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Die Gothic Szene. Emotionale Zugehörigkeit und Identitätsbildung durch Musik und Konsequenzen für die Soziale Arbeit

Hausarbeit 2014 25 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Gothic Szene
2.1 Der Begriff Gothic
2.2 Geschlechterverhältnis

3 Gothic Musik
3.1 Wer sind die Macher/innen der Musik?
3.2 Stilrichtungen
3.2.1 Industrial
3.2.2 Neue Deutsche Todeskunst

4 Identitätsbildung
4.1 Allgemeine Bedeutung von Musik in der Jugend
4.2 Emotionale Zugehörigkeit durch Identifikation mit düsteren Musiktexten
4.3 Inszenierung / Kleidung

5 Konsequenzen für die Soziale Arbeit im Rahmen von Jugendarbeit

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

ÄBleiche Gesichter, schwarzes Outfit. Die Äußerlichkeiten der mehr als 20 Jahre alten Szene sind nebensächlich. Wichtig sind die Inhalte. Auf den ersten Blick ist alles sehr wirr. Mittelalterliche Mystik tummelt sich neben nordischem Runenkult. Der Fetischvampir wagt ein Tänzchen mit den dunklen Mächten des Bösen. Das Dichter-Denker-Klischee, romantische Verklärung einzelner Künstler, das Abgleiten von Teilen der Szene in die Randbereiche nationalsozialistischer Ideologien - das alles sind Fragmente des großen Puzzles. Umberto Eco hat einmal gesagt, dass die Menschen, seit sie nicht mehr an Gott glauben, nicht etwa an gar nichts, sondern an alles glauben“1.

Die Gothic-Szene ist seit ihren Anfängen in den 1980er Jahren mit negativen Vorstellungen wie Satanismus und Suizid behaftet und stößt immer wieder auf Ablehnung. Auf Außenstehende wirkt sie gruselig, abschreckend und morbide. Von den Medien wird dieses Bild zusätzlich durch Medienbeiträge im Fernsehen und dem Internet unterstützt. Doch was steckt hinter der Musik dieser Szene, wie lassen sich die Texte musikpsychologisch begründen und welche Stilrichtungen haben sich in der heutigen Zeit entwickelt und welche Funktion hat sie für die Jugendlichen / für Identitätsbildung?

Hierbei wird unter Hinzuziehung von Fachliteratur herausgearbeitet, was die Gothic Szene kennzeichnet. Betrachtet wird außerdem das Geschlechterverhältnis in der Gothic Szene. Daran anknüpfend wird die Gothic Musik betrachtet und die Frage in den Fokus gestellt, wer die Macher/innen der Musik sind. Dann werden Stilrichtungen von Gothic Musik vorgestellt und zwei neuere Stilrichtungen in den Fokus genommen. Dabei handelt es sich um ÄIndustrial“ und ÄNeue Deutsche Todeskunst“.

Im vierten Kapitel liegt der Fokus auf der Identitätsbildung. Betrachtet wird dabei zuerst die allgemeine Bedeutung von Musik in der Jugendphase. Konkretisiert am Songinhalt, an der Inszenierung und Kleidung in der Gothic Szene, und an den geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen wird dargestellt, wie geschlechtliche Identität durch die Musik der Gothic Szene konstruiert wird.

Anschließend werden die Konsequenzen für die Soziale Jugendarbeit diskutiert, und Anregungen gegeben, wie die Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen der Gothic Szene in Einrichtungen wie Offene Treffs und in der Jugendarbeit allgemein langfristig aussehen kann. Dabei werden speziell fehlende Angebote in Jugendeinrichtungen in den Blick genommen, die die Frage aufwerfen: Was tut die Soziale Arbeit in Jugendeinrichtungen mit Jugendlichen aus der Gothic Szene? Ergeben sich daraus vielleicht Bezüge zur Geschlechtsspezifik im Sinne von Konsequenzen einer gendersensiblen Sozialen Arbeit? Kapitel Fünf dient dabei noch mal besonders dazu, die Soziale Arbeit als Profession zu betrachten und den Umgang mit Jugendmusikszenen in der Sozialen Arbeit zu beleuchten, bewerten und kritisch zu hinterfragen.

2 Die Gothic Szene

Die Entstehungszeit der Gothic Szene wird häufig auf das Jahr 1979 festgelegt, als die Band Bauhaus ihren Song ÄBela Lugosi’s Dead“ veröffentlichte. Viele Fans identifizierten sich mit der entstehenden gotischen Subkultur. Die erste Generation der gotischen Bewegung entstand vor allem in Großbritannien in den späten 1970ern und frühen 1980iger Jahren als Abspaltung von der Punk- Bewegung. Während Punk-Musik sozusagen ausstarb, gewann die düstere Szene an Zuwachs und Dynamik. Bands wie The Damned, Bauhaus und Siouxsie and the Banshees charakterisieren die erste Generation, die später Gothic genannt wurde. Es gibt eine große Unsicherheit darüber, wer den Begriff ÄGothic“ geprägt hat und wie genau es dazu kam, dass sich die dunkle Musik als Szene gefestigt hat. Am meisten dafür verantwortlich zu sein scheint die britische Musikpresse. In den frühen 1980er Jahren geriet die gotische Bewegung mit Bands wie Sisters of Mercy in den Vordergrund und schien Mitte bis Ende der 1980er Jahre wieder zu verschwinden. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren entstand eine neue, zweite Generation von Gothic Bands, die der Szene zu neuem Leben verhalfen. Zu dieser Zeit bezeichneten sich die Bands dann regelmäßig als Gothic Bands. Beispielsweise Grabtuch, Rosetta Stone und London After Midnight. Außerdem wuchs die US-Goth Bewegung deutlich und Gothic wurde als eigenständige Subkultur anerkannt. Seit diesem Zeitpunkt wächst die Gothic Musik und Kultur stetig und verzweigt sich aus verschiedenen Untergruppen, die die Grenzen dessen, was bisher Gothic war, verschwimmen lassen. In jüngster Zeit ist das weit verbreitete Mainstream-Interesse an der gotischen Subkultur auch durch mediale Beiträge im Fernsehen oder Internet offensichtlich. Viele gotische, kulturelle Eigenheiten haben sich in die Mainstream-Kultur eingefügt, wie das Interesse an der übernatürlichen und dunklen Ästhetik. Eine dritte Generation entstand deshalb in den letzten Jahren. Viele von ihnen haben durch die kommerzielle Verfügbarkeit ihren Zugang zur Gothic Kultur gefunden. Die große Beliebtheit gilt Musikkünstlern wie Marilyn Manson, aber auch Unheilig. Viele Gothics, die der frühen ersten und zweiten Generation angehören, distanzieren sich von den Anhängern der dritten Generation, weil diese die reine Mainstream-kommerziell Rebellion propagieren und den eigentlichen Anfang und Sinn der Gothic Szene nicht kennen. Die erste und zweite Generation der Gothics schauen argwöhnisch auf die neue Generation. Sie zweifeln an der Echtheit und haben eine Abneigung gegenüber der Darstellung der Subkultur, die es eigentlich vorzieht im Untergrund zu bleiben. Die neue Generation ist derzeit ungern von den Älteren Generationen gesehen und nur die Zeit kann das Gegenteil beweisen. Es ist schwierig vorherzusagen, was die Zukunft für die Gothic Szene bereithält. Nach weit über 30 Jahren ist die Szene verändert, gewachsen, mutiert und dem Mainstream teilweise angepasst. Die Gothic Szene ist aber trotz ihrer vielen musikalischen Spaltungen und Unterkategorien eine der am längsten überlebenden Jugendsubkulturen2.

Bedeutend für die SzenegängerInnen der Gothic Szene sind die jährlich stattfindenden Events WGT, Wave Gotik Treffen in Leipzig, das Amphi Festival am Tanzbrunnen in Köln und das M’era Luna Festival in Hildesheim.

ÄDie Bandbreite der Pressebeschreibungen reicht von einer harmlosen, jugendlich provozierenden Trauerkultur bis zu einer Szene, die dem Rechtsextremismus zugewandt ist und mit der Satanismus Szene gleichgesetzt wird. Verwirrungen um Zugehörigkeiten und Begriffe der Szene können zu undifferenzierten Aussagen in den Massenmedien führen“3.

Kennzeichnend für Szenegänger der Gothic Szene ist vor allem die Fokussierung auf eine längst vergangene Zeit. Sie “verleihen diesem Aspekt in ihrem Lebens- und Kleidungsstil deutlich Ausdruck. Andererseits pflegen sie durch ihren Fokus auf Ästhetik und Individualität eine ausgeprägt spätmoderne Existenzform. Die zum Teil als 'krude' empfundenen Aufmachungen - denn das ist es, was zunächst 'ins Auge fällt' - einzuordnen, ohne sie einerseits zu bagatellisieren ('machen die nur, um aufzufallen') und andererseits zu skandalisieren (typische Vorurteile: Todessehnsucht, Selbstmordgefährdung, Rechtsradikalismus, Satanismus, Opferritualismus etc.), wird häufig außer Acht gelassen. Die Gothic-Szene gilt - erstaunlicherweise immer noch - als geheimnisumwittert und missverstanden“4.

Doch was steckt hinter dem Begriff Gothic bzw. der Gothic Szene?

2.1 Der Begriff Gothic

Goth(ic) bezeichnet einen Stil, der Ende der 1970er Jahre in Großbritannien entstanden ist und ab 1982/83 auf die AnhängerInnen der entstehenden Jugendkultur übertragen wurde. Der Szene Name ist grundsätzlich an einen in England entstandenen Musikstil angelehnt, der aufgrund seines dunklen, düsteren und dumpfen Klanges und seiner verwendeten Themen als schaurig empfunden wurde5. Bis Ende 1979 und Anfang 1980 scheint der Begriff Gothic recht häufig im Musikjournalismus beschrieben worden zu sein. Bands wie Joy Division und The Banshees waren dabei unter anderem ihre Vorreiter. Es ist dabei eine klare Entwicklung des Begriffs zu erkennen, auch durch Verschiebung und Differenzierung. Mit dem Begriff Gothic wurden zuerst einzelne Bands, dann eine Bewegung von Bands und erst dann die AnhängerInnen dieser Bands beschrieben. Allerdings ist es nicht einfach, den Begriff ÄGothic“ zu bestimmen. Die erste Verwendung des Begriffs ÄGoths“, um die Mitglieder der Subkultur zu beschreiben, ist in einem Artikel von Tom Vague in der Relaunch Ausgabe von Zig Zag im Oktober 1983 zu finden. Dort beschreibt er das Publikum bei dem Konzert von Death Cult in Berlin als Ä[...] and a pretty motley crew they are too. Hordes of Goths. It could be London […]"6. Wörtlich übersetzt als: ÄEin ziemlich bunter Haufen sind sie auch. Horden von Goths. Es könnte London sein.“ Hierbei geht der Autor auf die Ursprünge der Gothic Bewegung in London ein und zieht den Vergleich des Überschwappens der Gothic Szene nach Deutschland7. Innerhalb des deutschen Sprachgebrauchs nutzt man gleichzeitig Bezeichnungen wie Gruftis oder szeneübergreifend Schwarze. Grufti, angelehnt an das Wort Gruft, gilt auch heute noch als negativ behaftete Bezeichnung, wird aber weitestgehend als humoristische Selbstbezeichnung verwendet und ist dadurch weitaus weniger negativ behaftet als noch vor 20 Jahren.

2.2 Geschlechterverhältnis

Die Gothic Szene zeigt ein relativ ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Mitgliedern8.

ÄAuch in der Szene selbst herrscht ein solches Bild von Gothic als einer Welt jenseits von binären Geschlechterhierarchien vor; ein Bild, das die Subkultur in Hinblick auf ihre Ästhetik und zwischenmenschlichen Beziehungen als eine Art ‚geschlechtslose‘ Sphäre konstruiert“9.

Häufig wird das Geschlechterverhältnis als paritätisch und ausgeglichen beschrieben.

ÄHinzu kommt, dass in Subkulturen transgressive, rebellische und subversive Elemente in Stil und Gebaren typischerweise sehr positiv bewertet werden und so innerhalb ihrer sozialen Welten als Quelle von Anerkennung und Status fungieren. Solche ideellen Statusquellen, die Sarah Thornton (1995) - in Anlehnung an das von Pierre Bourdieu (1984) formulierte Konzept des ‚kulturellen Kapitals‘ - als ‚subkulturelles Kapital‘ bezeichnet, sorgen innerhalb von Subkulturen für die Bildung von informellen Hierarchien“10.

Dunja Brill zeigt in Ihrem Werk über Mädchen und Frauen in der Gothic Szene eine qualitative Analyse von Gender Identitäten und Repräsentationen in der britischen und deutschen Gothic Subkultur. Ihren Fokus lenkt sie dabei auf alternative Medien und stellt diskursive Strukturen von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Subkultur dar, mit dem Höhepunkt auf der Spannung zwischen subversiven und stereotypen Elementen in solchen Konstruktionen. Durch gründliche Textanalyse, ethnographische Interviews, Analyse von Inhalten auf Internetforen, Musik-Fanzine und -Magazine wird klar, dass geschlechtsspezifische Normen und Werte in der Gothic Szene über verschiedene Praktiken wie Selbstinszenierung dargestellt und über diverse Aspekte der Geschlechtlichkeit in der Subkultur miteinander verbunden sind. Beispielsweise Kleider und Kleidung, männliche und weibliche Beziehungen, Sexualität und Musik. Die Analyse zeigt eine geschlechtsspezifische Hierarchie des subkulturellen Kapitals (d.h. subkulturellen Mechanismen der Erreichung eines Status) die hinter der Ideologie der 'Geschlechtslosigkeit', lauert, die, die Gothic Rhetorik durchdringt. Bestimmte konstitutive Praktiken der Gothic Szene, die angeblich progressive oder subversive Implikationen in Bezug auf Geschlecht beinhalten - z.B. die Idealisierung der männlichen Androgynität im Gothic Stil, oder die Verehrung alternativer Sexualität als Trope der Übertretung - werden dadurch gezeigt, dass teilweise jene der Befestigung von stereotypen Gender- Normen innerhalb der Subkultur dienen. Allerdings weist die Analyse auch auf das Potenzial für explorative Neuverhandlungen von Männlichkeit und Weiblichkeit hin, die einige der Praktiken bieten11.

[...]


1 Matzke, Peter et al.: Gothic II. Berlin 2002, 281.

2 vgl. Porter Smith, Alicia: History of the Gothic Subculture http://www.gothicsubculture.com/origin.php (abgerufen am 01.11.2013).

3 Meisel, Ute: Die Gothic-Szene. Marburg 2005, 5.

4 Technische Universität Dortmund: Jugendszenen: Gothic http://www.jugendszenen.com/szenen/gothic/intro (abgerufen am 01.11.2013).

5 vgl. Pete Scathe: A History of Goth - The Name, Origins of the term "Goth": http://web.archive.org/web/20051214045329/http://www.scathe.demon.co.uk/name.htm (abgerufen am 28.10.2013).

6 ebd.

7 ebd.

8 vgl. Brill, Dunja: Fetisch-Lolitas und junge Hexen? Mädchen und Frauen in der Gothic-Szene. In: Rohmann, Gabriele (Hrsg.): Krasse Töchter. Berlin 2007, 55-70, 57.

9 ebd.

10 Brill, Dunja: Fetisch-Lolitas und junge Hexen? Mädchen und Frauen in der Gothic-Szene. In: Rohmann, Gabriele (Hrsg.): Krasse Töchter. Berlin 2007, 55-70, 61.

11 vgl. Brill, Dunja: Subversion or Stereotype? The Gothic Subcultre as a case of study of gendered identities and representations. Giessen 2006, 10.

Details

Seiten
25
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668245518
ISBN (Buch)
9783668245525
Dateigröße
812 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334777
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule NRW; ehem. Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen
Note
1,7
Schlagworte
Gothic Gothic Szene Soziale Arbeit Musik Musikpädagogik Ästhetik Identitätsbildung Emotionen Emotionale Zugehörigkeit Zugehörigkeit KatHO Aachen

Autor

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