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Die Religionspolitik Friedrichs II. von Preußen und Josephs II. von Österreich im Vergleich

Bachelorarbeit 2013 57 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Etablierung des aufgeklärten Absolutismus in Preußen und Österreich
1.1 Religiöse Toleranz im aufgeklärten Absolutismus
1.2 Das Verhältnis Josephs II. zur Religion
1.3 Die Religiosität Friedrichs des Großen

2. Die Lebensbedingungen der religiösen Minderheiten in Österreich vor der Regentschaft Josephs II.: Die Protestanten in Böhmen, Mähren und Ungarn
2.1 Die Griechisch-Orthodoxen in Ungarn
2.2 Die griechisch-katholischen Ruthenen in Ungarn
2.3 Die Juden in Wien, Prag und Mähren

3. Die Politik Josephs II. gegenüber den religiösen Minderheiten: Die Beweggründe und Ziele des Kaisers
3.1 Das Toleranzpatent von 1781 für die christlichen Minderheiten
3.2 Das Toleranzpatent für die christlichen Minoritäten in Ungarn
3.3 Das Judenpatent von 1782 und seine Folgen

4. Die Religionspolitik der Hohenzollern in Preußen gegenüber allen christlichen Konfessionen vor der Herrschaft Friedrichs II.: Vom „großen Kurfürsten“ bis zum „Soldatenkönig“
4.1 Die Lage der Juden in der Mark Brandenburg
4.2 Der Status der katholischen Kirche und deren Spannungen mit den Vertretern der anderen Konfessionen in Preußen

5. Die Religionspolitik Friedrichs II. gegenüber den religiösen Minderheiten in Preußen: Die Annexion Schlesiens und die daraus entstehenden Folgen für die dort ansässigen Katholiken
5.1 Die Emanzipation weiterer katholischer Untertanen im Zuge der polnischen Teilung von 1772
5.2 Die Judenpolitik Friedrichs II.

Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

Friedrich II. von Preußen und Joseph II. von Österreich werden in der Forschung eng mit dem Regierungsstil des aufgeklärten Absolutismus in Verbindung gebracht. Dies kann anhand von Zitaten etwa in Briefen und durch mehrere politische Maßnahmen der beiden Herrscher belegt werden. Daraus geht hervor, dass Friedrich II. und Joseph II. absolute Herrscher bleiben wollten, die jedoch zugleich die Werte der Aufklärung vertraten. Daher garantierten sie ihren Untertanen gewisse Freiheiten, die bis dahin von anderen absolutistischen Monarchen nicht in Betracht gezogen wurden. Diese neuerlichen Privilegien gingen auf die aufklärerischen Ideen, die sich an der menschlichen Vernunft orientierten, zurück. Eine vernünftige Staatsordnung distanziert sich vermehrt von den abergläubischen Idealen und prädestinierten Strukturen, die eine durch die Aufklärer vielfach geforderte Gewissensfreiheit des Individuums verhindern. Ein zentrales, staatsphilosophisches Merkmal bildete hier die Toleranzfrage.

Die Religionspolitik Friedrichs II. und Josephs II. eignet sich dafür als hilfreicher Schwerpunkt, da hierdurch aufgezeigt werden kann, inwieweit die Ausweitungen von Toleranz griffen. Schließlich muss berücksichtigt werden, dass es nach der Epoche der Reformation und der daraus folgenden Konfessionalisierung in Europa nicht selbstverständlich war, dass religiösen Minderheiten wichtige Rechte hinsichtlich der Kultausübung zugesprochen wurden. Derartige intolerante Einstellungen vonseiten des jeweiligen Landesherrn führten sogar des Öfteren zu Zwangsvertreibungen. Neben der Religionspolitik des preußischen Königs und des habsburgischen Kaisers setzt sich diese Darstellung auch mit dem allgemeinen Status der religiösen Minderheiten auseinander. Hierbei wird untersucht, ob und wie eine rechtliche Gleichstellung mit der Mehrheit der Bevölkerung erzielt werden konnte. Letztlich geht diese Arbeit der Fragestellung nach, welcher der beiden Herrscher im Endeffekt die tolerantere Religionspolitik durchsetzte. Die Arbeit ist, ohne das Fazit, in insgesamt fünf Kapitel gegliedert.

Das erste Kapitel geht zunächst näher auf die Aspekte des aufgeklärten Absolutismus und dessen Zusammenhang mit einer religiösen Toleranz ein. Außerdem wird hier das allgemeine Verhältnis Friedrichs sowie Josephs zur Religion dargestellt, damit ein Verständnis entwickelt wird, weshalb die Politik der Monarchen diesbezüglich so ausgelegt wurde. Hier werden zum Teil Lehren aus der Kindheit und Jugend und die Einstellungen von wichtigen Personen aus dem engen sozialen Umfeld, die die Religiosität der Beiden entscheidend beeinflussten, vorgestellt.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den Lebensbedingungen der religiösen Minoritäten in der Habsburgermonarchie vor der Regentschaft Josephs II., um im Nachhinein einen besseren Vergleich zu den Maßnahmen der josephinischen Politik ziehen zu können. Durch diese Vorgehensweise lässt sich der Wandel der Religionspolitik unter Joseph II. veranschaulichen. Hier werden die Umstände der Protestanten, der Griechisch-Orthodoxen, der Griechisch-Katholischen Ruthenen sowie der Juden in den jeweiligen habsburgischen Provinzen aufgeführt.

Das dritte Kapitel setzt sich mit der Toleranzpolitik Josephs II. und dessen Maßnahmen gegenüber den religiösen Minderheiten auseinander. Einerseits werden neben den vernunftorientierten Ansichten des Kaisers weitere Ursachen, die zu einer solchen Politik führten, dargelegt. Andererseits finden hier die Toleranzpatente von 1781 und 1782 eine besondere Beachtung, da diese Gesetzgebungen letztendlich die Toleranz in die Praxis umsetzen sollten. Diese werden ausführlich analysiert.

Das vierte Kapitel widmet sich den Strukturen im Hohenzollernstaat vor dem Herrschaftsantritt Friedrichs des Großen im Jahr 1740 und geht demzufolge mit der gleichen Strategie wie im zweiten Kapitel dieser Arbeit vor. Dabei wird die Religiosität der Vorgänger Friedrichs II., bis zum Kurfürsten Friedrich Wilhelm, sowie deren Politik gegenüber den Untertanen, die sich nicht zum Protestantismus bekannten, erläutert. Ferner befasst sich dieses Kapitel mit der Stellung und den Möglichkeiten der freien religiösen Ausübung für die Katholiken und Juden in Preußen.

Das fünfte Kapitel stellt die Religionspolitik Friedrichs II. gegenüber diesen Minoritäten während seiner eigenen Regentschaft dar. Um die Toleranzpolitik des Königs besser deuten zu können, werden entscheidende Ereignisse, die mit einem Zuwachs neuer katholischer Untertanen in seinem Staat einhergingen, in die Darstellung einbezogen. Gemeint ist damit der Anschluss Schlesiens im Zuge der österreichischen Erbfolgekriege zwischen 1740 und 1745 sowie die erste polnische Teilung von 1772, durch die Preußen die Provinzen Westpreußen und Ermland annektierte. Abschließend werden im Fazit noch einmal die wichtigsten recherchierten Fakten dargestellt und die Religionspolitik Friedrichs und Josephs miteinander verglichen, um die Frage, von der diese Arbeit ausgegangen war, zu beantworten.

Hinsichtlich des Forschungsstands kann festgehalten werden, dass es sich hierbei um einen vielfach diskutierten Bereich handelt, da zu diesem Thema in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel Literatur verfasst wurde. Bei der Recherche der Materialien war auffällig, dass die meisten Publikationen aus den 1980er Jahren stammten. Dabei sollten vor allem die Arbeiten Helmut Reinalters und Peter F. Bartons eine besondere Anerkennung finden. Die Werke „Im Lichte der Toleranz“ sowie „Im Zeichen der Toleranz“, die 1981 anlässlich des zweihundertjährigen Jubiläums der Toleranzgesetzgebung Josephs II. veröffentlicht worden sind, dienten als nützliche Hilfsmittel für diese Arbeit. Ebenso war Josef Karniels „Die Toleranzpolitik Kaiser Josephs II.“ hilfreich, da neben der wissenschaftlichen Erläuterung einige abgedruckte Quellenauszüge vorzufinden waren. Des Weiteren waren noch unter anderem die Politischen Testamente Friedrichs II. von 1752 und 1768, die Akten des österreichischen Staatsarchivs und des Preußischen Kulturbesitzes sehr nützlich.

1. Die Etablierung des aufgeklärten Absolutismus in Preußen und Österreich

Wenn man die Religionspolitik von Friedrich II. von Preußen und Joseph II. von Österreich miteinander vergleichen möchte, um festzustellen, welcher der beiden Monarchen der tolerantere Monarch war, muss man sich zunächst einmal der Epoche nähern, in der diese herrschten. Die Ideen der Aufklärung beeinflussten vor allem die Obrigkeiten in Preußen und in Österreich und führten zu Reformen, die auf eine naturrechtliche Staatslehre zurückgeführt werden können. Im Gegensatz zur Herrschaftsform des Absolutismus in Frankreich, der sich seit der Frühen Neuzeit etabliert hatte, beschäftigten sich Philosophen wie Jean-Jaques Rousseau oder Voltaire vermehrt mit der Toleranzfrage. Das Herrschaftsprinzip, das von der Legitimation der Macht durch Gott gekennzeichnet war und den Monarchen als den über dem Gesetz stehenden Souverän ansah, wurde zunehmend infrage gestellt. In Frankreich galt das Gottesgnadentum ohne jegliche Einbeziehung staatsphilosophischer Aspekte unter aufklärerischen Werten bis zum Ausbruch der folgenschweren Revolution im Jahr 1789 als von den Königen vertretende Staatsform.[1] Jedoch muss klargestellt werden, dass bis ins 18. Jahrhundert hinein in keinem Staat in Europa die Machtansprüche des Herrschers so uneingeschränkt in die Tat umgesetzt werden konnten, wie ursprünglich von diesen gefordert. Beispielsweise war im Bereich der Verwaltung der Einfluss des Königs eingeschränkt, da die Vielfalt der Kompetenzen auf mehrere Beamte verteilt werden musste.[2] Aufgrund dieser Strukturen wird in der Forschung kontrovers darüber diskutiert, wie absolutistisch der Absolutismus in den einzelnen Staaten tatsächlich ausgeprägt war. Jedenfalls kann festgehalten werden, dass ein absolutistischer Monarch davon überzeugt war, dass ihm seine Macht einzig und allein von Gott aufgetragen wurde. Dementsprechend sah er sich auch zu Hohem berufen. In Bezug auf die Toleranzfrage konnte er seinen Untertanen keine allzu großzügigen Freiheiten gewähren, da er über dem Gesetz stand und sich daher wie Ludwig XIV. von Frankreich es selbst anführte, als den Staat betrachtete.

Entgegen dieser Legitimationsbekundungen war der Gedanke der Aufklärung dadurch gekennzeichnet, dass sich mit Hilfe der menschlichen Vernunft solche Grundsätze staatsphilosophisch auflösen. Des Weiteren geht dies nach Dorinda Outrams Definition mit dem Wunsch einher, dass „alle menschlichen Angelegenheiten von der Vernunft geleitet werden, anstatt durch Religion, Aberglaube oder Offenbarung und der Glaube an die Kraft der menschlichen Vernunft die Gesellschaft zu verändern und das Individuum von den Fesseln der Tradition oder der willkürlichen Autorität zu befreien.“[3] In diesem Zitat wird unter anderem der absolutistische Monarch als willkürliche Autorität, die die Freiheit seiner Untertanen und somit jedes einzelnen Individuums einschränkt, bezeichnet. Die Bevölkerung kann sich aus den traditionellen Fesseln der Ständegesellschaft nicht befreien. Eine Auflösung dieser feudalen Strukturen in einem europäischen Staat setzte freilich erst mit der Französischen Revolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass die Forderungen der Revolutionäre in Frankreich über die Ansichten des aufgeklärten Absolutismus hinausgingen, da dem Volk ein Mitspracherecht in politischen Fragen eingeräumt wurde. In Preußen sowie in Österreich beschäftigten sich die Zeitgenossen nicht mit dem Gedanken, dass der Herrscher komplett entmachtet und damit eine konstitutionelle Monarchie hergestellt werden müsste. Ebenso wurde das Ende der feudalen Ordnung nicht so radikal in Betracht gezogen wie in Frankreich.

Joseph II., der von den aufklärerischen Werten seiner Epoche entscheidend beeinflusst wurde, sah sich als oberster Repräsentant einer vernünftigen Staatsordnung, die dem Allgemeinwohl dienen sollte. Jedoch erklärte er mit seiner in der Forschung viel zitierten Äußerung „Alles für das Volk, nichts durch das Volk“ auch den Anspruch weiterhin absoluter Monarch zu bleiben.[4] Hiermit versicherte er einerseits, dass er um das Wohl seiner Untertanen bemüht war und daher auch Reformen durchsetzte. Andererseits wird anhand dieser Aussage auch deutlich, dass er nicht daran interessiert war, dem Volk etwa die politische Partizipation zu ermöglichen. Helmut Reinalters Ansicht nach strebte der österreichische Kaiser mit Hilfe seiner aufklärerischen Merkmale, die sich in den Reformen wiederspiegeln, nach Erhaltung und zugleich Erweiterung der Macht.[5] Somit nutzte er die Ideen der Aufklärung vor allem zu eigenen Staatszwecken. Daher betrachtete er die aufgeklärte Monarchie nicht als ein geschwächtes, sondern als ein durch Vernunft und innere Stabilität gestärktes Herrschaftssystem. Wegen der Reformen unterschied sich sein Regierungsstil von dem anderer europäischer Monarchen des 18. Jahrhunderts, da er mit diesen Maßnahmen versuchte, die Integration der Stände zu fördern. Die Mitglieder der einzelnen Stände sollten von der Politik Josephs profitieren ohne dass die Stabilität der monarchischen Herrschaft ernsthaft in Gefahr geriet. Einer radikalen Auflösung der seit Jahrhunderten bestehenden hierarchischen Strukturen konnte somit vorgebeugt werden. Auch wenn aus der Sicht der Bevölkerung der Feudalismus nicht überwunden werden konnte, so stellten die innenpolitischen Handlungen Josephs II. eine Zäsur da.[6]

Neben Österreich konnte sich auch in Preußen der aufgeklärte Absolutismus im Verlauf des 18. Jahrhunderts etablieren. Schließlich gilt Friedrich der Große in der Forschung als einer der wichtigsten Vertreter dieser Herrschaftsform. Ein Beleg hierfür liefert die Aussage des preußischen Königs, in der er sich selbst als der „erste Diener seines Staates“ bezeichnete.[7] Damit stellte er sich nicht als absoluter Monarch dar, der über dem Gesetz stand, sondern erklärte, dass er sich wie jeder seiner Untertanen an die staatlichen Verordnungen zu halten hatte. Daher ähnelte er bezüglich seiner staatsphilosophischen Ansichten Joseph II. Während seiner Regentschaft, die fast ein halbes Jahrhundert währte, leitete auch er einige Reformen ein, die auf das Gedankengut der Aufklärung zurückgeführt werden können. Seine Kontakte zu bedeutenden Persönlichkeiten aus der damaligen Epoche, wie zum Beispiel Christian Wolff, Christian Thomasius und vor allem Voltaire, spielten dabei eine entscheidende Rolle.[8] Seine Reformen, die den aufgeklärten Absolutismus in der Praxis begründeten, gingen unter anderem auf die Ideen dieser Personen zurück. Bereits ein paar Jahre vor dem Beginn seiner Regentschaft tauschte er sich mit Voltaire mittels Briefen auf höchstem intellektuellem Niveau aus. Die ältesten Briefe, die dieses besondere Verhältnis zwischen dem damaligen preußischen Kronprinzen und dem angesehenen französischen Philosophen bestätigen, stammen aus dem Jahr 1736. Schon zu diesem Zeitpunkt, als Friedrich II. gerade einmal 24 Jahre alt war, bekundete er seine Bewunderung für die geistreichen Arbeiten Voltaires. In einem Brief aus diesem Jahr lobt er dessen Werke, indem er erklärt, „darin den Charakter ihres ingeniösen Schöpfers wiederzuerkennen, der unserem Jahrhundert und dem menschlichen Geist überhaupt zur Ehre gereicht.“[9] Hierbei wird deutlich, dass Friedrich diesen Vertreter der Aufklärung dermaßen verehrt, indem er ihn als einen der größten Philosophen seiner Zeit darstellt.

Die Gedanken und Werte, die von Voltaire und weiteren, einflussreichen Zeitgenossen gebildet wurden, standen im Zusammenhang mit der Ausweitung von Toleranz und Vernunft, weshalb man die Herrschaftsform in die Kategorie des aufgeklärten Absolutismus rücken kann. In Bezug auf die Toleranz und die damit verbundenen Freiheiten der Untertanen mussten jedoch auch hier Grenzen gesetzt werden, um die eigene Macht zu sichern oder eventuell noch auszubauen. Daher konnte Friedrich II. ebenso wie Joseph II. dem eigenen Volk keine politische Mitbestimmung gewähren. Hierin zeigt sich eine gewisse Widersprüchlichkeit des aufgeklärten Absolutismus.

1.1 Religiöse Toleranz im aufgeklärten Absolutismus

Die Ideale der Aufklärung orientieren sich an der menschlichen Vernunft, die sich von traditionellen, hierarchischen Ordnungen distanziert. Die Anhänger dieser Ideen waren davon überzeugt, dass jeder Mensch ein freies und von der Vernunft geleitetes Individuum ist. Somit übte eine ganze Reihe berühmter Philosophen des 18. Jahrhunderts, darunter unter anderem Voltaire und Rousseau, Kritik an den seit Jahrhunderten bestehenden Verhältnissen, die von absolutistischer, monarchischer Herrschaft und vom Feudalismus bestimmt waren. Wie bereits dargelegt werden konnte, gab es jedoch auch Monarchen wie Friedrich II. von Preußen oder Joseph II. von Österreich, die von den Ansichten und Forderungen dieser Denker beeinflusst wurden, indem sie sich nicht als Könige, beziehungsweise Kaiser von Gottes Gnaden darstellten. Der aufgeklärte Absolutismus geht nicht davon aus, dass der Monarch der von Gott legitimierte Herrscher ist, der über allen Gesetzen steht und dem Volk keinerlei Freiheiten gewährt. Allerdings waren den Untertanen die Freiheiten in Bezug auf die politische Partizipation verwehrt, da diese sich ansonsten gegen die monarchische Herrschaft hätte richten können. Dennoch setzten mit diesem Regierungsstil in Preußen und in Österreich Tendenzen ein, die sich von denen etwa in Frankreich abgrenzten.

Die tolerante Religionspolitik des preußischen Königs und des habsburgischen Kaisers ist ein gutes Beispiel für die von der Aufklärung beeinflussten innenpolitischen Maßnahmen. Da Friedrich schon vor seiner Amtszeit in engem, freundschaftlichen Kontakt zu Voltaire stand, interessierte er sich auch für dessen Ansichten bezüglich der religiösen Toleranz.[10] Der Philosoph, der sich entschieden gegen die willkürliche Herrschaft des französischen Königs aussprach, begrüßte die in England geförderten Merkmale von parlamentarischer Mitbestimmung sowie religiöser Freiheiten des Volkes. Somit stellte dies ein Gegenstück zu seinem von staatlicher Autorität und dogmatischem Katholizismus gekennzeichneten Heimatland dar.[11] Schließlich handelte es sich bei Frankreich um einen erzkatholischen Staat, der den religiösen und konfessionellen Minderheiten kaum Freiheiten einräumte. Beispielsweise war seit der Erlassung des Edikts von Fontainebleau durch Ludwig XIV. im Jahr 1685 der Protestantismus, der sich vermehrt an der calvinistischen Lehre orientierte, aufs Äußerste verfolgt worden. Dieses Edikt führte dazu, dass zahlreiche Hugenotten in protestantisch geprägte Länder wie die Schweiz, die Niederlande und nach Preußen flüchteten.[12] Somit kann festgehalten werden, dass sich der Absolutismus unter Ludwig XIV. gegen konfessionelle Minderheiten richtete und den Katholizismus als den einzig wahren Glauben ansah. Zwar vertraten auch aufgeklärte Monarchen wie Friedrich II. und Joseph II. in erster Linie die Konfession, der die Mehrheit der Bevölkerung in ihren Staaten angehörte. Preußens Herrscherhaus war durch den protestantischen Einfluss dem reformierten Glauben zugewandt, während die Dynastie der Habsburger der römisch-katholischen Kirche zuzurechnen war. Jedoch wurden in der Ära Friedrichs keine Katholiken in Preußen so dermaßen diskriminiert und verfolgt, sodass diese wie etwa die Hugenotten in Frankreich ihre Heimat verlassen mussten. Die Art und Weise, wie man in diesen Staaten auf einmal mit religiösen Minoritäten umging, unterschied sich gänzlich von der Behandlung in den Ländern, in denen der Herrscher aufgeklärte Ideale ablehnte.[13] Daher lässt sich feststellen, dass aufgeklärte Monarchen eher dazu bereit waren, die christlichen Konfessionen, die nicht dem eigenen Glauben zugeschrieben waren, zu dulden.

In Bezug auf die Durchführung religiöser Toleranz kann jedoch auch belegt werden, dass es solche Ausnahmefälle in Europa schon vor den Amtszeiten des Hohenzollers und des Habsburgers gegeben hat. Hierbei handelte es sich zumeist um Orte und Regionen, die diese Freiheiten Peter F. Bartons Meinung nach hauptsächlich aus politischen sowie wirtschaftlichen Motiven erließen.[14] Demnach gingen solche Maßnahmen von Herrschern längst nicht immer nur auf die Merkmale der Aufklärung und die damit verbundenen Bestrebungen nach Toleranz zurück. Aufgrund dessen muss bei jedem Landesherrn, der die Religionsfreiheit für Minderheiten in seinem Herrschaftsbereich zuließ, geklärt werden, aus welchen Gründen er diese Verordnungen bestimmte.

Die Verwirklichung von Toleranz wird im Allgemeinen mit dem Abbau sozialer, politischer, ethnischer, kultureller und eben religiöser Vorurteile gleichgesetzt. Die Etablierung dieser Forderungen beruhte letztlich auf dem Gedanken von Menschen- und Bürgerrechten. Im 18. Jahrhundert, als die Ideen der Aufklärung auch vermehrt bei Monarchen an Bedeutung gewannen, wurde in einem bis dahin noch nicht gekannten Ausmaß eine tolerante Innenpolitik verfolgt. Dabei nahm die Religionsfreiheit eine wichtige Funktion ein. Die Herrschaftsform des aufgeklärten Absolutismus sah in der Umsetzung einer christlichen Toleranz einen Nutzen für die Religion sowie für den Staat, da hiermit die seit der Reformation bestehenden Konflikte entschärft und ökonomische Vorteile geschaffen werden sollten.[15] Friedrich der Große und Joseph II. leiteten diesen Wandel unter anderem mit Hilfe ihrer Reformen ein. Somit kann eine entscheidende Verbindung zwischen der religiösen Toleranz und dem aufgeklärten Absolutismus ausgemacht werden.

[...]


[1] Vgl. Kunisch, Johannes: Hoffnung auf ein „siecle de Louis XIV“, in: Schröder, Claudia: „Siecle de Frederic“ und „Zeitalter der Aufklärung“, Berlin 2002, S. 35-36

[2] Vgl. Baumgart, Peter: Absolutismus ein Mythos? Aufgeklärter Absolutismus ein Widerspruch? Reflexionen zu einem Thema gegenwärtiger Frühneuzeitforschung, in: Zeitschrift für historische Forschung, Band 27, Nr. 4, Berlin 2000, S. 582-585

[3] Zitiert nach Outram, Dorinda: Die Aufklärung, Cambridge 1995, S. 22

[4] Vgl. Reinhalter, Helmut: Joseph II., Reformer auf dem Kaiserthron, München 2011, S. 23

[5] Vgl. Reinhalter, Helmut: Ebd., S. 24

[6] Vgl. Reinhalter, Helmut: Ebd., S. 24-25

[7] Vgl. Reinalter, Helmut: Lexikon zum aufgeklärten Absolutismus in Europa. Herrscher – Denker – Sachbegriffe, Wien 2005, S. 72

[8] Friedrich der Große wurde von den Ideen dieser Philosophen beeinflusst. Zu Voltaire pflegte er gar eine freundschaftliche Beziehung, die im regelmäßigen Briefwechsel geführt wurde. Vgl. dazu Reinalter, Helmut: Ebd., S. 76

[9] Brief Friedrichs an Voltaire vom 8. August 1736: Aus dem Briefwechsel. Voltaire –Friedrich der Große, herausgegeben, vorgestellt und übersetzt von Hans Pleschinski, Leipzig 1993, S. 8

[10] Voltaire war 1728 nach England geflüchtet, wo er die Strukturen einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung, unter anderem anhand der Förderung von religiöser Toleranz, kennenlernte. Vgl. Overhoff, Jürgen: Friedrich der Große und George Washington. Zwei Wege der Aufklärung, Stuttgart 2011, S. 141-143

[11] Vgl. Overhoff, Jürgen: Ebd., S. 142

[12] Auch außerhalb Frankreichs kam es im 17. Jahrhundert aufgrund von Glaubensgründungen zur Massenflucht religiöser Minoritäten. Ab 1695 verließen beispielsweise die katholischen Iren wegen der Aufhebung der Glaubensfreiheit ihre Heimat. Vgl. Barton, Peter F.: Im Lichte der Toleranz, Wien 1981, S. 25

[13] Vgl. Kunisch, Johannes: Friedrich der Große, München 2011, S. 57-58

[14] Vgl. Barton, Peter F.: Im Zeichen der Toleranz. Aufsätze zur Toleranzgesetzgebung des 18. Jahrhunderts im Reiche Josephs II., Wien 1981, S. 11

[15] Vgl. Schwarz, Karl: Vom Nutzen einer christlichen Toleranz für den Staat. Bemerkungen zum Stellenwert der Religion bei den Spätkameralisten Justi und Sonnenfels, in: Barton, Peter F.: Im Zeichen der Toleranz. Aufsätze zur Toleranzgesetzgebung des 18. Jahrhunderts im Reiche Josephs II., Wien 1981, S. 76

Details

Seiten
57
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668248762
ISBN (Buch)
9783668248779
Dateigröße
807 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335000
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für Geschichtswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Aufklärung Religionspolitik religiöse Minderheiten Friedrich II. von Preußen Joseph II. von Österreich aufgeklärter Absolutismus

Autor

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