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Die Entstehung der Herrschaft von Menschen über Menschen bei Harris und Rüstow

Essay 2015 10 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die Entstehung von Herrschaft

Fazit

Bibliographie

Essay: „Entstehung der Herrschaft von Menschen über Menschen bei Harris und Rüstow”

Einleitung

In dem folgenden Essay werden zwei Theorien zur Entstehung der Herrschaft von Menschen über Menschen miteinander verglichen. Dabei handelt es sich um Auszüge aus dem Werk „Menschen, Wie wir wurden, was wir sind” von Marvin Harris, die im Seminar behandelt wurden, und „Ursprung der Herrschaft”, den ersten Band der Reihe „Ortsbestimmung der Gegenwart” von Alexander Rüstow. Rüstow gilt als letzter Vertreter der Überlagerungstheorie (vgl. Oesterdiekhoff 2014: 633). Harris geht davon aus, dass die Übertragung der Vorratswaltung an ein bestimmtes Mitglied der Gruppe die Entwicklung der Herrschaft initiierte. Es ist nicht Ziel des Essays, die historische Korrektheit der beiden Theorien zu überprüfen oder eine alternative Theorie zur Herrschaftsentstehung zu entwickeln. Ebenso können im vorgegebenen Rahmen nur einige Aspekte verglichen werden: Die Gemeinschaft, bei der die Überlegungen des Autors beginnen, die im Text genannten Formen des Oberhaupts, Faktoren der zunehmenden Hierarchisierung und Machtsicherung sowie die Aussagen zur Natur des Menschen und zum Aufeinandertreffen verschiedener Gemeinschaften. Da der Vergleich der beiden Texte im Vordergrund steht, wird auf die Einbeziehung zusätzlicher Literatur weitgehend verzichtet.

Die Entstehung von Herrschaft

Marvin Harris bezieht sich anfangs auf das Volk der Semai in Zentralmalaysia. Die Nahrungsbeschaffung der Wildbeutergemeinschaften hängt stark vom Zufall ab, daher ist jeder auf die anderen angewiesen. Auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhend und ohne genaue Absprachen teilt jeder seine Beute mit den anderen (vgl. Harris 1996: 328ff.)

Alexander Rüstow beginnt hingegen aus einem historischen Blickwinkel bei den den Tierherden folgenden Nomaden im heutigen Kirgisien während der letzten Eiszeit. Sie entwickelten sich bald zu Hirtenvölkern und lebten zu mehreren Familien zusammen bzw. in einer patriarchalischen Großfamilie mit dem Stammvater als absolutistischem Oberhaupt (dies bildete Rüstow zufolge die Struktur der einzelnen Kleinfamilien ab, in denen jeweils der Vater das Oberhaupt war). In kritischen Situationen war eine widerspruchslose Durchführung seiner Entscheidungen erforderlich Da die Nomaden und späteren Hirten ein höheres Lebensalter erreichten als die Jäger, kam es bei der Erlangung der Führungsposition zunehmend auf Ruhe und Erfahrung statt auf Körperkraft an (vgl. Rüstow 1950: 45ff.). Der nomadische Völkerhirte ist jedoch auf das Vertrauen und die freiwillige Zustimmung der Gruppe angewiesen (vgl. Rüstow 1950: 106), er verfügt demnach nicht über Mittel der

Zwangsgewalt.

Rüstows Beschreibung der Funktionen und Rechte der Nomaden-Stammväter ähnelt teilweise der Definition des Anführers bei Harris, welcher diese Form des Oberhaupts allerdings als typisch für jagende Völker erachtet und nicht für Viehzüchter. Der Anführer ist hier „Angesehenster in einer Gruppe Gleichrangiger” (Harris 1996: 331), das Ansehen basiert auf besonderer Versiertheit bei der Jagd (vgl. Harris 1996: 331), die in der Regel auf Erfahrung beruhen dürfte. Die Gruppe fügt sich nur in diesem Bereich in der Regel seinen Vorschlägen, andernfalls besitzt er - im Gegensatz zu einem Herrscher - ebenfalls keine Zwangsmittel, um diese durchzusetzen (vgl. Harris 1996.: 331f.).

Sowohl Harris' Anführer als auch Rüstows Stammvater haben eine recht weitgehende Entscheidungsmacht in einem bestimmten Bereich, die jedoch mit ihrem Ansehen steht und fällt. Harris betont stärker die Eingeschränktheit dieser Macht und bezeichnet sie nicht als „absolutistisch”. Es ist vorstellbar, dass beide in etwa dasselbe meinen oder aber, dass Rüstows Vorstellung von den Oberhäuptern kleinerer Gruppen deutlich autoritärer geprägt ist. Für Harris ist zudem der Anführer die „unterste”, am wenigsten institutionalisierte Form des Oberhaupts, während bei Rüstow noch die Familienväter als weitere Hierarchieebene genannt werden (da patriarchalische Familienstrukturen sehr verbreitet sind, ist es wahrscheinlich, dass sie auch bei den Anführer-Völkern existieren, von Harris aber in diesem Kontext nicht erwähnt werden).

Laut Rüstow ist die genealogische Position als Stammvater, mit der die gewünschte Erfahrung oft einhergehen dürfte, entscheidend für Erlangung der Führungsposition. Harris äußert sich nicht zum Verwandtschaftsverhältnis zwischen Anführer und Gruppe, er fokussiert hingegen noch eine weitere Eigenschaft, die der Anführer vorweisen muss: Bescheidenheit. Seine Erfolge bei der Jagd, die ihm Ansehen verschaffen, dürfen ihn nicht überheblich oder gar aggressiv gegenüber anderen werden lassen. Zudem nimmt er sich selbst die kleinsten Portionen und teils muss er sich durch besonderen Fleiß bei der Arbeit als Vorbild erweisen (vgl. Harris 1996: 329ff.). Das Amt des Anführers bzw. das des von Rüstow beschriebenen Hirten-Oberhaupts ist nicht formal abgesichert, somit ist anzunehmen, dass ein Ansehensverlust auch mit dem Verlust des Amtes einhergehen kann und diese Form der Hierarchie relativ instabil ist. Bei Harris wirkt die Konzeption des Anführer-Amtes offener, da es nicht an Stammvater gebunden ist, sondern offenbar von jedem mit den entsprechenden Eigenschaften (Bescheidenheit, Erfahrung, Fleiß) erlangt werden kann. Rüstows Stammvater ist möglicherweise im Fall eines Vertrauensverlustes schwer ersetzbar. Das Amt ist, anders als das des Anführers, wahrscheinlich bereits erblich und geht an den ältesten Sohn über.

Nach Harris' Theorie entwickelte sich das Amt des Anführers bezüglich Macht und Institutionalisierungsgrad weiter zu dem des „Großen” und später des Häuptlings. In vielen Völkern werde den Anführern irgendwann die Verwaltung der Vorräte übertragen. Sie können damit Feste für alle geben, Geschenke verteilen und werden für ihre Großzügigkeit bewundert - noch sind sie bescheiden. Doch die Entwicklung führt zu Besitzstreben (der Besitz von mehr Vorräten ermöglicht größere Feste und bringt mehr Ruhm ein) und einem Wettstreit zwischen den potentiellen „Großen” (vgl. Harris 1996: 335ff.). Der Besitz größerer Vorratsmengen ermöglicht es ihnen, andere gegen Geschenke Luxuswaren für sich fertigen zu lassen. Die Leute sind motiviert, mehr bzw. effektiver zu arbeiten, um die Vorratsmenge und das Ansehen ihres Großen zu steigern und größere Feste zu bekommen. So kann das Oberhaupt einen sich abhebenden Lebensstil pflegen (vgl. Harris 1996: 355ff.). Prahlsucht wird irgendwann, anders als noch beim Anführer, toleriert (vgl. Harris 1996: 339). Der Häuptling schließlich besitzt ein ausdrückliches Verteilungsrecht, ein freier Zugang zu den Ressourcen wie in der Ursprungsgemeinschaft besteht nicht mehr (vgl. Harris 1996: 357).

In Rüstows Text wird ein solche Weiterentwicklung des Oberhauptes über verschiedene Stadien nicht beschrieben. Er erwähnt lediglich, dass die Jäger Häuptlinge hatten (vgl. Rüstow 1950: 118) - im Gegensatz zu Harris,der diese Form des Oberhaupts für Ackerbau- Völker als typisch erachtet (vgl. Harris 1996: 340). Rüstow beschreibt nicht näher, wie das Amt entstand und was es beinhaltete. Laut wissenschaftlicher Definition ist der Häuptling Oberhaupt mehrerer Lokalgruppen, er übt keine Zwangsgewalt aus und seine Position ist „religiös-verwandtschaftlich abgestützt” (vgl. Hirschberg & Müller 1999: 161). In diesem Sinne wird das Häuptlingsamt von Harris beschrieben (vgl. Harris 1996: 355) und im Folgenden wird angenommen, dass auch Rüstow den Begriff in diesem Sinn verwendete. Demnach unterscheidet sich der Häuptling vom Stammvater hauptsächlich im Hinblick auf die Größe der ihm unterstellten Gruppe. Diese beiden Formen des Oberhaupts sind mit verschiedenen Lebensweisen verknüpft (Stammvater - Hirten, Häuptling - Jäger). Die Annahme, eins habe sich aus dem anderen entwickelt, wie bei Harris, taucht im Text nicht auf. Wie eingangs beschrieben wurde, nimmt Rüstow an, die primitiven Jäger seien durch Klimaveränderungen zu Nomaden geworden (vgl. Rüstow 1950: 45). Es ist aber kaum vorstellbar, dass diese Jäger Häuptlingstümer bildeten und dann als Nomaden wieder zu kleineren Einheiten übergingen. Rüstow erweckt eher den Eindruck, die Kleinfamilie mit dem Vater als Oberhaupt sei die Gruppenform der frühen Jäger gewesen.

[...]

Details

Seiten
10
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668246904
ISBN (Buch)
9783668246911
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334916
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Schlagworte
entstehung herrschaft menschen harris rüstow
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Titel: Die Entstehung der Herrschaft von Menschen über Menschen bei Harris und Rüstow