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Die kanaanäische Frau (Mt 15,21-28). Historisch-kritische Exegese einer Perikope aus dem Matthäusevangelium

Hausarbeit 2015 31 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Textgrundlage
2.1) Übersetzungsvergleich

3) Synchrone Analyse
3.1) Kontextanalyse
3.2) Verssegmentierung (Mt 15, 21–28) und Gliederung
3.3) Sprachlich-syntaktische Analyse
3.4) Semantische Analyse
3.5) Spannungsdiagramm
3.6) Narrative Analyse
3.7) Pragmatische Analyse

4) Diachrone Analyse
4.1) Synoptischer Vergleich
4.2) Formgeschichte
4.3) Motiv- und Begriffsgeschichte
4.4) Redaktionsgeschichte

5) Überlegungen zur Konzeption einer Unterrichtseinheit auf Grundlage des Textes

6) Fazit

Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Abschieben! – So reagiert manch Deutscher zurzeit auf die vielen Flüchtlinge, die in unser Land einreisen. Doch kann man das so pauschal sagen?

In der vorliegenden Arbeit wird eine Perikope aus dem Matthäusevangelium untersucht, in der es auch um eine „Ausländerin“ geht, die Hilfe sucht. Zunächst reagiert der angesprochene Jesus ebenfalls ziemlich abweisend, doch im Verlauf der Erzählung erkennt er ihren großen Glauben und gewährt ihr die Hilfe.

Mit dieser Exegese soll die obige Frage nicht beantwortet, sondern an die Leser der Arbeit weitergegeben und sich auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Perikope konzentriert werden. Jedoch ist es erwähnenswert, wie viele Parallelen sich zwischen der gewählten Perikope und der aktuellen Situation ziehen lassen.

Die Arbeit ist entsprechend der Methodenschritte für historisch-kritische Exegesen in zwei Hauptanalysen mit ihren jeweiligen Unterpunkten gegliedert.

In der synchronen Analyse werden u.a. der Kontext, die sprachliche Gestaltung und die Bedeutung bestimmter Stellen der Perikope beleuchtet.

In der diachronen Analyse wird die Perikope mit den synoptischen Parallelperikopen verglichen, es werden Aussagen zur Formgeschichte getroffen, benutzte Motive in der Erzählung werden erläutert, sowie die redaktionelle Bearbeitung des Verfassers des Evangeliums dargestellt.

Abschließend folgt eine Überlegung zur Anwendbarkeit der Perikope im Religionsunterricht der Primarstufe.

2) Textgrundlage

Die kanaanäische Frau[1]

21 Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. 23 Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst![2] Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

2.1) Übersetzungsvergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Übersetzungsvergleich wird die Perikope aus der Luther Bibel mit den Parallelperikopen aus der Volx-Bibel[3] und dem Münchener Neuen Testament[4] verglichen.

Direkt zu Beginn fällt auf, dass die Perikope aus der Volx-Bibel ausführlicher geschrieben zu sein scheint. Dieser Eindruck wird bei genauerer Betrachtung auch bestätigt: In der Volx-Bibel ist die Perikope ausgeschmückter, sie beschreibt und erklärt mehr, als die beiden anderen Perikopen. Dies fällt beispielsweise bei der Betrachtung der Verse 23 der jeweiligen Versionen auf. In Luther ist zu lesen: „Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.“[5] Zum Vergleich findet sich an der entsprechenden Stelle in der Volx-Bibel folgende Passage: „Jesus hatte irgendwie keinen Bock auf sie und behandelte sie wie Luft. Seine Jünger waren langsam ziemlich genervt von ihr, weil sie ihnen andauernd hinterherschrie.“[6]

Außerdem lässt sich feststellen, dass die Perikope in der Volx-Bibel wesentlich umgangssprachlicher, als die aus der Luther Bibel und dem Münchener Neuen Testament, geschrieben ist. Worte wie „keinen Bock“[7] oder „`Hey, du´“[8] bestätigen diese Aussage. Luther orientiert sich recht deutlich am Ursprungstext, wie an den Parallelen zum Münchener Neuen Testament zu erkennen ist.

Des Weiteren lässt sich ein deutlicher semantischer Unterschied der beiden anderen Bibelausgaben[9] zur modernen Volx-Bibel erkennen. Bedingt durch die Wortwahl bei Luther und dem Münchener Neuen Testament wird eine deutliche Abneigung gegenüber der Frau gezeichnet. Bei der Volx-Bibel entsteht diese Abneigung nicht, sondern der Leser bekommt den Eindruck, als hätte Jesus nur gerade jetzt keine Zeit für sie.[10]

Bezüglich der Wortgrammatik und Syntax des Textes fällt beim Münchener Neuen Testament auf, dass dieses sehr häufig das Partizip 1 (Präsens) verwendet. Das heißt, Formulierungen wie „herauskommend“,[11] „antwortend“[12] oder „sagend“[13] werden häufig gebraucht. Dadurch wird meist das Verb des Satzes unterstützend beschrieben. Luther und die Volx-Bibel unterlassen die Verwendung des Partizip 1, was den Lesefluss deutlich erleichtert.

Als eine syntaktische Gemeinsamkeit lässt sich die gleiche Struktur der Perikopen in den verschiedenen Übersetzungen benennen. Es handelt sich jeweils um eine Dialogsituation gerahmt von einer Erzählung, welche dann bei der Volx-Bibel stärker ausgeschmückt ist, als bei den anderen beiden Übersetzungen.

3) Synchrone Analyse

3.1) Kontextanalyse

Abgrenzung nach vorn und nach hinten

Die Perikope von der kanaanäischen Frau lässt sich innerhalb des Matthäusevangeliums abgrenzen. Ein deutliches Anzeichen für diese Grenze ist beispielsweise der Ortswechsel zu Beginn („die Gegend von Tyrus und Sidon“).[14] Sowie die Einführung einer neuen Person, der kanaanäischen Frau, bilden die Einleitung in die Perikope und grenzen diese dadurch vom vorhergegangenen Kontext ab. Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass im Übergang zu dieser Perikope der Text von wörtlicher Rede auf eine Erzählung bzw. Beschreibung („Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend [...]“[15] wechselt.

Kurz nach der Perikope finden sich ebenfalls nur noch Erzählungen und keine wörtliche Rede mehr.[16] Mittels dieser Konstruktion wird die Perikope nach hinten abgegrenzt. Des Weiteren behandelt die nachfolgende Perikope nur noch „weitere Heilungen“[17] und gibt damit eine Art Zusammenfassung und Abschluss des Themas „Wunderheilungen“.

Einbettung in den Mikrokontext

Die Perikope steht kurz vor dem Einsetzen der ersten Leidensankündigungen Jesu, im Kontext der Heidenmission. Der Matthäusautor versucht mittels der Wunderheilung der Tochter auf diese Mission aufmerksam zu machen. Des Weiteren stehen vor allem vor der Perikope viele Gleichnisse. In Mt 12,38–42 ist zum ersten Mal die Rede von einer Zeichenforderung der Pharisäer. Diese wollen eine offizielle Bestätigung von Jesus haben, dass er auch wirklich der „Meister“[18] ist. Diese Forderung bildet mit der zweiten Forderung in Mt 16,1 eine Rahmung um die besprochene Perikope. Das Zweifeln um die Autorität Jesu zieht sich noch weiter durch das Matthäusevangelium (Vgl. z.B. Mt 21,23–27). Die Perikope bildet damit einen Bestandteil der Anstrengung Jesu sich zu beweisen und den Menschen deutlich zu machen, was er mit seinen Taten sagen möchte: In diesem Falle auf die Heidenmission hinzuweisen.

Direkt vor der Perikope steht die Erzählung „Von Reinheit und Unreinheit“.[19] Der Matthäusautor stellt in der Perikope Mt 15,21–28 einen indirekten Rückbezug auf die Perikope davor her.[20] Dort heißt es, dass Menschen nicht unrein sind, nur weil sie „dreckig“[21] seien, sondern Unreinheit daher rühre, was die Menschen sagen.[22] Die kanaanäische Frau hat aber einen großen Glauben, wie Jesus es nennt; sie sagt also etwas Reines. Daher lässt sich feststellen, dass der Matthäusautor die besprochene Perikope in diesen Kontext gestellt hat, um zu betonen, dass Heiden (die hier gleichzusetzen wären mit „dreckigen“[23] Menschen) keineswegs unrein sein müssen, sondern trotzdem „Reines“ sagen können und damit auch den Glauben erfahren dürfen.

Einbettung in den Makrokontext

Darüber hinaus, lässt sich feststellen, dass die „in 8,13 und 15,28 gewährten Heilungen [...] im Rahmen der irdischen Sendung Jesu (15,24) als – begründete – Ausnahmen [erscheinen], die, mit 8,29 gesprochen, `vor der Zeit´ geschehen und als solche auf die Zeit nach Ostern vorausweisen.“[24] Zusammen mit der Erzählung vom Hauptmann von Kapernaum (8,5-13) bildet die Perikope Mt 15,21–28 einen Rahmen, da sie „die erste und letzte Erzählung in Mt [bilden], in denen vom Glauben von Hilfesuchenden die Rede ist.“[25]

Diese Anordnung der Texte deutet darauf hin, dass für den Matthäusautor der Glaube einen wichtigen Faktor für die Heidenmission darstellt. Nämlich für die Überwindung der Grenzen zwischen den Völkern.[26]

3.2) Verssegmentierung (Mt 15, 21–28) und Gliederung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Perikope lässt sich auf unterschiedliche Weise inhaltlich gliedern, je nachdem wie streng die Grenzen zwischen den einzelnen Teilen zu setzen sind. Für die vorliegende Exegese soll die folgende Gliederung gelten:

Die Perikope beginnt mit einer Orts- und Personenangabe. Die Angabe hat die Funktion in die Erzählung einzuleiten. Diese Einleitung wird daher von Vers 21a bis 22b gesetzt.

Der Hauptteil kann in drei Teile gegliedert werden: Im Hauptteil A findet sich die erste Bitte der Frau um Hilfe, sowie Jesu Reaktion. Dieser Teil erstreckt sich von den Versen 22c bis 23a.

Der Hauptteil B handelt von der Aufforderung der Jünger an Jesus die Frau ziehen zu lassen und eine erneute Reaktion von Jesus. Dieser Teil beschränkt sich auf die Verse 23b bis 24c.

Im letzten Hauptteil C wird von der zweiten Bitte der Frau um Hilfe berichtet. Hier reagiert Jesus auf diese zweite Bitte erneut mit einer Ablehnung, jedoch kann die Frau ihn mit ihrer Antwort dennoch überzeugen, ihr bzw. der Tochter zu helfen. Dieser Teil erstreckt sich von Vers 25a bis Vers 27b1´´.

Der komplette Vers 28 bildet den Schluss, da hier die Lösung des Problems der Frau gelöst wird und die Wunderheilung (in diesem Fall eine Fernheilung) stattfindet bzw. davon berichtet wird.

3.3) Sprachlich-syntaktische Analyse

Bezüglich des verwendeten Wortschatzes in der Perikope lassen sich folgende Aussagen treffen: Zum einen werden Worte der Verzweiflung und des Bittens benutzt, um die Situation der Frau darzustellen, zum anderen werden ablehnende Worte gewählt, um die Position Jesu (abgesehen von Vers 28) zu unterstreichen. Diese Opposition zieht sich wie ein roter Faden durch die Perikope. Sie ist nach dem Actio-Reactio-Prinzip aufgebaut; dieses Wechselspiel ist anhand der zuletzt dargestellten Gliederung (Seite 9) ersichtlich.

Zu den Wortarten lassen sich ebenfalls interessante Aussagen treffen: Anhand der verschiedenen Verben kann man gut erkennen, um welche Art von Text es sich handelt. Die deutliche Mehrheit sind Verben des Sprechens. Daraus lässt sich ableiten (sofern man auch die wörtliche Rede hinzunimmt), dass es sich um einen Dialog handelt, der von einer Erzählung umrahmt ist, welche allerdings nur einen strukturierenden Charakter besitzt.

Die Nomen beschreiben häufig die Akteure (z.B.: „Herr“)[27] und wichtige Schlüsselbegriffe, wie zum Beispiel „Schafe[n]“[28] oder „Glaube“.[29] +[30]

Adjektive in der Perikope begleiten vor allem diese Schlüsselbegriffe und Kernaussagen („verloren[en]“[31], „groß“[32] ). Die Pronomen im Text beziehen sich ausschließlich auf die beiden Hauptakteure bzw. einmal auch auf die Jünger.

Die gesamte Perikope ist im Indikativ und in der Vergangenheit geschrieben. Die Aussagen der Akteure werden in direkter Rede dargestellt. Dies hebt die Gesprächsanteile hervor und betont diese als zentrales Element der Perikope. Diese Gesprächsszenen / der Dialog stellen somit eine Art Gerüst für den gesamten Text dar. Außerdem sorgt die direkte Rede für Spannung und lässt die Perikope noch lebendiger wirken; der Leser bzw. Hörer fühlt sich in die Situation hineinversetzt. Besonders die Aussagen der Frau steigern durch ihre imperativische Formulierung („Herr, hilf mir!“[33] ) die Spannung zusätzlich.

Die Kohärenzbildung der Perikope erfolgt durch die Kombination der direkten Rede mit dem sich wiederholenden Strukturgerüst „Actio-Reactio“.

Syntaktisch betrachtet lässt sich der Text, basierend auf dem oben erwähnten Actio-Reactio Schema, wie folgt gliedern:

[...]


[1] LUT (Mt 15,21-28).

[2] Hervorhebung im Original.

[3] VLX (Mt 15,21-28).

[4] MNT (Mt 15,21-28).

[5] LUT (Mt 15,23).

[6] VLX (Mt 15,23).

[7] ebd.

[8] VLX (Mt 15,24).

[9] Gemeint sind hier LUT (Mt 15,21.28) und MNT (Mt 15,21-28).

[10] Vgl. VLX (Mt 15,26).

[11] MNT (Mt 15,21).

[12] MNT (Mt 15, 24).

[13] MNT (Mt 15, 25).

[14] Mt 15,21.

[15] ebd.

[16] Mt 15,29–31.

[17] ebd.

[18] Mt 12,38.

[19] Mt 15,1-20.

[20] Vgl. hier insbesondere Luck 1993, S. 180.

[21] Vgl. Mt 15,20.

[22] Vgl. Mt 15,11.

[23] Vgl. Mt 15,20.

[24] Konradt 2015, S. 250.

[25] ebd.

[26] Vgl. dazu Konradt 2015, S. 250.

[27] Mt 15,27.

[28] Mt 15,24.

[29] Mt 15,28.

[30] Die genauere Betrachtung dieser Begriffe findet sich in Abschnitt 4.3 Motiv- und Begriffsgeschichte.

[31] Mt 15,24.

[32] Mt 15,28.

[33] Mt 15,25.

Details

Seiten
31
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668247703
ISBN (Buch)
9783668247710
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334970
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Evangelisch-Theologische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Exegese Matthäus Heiden Ausländer Evangelisch Religion

Autor

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Titel: Die kanaanäische Frau (Mt 15,21-28). Historisch-kritische Exegese einer Perikope aus dem Matthäusevangelium