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Popfeministische Aspekte in "House of Cards"

Die dritte Staffel der Netflixserie als popkulturelles Medium für Kritik an einem patriarchal geprägten System

Hausarbeit 2015 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Claire als tragische Figur in einem patriarchalen Machtgefüge
2.2 Instrumentalisierung und Entsolidarisierung
2.3 Popfeministische Aspekte

3. Fazit

4. Literatur

1. Einleitung

Diese Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit eine popfeministische Lesart der dritten Staffel der Netflixserie House of Cards (2013) möglich ist

Die Serie, die eine Adaption der gleichnamigen englischen BBC-Serie von 1990 ist, welche wiederum auf dem Roman von Michael Dobbs aus dem Jahr 1989 basiert, ist vor Hintergrund dieser Thematik besonders interessant, weil sie Auseinandersetzungen und Machtkämpfe der mächtigsten Repräsentanten der Weltpolitik und ihre Herrschaftsstrukturen thematisiert. In der dritten Staffel der Serie steht dabei die Beziehung der handelnden Hauptpersonen Claire und Francis Underwood besonders im Mittelpunkt.

Zur Stützung der Hauptthese soll im Folgenden durch eine strukturalistische Vorgehensweise, unter Berücksichtigung Serienanalytischer und narratologischer Kategorien die Hypothese untermauert werden, dass das patriarchale Machtgefüge der amerikanischen Politik die tragische Figur Claire Underwood in der dritten Staffel der Serie letztendlich auf allen Ebenen in ihren Chancen und Handlungsmöglichkeiten einschränkt. Anschließend wird untersucht, ob und wie in der dritten Staffel von House of Cards Frauenfiguren entsolidarisiert werden und es soll gezeigt werden, dass Instrumentalisierung ein durchgängiges Leitmotiv darstellt. Daraufhin wird die weitere Hypothese argumentativ gestützt, dass der in der Staffel gezeigte Missbrauch des Sexismus-Begriffs eine Entleerung desselbigen mit sich zieht. Zum Schluss meiner Analyse wird herausgearbeitet, dass nicht nur das Format Popfeministinnen wie Pussy Riot eine Plattform bietet, sondern, dass auch auf inhaltlicher Ebene Konflikte mit popfeministischen Strategien gelöst werden.

2. Hauptteil

2.1 Claire als tragische Figur in einem patriarchalen Machtgefüge

Claire als Politikerin und First Lady

Dass eine Opposition zwischen Claire Underwoods Eigenschaft als First Lady und ihrer Rolle als Staatsfrau die komplette dritte Staffel von House of Cards strukturiert, fällt schon in der zweiten Folge anhand der Alternation zweier Szenen auf. Die Abstimmung über ihre Kandidatur zur UN-Botschafterin (Folge 2, 25:30) wird durch einen Parallel Cut mit der Szene synthetisiert1, in der sie Eier für das bevorstehende Ostereierschieben aussucht, einem Brauch, bei dem Kinder Eier vor dem Rasen des weißen Hauses rollen (Folge 2, 25:06).

In einer weiteren evidenten Szenen der ersten Folge, in der Claire Senator Mendoza von ihrem Vorhaben informiert, für den Posten als UN-Botschafterin zu kandidieren, äußert dieser darüber sein Missverständnis, habe sie doch seiner Meinung nach als First Lady viel mehr Einfluss (Folge 1, 42:54). Ihre Antwort darauf lautet, dass dies nicht dasselbe sei, wie einen konkreten Beitrag zu leisten (Folge 1, 42: 57). Als sie Francis abends in ihrem alleinigen Schlafzimmer bittet, ihre Nominierung endlich zu verkünden, betont er die Zweifel, die allgemein gegen sie gehegt werden würden und betont: „Maybe we shouldn't rush this“ (Folge 1, 45:40). In der Nacht weckt Claire ihren Mann, um mit Nachdruck nochmals auf ihre Nominierung zu pochen: „How am I supposed to run for office at some point if I don't have a legitimate track record?“. Auch spricht sie ihn auf einen Deal an den die beiden hätten. „I'm almost 50 years old“, erinnert sie ihn, „I've been in the passenger seat for decades“ (Folge 1, 49:25).

Mit dem Vorwurf ihres Erfahrungsmangels wird Claire erneut direkt zu Beginn der zweiten Folge bei ihrer Anhörung vor dem Senat konfrontiert. (Folge 1, 02:05). Ausgerechnet Mendoza, der ihr in dem vorangegangen Gespräch versprochen hatte, ihr keine Steine in den Weg zu legen, schlägt in seiner Befragung einen scharfen Tonfall an. Aufgrund Claires Engagements in der Vergangenheit für eine Gesetzesvorlage gegen sexuelle Gewalt an Frauen, unterstellt er ihr, indem er sie mehrmals unterbricht und ihr das Wort im Mund verdreht, eine angespannte Beziehung zum US-Militär (Folge 2, 06:14), sowie einen hitzköpfigen Charakter, welcher für das Amt einer Botschafterin nicht tragbar sei (Folge 2, 07:26). Nach dieser öffentlichen Diskreditierung ihrer Person verliert sie an Stimmen und somit auch knapp ihre Wahl. Wieder muss sie Francis um einen Gefallen bitten, denn es besteht die Möglichkeit, sie während der Ferien in Abwesenheit des Senats per Dekret zur Botschafterin zu ernennen. Ihre Bitte formuliert sie diesmal nicht im Schlafzimmer, sondern in der Küche, während Francis sich ein Sandwich schmiert (Folge 2, 48:00). Er gesteht es ihr zu und verschwindet in sein Arbeitszimmer (Folge 2, 49:05), während Claire in der Küche zurückbleibt, schluchzend würgt und sich fast über der Spüle übergeben muss (Folge 2, 49:20). Am Ende der Staffel wird Claire dem Schriftsteller Thomas Yates in einem tranceartigen Zustand erklären, was sie so krank macht, während sie wortwörtlich ihr Blut für Francis gibt (Folge 11, 36:16): „I don't hate campaigning. What I hate is... How much I need us“ (Folge 11, 40:38). Noch genauer beschreibt Claire es in Folge 13, als sie in ihrem Streit auf Francis Frage: „And what is wrong with asking for my help when you need it?“ (Folge 13, 47:34), antwortet: „The fact that I need it. I hate that feeling“ (Folge 13, 47:36).

Nach Claires Würganfall in Folge zwei richtet sie sich schnell wieder auf und schlägt zwei Eier in eine Pfanne (Folge 2, 49:47). Eier, welche in dieser Folge ein bedeutendes Motiv darstellen repräsentieren an dieser Stelle ihre unwichtigen Aufgaben, die ihr als First Lady auferlegt sind. Während sie eigentlich eine Position als UN-Botschafterin anstrebt, wird sie gleichzeitig durch die absurde Aufgabe aufgehalten die Farbe der Eier fürs Ostereierschieben auszusuchen. Dieser symbolische Akt der Selbstermächtigung, der Zerschlagung der beiden Eier und damit ihres ausschließlichen Aufgabenbereichs als Präsidentengattin verleiht dem Ende Folge eine schwungvolle Dynamik, welche den Zuschauer der Serie dazu veranlasst, mit dem Schicksal von Claire mitzufiebern.

Claires Stempel als First Lady ist in jeder Situation, in der sie als neue UN-Botschafterin agiert omnipräsent. Ständig wird sie auf ihren Ehemann angesprochen: „Does your husband truly believe he can trust Petrov?“ (Folge 3, 4:36), „But your husband can't possibly believe they'll comply“ (Folge 3, 10:05), woraufhin Claire die Bitte formuliert, sie wäre dankbar wenn der Präsident nicht ständig als ihr Ehemann bezeichnet werden würde. (Folge 3, 10:10). Seine Steigerung an Explizitheit gewinnt der Konflikt in der vierten und fünften Folge, in der der russische Botschafter Alexi Moryakov Aussagen formuliert wie: „The truth is, you have no business being ambassador any more than I do being First Lady.“ (Folge 5, 27:13), oder dass es ihm nicht zustünde, an seinem Boss zu zweifeln, sei er doch nicht mit ihm verheiratet, so wie Claire (Folge 5, 23:56).

Claire als Prostituierte

Mit der Bezeichnung „Boss“ betituliert der Botschafter sie implizit als Angestellte, was den Zuschauer an einen Kommentar des russischen Präsidenten Petrov Claire gegenüber bei dem Staatsbankett in Folge 3 erinnert, als er über Francis sagt: „He's pimping you out“ (Folge 3, 24:08). Auch überschreitet Petrov später am Abend eine physische Grenze, als er sie nach ihrem Tanz auf den Mund küsst (Folge 3, 31:17). Nachdem erst Francis und danach Petrov musikalisch performed haben, fordert Petrov die Frau seines offiziellen Verhandlungspartners und Rivalen zum Tanz auf, um seine Unterstellung zu unterstreichen, Claire werde von Francis vorgeschickt um mit ihm zu flirten. Das Bild von Claire als Prostituierte verdichtet sich auch an anderer Stelle. Die komplexe Erzählstruktur von Serien wird durch ein sogenanntes Flexi Narrativ2 kreiert, bei der Vorder- und Hintergrundgeschichten eine gewisse Spannungsbalance halten. Verknüpft werden die Segmente dabei nicht durch Kausalitäten, sondern oft durch eine Aneinanderreihung von Äquivalenzen. So auch in Folge eins, in der Francis Claire nach ihrem Disput um ihre Nominierung zur UN-Botschafterin auffordert: „Get dressed. I want you to see something.“ (Folge 1, 50:19). In der darauf folgenden Szene sagt Douglas Stamper zu einer Prostituierten, die er sich bestellt hat: „Get undressed“ (Folge 1, 51:53). Die Äquivalenz unterstreicht die Konnotation von Claire und Prostitution, genauso wie die gesamte Geschichte der Figur Rachel Posner, die auf Ebene des Mikro Narrativs als Metapher für Claires Situation gesehen werden kann. Rachel, die ihren ersten Auftritt in Staffel eins hat, als sie für Geld mit dem Abgeordneten Peter Russo schläft, ist seitdem permanenter männlicher Gewalt und Kontrolle ausgesetzt. 10.000 Dollar Schweigegeld bekommt sie von Douglas Stamper, damit sie über Peter Russo schweigt, gleichzeitig bezahlt er sie für Sex. Mehr und mehr wird sie verwickelt in die Russo-Affäre. Dieser wird letztendlich ermordet, woraufhin Douglas sie in Staffel zwei zwingt Washington DC zu verlassen und in Joppa, Maryland ein vollkommen isoliertes Leben zu führen, bei dem er ihr andere soziale Kontakte und ihre Freiheit verbietet. Nach Rachels geglückter Flucht, bei der sie Douglas bewusstlos schlägt, bildet ihre Auffindung und Ermordung in der dritten Staffel Douglas Hauptaufgabe, die die gesamte Hintergrundgeschichte dominiert und maßgeblich die Atmosphäre der Staffel beeinflusst. Unter rezeptionspsychologischem Gesichtspunkt ist interessant, wie sehr die Figur Rachel einem als Zuschauer über die drei Staffeln unter anderem dadurch ans Herz wächst, dass sie versucht, sich aus der Verdammnis ihrer Person zur Passivität zu befreien und zum Beispiel in Staffel zwei eine intime Beziehung mit Lisa eingeht, durch welche sie mehr und mehr zu einem Round Charakter wird. Rachels Stimme aus dem Off zu Beginn der ersten Folge der dritten Staffel hat neben der Funktion den Übergang von der vorherigen Staffel zu erklären, auch die, einen traurigen Tonfall für die kommende Staffel festzulegen, in welcher sie sterben wird. Während man sieht, wie Douglas aufwacht, noch benommen von seiner Bewusstlosigkeit im Krankenhausbett liegt und von einer Ärztin untersucht wird, beginnt eine Voice-Over Narration3 von Rachel (Folge 1, 8:32).

Schließlich wird sie auch gezeigt, in einer Rückblende, wie sie Douglas eine Bibelstelle (Vers 29:20) aus dem 1. Buch Mose vorliest, in der es um die biblische Figur Rachel geht: „She was young and beautiful. Jacob fell in love with her while she was watering a lamb, and she became his wife after he worked seven years to earn her hand in marriage.“ (Folge 1, 10:34). Freema Gottlieb schreibt in ihrem feministisch theologischen Aufsatz Rachels Tränen dass die „große biblische Romanze zwischen Jakob und Rachel“ beispielhaft zeigt, wie wenig man „über die Gefühle oder das Innenleben der Frauen in der Bibel“ wisse, so sei es „in der Hauptsache Jakobs Liebesgeschichte.“4 Rachel in House of Cards ist dagegen in der dritten Staffel längst kein Flat Charakter mehr. Auch die Beziehung von Francis und Claire erfährt einen Paradigmenwechsel und eine Verschiebung der Zuschaueraufmerksamkeit auf die Figur von Claire. In den ersten beiden Staffeln stand die Machtergreifung und Präsidentschaft von Francis im Fokus, nicht zuletzt durch das illusionsästhetische Mittel der Durchbrechung der „vierten Wand“5, bei der die direkte Zuschaueransprache nicht nur den Konventionsbruch des eigenen Serienformats, sondern auch die Skrupellosigkeit des Protagonisten betont. Diese Zuschaueransprache tritt in Staffel drei nur noch vereinzelt auf, was hingegen unterstreicht, dass Francis keinen genauen Plan mehr hat, wendet sich doch nun zum Beispiel schon sein eigener Parteistab gegen ihn. Der Parallelismus zwischen den Figuren Rahel und Claire wird auch durch die in der Bibelstelle erwähnten sieben Jahre deutlich, die Jakob für Rachels Vater arbeiten müsse, bevor er sie heiraten dürfe. Sieben Jahre sind auch der Zeitraum, den Claire nennt, als sie zum Schluss der dritten Staffel Francis Biographen Thomas Yates erzählt: „He proposed and I said... I said seven years. If it's still good, another seven. If not...“ (Folge 11, 40:07). Auf der einen Seite existiert eine Differenz in dieser Parallele zwischen den beiden. Während die biblische Rachel einen passiven Lohn darstellt, einen Preis, den Jakob sich bei ihrem Vater erarbeitet, ist Claire hingegen diejenige, die für sich aktiv alle sieben Jahre die Entscheidung fällt, Francis als ihren Ehemann zu behalten. Die Staffel endet zudem mit ihrer Entscheidung: „I'm not going to New Hampshire.“, „I'm leaving you.“ (Folge 13, 52:41).

[...]


1 Borstnar, Nils/ Pabst, Eckhard/ Wulff, Hans Jürgen: Einführung in die Film- und Fernsehwissenschaft, S. 140 2

2 Smith, Greg M.: How much Serial is in Your Serial? In: Blanchet, Robert et al. (Hrsg.) Serielle Formen. Von den frühen Film-Serials zum aktuellen Quality-TV und Online-Serien, Marburg 2010, S. 93

3 Mittel, Jason. Populäre Serialität: Narration - Evolution - Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert, S.115.

4 Gottlieb, Freema. Tagung europäischer Rabbinerinnen, Kantorinnen, rabbinisch gelehrter und interessierter Jüdinnen und Juden, S. 53.

5 Mittel, Jason. Populäre Serialität: Narration - Evolution - Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert, S.116.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668246829
ISBN (Buch)
9783668246836
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334950
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Germanistisches Institut Abt. Neuere deutsche Literatur
Note
2,3
Schlagworte
Popfeminismus Feminismus Popkultur Popliteratur Netflixserie Netflix Serien serielles Erzählen House of Cards Genderstudies Gender Claire Underwood

Autor

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