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Landnahme in weniger entwickelten Ländern. Entwicklungsmöglichkeit oder "land grab"?

Masterarbeit 2015 111 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungs- und Begriffsverzeichnis

1 Einführung

2 Theoretischer Rahmen
2.1 Entwicklung
2.2 Entwicklungsökonomien
2.2.1 Erste Generation der Entwicklungsökonomie: Modernisierung und Dependenz
2.2.2 Die zweite Generation der Entwicklungsökonomie: Neoklassik
2.2.3 Die dritte Generation der Entwicklungsökonomie: Die Rolle des Staates
2.3 Geographische Entwicklungstheorien
2.3.1 Nachhaltigkeit und Selbsthilfe
2.3.2 Globalisierung und fragmentierte Entwicklung
2.3.3 Theorien mittlerer Reichweite
2.3.4 Die Beziehung Individuum, Gesellschaft und Raum
2.4 Geographie des ländlichen Raumes (in weniger entwickelten Ländern)
2.4.1 Funktion des ländlichen Raumes
2.4.2 Nahrungsmittelsicherheit
2.4.3 Mitigation und Migration
2.5 Humanökologie

3 Landnahme in Subsahara-Afrika

4 Empirische Untersuchung in Tongo, Ghana
4.1 Untersuchungsdesign
4.2 Fallstudie im Talensi-Nabdam Distrikt in Ghana
4.3 Livelihood Framework in Tongo, Ghana

5 Diskussion und kritische Würdigung

Anhang
1. Zonierung der Tropen
2. Herkunft der Arbeitskräfte nach Beschäftigungsart
3. Methodik des verwendeten Lifelihood-Frameworks in Tongo, Ghana
4. Produktionsmatrix: Yield Gaps und relative Landverfügbarkeit
5. Wiederaufforstung im Talensi-Nabdam Distrikt
6. Funktionspotenziale des ländlichen Raumes
7. Räumliche Auswirkung einer multifunktionalen Landwirtschaft

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Nexus Landnahme & Entwicklung. Fokus und Aufbau dieser Arbeit

Abbildung 2: Sustainable Livelihoods Framework

Abbildung 3: Globale Agrarproduktion und bewirtschaftete Flächen 1961-2013

Abbildung 4: Agrarischer Nahrungsmittelpreisindex (real), 1961-2015

Abbildung 5: Erträge pro bewirtschaftetem Hektar nach Region, 1961-2013

Abbildung 6: Devisenfluss in weniger entwickelte Länder

Abbildung 7: Politisch-Ökologische Einbettung der Landnahme

Abbildung 8: Produktionsmatrix Sub-Sahara für Afrika

Abbildung 9: 7 Prinzipien für ein verantwortungsvolles Agro-Investment

Abbildung 10: ,,nderung der Livelihoodstrategien- und Assets durch Landnahmen

Abbildung 11: Karte des Talensi-Nabdam-Distrikts

Abbildung 12: Tongo, Upper East Ghana

Abbildung 13: Demographie im Talensi-Nabdam Distrikt

Abbildung 14: Die Tandana

Abbildung 15: Traditionelle und staatliche Institutionen im Talensi Distrikt

Abbildung 16: Small-Scale-Mining im Talensi Distrikt

Abbildung 17: Lifelihood Framework der Landnahme in Tongo, Ghana

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Prognose zur Weltbevölkerung

Tabelle 2: Potentielle Landverfügbarkeit und Intensivierung

Abkürzungs- und Begriffsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einführung

Seit den ersten Expeditionen der Seefahrt haben sich die Sichtweisen und Intentionen der west- lichen Hemisphäre in peripheren Ländern mehrmals gewandelt. Regionen in Asien, Südame- rika und Afrika sehen sich spätestens seit der industriellen Revolution mit der Überlegenheit des (wirtschaftlichen) Fortschritts in Europa, Nordamerika und anderen Teilgebieten konfron- tiert. Währenddessen transportieren moderne Medien und Mobilfunknetze Vorstellungen von globalisierten Lebens- und Wirtschaftsweisen in die Köpfe der Menschen in peripheren Regio- nen dieser Erde. Diese beanspruchen mehr denn je Teilhabe an der globalen Wohlstands- und Kulturschöpfung.

Wechselnde und konkurrierende Entwicklungstheorien versprachen bis dato unerfüllte Aus- wege aus den entstandenen zivilisatorischen Strukturproblemen der weniger entwickelten Län- der. Generell durchlief die wirtschaftliche Entwicklung innerhalb des Kapitalismussystems mehrere tiefgreifende Krisen, Reformen und Restaurationen. Die Wertschöpfung ist in westli- chen Ländern schrittweise gewachsen, während sich auch in peripheren Gebieten Wirtschafts- und Entwicklungspolitiken abwechselten. Jedoch fand eine ausgleichende nachholende Ent- wicklung von weniger entwickelten Ländern nicht statt, wie die fortbestehenden Disparitäten erkennen lassen. Obwohl viele der im Jahr 2000 formulierten Millenniumsziele der UN eine deutliche Verbesserung der (zivilisatorischen) Lebensverhältnisse aufzeigen (United Nations 2015), herrscht besonders in ländlichen Räumen weniger entwickelter Staaten Armut und kaum wirtschaftliche Prosperität oder Perspektive. Zwischenstaatlich sind weiterhin enorme Wohl- standsunterschiede zu verzeichnen (Kreutzmann 2003).

Jeder Mensch braucht einen Lebensunterhalt und sucht daher Perspektiven für die Verbesse- rung der eigenen Lebenssituation, aber auch der des sozialen Netzes. Eine fertile Landbevölke- rung sieht ihre Überlebensmöglichkeit häufig in der Entsendung von Migranten in Städte und in weiter entwickelte Länder. Die Unterschiede im Entwicklungsgrad sind auch deswegen nicht nur bilateral zwischen Staaten, sondern zunehmend kleinräumiger Natur. Die Infrastrukturen der Städte in weniger entwickelten Räumen ächzen unter einem enormen Bevölkerungswachs- tum, induziert durch Binnenmigrationen als auch durch eigene Fertilität. Verlustreiche Versu- che der Einwanderung in weiter entwickelte Länder enden zum Teil an den Grenzen der sich abschottenden Nationen. Unerfüllte Hoffnungen auf ein besseres Leben münden oftmals in Il- legalität oder den Tod durch Schleuserkriminalität oder natürliche Gefahren. Wieder andere finden tatsächlich ein erfüllteres Leben und tragen zur Wohlstandsschöpfung und Stützung der Sozialsysteme im Zielkontext bei, während der Herkunftskontext häufig durch Rücküberwei- sungen gestützt wird (World Bank 2009). Spätestens seit den aktuellen Flüchtlingswellen 2015 sind entwicklungspolitische Strategien zur Stabilisierung von Regionen wieder im Interesse der Medien und Politik1. In Zeiten der Entgrenzung vernetzen sich Kapital, Waren, Menschen und Kultur im Kontext von Grundbedürfnissicherung, Konkurrenz um Wohlstandsfaktoren, Res- sourcenknappheit, Bevölkerungswachstum und Mobilität zu globalen wechselseitigen Span- nungsfeldern. Systematisch sind sie durch die Ausbreitung des liberalisierenden Kapitalismus- systems als Katalysator bedingt. Systemimmanente Prozesse und besonders die Folgen für Ak- teure und (un)mittelbar Betroffene werden in Wissenschaft, Politik und Presse intensiv disku- tiert.

Thema dieser Masterarbeit ist die Landnahme in weniger entwickelten Ländern als ein solcher Prozess. Als politisches Schlagwort macht ‚land grabbing‘ auf Problematiken in weniger ent- wickelten Ländern aufmerksam, die aus großflächigen Landnahmen durch ausländische Inves- toren erwachsen. Somit kann land grabbing auch im allgemeinen Kontext der gestiegenen aus- ländischen Direktinvestitionen (ADI) mit positiven und negativen Folgen für weniger entwi- ckelte Staaten diskutiert werden. Die Landnahme ist dabei nicht nur ein Phänomen der globa- lisierten marktorientierten Realität. Landnahmen und Grenzziehungen fanden auch in kolonia- ler Vergangenheit statt, welche Auswirkungen bis in die Gegenwart aufweist. Liberalisierte Marktprozesse führen jedoch zu einem gesteigerten Interesse und Marktgeschehen in Form von Kauf und Pacht speziell an großflächigem Ackerland in weniger entwickelten Ländern. Auf- grund von Preissteigerungen der Grundnahrungsmittel, einem rasanten weltweiten Bevölke- rungswachstum, zusätzlichem Rohstoffhunger der Schwellenländer und dem mutmaßlichen Er- reichen der maximalen Erdölfördermenge haben Investoren ein gesteigertes Interesse an der Nutzung der weltweit begrenzten Ackerböden zur Nahrungsmittelsicherung und Biokraftstoff- produktion. Dabei verschwimmt zunehmend die klare Abgrenzbarkeit zwischen Agrarproduk- ten als Nahrungsmittel einerseits und als (Handels-) Ware zur Güterproduktion andererseits. Diese globalen Systematiken wirken auch in zuvor als peripher betrachteten Räumen zuneh- mend auf lokaler Ebene. Konzerne des Agro- und Rohstoffbusiness investieren verstärkt in die liberalisierten Bodenmärkte weniger entwickelter Länder und setzen dadurch diskussionswür- dige Folgeprozesse mit positiven und negativen Auswirkungen in Gang.

Ist dies eine Perspektive zur Eingliederung der peripheren Räume in die weltweite Wohlstands- schöpfung oder schlichtweg Neokolonialismus und Ausbeutung? Werden dadurch Auswege aus ländlicher Armut und Perspektivlosigkeit geboten oder werden sie durch Entzug der Lebensgrundlage sogar verstärkt? (Hoering 2011; World Bank 2009).

Die hier angerissenen Problematiken und Fragestellungen greifen somit über mehrere klassi- sche Themengebiete der Geographie hinweg. Die Geographie als Schnittstellen- und Raumwis- senschaft bietet sich dank der Verknüpfung naturgeographischer Phänomene und klassischer Human- und Wirtschaftsgeographie zur Analyse der Thematik an, da die sozial-ökonomischen und -ökologischen Auswirkungen vor allem in räumlichen Netzwerkstrukturen auftreten. Auch die unterschiedlichen Analyseebenen und räumlichen Reichweiten sind klassische geographi- sche Kernkompetenzen. Dabei ist besonders die Vielfalt der zugrundeliegenden theoretisch- konzeptionellen Bezüge und Fachgebiete zu betonen, die hier zum Tragen kommen. Es wird bewusst auf einen übergreifenden Analyserahmen mit Bezügen u.a. zur Volkwirtschaftslehre und Soziologie zurückgegriffen, der die pluralistische Thematik und heutige Lebenswelt in den Mittelpunkt stellt und nicht eine ausdifferenzierte Teildisziplin der Geographie. (Gebhardt und Reuber 2011, S. 650).

Die zu bearbeitende Forschungsfrage lautet, inwieweit die Aktivitäten der global agierenden Agrarunternehmen, Rohstoffextrakteure und Finanzakteure in ländlichen Räumen weniger entwickelter Länder zu einer Entwicklung derer führen. Zentraler Gesichtspunkt dieser Arbeit sind die afrikanischen Länder südlich der Sahara.

Inwieweit werden lokale Bevölkerungsgruppen gefährdet oder einbezogen?

Es stellt sich weiterhin die Frage, ob generelle Aussagen möglich und sinnvoll sind, oder ob kontextuelle Unterschiede auf lokaler Ebene eine kleinräumigere Betrachtung und Theorien mittlerer Reichweite verlangen. Welche Faktoren müssen dann zu einer umfassenden Bewer- tung einer Investition auf lokaler, nationaler und globaler Ebene herangezogen werden? Es folgt der theoretische Hintergrund, welcher den Bezugsrahmen eines Gesellschaft-Umwelt- Konzepts darstellt. In Anlehnung an aktuelle Forschungsliteratur wird die Politische Ökologie als vernetzende Grundlage gewählt, welche eine modulare Betrachtung des Nexus der zugrunde liegenden Themenbiete und Theoriemodelle ermöglicht (Engels und Dietz 2011, S. 404; Geb- hardt et al. 2011, S. 1097; Borras et al. 2011). Zusammenführend soll ein politisch-ökologisches Modell zum land grabbing entworfen werden, welches eine Analyse multidimensional mit Be- rücksichtigung unterschiedlicher räumlicher Reichweiten gewährleistet. Das entworfene Mo- dell bildet im Anschluss die Grundlage für die Auswertung einer qualitativ erhobenen Fallstu- die, bei der besonders kontextuelle Faktoren einer Landnahme Beachtung finden. Die Fallstudie 3 wurde 2015 in Upper East Ghana (14 km südlich von Bolgatanga) erhoben. Hier fand eine Landnahme durch eine chinesische Bergbaufirma zum Goldtagebau statt. Diese Landnahme wurde nach lokalen Ausschreitungen gerichtlich annulliert, sodass die bisherigen lokalen Strukturen und Kontexte erhalten und untersuchbar sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Nexus Landnahme & Entwicklung. Fokus und Aufbau dieser Arbeit. Eigene Darstellung.

2 Theoretischer Rahmen

Der theoretische Rahmen des angestrebten Analysemodells richtet sich auf bestehende Entwicklungsdisparitäten zwischen Räumen und die historische Entstehung dieser. Danach werden Entwicklungsökonomien und geographische Entwicklungstheorien zur Reduktion der Disparitäten erläutert, speziell in ruralen Räumen. Zusammenführend wird mit der Humanökologie die Art des Analysemodells erläutert.

2.1 Entwicklung

Die Raumabgrenzung dieser Arbeit orientiert sich an der thematischen Ausrichtung. Während Landnahmen global stattfinden, wird land grabbing hauptsächlich in weniger entwickelten Ländern diskutiert, da hier die Vulnerabilitäten der lokalen Ebene ungleich größer sind (Borras et al. 2012). Innerhalb dieser Arbeit wird der regionale Fokus auf Sub-Sahara Afrika als ein solcher Raum gelegt. Dieses Kapitel erläutert zunächst den Entwicklungsbegriff als makroökonomische Aggregatsgröße. Der Blick in die Realität zeigt, dass Räume hinsichtlich ihrer ökologischen, sozialen und ökonomischen Strukturen heterogen sind. Derartige Disparitäten lassen sich folgendermaßen feststellen und aufzeigen.

Der Human Development Index (HDI) fasst Indikatoren zu den Dimensionen Einkommen, Ge- sundheit und Bildung zu einem Wohlstandsindex zusammen, in dem Staaten hinsichtlich ihrer Entwicklung verglichen werden. Regionen, die in diesen Indikatoren zurückfallen, werden ge- meinhin als weniger entwickelte Länder2 bezeichnet. Innerhalb der weniger entwickelten Länder werden nach UN-Konvention nochmals die am wenigstens entwickelten Länder (least developed countries) abgegrenzt, die in den Dimensionen ‚Livelihood Assets‘ und ökonomi- sche Verwundbarkeit deutlich hinter anderen Staaten zurückfallen. Dabei drücken Livelihood Assets wie Einkommen, Ernährung, Gesundheit und Bildung die Aktivposten der Bevölkerung aus. Ein Individuum kann seine Livelihood Assets gewinnbringend und wohlstandsgenerierend einsetzen. Ökonomische Verwundbarkeit drückt die Widerstandskraft und Eigenbewältigungs- kapazitäten gegenüber Schocks und Katastrophen aus (UNCTAD 2015). Aufgrund der global ungleichen Teilhabe am Wohlstand und der strukturellen Probleme, ausgedrückt in mangelnden Bewältigungskapazitäten von humanitären Defiziten, gelten weniger entwickelte Länder als entwicklungsbedürftig (Büschel 2010, S. 1). Dass der Entwicklungsbegriff nicht unkritisch zu sehen ist, soll an dieser Stelle zunächst zurückgestellt werden. Der Entwicklungsbegriff ist mit den globalen Disparitäten entstanden und ist dementsprechend mitgewachsen. Diese Entwick- lungsbedürftigkeit ist aus nachfolgend skizziertem historischen Kontext heraus entstanden.

,,An die merkantilistischen Entdeckungsfahrten und Handelsaktivitäten schlossen sich, [in] Folge von Industrialisierung, Freihandel und Nationalstaatenbildung, allmählich staatlich ge- förderte und gezielte agrarisch, bergbaulich und siedlungsmäßig raumgestaltende, kolonisato- rische Prozesse in Übersee an“ (Scholz 2004, S. 66). Im 16. Jahrhundert galt eine eurozentri- sche Tragfähigkeitssteigerung der natürlichen Kapitalien in Übersee als Entwicklung. Dadurch versprach man sich auf europäischer Seite ein Ventil für zunehmenden Bevölkerungsdruck, Rohstoff- und Nahrungsmittelbedarf sowie Absatzmärkte für im Preis verfallende europäische Industriewaren. Durch Manufakturen und anschließend einsetzende Industrialisierung überflü- gelte die europäische Produktion im 18. Jahrhundert die der anderen Kontinente. Darüber hin- aus rechtfertigte man mit dem Sozialdarwinismus und Rassentheorien die Verbreitung des eu- ropäischen Zivilisationsmodells, da dieses gegenüber den unterentwickelten Völkern als über- legen angesehen wurde. Die derart gerechtfertigte Kolonisation und Imperienbildung durch he- gemoniale Herrschaftsausübung ging einher mit den wirtschaftlichen Interessen der europäi- schen Ausgangsländer. Zusätzlich zu eurozentrischen Handelssystemen des Merkantilismus waren nun eigennützige Ressourcenverwertungen und eine gegenüber indigenen Völkern will- kürliche Grenzziehung der Ausgangspunkt für entstehende strukturelle und gesellschaftliche Probleme.

Trotz dieser zweifelhaften Theorien entstand ein Entwicklungsbegriff und anfängliche Bemü- hungen zur Reduktion der Disparitäten sind unternommen worden. Durch die koloniale Vor- mundschaft über die unterentwickelten Völker sah man sich im Sinne eines kolonialen Huma- nismus zunehmend in der Pflicht zur Entwicklung dieser nach europäischem Vorbild (Büschel 2010, S. 3). Dies stellte gegenüber der vorherigen merkantilistischen Phase eine Neuerung dar, da dort lediglich europäische Produktionskomplexe ausgelagert wurden, ,,die die Monokultur- güter zuzubereiten und den Metropolen abzuliefern hatten. Europa unterhielt in den Planta- gengesellschaften ein externes Proletariat, eine quasi kostenlose und als subhuman angesehene Energiequelle“ (Scholz 2004, S. 56). Die merkantilistische Phase legte damit den Grundstein für die nachfolgende Kolonialisierung und Aufteilung der heutigen Gebiete in Afrika, Asien und (Süd-)Amerika und gipfelte schließlich in eurozentrischen Handelssystemen wie dem Drei- eckshandel zwischen Europa, Westafrika und Amerika. Die direkten und heutigen Auswirkun- gen in der hier analysierten Region Westafrikas sind nur schwer zu messen. Allerdings wurden nachweislich 9 Millionen, geschätzt 14 bis 40 Millionen Menschen als Sklaven aus Afrika ver- kauft, während dort der Import von Massenkonsumgütern aus dem durch Manufakturen produktiveren Europa das traditionelle Handwerk verdrängte (Scholz 2004, S. 62).

Eine globale Entwicklungspolitik begann allerdings erst im Zuge der Dekolonisation, eingelei- tet durch die Unabhängigkeit Britisch-Indiens zum Ende des zweiten Weltkriegs (Scholz 2004, S. 74). Mit dem Ende der kolonialen und imperialistischen Ausdehnungsphase des europäischen Wirtschafts- und Zivilisationsmodells standen die ehemaligen Kolonien vor enormen Problemen. Die hegemoniale Durchsetzung von eurozentrischen Wirtschafts-, Handels und Gesellschaftssystemen in den Kolonien unter Missachtung von lokalen Strukturen, (Stammes-) Kulturen und Lebenswirklichkeiten führte zu gesellschaftlichen Strukturproblemen. Eine willkürliche Grenzziehung missachtete lokale Volkszugehörigkeiten und legte den Grundstein für die heutigen Staatsgrenzen und damit Raumcontainer3.

Nach Erlangen der Unabhängigkeit und dem Wegfall der ordnenden Kolonialherrschaft zeigten sich diese gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten in Form von Analphabetismus, monostruktureller Rohstoffproduktion, instabilen oder nicht vorhandenen Rechtssystemen, gebrochenen traditionellen Wirtschafts- und Sozialstrukturen und einem hohen Bevölkerungswachstum. Viele Staaten galten als nicht überlebensfähig. Ehemalige Kolonialgebiete zählen bis heute zum Kern der weniger entwickelten Länder, da Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung ignoriert wurden und kein Raum für Versuch- und Irrtum, also eigenständige Entwicklung gegeben war. (Scholz 2004, S. 62-75). Daher sind weniger entwickelte Länder seit dem Ende des zweiten Weltkriegs Ziel von globalen Entwicklungstheorien und -politiken.

Die mangelnde Überlebensfähigkeit der gebrochenen Zivilisationen, aber auch die zunehmende Blockbildung nach dem zweiten Weltkrieg veranlassten den amerikanischen Präsidenten Truman in Zusammenhang mit der Gründung der NATO zur Auferlegung des Point-Four-Pro- grams zum wirtschaftlichen Aufbau der unterentwickelten Länder. Mit diesem begann die ei- gentliche Kernphase einer globalen Entwicklungspolitik und der modernen politischen Ausei- nandersetzung, welche Ziele und Grundlagen als erstrebenswerte Entwicklung anzusehen sind. Aus heutiger Sicht sind Entwicklungspolitiken wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Engagements von staatlichen, nichtstaatlichen und multilateralen Organisationen in weniger entwickelten Ländern. Dabei versteht man unter Entwicklungspolitik eher die zusammenfas- sende Agenda der weiter entwickelten Staaten basierend auf Entwicklungstheorien, gesteuert durch Rahmenbedingungen und planende Institutionen (Büschel 2010, S. 1-2).

,,Als Ziele der Entwicklungspolitik gelten gemeinhin als universal gedachte ‚Verbesse- rungen‘ der Lebensbedingungen der Menschen vor Ort, die nachhaltige Sicherung der Ernährungslage, die Senkung von Arbeitslosigkeit, das Eindämmen von Krankheiten und Kindersterblichkeit, die Steigerung von Einkommen, landwirtschaftlichem Ertrag oder Bildung. Seit den letzten Jahren werden jedoch auch zunehmend soziale und poli- tische Ziele betont, wie der Schutz sogenannter Indigener, die Bekämpfung von Korrup- tion, die Demokratisierung oder der Umweltschutz“ (Büschel 2010, S. 2). Akteure begründen ihre entwicklungsfördernden Engagements in Regionen des globalen Sü- dens mit altruistischen, humanitären oder religiösen Hintergründen. Doch auch wirtschaftliche und politische Eigeninteressen sind von Belang. Besonders in Zeiten der Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus, aber heutzutage auch wegen länderübergreifenden Problematiken wie Klimaschutz, gewalttätigen Konflikten und Ressourcenknappheit. Entwick- lungspolitik ist dabei ein Begriff der westlichen Hemisphäre, der denjenigen des ehemaligen Ostblocks mitsamt der äquivalenten ‚internationalen Solidarität‘ überdauert hat. Konkrete Maß- nahmen und Praktiken in weniger entwickelten Staaten fasst man häufig unter Entwicklungs- hilfe zusammen, wobei hier ein Industriestaat als Helfer und ein Bedürftiger als Nehmer iden- tifiziert wird. Heutzutage ist der Begriff Entwicklungszusammenarbeit gebräuchlicher, bei dem das partnerschaftliche Wirken betont wird (Büschel 2010, S. 1-3). Schon der Begriff Ent- wicklung ist dabei nicht unkritisch zu sehen, da er ,,zum einen normative Inhalte umfasst (Ent- wicklung als Verbesserung) und zum anderen eine vorgezeichnete, zielorientierte Richtung und Dynamik suggeriert, welche die Industrieländer in ethnozentrischer Sicht als ›Heilsbringer‹ fokussieren. Problematisch ist außerdem, dass Unterentwicklung immer im Verhältnis zur Ge- genseite, dem Zustand des ›Entwickelt-seins‹, gesetzt wird und so eine Hierarchie konstruiert wird, die ebenfalls in den gängigen Entwicklungstheorien zum Ausdruck kommt“ (Wenzel 2012, S. 50). Dabei weist der Begriff Entwicklung eine analytische Unschärfe auf, da er keinesfalls immer positiv zu sehen ist. Die heutige Bruchhaftigkeit der Lebensgrundlagen und die zuneh- mende Ausdifferenzierung von Arm und Reich stellt auch eine Entwicklung dar. Darüber hin- aus sind die Entwicklungsländer keinesfalls eine homogene Gruppe, vielmehr zeichnen sie sich durch hochgradige sozioökologische und -ökonomische Heterogenität aus. Verfechter des ‚post-developments‘ fordern daher eine Abkehr vom Entwicklungsbegriff und teilweise sogar von Entwicklungstheorien und -politiken. (Dörfler et al. 2003, S. 12). Jedoch ist unabhängig von der begrifflichen Darstellung ein Zusammenhang zwischen individuellen Disparitäten in den Lebensbedingungen, den Teilhabechancen und dem (Länder-)Kontext der Geburt oder des Wohnortes zu erkennen.

Grundlage verschiedener Entwicklungspolitiken im Zeitverlauf ist die Bewertung und Anwen- dung unterschiedlicher Wirtschafts- und Entwicklungstheorien. Diese sind wie die heutigen Disparitäten zwischen Ländern aus einem historischen Kontext heraus entstanden und stehen somit im Zeichen ihrer Zeit. Die Kernphase der globalen Entwicklungspolitik von 1960 bis 2000 teilt sich in 4 Dekaden auf, wobei die Nachkriegsphase von 1950 bis 1960 als Auftakt hauptsächlich im Zeichen der Eindämmung des Kommunismus stand. Dieses Ziel durchzog unterschwellig die Entwicklungspolitik bis zum Zusammenbruch des Ostblocks. Der ideologi- sche Einfluss auf die Entwicklungshilfe vor Ort war allerdings begrenzt, da sich Akteure wie Institutionen der Kirche und zahlreiche lokale Projektarbeiter diesen ideologischen Zielen ver- weigerten (Büschel 2010, S. 4-5). Konzeptionell übten verschiedene Disziplinen Einfluss auf die geographische Entwicklungsforschung aus. Wirtschafts-, natur-, sozial-, kultur- und poli- tikwissenschaftliche Diskurse wurden in einen vernetzenden Zusammenhang gestellt. Bei der Vielfalt der im Raum wirkenden Prozesse bietet sich die geographische Forschung mit ihrer interdisziplinären Tradition in Natur-, Human- und Wirtschaftsgeographie als Grundlage an. Besonderen Einfluss auf die reale Entwicklungspolitik haben Entwicklungsökonomien, die auch größtenteils in die geographische Entwicklungsforschung eingegangen sind.

2.2 Entwicklungsökonomien

2.2.1 Erste Generation der Entwicklungsökonomie: Modernisierung und Depen- denz

Maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklungspolitik hatten zunächst in erster Linie wirtschaftspolitische Strömungen. Altmann (2011) spricht hier von drei Generationen der Entwicklungsökonomie. Die erste Generation forcierte eine nachholende Entwicklung durch eine punktuelle Investition in industrielle Produktionen.

Die erste Phase der Entwicklungspolitik von 1960 bis 1970 stand im Zeichen ökonomischer Modernisierungsbestrebungen (Büschel 2010, S. 5). Die Modernisierungstheorien verstehen Unterentwicklung als Rückständigkeit. Das Traditionsaxiom begründet die Unterentwicklung mit internen (endogenen) Faktoren: Die Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns stehen in den Entwicklungsländern demnach im Zeichen traditioneller Strukturen der Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft. Diese behinderten eine nachholende Entwicklung. Letztere soll erreicht werden durch technische und finanzielle Hilfe, aber auch durch wirtschaftliche Zusam- menarbeit, sprich die Anpassung der Rahmenbedingungen an das marktorientierte kapitalisti- sche System neben der Öffnung der Märkte (Scholz 2004, S. 81; Bohle 2011, S. 747). Die klassische Außenwirtschaftstheorie postuliert einen Wohlstandsgewinn durch Arbeitsteilung und Freihandel für alle Akteure. Diese Annahme basiert auf dem komparativen Kostenvorteil nach Ricardo. Mit diesem ,,schien es möglich, dass Handel zwischen nationalen Wirtschaften, die sich auf unterschiedlichen, wenn auch moderaten Entwicklungsstufen […] befinden, sinn- voll sein kann. Ein Modell, eine Vision, Freihandel“ (Haude 2012, S. 473). Auch wenn in In- dustrieländern durch höhere Produktivität fast alle Produkte absolut billiger hergestellt werden könnten, ist es sinnvoll ein Produkt zu importieren, wenn dadurch Kapazitäten für eine gewinn- bringendere Produktion von Industriegütern frei werden. Unterschiedliche Opportunitätskosten der günstigeren Ware zwischen zwei Räumen sind der komparative Kostenvorteil der Entwick- lungsländer gegenüber den in den Produktionsfaktoren begrenzten Industrieländern. Dies re- sultiert theoretisch in einer Wohlstandssteigerung für alle Akteure (Haude 2012, S. 473). Durch finanzielle Hilfe sollen dynamische Wachstumsimpulse gesetzt werden, welche die vormals blockierten internen Kräfte mobilisiert und schlussendlich ein selbsttragendes Wachstum er- zeugt. Dadurch sollte der vorgegebene Entwicklungspfad und Wirtschaftskreislauf der indust- rialisierten Länder auch in den weniger entwickelten Ländern angestoßen werden, während et- waige sich selbst verstärkende Negativspiralen durch mangelnde Spar- und Investitionsquoten überwunden würden. Rosenstein-Rodan (1963) postulierte mittels zweier Schlüsselannahmen die dann folgende Strategie zur Überwindung der Unterentwicklung: Zum einen stellte er einen positiven Zusammenhang zwischen der Marktgröße und Skaleneffekten fest. Zum anderen er- kannte er einen Dualismus zwischen den unzähligen unausgebildeten Arbeitskräften im peri- pheren Raum welche deutlich produktiver in einem Industriesektor beschäftigt werden könnten. Durch die massive punktuelle Investition von Kapital sollte eine Industrialisierung initiiert wer- den, welche u.a. durch die Realisation von Skaleneffekten eine selbsttragende Wertschöpfung generiert (Altmann 2011, S. 96). Das durch Kapital angestoßene wirtschaftliche Wachstum als zentrales Element sollte dann durch einen trickle-down-Effekt als Einkommen zu den Bedürf- tigen durchsickern (Scholz 2004, S. 81; Bohle 2011, S. 747; Büschel 2010, S. 5; Altmann 2011, S. 95-101).

Konkurrierend zur westlich forcierten Modernisierungsstrategie formulierte sich die Depen- denz-Theorie. Eine solche ist der lateinamerikanische Strukturalismus, der weitergehende Im- pulse in der Entwicklungstheorie setzte und hauptsächlich Anwendung in Südamerika fand. Dieser sah in erster Linie exogene Faktoren bestimmend für den Entwicklungsunterschied, ge- nauer die Beziehung zwischen Industrie- und Entwicklungsland. Aufgrund struktureller Unter- schiede sei eine Übertragung westlicher Entwicklungspfade auf Entwicklungsländer nicht mög- lich. Dennoch sah sich der Strukturalismus nicht als Konkurrenztheorie zur Modernisierung, da Konzepte wie der Dualismus und die nachholende Entwicklung durch punktuell massive Inves- titionen im Industriesektor übernommen wurden (Altmann 2011, S. 101). Er widersprach der Modernisierung aber dahingehend, als dass ein offener Handel in einem Zentrum-Peripherie- Modell die Entwicklungsländer benachteilige. Hans W. Singer erkannte 19504, dass Entwick- lungsländer hauptsächlich Primärgüter exportierten, während Industrieländer weiterverarbei- tete Produkte exportierten. Weitergehend stellte er fest, dass auf lange Sicht die Primärgüter relativ zu jenen Industriegütern im Preis verfallen (Altmann 2011, S. 105-108). Zusätzlich be- zeichnete Raú Prebisch (1958) zeitgleich die Industrieländer als Zentrum, welches die Vorteile durch neue Technologien für sich bewahrte, während die Entwicklungsländer als Peripherie in ihrer dualistischen Struktur einen kleinen exportorientierten Sektor für Primärgüter aufweisen. Daneben existiere ein großer durch geringes Einkommen geprägter informeller Sektor. Er be- gründete nun die Verschlechterung der terms of trade mit folgenden auf strukturellen Nachtei- len beruhenden Argumentationen: Zum einen herrsche auf dem Markt für Primärgüter starker Wettbewerb zwischen den peripheren Räumen, während für industrialisierte Güter Preisreduk- tionen durch einen imperfekten Markt vermieden würden. Zum anderen sei die Einkom- menselastizität für Primärgüter geringer als jene für Industriegüter. Bei Einkommenssteigerun- gen würden somit überproportional mehr Industriegüter nachgefragt als Primärgüter. Diese Argumentation ist allgemein bekannt als Prebisch-Singer-These. Die Verschlechterung der terms of trade ließe sich wegen dieser strukturellen Unterschiede nicht durch einen den Industrieländern nachempfundenen Entwicklungspfad in Richtung Industrialisierung heilen.

Das Zentrum-Peripherie-Modell besagt nun, dass die Einbindung der Entwicklungsländer in den internationalen Handel zur binnengesellschaftlich strukturellen Heterogenität und Abhän- gigkeit von Industrieländern führt. Strukturelle Heterogenität in dem Sinne, als dass innerhalb der Länder kapitalistische und nicht-kapitalistische Produktionsweisen und Gesellschaften koexistieren und verflochten sind. (Altmann 2011, S. 108). Prebisch fordert eine nachholende Industrialisierung durch eine Importsubstitution, in dem die Produktivkräfte eines Landes an- statt Primärgüter zu exportieren nun den inländischen Konsummarkt für Industriewaren bedie- nen. Der interne Konsummarkt wird zeitweise abgeschottet, bis die heimischen Unternehmen durch punktuelle Investitionen gegenüber ausländischen Industriegüterproduzenten wettbe- werbsfähig sind. Durch Abschottung gegenüber der nachteiligen externen dualistischen Struk- tur zwischen Industrieland und Entwicklungsland soll die interne dualistische Struktur zwi- schen dem kleinen exportierenden Sektor und dem großen informellen Sektor überwunden wer- den (Altmann 2011, S. 108-109). Diese Argumentationskette inspirierte die mit der Moderni- sierungstheorie konkurrierende Dependenztheorie (Altmann 2011, S. 108-111).

Die Debatte wurde in der deutschen Entwicklungsforschung insbesondere durch Dieter Senghaas (1974; 1979) weitergeführt. Unterentwicklung begriff man hier als Deformation der inneren Strukturen der Entwicklungsländer durch bereits erläuterte äußere Faktoren: Kolonia- lismus, Imperialismus und westliches Gewinninteresse. Diese deformierten demnach die loka- len Strukturen derart, dass eine nachholende Entwicklung blockiert sei. In der Tat wurden die durch europäisches Interesse ausgelösten Problematiken bereits eingehend thematisiert. Der Dependenz-Theorie folgend hätten sich die Industrieländer auf Kosten der damaligen Entwick- lungsländer entwickelt. Auch nach Beendigung der formalen Abhängigkeit blieben die defor- mierten Strukturen bzw. Marktabhängigkeiten erhalten, die auf Dauer einer nachholenden Ent- wicklung im Wege stehen. Folgende zwei Strategien wurden formuliert, um eine nachholende Entwicklung zu erreichen. Die dependencia-Variante postulierte die Beseitigung der Abhän- gigkeit durch Implementation des kommunistischen Systems, also der Vereinigung des Prole- tariats aller Länder. Nur so könne das weltweite ausbeuterische System des herrschenden Ka- pitals überwunden werden. Die nationalistische Variante dagegen sah die Lösung in einer zeit- weiligen Abkopplung vom Weltmarkt (Bohle 2011, S. 747; Scholz 2004, S. 83). Begründet wurde dies mit aus dem lateinamerikanischen Strukturalismus entliehenen Argumenten, beson- ders der beschriebenen Prebisch-Singer-These. Durch die Abkopplung sollen die auf die In- dustrieländer ausgerichteten Produktivkräfte nun heimische Bedürfnisse befriedigen und Ent- wicklungsimpulse setzen. Nachdem heimische Infrastrukturen und Wertschöpfungsketten auf- gebaut und konsolidiert sind, sei eine Reintegration in den Weltmarkt sinnvoll (Bohle 2011, S. 747; Scholz 2004, S. 83).

Die zweite historische Dekade der Entwicklungspolitik von 1970 bis 1980 stand im Zeichen der Revision. Man stellte fest, dass die punktuellen Entwicklungsbemühungen beider Strategien trotz reichlicher Kapitalzuflüsse wirkungslos versickert seien. Das erreichte wirtschaftliche Wachstum kam meist lediglich einer kleinen Elite zu Gute und war auch räumlich ungleich verteilt. Die entstandenen räumlichen Ungleichheiten sowie die sich wandelnden sozialen Strukturen versuchte man durch eine Grundbedürfnisstrategie zu stützen. Hier wurde Nahrung, Gesundheit, Bildung und Selbstbestimmung für alle angestrebt. ,,Übersehen wird bei jener Etikettierung allerdings, dass die Sicherung von Grundbedürfnissen bereits ein Anliegen kolonialer Entwicklungspolitik gewesen war“ (Büschel 2010, S. 6).

Die dritte entwicklungspolitische Dekade von 1980 bis 1990 gilt vielen Historikern als verlo- renes Jahrzehnt. Viele Entwicklungsländer waren zu Beginn der 1980er Jahre nahezu zahlungs- unfähig. Grund waren die Ölkrise der 1970er Jahre, gescheiterte importsubstituierende Indust- rialisierungen zu Beginn der 1980er Jahre und fallende Rohstoffpreise bzw. eine weitere Ver- schlechterung der Terms of Trade. Einige Entwicklungs- und Schwellenländer gerieten darauf- hin in schwere wirtschaftliche, soziale und politische Turbulenzen (Büschel 2010, S. 6). Gleich- zeitig transformierten sich die Industrieländer zunehmend in Postindustrielle Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften, sodass die Nachfrage nach einkommenselastischen Industrie- und Dienstleistungsgütern überproportional stieg. Ein Nachfragezuwachs im Zuge eines Einkom- mensanstiegs führt somit zu einer Verlagerung der relativen Nachfrage von primären über se- kundäre zu tertiären Gütern (Kulke 2013, S. 26). Die weiter entwickelten Länder schienen im- mer einen Schritt voraus während der zunehmende wirtschaftliche Zerfall und Zusammenbruch der Sowjetunion mit einem Ende der ‚internationalen Solidarität‘ einherging (Büschel 2010, S. 6). Mit dem Eintritt in die ,,ra des postmodernen Massenkonsums auf der einen Seite und der Zementierung der Abhängigkeit von Hilfsleistungen auf der anderen Seite entstand eine sozi- alräumliche Polarisierung. Das weitere Auseinanderdriften der Entwicklungsschere zwischen Industrie- und Entwicklungsländern ließ ein Scheitern der beiden großen Entwicklungstheorien erkennen und die Entwicklungsforschung nach neuen Ansätzen suchen.

2.2.2 Die zweite Generation der Entwicklungsökonomie: Neoklassik

Auf politischer Ebene hoffte man 1989 mit der Neoklassik ein Allheilmittel für die wirtschaft- lichen Probleme der Entwicklungsländer gefunden zu haben (Altmann 2011, S. 132). Nachdem die erste Generation der Entwicklungstheorien den Staat als Initialzünder und Gestalter des wirtschaftlichen Aufbruchs sah, vertraten Ende der 1960er aufkommende Anhänger der Ne- oklassik die Ansicht, dass eben diese staatliche Lenkung zu Fehlern und Verzerrungen führt. Eine staatliche Lenkung und Protektionismus verstoße gegen fundamentale Prinzipien des Marktes und resultiere somit in fehlerhaften Allokationen von Ressourcen. Zum Beispiel wür- den politisch initiierte Investitionen in der Industrie mit festgelegten zu hohen Löhnen die Ar- beitsmarktsituation verkennen, die geprägt ist von einer unzähligen Masse an unausgebildeten Arbeitskräften. Umgekehrt seien die Zinsen am Kapitalmarkt zu gering und drückten nicht die Knappheit des Kapitals in Entwicklungsländern aus. In der Tat litten viele Entwicklungsländer nach einer Phase der staatlichen Intervention und protektionistischen Importsubstitution unter einer immensen Auslandsverschuldung. Die Wechselkurse allerdings drückten nicht die Knappheit des ausländischen Kapitals aus. Eine Befreiung von staatlichen Interventionen würde somit zu einer Berichtigung der Preise und des Marktes führen. Die dadurch effizientere Ressourcennutzung führe zu Entwicklungsschüben. Besondern Wert legte man auf die neu auf- kommende Mikroökonomik, die den Menschen als rationalen Optimierer systemtechnisch in die Marktstrukturen und Wertschöpfung integrierte. Problematisch an diesem ökonomischen Ansatz allerdings war, dass Marktmechanismen und Wirtschaftstheorien der weiter entwickel- ten Länder auf weniger entwickelte Länder übertragen wurden. So zeichneten sich die Märkte der weniger entwickelten Länder durch einen weitaus größeren informellen Sektor aus (Subsis- tenzwirtschaften), der marktwirtschaftlich nicht durchdrungen war. Auch ist die Informations- güte anzuzweifeln, sodass rationale Entscheidungen nicht zwangsläufig zu effizienten Ent- scheidungen führen (Altmann 2011, S. 117-124).

Die Neoklassik setzte sich nicht nur entwicklungspolitisch durch, sondern bestimmte auch die Wirtschaftspolitiken der entwickelten Länder. Mit dem Washington Consensus 1989 wurden Strukturanpassungsprogramme aufgelegt, bei denen es für die verschuldeten Entwicklungslän- der weitere Darlehen nur gegen Reformen gab. Diese Reformen waren in neoklassischer Tra- dition Privatisierungen, Deregulierungen, Aufheben von Handelsschranken, ein wettbewerbli- cher Devisenmarkt, freie Direktinvestitionen, Steuerreformen, staatliche Haushaltsdisziplin, Rückzug des Staates auf Kernaufgaben wie Infrastruktur, öffentliche Gesundheit und Bildung, die Garantie des Privateigentums, Deregulierung auf den Finanzmärkten und schlussendlich die Privatisierung von staatlichen Unternehmen (Altmann 2011, S. 132-133). Während einige da- mals schon in der Neoklassik ein Wiederaufleben der Abhängigkeiten in Form eines Neokolo- nialismus sahen, zieht sich diese Debatte und der grundlegende strukturelle Einfluss bis in die heutige Zeit (z.B. Nassehi 2015) und stellte entscheidende Weichen sowie das Grundgerüst für heutige Prozesse der Globalisierung durch Vereinheitlichung der Wirtschaftspolitiken.

2.2.3 Die dritte Generation der Entwicklungsökonomie: Die Rolle des Staates

Bis heute ist die Neoklassik das Fundament der Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Mit der dritten Generation der Entwicklungsökonomie folgte das Eingeständnis, dass die Implementa- tion des Washington Consensus hinsichtlich gewisser Aspekte über die Stränge schlug. Grund- sätzlich sind sich Ökonomen einig, mit der Neoklassik die richtigen Weichen gestellt zu haben. Die Liberalisierung der Märkte und Einbindung in den Weltmarkt, somit die Anpassung der Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns an marktwirtschaftliche Strukturen als Er- folgsmodell eines wohlstandsgenerierenden Systems gelten unter Ökonomen als weitgehend einwandfreie und notwendige Regelwerke hinsichtlich wirtschaftlicher Prosperität. Fehlerhaft hinsichtlich der Implementierung war jedoch die mangelnde Beachtung von heterogenen insti- tutionellen und kulturellen Faktoren. Man hat die Märkte hinsichtlich ihrer Selbststeuerung überschätzt: Freie Märkte alleine bedeuten noch nicht effiziente Märkte und Ressourcenalloka- tion, denn letztere benötigen ein wohlüberlegtes Rechts-, Steuer- und Bankensystem neben ef- fizienten Institutionen wie Steuerbehörden zur Durchsetzung dieser Verpflichtungen. Diese sind auf weniger entwickelte Länder allerdings nicht ohne weiteres übertragbar. Die Transfor- mation in ein kapitalistisches System muss über die einfache Abschaffung und Neuausrichtung alter Regelwerke und Institutionen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung hinaus- gehen durch ein lokal angepasstes System unterstützender Institutionen zur Sicherung der Eigentumsrechte, Vertragssicherheit und stabilen Wirtschaftsumgebung. Aber auch soziale Ab- sicherung, Internalisierung und gesellschaftliche Teilhabe sorgen für stabile Wirtschafts- und Investitionsbedingungen. Grundlegende Erkenntnis der dritten Generation der Entwicklungs- ökonomie ist, dass Liberalisierung ein wichtiger Bestandteil ist, aber wirtschaftliche Richtlinien alleine keine geeigneten Maßnahmen darstellen eine Entwicklung zu induzieren (Altmann 2011, S. 135-136). Somit wurden die in der Neoklassik identifizierten signifikanten Determi- nanten für wirtschaftliches Wachstum um Institutionen erweitert.

Während die zweite Generation staatliches Eingreifen für Marktversagen verantwortlich machte und diesen daher in seiner Verantwortung weit zurückdrängte, postuliert die dritte Ge- neration den Staat als fundamentale Grundlage für funktionierende Märkte. Der Good Gover- nance Ansatz widmet sich der Frage, wie die Implementierung des Staates und der Institutionen in das Marktumfeld gestaltet sein soll. Dieses Konzept befasst sich schrankenlos mit dem Grad an Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie, bzw. genauer mit der Güte der politischen, rechtli- chen, ökonomischen und gesellschaftlichen Institutionen und Stabilität. Damit setzt es Mindest- standards, an denen sich Staaten orientieren können (Altmann 2011, S. 136-148).

Die Einsichten der dritten Generation der Entwicklungsökonomie und des Good Governance Ansatzes fanden Einzug in die Millenniumserklärung der UN. Mit dieser wurde ein Maßnah- menkatalog verabschiedet, um die konkrete Lebenssituation der Menschen in Entwicklungs- ländern zu verbessern und den globalen Disparitäten entgegen zu wirken (Büschel 2010, S. 7).

,,Insgesamt dominiert heute - bis auf wenige Ausnahmen - eine Sichtweise, die der Entwick- lungspolitik und Entwicklungshilfe ein Scheitern attestiert“ (Büschel 2010, S. 10). Daher macht die bisherige historische Einteilung der Entwicklungspolitik in vier Dekaden möglicherweise keinen Sinn, denn grundsätzlich hatte sich 50 Jahre lang in der Ansicht der direkten Übertra- gung westlicher Wirtschaftskonzepte in lokale Räume mit anderen Kontexten und Zwängen nichts geändert (Büschel 2010, S. 9; Altmann 2011, S. 151-154). Dennoch wurde hier aufgrund der historischen Entwicklung des Entwicklungsbegriffs darauf zurückgegriffen.

2.3 Geographische Entwicklungstheorien

2.3.1 Nachhaltigkeit und Selbsthilfe

Einen maßgeblichen Beitrag für die Zuwendung zu lokalen Kontexten leistete die geographi- sche Entwicklungsforschung. Naturgeographische und entwicklungstheoretische Bemühungen der Geographie hatten einen prägenden Einfluss auf die sog. vierte historische Dekade der Ent- wicklungspolitik von 1990-2000 und alle noch folgenden Konzepte. Die lokal-empirisch ange- wandten Erklärungsansätze und Konzepte der natur- und humangeographischen Forschung bo- ten neue Ansätze unter den Paradigmen der Nachhaltigkeit und Selbsthilfe (Büschel 2010, S. 7). Geographen erforschten vielfach den Menschen als Initiator von Prozessen der Desertifika- tion und Entwaldung in aus dem Gleichgewicht geratenen Ökosystemen. Dies und die Endlich- keit der Ressourcen führten zu einer zunehmenden Sensibilisierung der Bevölkerung für Um- weltfragen. Heutzutage ist der entstandene Nachhaltigkeitsansatz aus keiner Agenda mehr her- auszudenken. Er besagt, dass die Nutzung einer Ressource nicht größer sein soll als deren Fä- higkeit zur Regeneration bzw. durch technischen Fortschritt kompensiert werden kann. Erst- mals wurden im Brundtland-Bericht von 1987 entwicklungspolitische Interessen und Nachhal- tigkeitsansätze gegeneinander abgewogen. Der Bericht prägte die Definition der nachhaltigen Entwicklung: Eine nachhaltige Entwicklung entspricht den Bedürfnissen der heutigen Gene- ration, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürf- nisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen (Scholz 2004, S. 143). Scholz verweist dahingehend auf die lange Tradition der geographischen Betrachtung von Mensch-Umweltsys- temen unter Beachtung von natur- und humangeographischen Ansätzen, aber auch auf neuere Tendenzen das menschliche Handeln in den Mittelpunkt zu stellen (Scholz 2004, S. 141-143).

Mittels des ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘-Konzepts wurden Probleme der Implementierung von Ent- wicklungsprojekten hinsichtlich mangelnder Nachhaltigkeit und eigener Tragfähigkeit ange- gangen. Die traditionellen Strukturen sollten nicht überfordert werden durch die Annahme, von alleine eine notwendige Eigeninitiative in bestimmten Bereichen der Instandhaltung oder Ge- nerierung von ökonomischen Werten außerhalb ihrer traditionellen Lebenswelt zu erkennen. Dies liegt in vielen Entwicklungsländern in der Kontinuität von herrschender Obrigkeit und nehmender Basis: Kolonialisierung bzw. traditionelle Strukturen haben eine Erwartungshaltung gegenüber den jeweiligen Obrigkeiten entstehen lassen, für das Allgemeinwohl Sorge zu tra- gen. Die ‚nehmerische Erwartungshaltung‘ sollte einem Bewusstsein für selbstverantwortliches Handeln weichen. Eine gemeinschaftliche Eigenverantwortung für einen bewussten Umgang mit Kapitalien wie Sorge um Wasserleitungen oder um Schulgebäude muss von lokalen Trä- gern erkannt und internalisiert werden. Dazu sei es wichtig, die lokale Tradition einzubeziehen und Ihnen ihre eigene adaptive Lösung zu ermöglichen, da gemeine Handlungserwartungen und -logiken lokal nicht zwangsläufig implementierbar sind. Somit ist die Selbsthilfe essentiell für die Nachhaltigkeit von Entwicklungsbemühungen (Scholz 2004, S. 144-145).

Zusammenführend hat das Selbsthilfe-Nachhaltigkeitskonzept das Ziel, die geschaffenen Werte zu erhalten anstatt in einem andauernden Abhängigkeitsverhältnis neue Werte zu erschaffen. Top-down initiierte Fördermaßnahmen hatten oft keinen Bestand über ihre Förderdauer hinaus, sodass man sich durch eine bottom-up Strategie, konkret durch Einbeziehung und Verpflich- tung eine Eigenständigkeit des Entwicklungskontexts versprach (Scholz 2004, S. 188).

2.3.2 Globalisierung und fragmentierte Entwicklung

Nachdem im Zuge des Washington Consensus eine globale Vereinheitlichung der Rahmenbedingungen der Wertschöpfung erfolgte, rückte die lokale Ebene ins Zentrum der geographischen Entwicklungsforschung. Die bisher aufgezeigten Entwicklungstheorien haben allesamt ein Ziel: nachholende Entwicklung. Eine Auflösung von globalen Disparitäten fand jedoch weitestgehend nicht statt. Zwar schafften Länder wie Südkorea den Aufstieg in die Ränge der weiterentwickelten Staaten, jedoch zeigen sich international nach wie vor große Unterschiede in der Wertschöpfung und den Lebensbedingungen.

Und trotzdem führen die kulturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu einer zuneh- menden grenzüberschreitenden Verflechtung in Produktion, Handel, Kapital, Informationen und Kultur. Durch Fortschritte im Transportwesen und der Informationstechnologie hat sich die Mobilität zwischen diesen Faktoren deutlich erhöht und beschleunigt. Qualitativ und quan- titativ kommt es somit zu einer Intensivierung der grenzüberschreitenden Austauschbeziehun- gen und damit zu einer Infragestellung des räumlichen Denkens in Raumcontainern. Die Struk- turierungskraft von Raumabgrenzungen durch Staatsgrenzen, Distanzen oder natürliche Barri- eren sinkt gegenüber der Bedeutung von Kapital-, Waren-, Migrations- und Informationsströ- men. Diesen Prozess nennt man Globalisierung. Die Globalisierung zwingt die Geographie zu einem grundsätzlichen Umdenken, da alte Paradigmen der Räumlichkeit, Distanz und Raum- abgrenzung nicht mehr gelten, sondern relationale Verflechtungen von Räumen in das Zentrum des wissenschaftlichen Interesses rücken. Raum bestimmt sich so durch die Lokalisation der Knotenpunkte der globalen Ströme, die unabhängig von Staatsgrenzen den Raum im globalen und regionalen Netzwerk verorten (Bohle 2011, S. 765). Aus der Netzwerkperspektive wird die entwicklungstheoretische Relevanz der Globalisierung deutlich. Die zunehmende Verflechtung der lokalen Akteure im globalen Kontext führt zu ei- nem zunehmenden lokalen Nebeneinander von Wohlstand und Armut. ,,Mitten in den Metro- polen des Nordens entstehen durch Deindustrialisierung, Verarmung und Zuwanderung Enkla- ven des Südens, während sich in vielen Entwicklungsländern die Reichen in den geschützten Wohlstandsinseln ihrer gated communities gegenüber der Masse der ärmeren Bevölkerung ab- schotten“ (Bohle 2011, S. 763). Dieses Phänomen nennt Scholz (2004) Fragmentierte Ent- wicklung. Durch die unterschiedliche Wertigkeit und Fähigkeit zur gewinnbringenden Nut- zung des individuellen Netzwerkes (der Dinge) werden Chancen, Teilhabe und Wohlstand lokal zunehmend heterogener gestreut. Dadurch werden die bestehenden Nord-Süd-Gefälle zuneh- mend diffuser, sodass (wachsende) Disparitäten nicht mehr nur zwischenstaatlich sind, sondern zunehmend auch auf geringster räumlicher Distanz, aber großer lebensweltlicher Distanz zu finden sind (Scholz 2004, S. 215).

Globalisierung und Fragmentierung führten zu einem grundsätzlichen Umdenken in den Sozi- alwissenschaften, bei der nicht mehr Orte und Abgrenzungen einen Raum definieren, sondern Netzwerke den Raum gestalten. Denn anstatt einer Homogenisierung der Räume fand eine Restrukturierung statt, bei der die Ströme des Netzwerkes regionalisierte Identitäten und Inte- ressensgemeinschaften zusammenführen, unter Rückgriff auf symbolisierte Wir-Gemeinschaf- ten. Dadurch wird der Raum in erster Linie durch relationale Verbindungen, als ein Netzwerk definiert. Dabei wird Raum und die netzwerkartige Struktur in der Humangeographie nicht mehr nur physisch betrachtet, sondern im Zuge des ‚spatial turns‘ zunehmend metaphysisch bzw. transzendent (Gebhardt und Reuber 2011, S. 647). Kurzum Raum ,,als regionale gesell- schaftliche Erscheinungen und Prozesse […] und als ‚Bühne‘ von gesellschaftlichem Handeln“ (Bohle 2011, S. 748).

Entwicklungstheoretisch stehen sich nun zwei Positionen gegenüber. Erstere besagt, Globali- sierung führe zu einem Anstieg des weltweiten Wohlstands. Besonders weniger entwickelte Länder könnten durch die weltweite Integration die Rückständigkeit überwinden und generie- ren zumindest Teilhabechancen, althergebrachte Grenzen werden überwunden. Letztere Posi- tion vertritt die Auffassung, Globalisierung führe durch die Verschärfung des Wettbewerbs zu einem Anstieg der weltweiten und lokalen Disparitäten und führe zu zunehmender Ausgren- zung von Menschen. Der Massenkonsum auf der einen Seite, sozial und räumlich abgegrenzt davon die Benachteiligung der Anderen. Große Gebiete bzw. viele Menschen sowohl in lokalen als auch globalen Maßstäben (aller Regionen) dienen lediglich als Reserveräume bzw. Roh- stofflager für den globalen Wettbewerb. Dazu vertritt Scholz die These, dass eine nachholende Entwicklung unter diesen Umständen nicht möglich ist (Scholz 2004, S. 215; Bohle 2011, S. 763).

Die entwicklungstheoretischen Schlüsse daraus sind Folgende: Nachdem die Bedeutung des Staates sinkt, steigt die der regionalen Ebene, die der Individualverantwortlichkeit und die der globalen Rahmenbedingungen für entwicklungspolitische Ziele. Verschiedene Regionen oder Standorte stehen als Repräsentanten ihres lokalen Interessensnetzwerkes im Wettbewerb um Ressourcen aller Art. Diese Regionen haben unterschiedliche Potentiale, zum Beispiel in der gegebenen Ressourcenausstattung. Ressourcen sind aber auch bewegliche wohlstandsfördernde Faktoren: Unternehmen, Kapital, Bewohner und Humankapital (Rosenfeld 2012, S. 2). Ziel der regionalen Wirtschaftspolitik ist unter anderem eine Verbesserung der lokalen Standortquali- tät, also der jeweiligen Eignung und Attraktivität des Standortes für die genannten Wohlstands- faktoren. Diese Faktoren sollen den Wohlstand der Region und damit der lokalen Akteure si- chern und fördern. Gesellschaftliche, politische und ökologische Leitziele der Regionalent- wicklung wie Bildungsstand, Sicherheit, ökologische Stabilität und Gesundheit können als Standortqualitäten hinsichtlich der Attraktivität des Standortes betrachtet werden. ,,Im Unter- schied zu einem Nebeneinander verschiedener Fachpolitiken zielt solch eine wirtschaftsorien- tierte Regionalpolitik auf eine Vernetzung sämtlicher Fachpolitiken (Wirtschaftsförderungs-, Stadtentwicklungs-, Verkehrs-, Kultur-, Arbeitsmarkts-, und Umweltpolitik) unter einem ge- meinsamen wirtschaftspolitischen Leitbild“ (Blume 2012, S. 24).

2.3.3 Theorien mittlerer Reichweite

Auch der zunehmenden Individualverantwortlichkeit wird entwicklungstheoretisch Rechnung getragen. Bereits zum Ende der 1970er Jahre erkannte die sich etablierende geographische Ent- wicklungsforschung zunehmend, dass sich Unterentwicklung weder alleine durch Modernisie- rungstheorien noch alleine durch dependenz-theoretische Argumentationen erklären bzw. über- winden lässt. Vielmehr wurde festgestellt, dass sowohl endogene als auch exogene Faktoren eine nachholende Entwicklung blockieren können und sich oft nicht dichotom trennen lassen. Beispielhaft sei hier die vielfache Vereinnahmung traditioneller Strukturen für koloniale Zwe- cke zu nennen (Bohle 2011, S. 747; Kreutzmann 2003, S. 2). ,,Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde nicht nur die Aufteilung der Erde in eine ›Erste‹, ›Zweite‹ und ›Dritte‹ Welt obsolet, sondern mit dem vermeintlichen Ende des Kampfes der politischen Systeme wurde auch der Streit zwischen Modernisierung und Dependenz beigelegt“ (Geiger und Steinbrink 2012, S. 22). Der geringe Erfolg der bisherigen Entwicklungspolitik sowie das Eingeständnis des 20 Scheiterns der beiden großen Entwicklungstheorien führten in der geographischen entwick- lungstheoretischen Debatte zu einem Rückzug auf die lokale und regionale Ebene, da man von Globaltheorien keine verwertbaren Resultate mehr erwartete. Aus der entstandenen Theorielü- cke heraus entwickelte sich eine kreative Suche nach neuen theoretischen Anschlüssen. Der Modernisierungs- und Dependenztheorie als traditionelle endogene bzw. exogene Entwick- lungstheorie wohnt ein höherer Abstraktheitsgrad inne, da sie die systemimmanenten Variablen der Entwicklung bzw. Unterentwicklung in allgemeingültige Theorien bzw. Entwicklungspfade gießen wollen. Aufgrund der wissenschaftlich-empirisch nur begrenzt nutzbaren Erkenntnisse dieser ‚großen‘ Theorien, beschränkte sich die geographische Entwicklungsforschung meist auf Theorien Mittlerer Reichweite (Wenzel 2012, S. 50; Geiger und Steinbrink 2012, S. 21). ,,Hierzu gehören beispielweise die Debatte über Produktionsweisen in Indien […] oder die Frage, wie differenzierte Entwicklungspfade innerhalb der Dritten Welt (z.B. der sogenannten Schwellenländer oder Tigerstaaten Ost- und Südostasiens, etwa in Vergleich zu den immer wei- ter verarmenden Ländern Afrikas) zu erklären sind“ (Bohle 2011, S. 748). Mit der lokalen Ebene rückten die erfolgswirksamen Aktivitäten und Initiativen von Individuen und Kleingrup- pen in den Vordergrund, die in Nischen abseits des Weltmarkts Entwicklungsfortschritte erzie- len konnten (Kreutzmann 2003, S. 2). ,,Die Suche nach entwicklungstheoretisch begründeten Entwicklungsmustern auf der mittleren Ebene wurde […] durch kleinräumige Studien im all- tagsweltlichen Handlungsraum der Entwicklungsakteure vorgenommen, zum Beispiel bei Kleinhändlern in Indien“ (Bohle 2011, S. 748). Damit rückte das lokale Akteurshandeln in den Vordergrund, hintergründig fanden sozialwissenschaftliche Handlungs- und Netzwerktheorien Einzug in die geographische Entwicklungsforschung.

Die Entwicklungsforschung beachtet mit dem Livelihood- und Verwundbarkeitsansatz als The- orie ‚Mittlerer Reichweite‘ gezielt die Mikro-Ebene, genauer ,,Handlungspraktiken und -stra- tegien verwundbarer Gruppen, deren Handlungsspielräume und -zwänge gleichzeitig in ihren politischen, ökonomischen, soziokulturellen und auch ökologischen Bedingungen zu analysie- ren sind. […] Einmal geht es um den Grad der Bedrohung durch Risiken und Überlebungsge- fährdungen, zum anderen um die reaktiven Bewältigungskapazitäten, mit diesen umzugehen. Diese […] Fragestellungen verknüpfen verschiedene Dimensionen von Entwicklung und Un- terentwicklung miteinander“ (Wenzel 2012, S. 50). Jeder Mensch kann demnach aus einem Portfolio von fünf Livelihood Assets sein Überleben sichern: Humankapital, Naturkapital, So- zialkapital, Sachkapital und Finanzkapital. Diese Ressourcen werden auch Kapitalien oder Ak- tiva genannt. Sie werden strategisch vom Menschen für gesicherte Lebensbedingungen einge- setzt (Bohle 2011, S. 754). Dazu zählen bspw. ein höheres Einkommen und damit größere 21 (Überlebens-)Sicherheit. Die strategische Verwendung der assets unterliegt jedoch gewissen äußeren einschränkenden Zwängen wie kulturelle Einschränkungen oder institutionelle Regelungen (Bohle 2011, S. 754). Innerhalb dieser Schranken handeln die Individuen in rationalen Optimierungsmodellen. Der Livelihood Framework (Abb. 2) zeigt die Transformation der Assets durch Überlebensstrategien zum Nutzen der Individuen. Als Theorie Mittlerer Reichweite werden aus den Livelihood Assets als soziale Fakten der Mikroebene Handlungsempfehlungen und somit Entwicklungstheorien auf mittlerer Ebene abgeleitet. Einige Autoren beharren auf der Erfolglosigkeit von Globaltheorien und postulieren den kompletten Verzicht auf Theorien größerer Reichweite (Wenzel 2012, S. 50).

Abbildung 2: Sustainable Livelihoods Framework. Entnommen aus DDID 1999.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die handlungstheoretische Geographie stellt somit die handelnden Menschen in den Mittelpunkt, während das Räumliche als Dimension des Handelns gesehen wird. Der Raum wird somit nicht als vorgegeben betrachtet, sondern die Konstruktion des Raumes durch die handelnden Akteure ist Gegenstand des Interesses. Genauer ,,inwiefern ihre Herstellungs-, Nutzungsund Reproduktionslogiken mit gesellschaftspolitisch akzeptierten Standards zu vereinbaren sind“ (Werlen 2008, S. 279-280).

2.3.4 Die Beziehung Individuum, Gesellschaft und Raum

Mit der Implementierung von sozialwissenschaftlichen Theorien erfährt die geographische Ent- wicklungsforschung zunehmend eine gesellschaftstheoretische Fundierung. Entwicklung und Unterentwicklung in sozialer, ökonomischer, soziokultureller oder ökologischer Dimension soll im Verwundbarkeitsmodell immer im Kontext zu regionalen Sozialkrisen und Gesell- schaftskrisen betrachtet werden. ,,Es gilt dabei den wechselseitigen Zusammenhang von individuellem/sozialem Handeln und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zu verdeutlichen“ (Wenzel 2012, S. 51) und daraus begrenzt abstrakte Theorien zu entwickeln.

,,Die zentrale Aufgabe ist die Analyse der Handlungsweisen, die zu bestimmten Anordnungsmustern geführt haben. Dabei ist zu klären, welche Bedeutung diese Anordnungsmuster ‚als Bedingungen weiteren Handelns‘ erlangen können, welche Arten des Handelns sie ermöglichen (Ermöglichung) und welche sie verhindern (Zwang); und schließlich: welches die individuellen und sozialen Konsequenzen dieser Geographien in lokaler und globaler Hinsicht sind“ (Werlen 2008, S. 280).

Der anfängliche absolute Rückzug auf die lokale Ebene sei nicht kritiklos hinzunehmen, so Dörfler et al. 2003, S. 11: ,,Ausschließlich akteurszentrierte Ansätze führen ebenso wie die The- orien mittlerer Reichweite zu einer Begrenzung der Perspektive und klammern damit einen we- sentlichen Teil der Wirklichkeit aus.“ Fragen zur Autonomie des Akteurshandelns und zur Wir- kung der Gesellschaft auf diese blieben offen, denn die Handlungstheorie legt den Fokus auf das handelnde Individuum in einer eigenverantwortlichen Welt, anstatt gesellschaftliche Struk- turen zu thematisieren. ,,Handeln wird in dieser Perspektive als zwar kollektiv eingebunden, in letzter Konsequenz aber als individualisierte Kategorie verstanden […]. Probleme der Ent- wicklung werden dabei gewissermaßen als Folge von Fehlhandlungen gesehen“ (Dörfler et al. 2003, S. 13) und nicht mehr primär in makroökonomischen oder gesellschaftlichen Strukturen, da diese demnach erst durch aggregiertes Akteurshandeln der Mikroebene entstehe. Dabei be- dingen auch gesellschaftliche Strukturen individuelles Handeln und deren Motivation. Durch die Implementation der Gesellschaft im Livelihood Ansatz ist ein erster Schritt getan, die Reich- weite um den Aspekt der Gesellschaft, genauer Strukturen und Prozesse zu erweitern.

Ein erster Versuch zur Neuordnung der Beziehung Gesellschaft-Individuum erfolgte u.a. durch Anthony Giddins, der die Dialektik zwischen diesen Sphären mit structure und agency um- schrieb und den sozialwissenschaftlichen Strukturalismus5 mitdefinierte (Bohle 2011, S. 748- 749). Structure ist die habituelle strukturierte Institution, die das Handeln beeinflusst. Agency ist der Grad an Autonomie, also die Handlungsfähigkeit, die ein Individuum innehat. Es ist gegenüber der Lehre des Konstruktivismus, bei der die Gesellschaft erst durch Handeln kon- struiert wird, ein Novum. Ein weiterer Verfechter des Strukturalismus ist Pierre Bourdieu.

Durch seine Thesen hat er das Akteurshandeln mit der Gesellschaftsebene neu verknüpft. Dazu hat er den Begriff Habitus eingeführt um zu verdeutlichen, dass Menschen eben ,,nicht als selbstständiger Kalkulator der eigenen Lebensführung, wie das der rational-choice-Ansatz voraussetzt" (Fuchs-Heinritz und König 2005, S. 113) handeln. Der Habitus ist ,,die Haltung des Individuums in der sozialen Welt, seine Dispositionen, seine Gewohnheiten, seine Lebensweise, seine Einstellungen und seine Wertvorstellungen" (ebd., S. 112). Dieser sei dabei durch Sozialisation erlernt. Die gemeinsame Grundlage von Entscheidungen ist der Habitus, welcher ,,von der Position im sozialen Raum und von der sozialen Laufbahn abhängt" (ebd., S. 72). Der Habitus verbinde einzelne Präferenzen oder Entscheidungen zu typischen Lebensstilmustern. Die einseitige Interpretation der Wirkungsrichtung (Individuum auf Gesellschaft) wird somit um die entgegensetzte Wirkung (Gesellschaft auf Individuum) ergänzt.

[...]


1 Zum Beispiel: Macheroux-Denault und Bamako 2015 in Die Welt: ,,Merkels Willkommensruf hallt bis nach Westafrika: Deutsche Willkommenskultur wirkt in Mali sogar bei denen, die bisher gar nicht weg wollten. TV-Bilder freundlicher Menschen mit Gastgeschenken locken die Migranten. Deutsche Visa kann man kaufen.“

2 Innerhalb dieser Masterarbeit werden zunächst die Begriffe weniger entwickelte Länder, globaler Süden, sich ent- wickelnde Länder, unterentwickelte Länder, Entwicklungsländer, dritte Welt und teils sogar einfach Süden im Tenor der jeweiligen Quelle / des Kontextes synonym verwendet. Eine Differenzierung erfolgt an sinnvollen Stel- len.

3 Räume als Ergebnis von anthropogenen Gestaltungsprozessen, im Wirkungsgefüge mit natürlicher Umwelt

4 Singer 2012

5 Nicht zu verwechseln mit dem Strukturalismus als Entwicklungstheorie.

Details

Seiten
111
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668249462
ISBN (Buch)
9783668249479
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334957
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Fakultät für Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie
Note
1,0
Schlagworte
Entwicklung Entwicklungsökonomien Modernisierung Dependenz Neoklassik New Governance Nachhaltigkeit Selbsthilfe Globalisierung fragmentierte Entwicklung mittlere Reichweite Gesellschaft und Raum ländlicher Raum Nahrungsmittelsicherheit Mitigation Migration Humanökologie Landnahme in Subsahara-Afrika Ghana Talensi-Nabdam Livelihood Framework

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Titel: Landnahme in weniger entwickelten Ländern. Entwicklungsmöglichkeit oder "land grab"?