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Die Eltern gehörloser Kinder. Von der Diagnose zur gemeinsamen Sprache

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Hörstörung
1.1.Ursachen
1.2. Diagnose / Testverfahren

2. Eltern hörgeschädigter Kinder
2.1. Beratung und Begleitung der Eltern
2.2. Spracherwerb des Kindes
2.3. Fördermöglichkeiten
2.4. Umgang mit dem Kind

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Freundlichkeit ist eine Sprache, die Taube hören und Blinde sehen! (Mark Twain)

Kopfhörer im Ohr, Smartphone in der Hand, Blick gesenkt. In der heutigen Zeit nehmen viele einander gar nicht mehr wahr. Man sieht nicht was um einen herum passiert und betäubt die Geräusche der Umgebung mit den neusten Charts. Auch mit dem eigenen Kind an der Hand wird oft nur beiläufig gesprochen. Man schaut sich nicht an, sondern murmelt die Antwort in sein Smartphone. Natürlich treffen diese Aussagen nicht zu einhundert Prozent auf alle Menschen zu, aber in den meisten Ländern und Städten ist dies ein Bild, welches man auf der Straße, in der Bahn, im Cafe, auf dem Spielplatz usw. in der Überzahl zu sehen bekommt.

Doch was tun, wenn das Neugeborene, auf das man sich lange gefreut hat, die Diagnose „gehörlos“ bekommt? Wie soll ich jemals mit meinem Kind sprechen? Kann es in die Schule gehen? Was werden die anderen sagen? Diese und weitere Fragen gehen in dem Moment sicher zahlreichen hörenden Eltern durch den Kopf. Denn die Mehrheit hat keine Vorstellung davon, was es bedeutet gehörlos zu sein. Woher auch? Für die meisten, ist diese Situation ein völlig Unbekanntes Land. Umso stärker zieht es ihnen den Boden unter den Füßen weg, wenn sie dieses Land zum ersten Mal betreten sollen.

Viele Betroffene sind überfordert, schockiert und sehen sich in einer hilflosen Situation. In dieser mitunter einige dazu gedrängt werden, Entscheidungen zu treffen, ohne ausreichend über mögliche Folgen oder andere Alternativen aufgeklärt worden zu sein. Umso wichtiger ist es, Eltern gut aufzufangen, zu beraten und ihnen ihre Ängste und Zweifel zu nehmen (Belz 2011:4).

Im Rahmen des Fremdsprachenmoduls im 2. Fachsemester BA Soziale Arbeit, belege ich das Einführungsseminar Gebärdensprache, für welches eine Studienleistung in Form einer Hausarbeit vorgesehen ist. In der folgenden Arbeit wird es darum gehen, was Hörstörungen sind, was es bedeutet, wenn das Neugeborene oder auch ältere Kinder die Diagnose “Gehörlos“ oder “Hörgeschädigt“ bekommen und wie Eltern lernen, mit der für sie fremden Situation umzugehen. Es wird ebenfalls angesprochen, wie Eltern eine gemeinsame Sprache mit ihrem Kind entwickeln und lernen können, um es positiv in seiner Entwicklung zu begleiten.

1. Hörstörung

In Deutschland leben ca. 15 Millionen Menschen, die von einer Hörstörung betroffen sind. Obwohl ca. 90 % über 50-jährige sind, kommen von tausend Neugeborenen 1-2 mit einer auffälligen Hörminderung zu Welt (vgl. Renzelberg 2011: 14).

Es gibt einige Begriffe in diesem Kontext die ich kurz erläutern möchte.

Die Bezeichnung gehörlos wird meist für Menschen verwendet, die mit fehlendem Hörsinn geboren werden. Ertaubt dagegen, meint Menschen die erst nach dem Spracherwerb ihr Gehör verloren haben. Hörbehindert gilt als Oberbegriff für gehörlose und schwerhörige Menschen. Ist jedoch stark geprägt durch die Gesellschaft und der damit einhergehenden defizitär geprägten Wahrnehmung. Taub, meint gehörlose Menschen und wird oft synonym zu gehörlos verwendet. Taubstumm wird heutzutage nur noch im historischen Kontext verwendet und von Gehörlosen als Beleidigung empfunden. Denn Gehörlose sind nicht stumm. Tatsächlich stumm ist man erst, wenn die Stimmorgane fehlen oder defekt sind. Allerdings kennen die meisten Hörenden die Bedeutung nicht und verwenden den Begriff in ihrem täglichen Sprachgebrauch als Synonym für gehörlose Menschen oder Menschen die nicht “sprechen“. Doch sprachlos sind Gehörlose keinesfalls. “Deaf“ meint die kulturelle Idendität, sich Zugehörig fühlen „zur kulturellen Gemeinschaft der Gehörlosen“ (vgl. Deutscher Gehörlosen- Bund e.V. S.34/35).

Die Medizin unterscheidet zwei Arten von Hörstörungen/ Hörschädigungen:

1.) Schallempfindungsstörung

Bei Schallempfindungsstörungen handelt es sich um Probleme im Innenohr. Die Sinneszellen in der Hörmuschel sind dabei teilweise oder umfänglich gestört, sodass der Schall nur unvollständig über die Nervenbahnen an das Gehirn weitergeleitet werden kann. (vgl. Renzelberg 2011:14)

2.) Schalleitungsstörung

Die Schallleitungsstörungen kommen seltener vor. Bei dieser Art Störung ist das Außen- und/oder Mittelohr betroffen. Ein entzündeter, verengter oder nicht vorhandener Gehörgang, eingerissenes Trommelfell oder eine unterbrochene Gehörknöchelchenkette im Innenohr sind mögliche Ursachen. Akustische Reize werden hierbei nur gedämpft übertragen. Die Schallleitungsstörungen „treten oft erst innerhalb der frühen Lebensjahre und meist durch infektiöse Prozesse auf“ (Renzelberg 2011:14).

Beide Arten sowie sonstiger Hörverlust, sind im ICD 10 unter H90 und H91 zu finden.

1.1. Ursachen

Die Ursachen für eine Hörschädigung sind vielseitig.

Als genetisch vererbt gilt beispielsweise jede zweite Innenohrschwerhörigkeit. Durch virale und bakterielle Infektionen, wie bspw. Röteln oder auch Medikamenteneinnahme und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft, kann es zu angeborenen Hörschädigungen kommen. Frühgeburten oder mangelnde Sauerstoffzufuhr sind ebenfalls Ursachen für Hörschädigungen des Innenohrs. Durch Mumps und Masern sowie starke Mittelohrentzündungen können auch, beim zunächst hörenden Kind, Hörschädigungen entstehen.

Im Erwachsenenalter kann es zu einer degenerativen Schädigung des Innenohrs durch bspw. Tumore, Schädeltraumata, Lärm oder einen Hörsturz kommen. Diese Schädigungen können gleichermaßen zu Hörverlust führen (vgl. Früherkennung).

1.2. Diagnose / Testverfahren

Um Hörschädigungen festzustellen, gibt es zwei verschiedene Verfahren. Das sogenannte NHS (Neugeborenen- Hörscreening) ist ein Objektives Testverfahren und seit 2009 in Deutschland gesetzlich verankert. Es wird meist in der U2 im Krankenhaus durchgeführt. Es gibt zwei Methoden diesen Test durchzuführen, einmal mit Hilfe einer Sonde, die in den Gehörgang eingeführt wird, um Reaktionen im Innenohr festzustellen und eine weitere, bei der Reaktionen des Hirnstamm auf Geräusche, anhand von Elektroden, gemessen werden.

Dieser Test liefert lediglich eine Ja oder Nein Antwort, hinsichtlich eines eventuell vorliegenden Hörproblems. Da es nicht unüblich ist, dass Neugeborene Fruchtwasser im Gehörgang haben, weist ein auffälliges Testergebnis vorerst noch nicht zwingend auf eine Hörstörung hin. Um sicher zu gehen, werden die Untersuchungen bei einem auffälligen Erst Test, in der Regel zeitnah wiederholt (vgl. Renzelberg 2011:14-15).

Das Subjektive Testverfahren wird hauptsächlich bei Kleinkindern angewandt. Über einen Lautsprecher bekommt das Kind Töne und Geräusche vorgespielt und es wird beobachtet und analysiert, wie und ob das Kind auf welche Signale reagiert.

Um eine möglichst genaue Diagnose zu erhalten, ist es sinnvoll verschiedene Verfahren einzusetzen. Verhaltensbeobachtungen spielen neben den messbaren Daten eine ebenso große Rolle. Nicht selten hängen Verhaltensänderungen mit einem veränderten Hörvermögen zusammen (vgl. Renzelberg 2011:15-17).

2. Eltern hörgeschädigter Kinder

Es sind die Mütter und Väter, die die Chance haben, ihr Leben mit ihrem gehörlosen oder schwerhörigen Kind positiv zu gestalten (Manfred Hintermair).

Für die meisten hörenden Eltern ist die Diagnose, dass ihr Kind gehörlos oder in seiner Hörfähigkeit eingeschränkt sein wird, erst einmal ein Schock. Viele Fragen stellen sich ihnen, auf die sie keine Antwort haben, konfrontiert mit einer ihnen völlig unbekannten Realität (vgl. Deutscher Gehörlosen- Bund e.V.).

Enttäuschung, Angst, Überforderung mit der neuen Situation, können mögliche Folgen der Diagnose sein. Was brauchen Eltern und Kind in dieser Situation?

2.1. Beratung und Begleitung der Eltern

Betroffene Eltern haben viele Ängste und Fragen in Bezug auf die Entwicklung ihres Kindes, die von den Fachkräften ernst genommen und wertneutral bearbeitet werden sollten. Denn die Eltern haben in der Regel keinerlei Erfahrungen und müssen auf die Erfahrungswerte der Fachleute vertrauen. Es ist wichtig, dass nicht nur das Kind, sondern die ganze Familie dabei im Blick behalten wird. Denn es gibt kein allgemeingültiges Rezept, wie mit der Diagnose umgegangen werden soll. Jedes Kind, jede Familie ist individuell und entsprechend muss für jedes Kind individuell, Für und Wider der vorhandenen Möglichkeiten abgewogen und ausgewertet werden (vgl. Deutscher Gehörlosen- Bund 2011:24).

Zunächst brauchen Eltern Unterstützung und eine umfassende Beratung, ohne sich dabei bedingungslos den Experten auszuliefern. Den Eltern sollte vermittelt werden, dass nur sie selbst herausfinden können, was die neue Situation mit sich bringt und wie sie diese positiv in ihr Leben integrieren können. Sehr hilfreich können Adressen von Einrichtungen oder Treffen sein, an denen sie teilnehmen und sich mit anderen Eltern in der gleichen Situation austauschen können. Eltern und ihrem Kind die Möglichkeit zu geben, ihren eigenen Weg zu finden, sollte die zentrale Aufgabe der Fachleute sein (vgl. Hintermair 2011:8/9).

Speziell in der „frühen Phase der kindlichen Entwicklung [geht es] weniger um die Entwicklungsförderung des Kindes (hören lernen und sprechen lernen) [sondern vielmehr] um Unterstützung und Begleitung der Beziehungsgestaltung zwischen Eltern und Kind“ (vgl. Hintermair 2011:52).

Entsprechend bedarf es einer behutsamen und differenzierten Begleitung. Elementar ist, „dass Eltern darin bestärkt werden, ihre ganz natürlichen Kompetenzen in der Beziehungsgestaltung wertzuschätzen und zu nutzen“ (vgl. Hintermair 2011:52).

Des Weiteren sollte eine umfangreiche Beratung, hinsichtlich der Möglichkeiten und Förderprogramme, die in Anspruch genommen werden können, stattfinden. Häufig wird hier von Beginn an auf das Chochlea Implantat verwiesen und den Eltern geraten, dieses möglichst früh einsetzen zu lassen. Komplikationen die entstehen können oder Alternativen werden in der Regel selten ausführlich besprochen. An dieser Stelle sollte den Eltern Zeit gegeben werden, sich in ihre neue Situation einzufinden und nicht überstürzt entschieden und gehandelt werden. Fachliche Kompetenz und ein hohes Maß an Sensibilität, Reflexivität und Kooperationsbereitschaft sind unabdingbar für die fachliche Unterstützung von Eltern mit gehörlosen oder hörgeschädigten Kindern. Empowerment, die Eltern ermutigen die Herausforderung selbst in die Hand nehmen und eigene Kräfte entdecken, sollte Ziel einer erfolgreichen Beratung sein. Wichtig für eine gelingende Zusammenarbeit ist, dass immer auch darauf geachtet wird was wollen die Eltern, was können sie umsetzen und vor allem, was will das Kind. Worauf reagiert es positiv und wo signalisiert es Überforderung (vgl. Hintermair 2011: 54-55).

Deswegen sollten Förder- und auch Beratungskonzepte immer unter Berücksichtigung der Möglichkeiten und Wünsche der Betroffenen erarbeitet werden.

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Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668251564
ISBN (Buch)
9783668251571
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334996
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
Schlagworte
eltern kinder diagnose sprache

Autor

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Titel: Die Eltern gehörloser Kinder. Von der Diagnose zur gemeinsamen Sprache