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Die Relevanz einer allgemeinen Sakramententheologie. Die liturgiewissenschaftliche Betrachtung und die gesellschaftlichen und kulturellen Einwände

Ein Essay

Essay 2016 7 Seiten

Theologie - Sonstiges

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Die Relevanz einer allgemeinen Sakramententheologie im Blick auf die liturgiewissenschaftliche Betrachtung der Sakramente und auf die gesellschaftlichen und kulturellen Einwände dem Sakrament gegenüber

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Die Relevanz einer allgemeinen Sakramententheologie im Blick auf die liturgiewissenschaftliche Betrachtung der Sakramente und auf die gesellschaftlichen und kulturellen Einwände dem Sakrament gegenüber

Welche Bedeutung der allgemeinen Sakramententheologie zukommt und zuzumessen ist, lässt sich vornehmlich unter Einbezug der liturgiewissenschaftlichen Betrachtung der Sakramente und unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen und kulturellen Einwände gegenüber dem Sakrament bestimmen. Ein Blick hierauf ermöglicht eine praxisbezogene und zeitgemässe Einschätzung der Relevanz der allgemeinen Sakramentenlehre.

Die Sakramentenlehre hat sich erst nachträglich zur theologischen Reflexion über die kirchliche Liturgie entwickelt, ja erst viel später voll entfaltet, und ist insofern zur Liturgiewissenschaft sekundär und von geringerer Relevanz als diese. Die wissenschaftliche Reflexion über die Liturgie war und ist daher ein nicht unbedeutender Gegenstand und Teil auch der dogmatischen Sakramentenlehre und hat diese im Laufe der Zeit mal mehr, mal weniger mitgeprägt. So verdunkelte sich die aus heutiger Perspektive relevante liturgiewissenschaftliche Dimension der allgemeinen Sakramententheologie im Mittelalter zusehends. Diese Dimension der Sakramente wurde damals von und in der allgemeinen Sakramentenlehre in den Hintergrund verdrängt. Ihre eigene Relevanz gegenüber der liturgiewissenschaftlichen Betrachtungsweise der Sakramente wurde entsprechend wesentlich erhöht. Dies änderte sich erst im 20. Jahrhundert infolge der Liturgischen Bewegung, die Ursprung der Erneuerung der allgemeinen Sakramentenlehre wurde, selbst aber noch keine Neuakzentuierung des Bedeutungsverhältnisses zwischen der liturgiewissenschaftlichen Perspektive und der allgemeinen Sakramentenlehre vornahm. Der Liturgiewissenschaftler Odo Casel (1886-1948), welcher diese Bewegung anführte, die die liturgische Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) nach sich ziehen sollte, wollte bloss die Liturgiewissenschaft wie auch die allgemeine Sakramententheologie ausgehend von seinem Ansatz, die altkirchliche Liturgie von den nichtchristlichen antiken Mysterienkulten her zu verstehen, erneuern. Hierauf begann sich allerdings in der wissenschaftlichen Diskussion das Gewicht der allgemeinen Sakramententheologie zugunsten der liturgiewissenschaftlichen Betrachtung der Sakramente zu verringern. Karl Rahner (1904-1984) war einer der ersten deutschsprachigen Theologen, die es der katholischen Dogmatik bereits vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wieder ermöglichten, die Sakramente primär liturgiewissenschaftlich zu verstehen und damit dieser Sicht die grössere Bedeutung als jener der allgemeinen Sakramentenlehre einzuräumen. Das Zweite Vatikanische Konzil bietet in seinen Dokumenten keine dogmatische Lehre der Sakramente im Allgemeinen, wohl aber eine Lehre über ihre liturgische Feier, und hat insbesondere in seiner Liturgiekonstitution in programmatischer Weise eine Grundlage für eine erneuerte allgemeine Sakramentenlehre mit Art. 59 und 61 Sacrosanctum Concilium[1] als Magna Charta[2] geschaffen. Das Konzil bemass die Relevanz einer allgemeinen Sakramententheologie demnach als deutlich geringer als die liturgiewissenschaftliche Betrachtungsweise der Sakramente. Die erneute Höhergewichtung dieser Sichtweise ist überdies auf die Beteiligung der allgemeinen Sakramententheologie am Umbruch und an der Erneuerung der gesamten katholischen Theologie aus den liturgischen Quellen im 20. Jahrhundert zurückzuführen. Aufgrund dieser Entwicklungen ist die Relevanz der allgemeinen Sakramentenlehre gegenüber der liturgiewissenschaftlichen Sicht der Sakramente nun – zu Recht – wieder wesentlich geringer als noch in der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Gegenstand der allgemeinen Sakramententheologie ist die Feier der Sakramente als ganze in dogmatischer Perspektive, während in der liturgiewissenschaftlichen Betrachtung der Sakramente mitunter untersucht wird, ob die im kirchlichen Gottesdienst praktizierte Liturgie der dogmatischen allgemeinen Sakramentenlehre gerecht wird. Die liturgiewissenschaftliche Sicht und die allgemeine Sakramentenlehre üben wechselseitig eine kritische Funktion aus. Bei der Entfaltung dieser Lehre sollte aufgezeigt werden, dass das Sakrament im Kontext der Liturgie zu verorten und die Lehrinhalte im Gespräch mit der liturgiewissenschaftlichen Sichtweise der Sakramente zu entfalten sind, da dieser zu Recht höhere Relevanz als der allgemeinen Sakramentenlehre zukommt. Erst die liturgiewissenschaftliche Rede über die Sakramente ermöglicht die allgemeine dogmatische Rede über sie. Die allgemeine Sakramententheologie muss von der wissenschaftlichen Reflexion über die liturgische Feiergestalt der Sakramente ausgehen. So hat insbesondere eine neu entstehende sakramentale Praxis für die allgemeine Sakramentenlehre etwas zu sagen, da es einen Zusammenhang zwischen der lex orandi und der lex credendi (Prosper von Aquitanien, um 390 bis nach 455) gibt. Erst wenn die Zugehörigkeit des Sakraments zur gelebten Liturgie der Kirche ernst genommen wird, kann angemessen allgemein über es gesprochen werden. Dieses Sprechen muss das Ziel anstreben, die liturgiewissenschaftliche Perspektive des Sakraments im praxisbezogenen Hier und Heute besser zu verstehen und systematisch-theoretisch zu begründen. Dies gelingt der dogmatischen Lehre am besten, wenn sie sich eng an der liturgisch gefeierten sakramentalen Praxis selbst orientiert. Die teilweise Zuordnung der allgemeinen Sakramententheologie zur liturgiewissenschaftlichen Betrachtung der Sakramente vermag praktisch-pastorale und theologisch-theoretische Probleme dieser dogmatischen Lehre zu verdeutlichen. Sie hat daher nur eine nachgeordnete, relative Bedeutung, wenn die wissenschaftliche Reflexion über die Erfahrung sakramentaler Praxis als Massstab genommen wird. Denn in der Feier wird nicht das Sakrament als solches, sondern werden nur die einzelnen Sakramente in ihrer jeweiligen Eigenart und in ihrer Bezogenheit auf bestimmte Lebenssituationen wahrgenommen. Die neuere allgemeine Sakramentenlehre betrachtet aus diesem Grund das Sakrament stärker von der liturgiewissenschaftlichen Reflexion über seine Feier her. Die systematisch arbeitenden Dogmatikerinnen und Dogmatiker können liturgiewissenschaftliche Aspekte der Sakramententheologie freilich bloss andeuten. Unter Rücksicht darauf ist und bleibt die allgemeine Sakramentenlehre aber innere Voraussetzung der liturgiewissenschaftlichen Sicht der Sakramente.

Gesellschaftliche und kulturelle Einwände gegenüber dem Sakrament entzünden sich meist an der konkreten liturgischen Sakramentspraxis und der tatsächlichen Lebenswirklichkeit der Menschen. Die Einwände lassen sich auf eine zunehmende Entfremdung des Sakraments von der täglichen erfahrenen Lebensrealität und auf sich vergrössernde Schwierigkeiten der Menschen, die liturgischen Sakramentsfeiern in ihrer Form und ihrem Inhalt zu verstehen, zurückführen. Der allgemeinen Sakramentenlehre kommt die Aufgabe zu, diese immer grösser werdende Kluft zu verringern und zu überwinden. Ihre Bedeutung ist aber je nach Einwand unterschiedlich. So wird das Sakrament von gebildeten Bevölkerungsgruppen kritisiert, weil dessen Praxis nicht zur technisch-naturwissenschaftlich geprägten säkularen Moderne passe bzw. dem heutigen Zeitgeist nicht entspreche. Da sich dieses Argument gegen die liturgische Sakramentsfeier wendet, kann ihm seitens der allgemeinen Sakramententheologie nur bedingt begegnet werden. Seine Widerlegung kann und soll vielmehr aus der liturgiewissenschaftlichen Perspektive der Sakramente erfolgen. Dies gilt auch für die Einwände, dass es sich beim Sakrament für die Gläubigen um ein dingliches, magisch wirkendes Mittel zur Erlangung göttlicher Gnade handle, und die Zeichensprache der sakramentalen Feiern unverständlich sei, zumal sich auch diese Vorbringen vornehmlich gegen die Praxis und nicht gegen die dogmatische Lehre über das Sakrament richten. Insoweit sich die Kritik am Sakrament auf eine idealistische Religionskritik oder ein personal ausgerichtetes Menschenbild stützt, mithin weltanschaulich-theoretischer Natur ist, kommt der allgemeinen Sakramentenlehre hingegen eine bedeutende Rolle bei der Kritikentgegnung zu. Ein heilsindividualistisches Verständnis des Sakraments begründet einen weiteren Einwand gegen es. Diesem Vorwurf kann die heutige allgemeine Sakramententheologie unmittelbar mit dem Aufweis begegnen, dass es in der sakramentalen Feier um das Individuum und die Gemeinschaft, das Diesseits und das Jenseits zugleich geht. Weiter ist diese Theologie für die Widerlegung des Einwands wichtig, das Sakrament gehe gar nicht auf Jesus Christus, sondern die frühe Kirche zurück, in welcher es unter dem Einfluss antiker Mysterienkulte entstanden sei. Dieser Vorhalt, der insbesondere vom protestantischen Kirchenhistoriker Adolf von Harnack (1851-1930) vertreten wurde, beruft sich auf religionsgeschichtliche Forschungen und ist besonders ernst zu nehmen, weil diese Kritik von manchen Ergebnissen moderner Exegese sowie durch die historische Erforschung der Entwicklung der allgemeinen Sakramentenlehre gestützt zu werden scheint. Indessen ist zu berücksichtigen, dass diese Lehre stärker noch als die liturgiewissenschaftliche Sicht der Sakramente Theologie für Insider ist: Wem Gott in seiner Dreifaltigkeit und die Kirche nichts für das Gelingen des eigenen Lebens und dasjenige der Mitmenschen bedeuten, der wird die Bedeutung des Sakraments nicht erfassen und er wird sie nicht anderen erschliessen können. Wer neue Zugänge zum Sakrament eröffnen möchte, sollte folglich über dieses nicht allgemein sprechen, sondern die Fragen der Menschen von heute vornehmlich mittels der Einzelsakramente und mit Blick auf die liturgische Sakramentspraxis beantworten. Freilich wird sich die Sakramententheologie allen diesen Einwänden stellen müssen.[3] Man mag an ihr vieles als kritikwürdig erachten. Insbesondere erfolgt Kritik im ökumenischen Dialog zwischen den christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Es vermag jedoch niemand, der ernsthaft am Fortgang des ökumenischen Dialogs interessiert ist, diesen aus einem antisakramentalen Affekt heraus führen.[4]

[...]


[1] Zweites Vatikanisches Konzil: Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium vom 4. Dezember 1963, in: Acta Apostolicae Sedis 56 (1964) 97-134.

[2] Koch, Günter: Sakramentenlehre. Das Heil aus den Sakramenten, in: Wolfgang Beinert (Hrsg.), Glaubenszugänge. Lehrbuch der katholischen Dogmatik, Bd. 3, Paderborn 1995, S. 307-523 [nachfolgend: Koch, Sakramentenlehre], 347.

[3] Zu diesen Einwänden und der Erschliessung neuer Zugänge zum Sakrament siehe Koch, Sakramentenlehre, 313-314 und 322-328.

[4] Vgl. Pesch, Otto Hermann: Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Bd. 2: Die Geschichte Gottes mit den Menschen. Ekklesiologie. Sakramententheologie. Eschatologie, Ostfildern 2010, 323.

Details

Seiten
7
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668249141
ISBN (Buch)
9783668249158
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334881
Note
Schlagworte
Sakramentenlehre; Liturgiewissenschaft; Sakrament

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