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Senecas Reichtumskritik. Reichtum und Armut als Illustration für die stoische Tugend in den "Epistulae Morales ad Lucilium"

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

2. Einleitung

3. Hauptteil
3.1 Seneca im Kontext seiner Zeit
3.2 Seneca und die stoische Ethik
3.3 Analyse: Epistulae Morales ad Lucilium

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur
5.1 Quellenverzeichnis
5.2 Forschungsliteratur

2. Einleitung

Die folgende Arbeit setzt sich mit Widersprüchlichkeiten hinsichtlich Senecas Reichtumskritik auseinander. Im Folgenden wird die These untermauert, dass seine Ausführungen über Armut und Reichtum gleichermaßen Anschauungsmaterial für seine stoische Güterlehre darstellen. Hierzu wird Seneca in seiner Zeit kontextualisiert um sichtbar zu machen, dass dieser bereits zu Lebzeiten mit Vorwürfen der Geldgier konfrontiert wurde. Anschließend wird auf die stoische Philosophie, insbesondere auf die Güterlehre eingegangen. Da Senecas Absicht, konkrete Handlungsanweisungen zur Erreichung der sittlichen Vollkommenheit zu geben am deutlichsten im Corpus der Epistulae ad Lucilium hervortritt, werden diese dann analysiert, um fundiert abwägen zu können, wie Senecas Ausführungen zu beurteilen sind.

Den Philosophen der Kaiserzeit haftete lange Zeit das Urteil der fehlenden Originalität, das der rigiden Dogmatik und einer Konzentration auf praktische Ethik zu Lasten philosophischer Theoriebildung an.1 Besonders in den letzten Jahrzehnten hat sich aber diese weit verbreitete Meinung in der Forschung geändert. Bei einem großen Publikum stößt die Philosophie der Kaiserzeit und die des Hellenismus wieder auf Interesse, was sich vermutlich in der „besonderen Akzentuierung der Fragen praktischer Ethik“ begründet.2

Auch Seneca fordert in seinen Epistulae Morales ad Lucilium, das Leben des Philosophen müsse mit seinen Worten übereinstimmen.3 Fraglich ist, ob genau dies bei ihm auch der Fall war. Hierzu „klaffen“ die Ansichten „weit auseinander.“4 Ein altes Vorurteil lautet, Seneca „sei ein Heuchler, sehr im Gegensatz zu seinen Worten sei er habgierig, machtversessen, unermeßlich reich und arrogant gewesen“5, er sei “theoretisch ein Fels und praktisch ein Mitmacher.”6 Evident ist die teilweise fehlende Übereinstimmung der Beschreibung von Seneca als geld- und machtversessen auf der einen Seite, auf der anderen Seite empfiehlt er in seinen Schriften als „Weg zur Verwirklichung des stoischen Ideals“ der virtus, sowohl Enthaltsamkeit, als auch „die Distanz zum öffentlichen Leben und die Geringschätzung von Ehre und Besitz.“7

Eine Schwierigkeit bei der Betrachtung von sämtlichen Seneca- Biographien ist die Tatsache, dass zum einen bei ihm persönliche Selbstzeugnisse, wie zum Beispiel Privatbriefe, fast gänzlich fehlen8, zum anderen, dass er in seinen Werken so gut wie nie über sich selber spricht. Biographische Aufzeichnungen existieren zum Beispiel neben denen von Sueton und Cassius Dio vor allem vom Geschichtsschreiber Tacitus, welche aber erst in der Phase einsetzen, in der Seneca das politische Parkett betritt9: „Without the testimony of Tacitus, Seneca the statesman could hardly exist.“10

Die 22 Bücher der Epistulae Morales ad Luciulum lassen sich zwar nicht exakt datieren, allerdings wird in Brief 91 der Große Brand Roms erwähnt, welcher sich im Jahr 64 unter Kaiser Nero ereignete. Im Gegensatz zu anderen Werken Senecas sind die moralischen Briefe „richer in personal detail and in allusions and contemporary life than any other.“11

3. Hauptteil

3.1 Seneca im Kontext seiner Zeit

Lucius Annaeus Seneca war nicht allein philosophischer Schriftsteller. Er war auch Staats- und Geschäftsmann, der unter Tiberius und später unter Caligula diverse Ämter bekleidete und darum wusste sein Vermögen zu vermehren.12 Er stammte aus einer wohlhabenden Ritterstandsfamilie13: „Seneca’s family had the equestrain census and probably a good deal more“14 Als Kind kam er von Spanien nach Rom, wo er vermutlich aufwuchs.15 Schon früh wurde der jugendliche Seneca von Krankheiten heimgesucht, welche ihn zeitlebens begleiten sollten.16 Nach dem Elementarunterricht besuchte er den Philologen und betrieb Dichterlektüre.17 Im Jahr 41 n. Chr. wurde Seneca des Ehebruchs mit einer der Schwestern Caligulas angeklagt und musste acht Jahre im Exil in Korsika verbringen.18 Eine andere Schwester von Caligula wiederum, Agrippina, holte ihn nach Rom zurück, wo er an den kaiserlichen Hof kam und von da an nicht nur das Amt des Prätors bekleidete, sondern auch die Rolle des Erziehers für Agrippinas Sohn Nero einnahm.19

Im Jahr 54 n. Chr., nachdem Nero seine kaiserliche Herrschaft angetreten hatte, wurde Seneca Mitglied des politisch einflussreichen Gremiums der „Freunde des Prinzeps.“20 Er besaß in Ägypten Ländereien und soll in Britannien große Geldmengen zu Wucherzinsen verliehen haben.21 Laut Tacitus scheint er von Nero regelrecht mit Geschenken überhäuft worden zu sein.22 Zwar schien er sich kleine Teile der asketischen Lebensführung bewahrt zu haben. So schlief er in einem harten Bett, lehnte Lebensmittel wie Pilze, Austern und Wein ab und nahm keine heißen Bäder.23 Trotzdem lässt sich nicht abstreiten, dass Seneca zu diesem Zeitpunkt ein ein reicher Mann war.

Cicero berichtet ebenfalls von Senecas Einkünften aus überzogenen Zinsen, durch die er Italien und die Provinzen ausgebeutet habe.24 Zu Anschuldigungen der Bereicherung Senecas kam es darüber hinaus bei einem Gerichtsprozess gegen den Anwalt Publius Suillius im Jahr 58 n. Chr., welcher sich gegen den Vorwurf wehrte, „er habe unter Kaiser Claudius Menschen gegen Geld denunziert und gegen Geld vor Gericht auch angeklagt“.25 Mit einer Gegenklage setze er sich „gegen seinen Widersacher Seneca zur Wehr“ mit der Bezichtigung „dieser Günstling des Kaisers und Scheinphilosoph habe sich selbst schamlos bereichert“.26 Suillius, der in diesem Prozess verurteilt werden sollte, war wohl schon damals ein „berüchtigte[r] und gehasste[r] Denunziant“.27 Er schien sich im „Angriff die beste Verteidigung“ zu erhoffen28 und sagte vor Gericht über Seneca aus, dieser habe für sich, als Freund des Kaisers, in Summe 300 Millionen Sesterzien angehäuft.29

Den teilweise polemischen Anschuldigungen von Suillius darf man nicht uneingeschränkt glauben schenken. Mit der geringer werdenden Macht Senecas wurden aber ähnliche Vorwürfe „immer öfter laut“30, bis dieser schließlich im Jahr 62 n. Chr. dem Kaiser sowohl seinen Rücktritt, als auch die „Rückgabe des von ihm erhaltenen Vermögens“ anbot.31 Seneca wollte damit laut Tacitus demonstrieren, dass er von diesem Zeitpunkt an sein Leben in gemäßigten Verhältnissen gemäß dem Ideal führen wolle, welches er in seinen Schriften propagierte - allerdings lehnte Nero den Antrag ab.32 Im Jahr 65 n. Chr. wurde Seneca im Zuge von Strafmaßnahmen gegen eine Verschwörung gegen den Kaiser, vermutlich unschuldigerweise, der Mitwissenschaft beschuldigt und von Neros Männern zum Selbstmord gezwungen.33

Seneca wurde also schon bereits zu seinen Lebzeiten mit dem Vorwurf der Geldgier konfrontiert. Bereits Zeitgenossen beschuldigten ihn der „Doppelmoral“, weil er neben seinem Ideal eines asketischen Lebens, welches er in seinen philosophischen Schriften predigte34 „doch bis ins Alter von mehr als sechzig Jahren insgesamt ein Leben gelebt“ hatte, „das von Reichtum, Karriere und Machtpolitik bestimmt war.“35

3.2 Seneca und die stoische Ethik

In der hellenistischen und in der kaiserzeitlichen Philosophie blieben die traditionellen Fragestellungen wie erkenntnistheoretische Betrachtungen und physikalische Fragen nach dem „Grund der Dinge“ ebenso wie ethische Überlegungen über „Verhaltensweisen, welche dem Menschen das Glück bereiten können“ weiterhin dominierend.36 Gleichzeitig zeichneten sich aber auch Fortschritte bedingt durch neue Erkenntnisse ab.37 So kam es „zu originellen Problemlösungen oder besonderen Akzentuierungen traditioneller Positionen“38, insbesondere durch Epikur und seine Schule und durch die Stoiker, welche Antworten auf die Fragen der Probleme „neuer Lebensumstände“ suchten.39

Die Integration des griechischen philosophischen Gedankenguts in Rom wurde nicht zuletzt durch seinen „lebenspraktische[n] Aspekt“ begünstigt.40 So beschäftigten sich Stoiker und Epikureer nicht ausschließlich mit „philosophischer Theoriebildung, sondern wollten konkrete Hilfestellung“ bei der Suche nach der Eudaimonia und „Techniken“ der ars vitae anbieten.41

[...]


1 Vgl. Erler, Einleitung, S. 1.

2 Erler, Einleitung, S. 2.

3 Epist. 75, 4.

4 Maurach, Seneca - Leben und Werk, S. 7.

5 Maurach, Seneca - Leben und Werk, S. 8.

6 Marcuse, Philosophie des Glücks. Von Hiob bis Freud, S. 102.

7 Fuhrer, Von der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, S. 95.

8 Fuhrmann, Seneca und Kaiser Nero. Eine Biographie, S. 7.

9 Fuhrmann, Seneca und Kaiser Nero. Eine Biographie, S. 43.

10 Syme, Tacitus, S. 552.

11 Griffin, Seneca. A Philosopher in Politics, S. 4.

12 Vgl. Fuhrer, Von der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, S. 92.

13 Ebenda.

14 Griffin, Seneca. A Philosopher in Politics, S. 286.

15 Vgl. Fuhrmann, Seneca und Kaiser Nero. Eine Biographie, S. 44.

16 Vgl. Fuhrmann, Seneca und Kaiser Nero. Eine Biographie, S. 45.

17 Vgl. Fuhrmann, Seneca und Kaiser Nero. Eine Biographie, S. 47.

18 Vgl. Fuhrer, Von der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, S . 92.

19 Ebenda.

20 Ebenda.

21 Vgl. Fuhrer, Von der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, S. 91.

22 Vgl. Tac. 14, 53, 5.

23 Vgl. Griffin, Seneca. A Philosopher in Politics, S. 42.

24 Vgl. Cic. Verr. 3, 163.

25 Maurach, Seneca - Leben und Werk, S. 10.

26 Fuhrer, Von der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, S. 91.

27 Maurach, Seneca - Leben und Werk, S. 10.

28 Ebenda.

29 Vgl. Maurach, Seneca - Leben und Werk, S. 11.

30 Vgl. Fuhrer, Von der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, S. 91.

31 Ebenda.

32 Vgl. Tac. 14, 53-56.

33 Vgl. Tac. 15, 60-64.

34 Vgl. Kapitel 3.2.

35 Fuhrer, Von der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, S. 94.

36 Erler, Einleitung, S. 1.

37 Vgl. Erler, Einleitung, S. 2.

38 Vgl. Flashar, Einleitung, S. 3.

39 Erler, Einleitung, S. 2.

40 Erler, Einleitung, S. 6.

41 Erler, Einleitung, S 2.

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668246881
ISBN (Buch)
9783668246898
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334956
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Seminar für Alte Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Seneca Aristokratie Luxus Dekadenz Reichtumskritik römische Kaiserzeit stoische Tugend Stoa Güterlehre

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