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Informationsstruktur von Sätzen. Topik und Kommentar am Beispiel von BILD-Artikeln und der Wagner-Kolumne

Seminararbeit 2013 27 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung
0.1 Korpus
0.2 Fragestellung
0.3 These

1. Terminologie
1.1 Topik und Kommentar (nach MUSAN)
1.2 Bekannt und Unbekannt
1.3 Fokus und Hintergrund
1.4. Thema und Rhema

2. Bekanntheit und Unbekanntheit in Topik und Kommentar

3. Funktionen von Topik und Kommentar

4. Arten von Topik und Kommentar
4.1 Linksversetzung und lose Linksversetzung
4.2 Freies/lexikalisches Topik
4.3 Topik durch Intonation/I-Topikalisierung
4.4 Sätze ohne (explizites) Topik/Anti-Topik-Sätze
4.5 Sätze mit mehreren Topiks

5. Perspektivierung und Evaluierung
5.1 Perspektivierung auf Satzebene
5.2 Evaluierung auf Satzebene

6. Analyse
6.1 Wagner-Kolumne
6.2 BILD-Artikel
6.3 Topik-Kommentar-Strukturen in Wagner-Kolumne und BILD- Artikeln
6.4 Perspektivierung in Wagner-Kolumne und BILD-Artikeln
6.5 Evaluierung in Wagner-Kolumne und BILD-Artikeln

7. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Literatur

Quellen

0. Einleitung

Durch Topik und Kommentar werden Informationen auf Satzebene strukturell gegliedert (s. MUSAN 2010: 1 ff.; 25 ff; 59 ff), sodass auch Perspektivierung hergestellt wird. Es gibt viele verschiedene Arten von Topikalisierung und in dieser Arbeit soll festgestellt werden, ob sie unterschiedliche Anwendung in zwei verschiedenen Textsorten finden. Diese Texts- orten sind einerseits die Kolumne von Franz Josef Wagner und andererseits BILD- Zeitungsartikel. Da sie verschiedene Funktionen haben, das heißt Meinungsäußerung und Informationsfunktion, könnten Unterschiede in der Verwendung von Topik und Kommen- tar auftreten.

0.1 Korpus

Das Korpus zur Analyse von Topik und Kommentar in Hinblick auf Perspektivierung und Evaluierung setzt sich aus Zeitungsartikeln der Online-Auftritte der BILD-Zeitung und der, in der BILD publizierten, Kolumne von Franz Josef Wagner zusammen. Die Texte behan- deln aktuelle Themen wie die durch Edward Snowden veröffentlichte Datenspionage der USA, die politische Lage in der Türkei, insbesondere die Rolle des türkischen Präsidenten Erdogan, der NSU-Prozess in München, die Machtspiele vom Nordkoreanischen Herrscher Kim Jong-un und den Tod der Eisernen Lady Margaret Thatcher. Insgesamt liegen der Analyse 18 Texte zugrunde, darunter neun BILD-Artikel und neun Texte der Wagner- Kolumne.

Die ausgewählten Texte sind alle online und in der Printausgabe erschienen. Die analysier- ten Artikel und Kommentare wurden allerdings auf Basis der Onlineveröffentlichungen untersucht. Sie stammen aus dem Zeitraum vom 27.03.2013 bis zum 02.08.2013. Die Beispiele zur Erläuterung von Topik und Kommentar in Sätzen im Theorieteil wurden ausschließlich aus dem Themenbereich um Edward Snowden verwendet. Sie stammen allerdings nicht nur aus der BILD-Zeitung und der Kolumne, sondern auch aus Online- Artikeln des Sterns, des Handelsblattes, des Spiegels, des Managermagazins und des Bay- rischen Rundfunks.

0.2 Fragestellung

Gibt es Unterschiede hinsichtlich der Informationsstruktur, hergestellt durch Topik und Kommentar, in Artikeln der BILD-Zeitung und in Texten der Wagner-Kolumne? Sind ebenfalls Besonderheiten bei der Perspektivierung festzustellen?

0.3 These

Es ist davon auszugehen, dass es Unterschiede in der Verwendung von Topik und Kommentar und insbesondere auch in der Art der Verwendung zwischen BILD-Artikeln und der Wagner-Kolumne gibt.

1. Terminologie

Die Informationsstruktur lässt sich in unterschiedliche Dimensionen einteilen. Um mit den Begriffen Topik und Kommentar zu arbeiten, müssen vorerst die Einheiten Bekannt/Unbekannt, Fokus/Hintergrund und Thema/Rhema abgegrenzt werden.

1.1 Topik und Kommentar (nach MUSAN)

Innerhalb des Satzes kann die Einteilungen in die Informationsstruktur Topik und Kom- mentar vorgenommen werden. Topik beinhaltet hier „das, worüber man etwas sagt“, wo- hingegen der Kommentar das ist „was darüber gesagt wird“ (MUSAN 2010: 25). Der Grundgedanke der Unterscheidung von Topik und Kommentar ist keineswegs neu, denn schon Aristoteles‘ Einteilung in Subjekt und Prädikat ist darauf anzuwenden. Allerdings lässt sich das Topik nicht auf das Subjekt festlegen und der Kommentar nicht auf das Prä- dikat (s. MUSAN 2010: 25). Deshalb hat VON DER GABELENTZ (zitiert nach MUSAN: 26) die Termini des psychologischen Subjekts und Prädikats eingeführt, um damit deutlich zu ma- chen, dass die zu betonende Einheit und die weitere Information nicht an grammatische Strukturen gekoppelt sind (s. MUSAN 2010: 25 f.). Die Begriffe Topik und Kommentar wurden dann von HOCKETT (zitiert nach MUSAN: 27) eingeführt und weitestgehend beibe- halten (s. MUSAN 2010: 27). MUSAN stellt fest, dass Fragetests die Ermittlung von Topik und Kommentar vereinfachen (s. MUSAN 2010: 28). Hier ein Beispiel:

Frage: Was macht die Katze?

Antwort: [Die Katze TOPIK] [liegt auf dem Tisch KOMMENTAR].1

Die Einheit Topik wird auf der Satzebene auch als Satztopik bezeichnet (s. MUSAN 2010: 26). Allerdings ist es manchmal schwierig in einem Satz eindeutig das, über das etwas gesagt wird, also das Topik, herauszufiltern. Hierbei hilft die Wortstellung innerhalb des Satzes, denn häufig steht das Topik am Satzanfang (s. MUSAN 2010: 25 ff.) In folgenden Sätzen ist das Topik eindeutig zu bestimmen:

(1) Präsident Wladimi[r J.R. ] Putin bot dem Geheimnisverräter Zuflucht an. (bild.de, 02.07.2013)
(2) Snowden hat nun in weltweit 21 Ländern um Asyl gebeten. (spiegel.de, 02.07.2013)
(3) Sie[Edward Snowden J.R.]sind zurzeit der interessanteste Mensch der Welt. (Wagner: bild.de, 27.06.2013)

Topikalität wird durch unterschiedliche Mittel ausgemacht (s. MUSAN 2010: 25 ff.; 59). Hierzu werden unter 4., den Arten von Topik und Kommentar, Beispiele genannt.

1.2 Bekannt und Unbekannt

Weitere Dimensionen innerhalb der Informationsstruktur sind Bekanntheit und Unbekanntheit. Es können u. a. Individuen, Gegenstände, Zeiten und Orte als bekannt oder unbekannt markiert werden (s. MUSAN 2010: 3). Die Herstellung von Bekanntheit oder auch der Referenzbezug wird hier hauptsächlich durch lexikalische Mittel (z. B. Artikel und Pronomen) hergestellt (s. MUSAN 2010: 5 ff.; 59).

(4) Der Fall des flüchtigen IT-Spezialisten Edward Snowden (30) - er lässt die Emotionen rund um den Globus hochkochen. (bild.de, 03.07.2013)
(5) Mit seinen Veröffentlichungenüber die Spionageaktionen des US- Geheimdienstes NSA hat Snowdenfür Missstimmung zwischen der Obama- Regierung und europäischen Regierungen gesorgt. (spiegel.de, 02.07.2013)

In Beispiel (4) wird der Fall des […] Edward Snowden eingeführt und nach dem Gedan- kenstrich noch einmal mit er darauf bezogen. Bei (5) findet der Referenzbezug innerhalb des Satzes statt. Zunächst lassen seinen Veröffentlichungen darauf schließen, dass noch Erläuterungen zu der ausführenden Person, nämlich Snowden folgen müssen.

1.3 Fokus und Hintergrund

Auch die Dimensionen Fokus und Hintergrund zählen zur Informationsstruktur. Der Fokus eines Satzes wird in der gesprochenen Sprache durch den Akzent ausgemacht. Dies äußert sich in der Form von Tonhöhenveränderung, Lautstärkehervorhebung und Dehnung der zu akzentuierenden Silben. Diese drei Eigenschaften müssen nicht getrennt voneinander auftreten, sondern können auch zusammenwirken. Als Hintergrund wird der restliche Teil des Satzes bezeichnet. (s. MUSAN 2010: 42 ff.)

(6) AllerDINGS sein die Pässe aller Insassen der Maschine kontrolliert worden. (bild.de, 03.07.2013)

In Beispiel (6) liegt der Fokus des Satzes auf dem Wort AllerDINGS, insbesondere auf der zweiten Silbe. Hierbei soll innerhalb des Textes auf eine Besonderheit oder ein Ereignis hingewiesen werden. Dies wird dagegen erst im Kontext deutlich: Es handelt sich um die Zwischenlandung des bolivianischen Präsidentenflugzeugs in Wien und die weitere Landung auf Gran Canaria, da Snowden an Bord vermutet wurde. In Gran Canaria wurde das Flugzeug nicht erneut durchsucht. Die nun folgende Einschränkung wird mit AllerDINGS eingeleitet und liegt somit im Fokus.

1.4. Thema und Rhema

Weitere Termini in der Textlinguistik sind Thema und Rhema. Thema ist in diesem Zusammenhang das schon bekannte in einem Text und Rhema ist die neue Information. Allerdings wird die Theorie (s. VATER 2001: 62 f.) von Thema und Rhema als nicht hinreichend plausibel angesehen. Sie erscheint sinnlos und entspricht nicht der natürlichen Sprache (s. SCHWARZ 2000: 114 ff.).

(7) (Snowden Thema1) hat nun in weltweit 21 Ländern um (Asyl Rhema1) gebeten. Auch (Deutschland Thema2) befindet sich auf dieser Liste, die am Dienstag von der (Enthüllungsplattform WikiLeaks Rhema2) im Internet veröffentlicht wur- de. (spiegel.de, 02.07.2013)

Mithilfe des Beispiels (7) wird deutlich, dass Thema und Rhema in einer Art Kette anei- nander gereiht werden. Zwar können sich Thema und Rhema aufeinander beziehen, es wird allerdings nicht geklärt in welcher genauen syntaktischen Beziehung sie zueinander stehen.

SCHWARZ hat festgestellt, dass für die Erklärung von Textzusammenhängen die Anapher wesentlich besser geeignet ist als die Theorie von Thema und Rhema (SCHWARZ 2000: 114 ff.).

BRINKER hält die Definition von Thema für problematisch, denn: „Das Fehlen eindeutiger und nachvollziehbarer Definitionskriterien läßt es häufig schwierig erscheinen, die ThemaRhema-Strukturierung auszumachen“ (GÜLICH/RAIBLE zitiert nach BRINKER 2005: 51). Weiterhin mangelt es an zureichenden Verfahren Thema und Rhema intersubjektiv überprüfbar zu machen (BRINKER 2005: 51).

2. Bekanntheit und Unbekanntheit in Topik und Kommentar

Die Dimensionen Bekanntheit und Topikalität können auch in Verbindung miteinander auftreten. So kann also bekanntes in Topik und im Kommentar erscheinen, ebenso aber auch unbekanntes (s. MUSAN 2010: 29 f.).

Mögliche Kombinationsmöglichkeiten sind u. a.:

Bekanntes Topik und unbekannter Kommentar:

(8) In Boliviens Hauptstadt La Pazkam es am Dienstagabend zu spontanen Pro- testen dutzender Demonstranten vor der dortigen französischen Botschaft we- gen des Vorfalls. (bild.de, 03.07.2013)

Unbekanntes im Topik-Bereich:

(9) Die NSA-Mitarbeiter in Fort Meade(bei Washington) könnenüber eine einfa- che Eingabemaske jede Mail-Adresse der Welt aufrufen und sofort alle Mails lesen, auch Dateianhänge. (bild.de, 02.08.2013)

Bekanntes im Kommentar-Bereich:

(10) Ichfrage mich, was für ein James BondSiesind. (bild.de, 27.06.2013)

Hieraus lässt sich schließen, dass nicht immer das Topik bekannt sein muss. Häufig ist aber das Topik die bekannte Einheit in einem Satz.

3. Funktionen von Topik und Kommentar

Der Dimension Topik und Kommentar liegt eine Funktion zugrunde. Insgesamt gibt es aber Unterschiede hinsichtlich der Definition der Topik-Kommentar-Strukturen zwischen ERTESHIK-SHIR, JACOBS und MUSAN. Es lassen sich aber folgende Funktionen für die Topik-Kommentar-Struktur festhalten: 1. Mithilfe das Topik wird der Interpretationsrahmen eines Satzes festgelegt. 2. Durch das Topik wird textuelles Wissen oder kontextuelles Weltwissen aufgerufen.3. Der Kommentar bezieht sich semantisch auf das Topik, er beinhaltet Informationen über das Topik.

Zur Einleitung in die Dimension Topik und Kommentar unter Kapitel 1.1 wurde MUSANs Definition hinzugezogen. JACOBS definiert für seine Topik-Kommentar-Struktur, dass ihr „Dimensionen“ bzw. Funktionen zugrunde liegen.2 Er legt folgende vier Funktionen fest:

1. Informational separation → Aufteilung der Information:

Das Topik eines Satzes ist semantisch vom Kommentar getrennt, d.h. jeder der Teile bedarf eines autonomen Verstehensprozesses. Die Gesamtinformation eines Satzes ist so zwischen Topik und Kommentar aufgeteilt (JACOBS 2001: 645 ff.).

2. Predication → Prädikation:

Das Topik eines Satzes spezifiziert den Kommentar semantisch. D.h. es schränkt die semantische Valenz des Kommentars ein - es gibt kein höhergestelltes Topik, welches den Kommentar spezifiziert (JACOBS 2001: 647 ff.). Demnach muss er Kommentar sich nach dem Topik richten und über es Informationen bereitstellen.

3. Addressation → Adressierung:

Das Topik eines Satzes ist die Adresse für den Kommentar, d.h. der Sprecher bzw. Hörer legt die Information, die über das Topik gegeben wird, auch genau dort unter allen anderen (potenziellen) Informationen darüber ab(JACOBS 2001: 650 ff.).

4. Frame-setting → Rahmensetzung:

Das Topik eines Satzes legt den Bereich fest, auf den sich die Interpretation des Kommen- tars beschränken muss. Es setzt also den Rahmen der Interpretationsmöglichkeiten(JACOBS 2001: 655 ff.).

Die Aufteilung der Information kann man als Voraussetzung der drei nachfolgenden Funktionen verstehen, also was JACOBS unter Prädikation, Adressierung und Rahmensetzung beschreibt. Die drei Funktionen werden so als die eigentliche Funktion des Topiks verstanden, nämlich den Interpretationsrahmen festzulegen und Wissen aufzurufen.

Nach STRAWSON (zitiert nach ERTESHIK-SHIR 2007: 13) haben Topiks drei zentrale Eigen- schaften: Sie sind das, worum es in einer Aussage geht, sie rufen Wissen der Rezipienten auf und die Aussage wird als Information über das Topik interpretiert. Es handelt sich bei dem Wissen nicht um einen Bezug auf im Kotext gegebene Informationen, sondern um Weltwissen oder zumindest Wissen über eine Situation oder einen Sachverhalt.3 Topiks müssen nach ERTESCHIK-SHIR nur „gegeben“ sein (thetische/all-focus/stage-topic Sätze) (ERTESCHIK-SHIR 2007: 18).

MUSAN (2010: 27) verwendet außerdem die Idee des Karteikartenprinzips. Um die Funktionsweise der Topik-Kommentar-Struktur aufzuzeigen, stellt das Topik die Karteikarte dar und der zugehörige Kommentar wird ihr zugeordnet. Die Information des Kommentars zum Topik wird also auf der Karteikarte abgespeichert.

Nach REINHART sind Topiks „Signale für die Klassifizierung der Eintragung neuer Aus- sagen“ (zitiert nach MUSAN 2010: 27). Allerdings suggeriert diese Metapher, dass Topiks immer bekannt sein müssen, was zumindest außerhalb von ‚gegebenem Wissen‘ nicht zu- treffen muss. Ebenfalls beschreibt MUSAN Unbekanntes im Topikbereich (s. MUSAN 2010: 29f.) und es lassen sich dafür natürlichsprachliche Beispiele finden (s. Kapitel 2.).

4. Arten von Topik und Kommentar

4.1 Linksversetzung und lose Linksversetzung

Eine „offene Markierung“ (ERTESCHIK-SHIR 2007: 8) des Topiks findet durch Linksverset- zung statt. Das, was als Topik interpretiert werden soll, wird ins linke Vorfeld oder an den linken Rand des Mittelfeldes gestellt.

[...]


1 In den folgenden Beispielen wird die Einheit Topik durch fett gedruckt und die Einheit Kommentar einfach unterstrichen gekennzeichnet.

2 JACOBS‘ „Dimensionen“ sind nicht im Sinne von MUSANs gewähltem Terminus „Dimension“ zu verstehen.

3 Zu Unterscheidung zwischen ‚altem‘ und ‚gegebenem‘ Wissen siehe ERTESCHIK-SHIR 2007: 18.

Details

Seiten
27
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668249608
ISBN (Buch)
9783668249615
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334773
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Sprache und Kommunikation
Note
1,3
Schlagworte
Topik Kommentar Linguistik Perspektivierung Informationsstruktur Evaluierung Textsemantik Bild-Zeitung Wager Kolumne vergleichende Analyse

Autor

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Titel: Informationsstruktur von Sätzen. Topik und Kommentar am Beispiel von BILD-Artikeln und der Wagner-Kolumne