zu nehmen; das aber schon seit vielen Jahrhunderten auf diese Weise bestand!“[15] Trotzdem kann man Kleist nicht unterstellen, diese Dimension komplett auszublenden. Sie findet sich beispielhaft in dem Verhältnis Villeneuve, Congo Hoango und Babekan wieder. Hoango wird eingeführt mit einer ausgedehnten Beschreibung der Wohltaten Villeneuves, die bereits das strukturelle Verhältnis und die Absolutheit der Verfügungsgewalt widerspiegeln: „Villeneuve schenkt Hoango aus Dankbarkeit, weil dieser ihm einmal das Leben gerettet hatte, die Freiheit, Haus und Hof und befördert ihn zudem „ganz gegen die Gewohnheit des Landes“[16] zum Aufseher, versetzt ihn in den Ruhestand. Außerdem „legt er ihm, weil er nicht wieder heiraten wollte, an Weibes statt eine alte Mulattin [...] bei“. Kommt bereits in den ersten „Wohltaten“ die Verfügungsgewalt über Freiheit und Arbeitskraft heraus, so verdeutlicht letztere die Absolutheit dieser Macht, die bis in den intimsten Bereich reicht. Villeneuves Auftreten gegenüber Babekan verhält sich dann auch anders. Ihr gegenüber hat er sich nie als Gönner sondern nur als Missetäter gezeigt. Ihm verdankt sie die sechzig Peitschenhiebe, die ihr eine chronische Schwindsucht beschert haben. Villeneuve wird also nur auf den ersten Blick als Humanist beschrieben. Bereits in dem Hoango betreffenden Teil wird die Verschleppung der Schwarzen aus Afrika als „Tyrannei, die ihn seinem Vaterlande entrissen hatte“[17] bezeichnet. Bei Babekan handelt es sich um direkte Gewalt. Und auch Gustav will sich nicht unterfangen, die Sklaverei in Schutz zu nehmen. Einen manifesten Widerspruch, der in der Novelle nicht thematisiert wird, könnte als indirekte Kritik an der Sklaverei gewertet werden: Babekan und Gustav sind in etwa gleich alt, trotzdem wird Babekan durchweg als „Alte“ bezeichnet, während Gustav der „Jüngling“ ist. Demonstriert werden die krasse Ungleichheit der Lebenschancen für Sklaven und Herren.

[...]


[1] Die gängige Anrede „Brother“ der Schwarzen im Kampf gegen rassistische Diskriminierung in den USA im 20. Jhd ist zurückzuführen auf die positive Bezugnahme des Freiheitskampfes der Sklaven auf Haiti auf das „Fraternité“ der Französischen Revolution

[2] Kleist, Heinrich von: Sämtliche Erzählungen und andere Prosa; Stuttgart 1984, S. 183

[3] Findet sich in vielen Formulierungen in der Verlobung wieder, wie „Der Wahnsinn der Freiheit“, „Der Taumel der Rache“ u.ä.

Vgl. auch: Lützeler, Paul Michael: Napoleons Kolonialtraum und Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“; Wiesbaden 2000, S. 7 ff

[4] Kleist, S. 200

[5] Zitiert nach Lützeler, S. 9; Für Kleists nationale Gesinnung und Antinapoleonismus ließen sich viele literarische Dokumente anführen; als prägnanteste und bedeutenste seien der „Katechismus der Deutschen“ und „Die Heermannsschlacht“ genannt

[6] Kleist, S. 193

[7] Kleist, S. 193

[8] Kleist, S. 193

[9] Lützeler, S. 19

[10] Kleist, S. 193 f

[11] vgl. „Auszug aus dem Sklavengesetz von 1685 (Code Noir)“ in: Buch, Hans Christoph: Die Scheidung von San Domingo; Berlin 1976, S. 23

[12] Kleist, S. 184

[13] Kleist, S. 188

[14] Lützeler, S. 21

[15] Kleist S. 194

[16] Kleist S. 183

[17] Kleist S. 183

Details

Seiten
26
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638339582
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33508
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Verlobung Ungleichen Nation Rasse Geschlecht Heinrich Kleist´s Domingo

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