Lade Inhalt...

Lustprinzip, Wiederholungszwang und Todestrieb in Freuds "Jenseits des Lustprinzips"

Seminararbeit 2003 20 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Jenseits des Lustprinzips“ von Sigmund Freud
2.1 Das Lustprinzip und die Quellen der Unlust
2.2 Irritierende Beispiele: Die traumatische Neurose und ein Kinderspiel
2.3 Der Wiederholungszwang
2.4 Der Todestrieb
2.5 Libidotheorie und Herkunft der Sexualtriebe
2.6 Lustprinzip, Wiederholungszwang und Todestrieb

3. Schlussbetrachtung

4. Literatur

1. Einleitung

Das Jahr 1920 stellt einen Wendepunkt in der psychoanalytischen Theorie dar. Zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht Freud seine Schrift Jenseits des Lustprinzips, eine „völlige Revision“[1] (Nagera) seiner Triebtheorie, „von deren Schärfe und radikaler Wucht sich die psychoanalytische Welt eigentlich nie erholen sollte“[2] (Lohmann). Freuds Werk steht bis dahin weitgehend im Zeichen der Libido, die aus ihren kulturell-moralisch aufer­legten Fesseln befreit werden müsse, was seiner Theorie einen durchaus aufklärerisch-optimistischen Charakter verleiht. Die Wende kündigt sich spätestens 1915 in Zeitgemäßes über Krieg und Tod an, einem Aufsatz, in dem der Mensch als Abgestammter einer „langen Generationsreihe von Mördern“ erscheint, „denen die Mordlust, wie vielleicht noch uns selbst, im Blute lag“.[3] Der Krieg offenbart hier die primitive Natur des Menschen und die Zerbrechlichkeit kultureller und ethischer Errungenschaften. 1920 trägt Freud dieser Er­fahrung Rechnung, indem er in sein Konzept der Metapsychologie einen ursprünglichen Todestrieb einbaut, der – jedem Lebewesen zukommend – den anorganischen Zustand an­strebt und sich, nach außen gewandt, als Aggressions- oder Destruktionstrieb äußert. Da­mit ist eine neue „fundamentale Kategorie der Triebe“[4] (Laplanche/Pontalis) begründet, die Freud bis zu seinem Lebensende beibehalten und ausarbeiten wird. Sein hier zuerst erarbeitetes Konzept ist deshalb auch als die „definitive Fassung der Triebtheorie“ be­zeichnet worden.[5]

Über die Gründe für diesen Wandel ist viel spekuliert worden. Unübersehbar ist die Enttäuschung über den Krieg, die sich in mehreren Schriften bis zu einem regelrechten Kulturpessimismus im Unbehagen (1930), steigert. Freud war zudem persönlich in die Ge­fahren des Krieges involviert, in den seine beiden Söhne als Soldaten eingezogen wurden. Berufliche Schwierigkeiten äußerten sich in Streitigkeiten mit ehemaligen Anhängern, die nun Kriegsgegner Deutschlands und Österreichs waren, das Projekt der Psychoanalyse überhaupt schien durch die Ereignisse stark gefährdet.[6] Anfang 1920 stirbt Freuds Tochter Sophie, zu einem Zeitpunkt, an dem die Entwicklung der Todestriebshypothese nach Freuds eigenen Angaben jedoch schon abgeschlossen ist.[7] Nicht zu vernachlässigen ist, dass der 63jährige Freud altert: Anfang der 20er Jahre wird ihm Kieferkrebs diagnostiziert, 1923 kommt es zu einer ersten Operation.[8] Politische, persönliche und berufliche Aspekte seiner Biographie verdeutlichen so die Umstände, die Freud zu einer dunkleren Welt­betrachtung veranlassten.

Die theoretische Wende kann auch aus dem energetischen Dispositiv heraus verstanden werden, das etwa Lacan in seiner Interpretation der Freudschen Ichpsychologie hervor­hebt.[9] Die mechanistische Terminologie Freuds – man denke nur an den „psychischen Apparat“ – ist ein Zeugnis seines Bestrebens, die Psychoanalyse naturwissenschaftlich zu untermauern.[10] Von besonderer Relevanz dürfte dabei die Thermodynamik gewesen sein, dessen erster Hauptsatz der Energieerhaltung „seit den 80er Jahren des 19.Jh.s […] als das wichtigste Naturgesetz, Höhepunkt und Schlussstein der Physik betrachtet wurde“[11]. Die Erfindung der Dampfmaschine, die maßgeblich zu den thermodynamischen Erkenntnissen beigetragen hat,[12] findet nach Lacan ihren Widerhall auch in Freuds energetischer Konzep­tion des Begehrens.[13] Das Lustprinzip, das den Spannungsausgleich durch Entladung an­strebt und in Anlehnung an den Physiker Fechner von Freud auch als „Konstanzprinzip“ bezeichnet wird, liest sich so wie eine Übertragung des Energieerhaltungssatzes von der Dampfmaschine auf den „psychischen Apparat“. In Jenseits sieht sich Freud nun mit Vor­gängen konfrontiert, die mit dem Lustprinzip, dem „Optimalwertregler“[14] psychischer Span­nungen, unvereinbar scheinen. Diese Irritation ist für Lacan die Essenz des umstritte­nen Aufsatzes:

„Dieses System hat etwas Verwirrendes. Es ist dissymmetrisch, es klappt nicht. Etwas entgeht da dem System der Gleichungen und Evidenzen, die Denkformen des Registers der Energetik entlehnt sind, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts begründet worden sind. […] Nun, er bemerkt, dass es etwas gibt, das da drin nicht funktio­niert. Eben das ist Jenseits des Lustprinzips, nicht mehr, nicht weniger.“[15]

In dieser Arbeit werde ich den Argumentationsgang Freuds, der ihn zur Todestriebshypo­these führt, darstellen und kritisch hinterfragen. Der eingeführte politische und wissen­schaftshistorische Hintergrund soll dann in einer Schlussbetrachtung wieder aufgegriffen werden, um Freuds Konzept im Kontext seiner Zeit verständlich zu machen, aber auch zu hinterfragen. Dabei soll es ferner um die Frage gehen, ob seine Gedankenstruktur die These eines Aggressions- oder Destruktionstriebes rechtfertigt, den er später aus dem To­destrieb ableitet.

2. „Jenseits des Lustprinzips“ von Sigmund Freud

Die folgende Darstellung orientiert sich weitgehend an der Abfolge der Kapitel des Textes, wobei natürlich bestimmte Aspekte akzentuiert, andere dagegen vernachlässigt werden müssen. Freud erläutert zunächst das Lustprinzip und wie dieses das Phänomen der Unlust erklären kann (2.1), um daraufhin mit der traumatischen Neurose und einem beobachteten Kinderspiel Beispiele zu geben, für die diese Erklärung nicht auszureichen scheint (2.2). Es folgt eine Darlegung des Wiederholungszwangs als ein vom Luststreben unabhängiges Prinzip und eine Spekulation darüber, wie sich dieses Prinzip in einem Bewusstseinsmodell erklä­ren ließe (2.3). Der Schwerpunkt meiner Darstellung liegt jedoch in der nun folgenden Entwicklung der Todestriebshypothese und der Gegenüberstellung von „Todestrieben“ und „Lebenstrieben“ (2.4). Die daraus resultierende Problematik für die Libidotheorie und der Herkunft von Sexualtrieben (2.5) wird erläutert, bevor resümierend Lustprinzip, Wieder­holungszwang und Todestrieb in einen systematisch-hierarchischen Zusammenhang ge­stellt werden (2.6).

2.1 Das Lustprinzip und die Quellen der Unlust

Die psychoanalytische Ausgangsbasis, die Freud in seinem Aufsatz in Frage stellt, ist die „Herrschaft des Lustprinzips“, die eingangs als die Annahme beschrieben wird, „dass der Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch durch das Lustprinzip reguliert wird“.[16] Diese Einrichtung des „psychischen Apparats“ hat eine ökonomische Funktion: Erregung ist eine unlustvolle Spannung, deren Herabsetzung Lust verschafft. Da alle seelischen Vorgänge eine lustgewinnende oder unlustvermeidende Funktion haben, geht es also wesentlich um die Verminderung oder Konstanterhaltung der Erregungsquantität (Konstanzprinzip).[17]

Hier zeigt sich jedoch schon eine erste Einschränkung des Lustprinzips: Es sind nicht die meisten psychischen Erfahrungen von Lust begleitet, die Annahme ihrer „Herr­schaft“ ist also unplausibel. Stattdessen spricht Freud von einer „Tendenz zum Lustprin­zip“, die sich gegen andere Kräfte erst durchsetzen muss. Nur so ist erklärbar, dass psychi­sche Abläufe am Ende nicht immer der Lusttendenz entsprechen müssen.[18] Es stellt sich nun die Frage, wie die Gegentendenzen zum Lustprinzip aufgefasst werden müssen und wie dadurch die Herkunft der Unlust erklärt werden kann.

Die erste von Freud genannte Quelle der Unlust ist dem psychoanalytischen Dis­kurs spätestens seit der Veröffentlichung seiner Formulierungen über die zwei Prinzipien des psy­chischen Geschehens (1911) bekannt. Dort erläutert er die bereits in der Traumdeutung (1900) wichtig gewordene Unterscheidung von einem Lust- und einem Realitätsprinzip: Der pri­märe seelische Vorgang erstrebt Lust, von unlusterzeugenden Akten zieht er sich durch Verdrängung zurück und projiziert das Gewünschte auf die Realität. Erst die Enttäuschung über die entfallenden Triebbefriedigungen regt einen Sekundärvorgang an, der die halluzi­natorischen Vorstellungen zugunsten realistischer Vorstellungen aufgibt, um die Befriedi­gungen besser erreichen zu können:

„Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit eingeführt; es wurde nicht mehr vorgestellt, was ange­nehm, sondern was real war, auch wenn es unangenehm sein sollte.“[19]

Da das alleinige Lustprinzip unter den Umständen der Außenwelt unbrauchbar ist, wird es vom Realitätsprinzip abgelöst, welches von den Selbsterhaltungstrieben des Ich eingesetzt wird. Dieses bewirkt jedoch Triebaufschub, Triebverzicht und die „zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust“.[20] Es bleibt festzuhalten, dass diese erste Quelle der Unlust ganz im Zeichen des Lustprinzips steht, insofern sie „keine Absetzung […], sondern nur eine Sicherung desselben“[21] bedeutet, also im Sinne langfristiger, mit der Au­ßenwelt abgestimmter Lust agiert.

Eine zweite Erklärung ergibt sich für Freud aus den inneren Konflikten und Spal­tungen der Psyche. In den verschiedenen Entwicklungsphasen des Ich werden die mitge­brachten Triebregungen verschieden zurückgehalten oder durch Verdrängung abgespalten und auf Ersatzwegen befriedigt. Obwohl darin ursprünglich eine „Lustmöglichkeit“ be­stand, wird die Ersatzbefriedigung vom Ich als Unlust empfunden.[22] Auch diese zweite Quelle steht in keinem direkten Gegensatz zum Lustprinzip, da sie aus Lustantrieben eines psychischen Systems abgeleitet werden kann und lediglich infolgedessen von einem ande­ren psychischen System als Unlust wahrgenommen wird. Die Unlust kann also ohne die Annahme einer autonomen Quelle durch bestimmte Modifikationen des Lustprinzips er­klärt werden.

[...]


[1] Nagera:1969, 56.

[2] Lohmann:1998, 76.

[3] Freud:1915, 157.

[4] Laplanche/Pontalis:1967, 494.

[5] Schmidt-Hellerau:1995, 277.

[6] Vgl. Lohmann:1998, 69.

[7] Freud hat sich gegen die Meinung gewehrt, er habe beim Verfassen von Jenseits unter dem Eindruck des Todes seiner Tochter gestanden. Vgl. Gay:1987, 443f.

[8] Vgl. Lohmann:1998, 76.

[9] Vgl. Lacan:1978, Seminar II, 72-102.

[10] „Im Ansatz, das ‚Seelische’ als technisches ‚Medium’ zu begreifen, steht die Psychoanalyse ganz auf dem Boden von Psychophysik und Neurophysiologie, deren Diskurs Energie- und/ oder Informationsübertragungen und die entsprechenden Speicherfunktionen beschreibt.“ Bacher:1989, 669.

[11] Lexikon Geschichte der Physik A-Z, Hermann:1987, 145.

[12] Vgl. Hermann:1987, 372 und Gerlach:1960, 356.

[13] „Zwischen Hegel und Freud liegt die Heraufkunft einer Welt der Maschine.“ Lacan:1978, Seminar II, 100.

[14] Bitsch:2001, 86.

[15] Lacan:1978, Seminar II, 82.

[16] Freud:1920, 193.

[17] Vgl. Freud:1920, 193.

[18] Freud:1920, 195.

[19] Freud:1911, 32.

[20] Freud:1920, 196.

[21] Freud:1911, 36.

[22] Vgl. Freud:1920, 196.

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638339414
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33484
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Kultur- und Kunstwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Lustprinzip Wiederholungszwang Todestrieb Freuds Jenseits Lustprinzips Seminar Psychoanalyse Ethik
Zurück

Titel: Lustprinzip, Wiederholungszwang und Todestrieb in Freuds "Jenseits des Lustprinzips"