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Der Stigma-Begriff Ervin Goffmans. Verwendung und Möglichkeiten zur Beschreibung von Devianz und Sozialer Kontrolle

Essay 2013 8 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Seit Erving Goffman den Begriff "Stigma" in die Soziologie eingeführt hat, erfuhr er einer stetig wachsende Rezeption. Ebenso hat der Begriff, in einem an die Soziologie angelehnten Sinne, auch teilweise schon Einzug in die Alltagssprache gefunden. In diesem Text soll die Verwendung des Begriffs "Stigma", und die Möglichkeiten und Schwächen, die er für das beschreiben von Devianz und Sozialer Kontrolle bietet, erörtert werden.

Der Begriff Stigma stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Mal oder Wunde. Er ist mit dem Begriff "stechen" verwandt. Stigmatisierung ursprünglich Tätowierung: die Narbung der Haut, meist derer von Vieh oder Sklaven, mittels Instrumenten wie Waffen, Loch- oder Brandeisen. Stigmata, die Spuren von Stigmatisierung, stellen somit zunächst unmittelbar körperliche Male dar, defekte im Sinne des Fehlens bzw. des Verlustes organischer Vollkommenheit. Auf die soziale Ebene übertragen weißen sie, darauf hin, dass ihr Träger gesellschaftlich unterlegen ist, dass er besiegt, unterworfen und geknechtet wurde. Im Christentum erfuhr der Begriff eine Umdeutung und wurde nunmehr auf die Wundmale Christi bezogen (Goffman 1975, S. 8). Goffman jedoch benützt den Begriff nahe an seiner ursprünglichen Bedeutung, wobei er die Bedeutung über körperliche Defekte hinaus auch auf andersartige Merkmale einer Person ausweitet, die als Defekt oder als von der Norm abweichend angesehen werden. (Goffman 1975, S. 11) Des weiteren steht für Goffman nicht der das negativ Definierte Merkmal selbst, sondern die Stigmatisierung, also die aus dem Stigma herrührende Diskreditierung der Person, welche den Defekt trägt, im Vordergrund. Für Stigmata ist es charakteristisch, dass einmal das vorhandene Merkmal in bestimmter negativer Weise definiert wird und dass zum anderen über das Merkmal hinaus dem Merkmalsträger weitere ebenfalls negative Eigenschaften zugeschrieben werden, die mit dem tatsächlich gegebenen Merkmal objektiv nichts zu tun haben. Die Person wird also Aufgrund einer Eigenschaft mit Vorurteilen belegt. Diese eine Eigenschaft überschattet darauf hin alle anderen Eigenschaften der Person. Stigmatisierung ist allerdings von Diskriminierung zu unterscheiden: Stigmatisierung ist die negative Bewertung eines Makels und der daraus resultierenden negativen Bewertung der Person durch die Gesellschaft. Diese Bewertung kann aber muss nicht zu diskriminierendem Verhalten führen. In aller Regel ist dies aber die Konsequenz. Stigmatisierte werden Sanktioniert oder gleich komplett aus der Gesellschaft der Normalen ausgegrenzt. So ist Stigmatisierung die Voraussetzung für die Produktion gesellschaftlicher Randgruppen.

Goffman verendete den Begriff "Stigma" für ein Merkmal selbst. Dieses Merkmal und damit die Devianz der Person war für Goffman etwas objektiv gegebenes. Von dieser Ansicht ist der Labeling Approach, der sich mit Devianz und Stigmatisierung beschäftigt, abgerückt. Devianz wird nicht mehr als objektiv feststellbare Abweichung zur Normalität verstanden, sondern als Ergebnis eines sozialen Festlegungsprozesses, in welchem Verhaltensweisen oder Eigenschaften als deviant definiert werden. Ein Stigma ist demnach kein Merkmal mehr das Den Träger von den Normalen trennt, sondern erst die negative Definition des Merkmals bzw. dessen Zuschreibung macht den Träger des Merkmals zu einem Stigmaträger und lässt in als abnormal erscheinen. Ein Defianter ist demnach "eine Person, der ein bestimmtes Etikett erfolgreich zugeschrieben worden ist" (Becker 1963, S. 9)

Die Frage des Labeling Approachs lautet daher nicht mehr, wieso sich gewisse Personen anders verhalten und was sich daraus für Folgen für die Personen ergeben, sondern der Definitionsprozess der zur Stigmatisierung von Personen führt, also die Frage, wieso bestimmt Merkmale als von der Norm abweichend definiert werden und andere nicht. Ein und dasselbe Verhalten kann z. B. als selbstbewusst und ebenso gut als unverschämt aufgefasst werden, ohne dass eine der Deutungen die empirischen Fakten zu verletzen braucht, da ein Großteil menschlichen Verhaltens für jeweils unterschiedliche Deutungen offen ist (Lofland 1969, S. 149). Wie es zu einer bestimmten Deutung des Verhaltens kommt, untersucht der Labeling Approach.

Das theoretische Potenzial ein Stigma zu sein tragen demnach sehr viele Merkmale in sich. Grundsätzlich tritt der Prozess der Stigmatisierung überall auf, wo Menschen gewisse Dinge als Normen erachten und Handlungen oder Eigenschaften einer Person als Verstoß gegen diese interpretieren. Goffman teilt Stigmata in drei Kategorien ein. In physische Eigenschaften und Deformitäten, in Gruppenzugehörigkeiten (z.B. Ethnie, Religion) und Persönlichkeitseigenschaften die einer Person aufgrund ihrer Handlungen zugeschrieben werden.

Das Stigma ist selbst meist schon ein Merkmal welches das Leben erschwert, sei es ein körperliches Gebrechen, Obdachlosigkeit, Drogensucht oder etwas anderes, so sinkt die Lebensqualität durch die Stigmatisierung und deren Folgen noch weiter. (Finzen 2000, S. 178) Die Menschen verhalten sich gegenüber der Person abweisend, verschlossen oder herabwürdigend. Die stigmatisierte Person verliert ihren sozialen Status, hat geringere Chancen auf eine berufliche Anstellung, auf Vermietung einer Wohnung und hat Probleme mit dem Schließen und Aufrechterhalten sozialer Kontakte. Sie erfahren eine teils offene, teils verdeckte Diskriminierung, auch durch staatliche Behörden wie der Polizei. Interaktionen mit Nicht-Stigmatisierten gestalten sich als schwierig. Es ist für den Stigmatisierten unmöglich als vollwertiger Interaktionspartner anerkannt zu werden. Dies kann bis zur totalen Ausschluss von der gesellschaftlichen Teilhabe führen. Zudem lässt sich beobachten, dass die Stigmatisierung auch auf Personen, die in einem bestimmten Verhältnis zu dem Stigmatisierten stehen, übergeht. Die soziale Beziehungen zu dem Stigmatisierten wird selbst zum Stigma. So wird nicht nur der Kriminelle stigmatisiert sondern auch dessen Angehörige.

Die stigmatisierte Person wird einzig und allein auf der Grundlage ihres Stigmas beurteilt, anderen Eigenschaften treten in den Hintergrund oder werden uminterpretiert damit sie zu in das, durch das Stigma gewonnene, negative Bild der Person passen. Das ganze bisherige Leben der Person wird daraufhin betrachtet, welche Ereignisse mit der gegenwärtigen Devianz übereinstimmen, es findet eine "Rekonstruktion der Biographie" statt (Schur 1971, S. 52 ff.). Die Gesellschaft hält bestimmte sozialen Rollen für den Stigmatisierten bereit. Solche Rollen wie z.B. Behinderter oder Krimineller sind mit ganz bestimmten Verhaltenserwartungen verknüpft. Unter Umständen werden diese Verhaltenserwartungen von dem Stigmatisierten internalisiert. Er fängt an sich tatsächlich nach den an in gerichteten Erwartungen zu Orientieren. Aus den von der Gesellschaft erwarteten Eigenschaften und Verhaltensweisen werden somit im Rahmen einer Self-Fullfilling-Prophecy tatsächliche (vgl. Merton 1963). Gewisse von Geburt an vorhandene Stigmata (z.B. Behinderungen) werden schon in der primären Sozialisation internalisiert, die Rolle des Stigmatisierten ist somit tief in der Identität des Stigmatisierten verankert.

Tritt das Stigma einer Person erst nach dessen Primärer Sozialisation auf, kann es zu zwei verschiedenen Dingen kommen. Entweder, die Person, die die Sozialisation der "Normalen", mit ihrer Perspektive über das Stigma, durchlaufen hat, Stigmatisiert sich nun selbst, oder aber sie versucht ihre aktuelle (persönlich erlebte) Identität gegenüber der virtuellen (zugeschriebenen) Identität aufrechtzuerhalten. (Goffman 1975, S.68) Diese Diskrepanz zwischen der zugeschriebenen Identität als Stigmatisierter und der Selbstanschauung des Individuums als normales Gesellschaftsmitglied beschädigt die soziale Identität der Betroffenen. Im Effekt schneidet diese Diskrepanz die Betroffenen sowohl von der sozialen Umwelt als auch vom eigenen von der eigenen Identität ab (Goffman 1975, 68ff.).

Es ist sehr schwer, das eigene Identität über längere Zeit aufrecht-zuerhalten, wenn es nicht mit derer der Gesellschaft über einen übereinstimmt.

Goffman, wie auch die meisten anderen Autoren, die den Begriff verwenden in allererste Linie dafür um die soziale Stellung von behinderten Menschen zu beschreiben. Dies kann daher rühren, das die Stigmatisierung von Behinderten eine besonders harsche und idealtypische Form der Stigmatisierung darstellt, es kann aber so interpretiert werden, dass die Stigmatisierung von Behinderten, im Gegensatz zu derer anderer Personengruppen, besonders Verurteilt wird. Hierhin zeigt sich die Besonderheit des Stigmabegriffs, zweifellos werden Behinderte in unserer Gesellschaft stigmatisiert, auch wenn die meisten Menschen, jedenfalls mehr als dies bei Obdachlosen, Drogensüchtigen oder gar Skinheads der Fall wäre, wohl darin zustimmen würden, dass dies nicht sein sollte. Damit jemand stigmatisiert wird, muss er zum einen eine Norm gebrochen haben, zum anderen wird für diesen Normbruch das Individuum verantwortlich gemacht und nicht die Gesellschaft oder andere Faktoren auf die das Individuum keinen Einfluss hat. Das in letzten Jahren verstärkt die Stigmatisierung gewisser Gruppen allen voran deren der Behinderter thematisiert und kritisiert wird deutet weniger auf eine Endstigmatisierung oder soziale Aufwertung hin, sondern vielmehr das die Eigenschaften dieser Gruppen, welche von der Gesellschaft weiterhin als Makel gedeutet werden, nicht mehr als individuelles, moralisches Versagen gedeutet werden, sondern versucht wird diese Makel durch gesellschaftliche oder biologische Faktoren zu erklären. Der Behinderte wird nicht mehr selbst für seine Behinderung verantwortlich gemacht, sondern sie wird als durch äußere Einflüsse verursacht angesehen, auf die der Träger der Behinderung keinen Einfluss hat. Wenn die Gesellschaft jedoch der Meinung ist, dass der Träger einen Defekt nicht nur faktisch hat, sondern für selbigen auch verantwortlich ist, impliziert dies zumeist, das der Träger zu recht gebrandmarkt ist und seine Differenz zur Normalität durch die gesellschaftliche Moral büßen muss.

Grundsätzlich könnte jede Form einer unerwünschten Andersheit, jede Art von negativ erachtetem abweichendem Verhalten, die eine negative Beurteilung der Person nach sich zieht, als Stigma beschrieben werden. In diesem Sinne stellt Stigma einfach ein Antonym zu Prestige dar, der die negative Wertung einer Person ausdrückt. Goffman selbst macht nur die sehr schwammige Einschränkung, dass es sich bei einem Stigma um eine "zutiefst" diskreditierende Eigenschaft handelt (Goffman 1975 S.11). Tatsächlich kann der Stigmabegriff beliebig ausgeweitet werden, wie Goffman selbst eingesteht. Grundsätzlich ist jeder Mensch der in irgendeiner Hinsicht nicht dem gesellschaftlichen Ideal entspricht als Stigmatisiert angesehen werden.

Wird etwas als Stigma bezeichnet, drückt dies aber nicht nur die Stärke der sozialen Unerwünschtheit gegenüber einer Eigenschaft oder Handlung einer Person aus, etwas als Stigma zu bezeichnen impliziert auch, dass es keines sein sollte, dass die Diskreditierung des Stigmaträgers moralisch Falsch ist.

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Details

Seiten
8
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668248403
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335053
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
stigma-begriff ervin goffmans verwendung möglichkeiten beschreibung devianz sozialer kontrolle

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