Lade Inhalt...

Neandertaler-Funde in den Höhlen Belgiens

Wissenschaftlicher Aufsatz 2016 31 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Neandertaler an der Maas

Fundorte:
Engis
La Naulette
Spy d´Orneau
Goyet
Fonds-de-Forêt
Trou de l´Abime
Scladina
Walou

Literaturverzeichnis

Einleitung:

In Belgien leben heute etwa 323 Einwohner pro Quadratkilometer. Dies sind 40% mehr als in Deutschland. Das Land ist durch Verkehrswege (Autobahnen und Bahnstrecken) seit Jahrzehnten gut erschlossen. Ebenso sind die zugänglichen Höhlen des Landes beginnend mit den 1830er Jahren inzwischen weitgehend erforscht.

Dabei haben sich in acht Höhlen Knochen des Neandertalers gefunden, die hier in der chronologischen Folge ihrer Entdeckung genannt sind: Engis (1829 - 1830), La Naulette (1866) Spy d´Orneau (1885 -1886), Goyet (1891), Fonds-de-Forêt (1895 -1897), Trou de l´Abime (1984 - 1987), Scladina (1993) und Walou (1997).

Von besonderer forschungsgeschichtlicher Bedeutung ist die Tatsache, dass der weltweit erste Fund eines Neandertalers aus einer Höhle Belgiens stammt. Er wurde 1829 - 1830 von Philippe-Charles Schmerling nahe der Ortschaft Engis (in der Provinz Lüttich) ergraben. Dabei handelt es sich um den Schädel eines Kindes. Erst 1936 erkannte man im ihm einen Neandertaler.

Bedeutsam für die Forschungsgeschichte des Neandertalers wurde auch ein anderer Fund. Er wurde bei Ausgrabungen 1886 in der Höhle von Spy (in der Provinz Namur) entdeckt. Hierbei handelte es sich um die Skelettreste von zwei Individuen. In der seit 1856 andauernden Diskussion um die Echtheit der fossilen Knochen aus dem Neandertal konnten diese Funde endgültige Klarheit bringen und damit bestätigen, dass der namengebenden Neandertalerfund bei Düsseldorf ein eiszeitlicher Mensch war.

Für die heutige Neandertalerforschung ist der Fundort Scladina, eine Höhle in der Nähe des Ortes Sclayn (Provinz Namur), von großer Bedeutung. Hier fand man den für das 20. Jahrhundert wohl bedeutendsten Fund eines Neandertalers in Belgien. Zudem entdeckte man eine größere Zahl von Steinartefakten und Tierknochen. Durch seine aufschlussreiche Schichtenfolge, die das Klima der letzten 120.000 Jahre widerspiegelt, ist diese Höhle einer der wichtigsten europäischen Neandertaler-Fundorte überhaupt.

Die Untersuchung der Höhlensedimente der Scladina-Höhle ergab wichtige neue Erkenntnisse. Somit sind mehrere in Belgien gefundenen Neandertaler von besonderer Bedeutung für die inzwischen 160-jährige Forschungsgeschichte dieser Spezies. Im Folgenden sollen die acht Fundorte gegliedert nach deren Entdeckungsjahr näher vorgestellt werden.

Neandertaler an der Maas

Viele Freilandstationen in Flandern und der Wallonie dokumentieren, dass die Neandertaler im Laufe der Jahrtausende einen großen Teil Belgiens bevölkert hatten. Darauf deuten landesweit zahlreiche Konzentrationen von Steinartefakten hin. Organisches Material wie Knochen sind nur in Ausnahmefällen erhalten geblieben. Von 46 Höhlen weiß man, durch Artefakte belegt, dass sich Neandertaler dort aufgehalten haben, nur in acht dieser Höhlen wurden jedoch Knochenreste von ihnen gefunden. Höhlen boten für die Neandertaler als Aufenthaltsort besondere Vorteile. Sie befinden sich meist in Höhenlagen und waren daher gute Spähplätze, von denen aus sich jede Bewegung in der Umgebung beobachten ließ. Sie lagen auch nahe an Wasserläufen, die regelmäßig von jagdbaren Wildtieren aufgesucht wurden.

Fundort:

Engis

Der Fundort, ursprünglich im Volksmund als „Trou Caheur“ bezeichnet, wird auch nach seinem ersten Erforscher Schmerling-Höhle genannt. Er befindet sich am rechten Ufer der Maas ca. 700 m nördlich des Flusses bei der Ortschaft Engis (Provinz Lüttich).

Phillipe-Charles Schmerling, (Abb. 1) Arzt und Anatom, später auch Professor für Zoologie an der Universität Lüttich, hatte die Aufgabe übernommen bei Unfällen in den Steinbrüchen der Umgebung Verletzte zu versorgen. Bei einem dieser Einsätze wurde er durch Kinder, die mit Knochen spielten, auf die Möglichkeit aufmerksam, dass es in diesen Steinbrüchen auch Höhlen, und dort vielleicht Knochenfunde geben könnte. Er untersuchte daraufhin in den folgenden Jahren in seiner Freizeit etwa 40 belgische Höhlen der weiteren Umgebung, so auch die Höhle von Engis und veröffentlichte seine Ergebnisse in einem zweibändigen Werk, das jedoch zu seiner Zeit nur geringe Aufmerksamkeit erfuhr (SCHMERLING 1833 - 1834).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Philippe-Charles SCHMERLING (1791 - 1836), Entdecker der Funde Engis 1 + 2 (Foto: Verfasser) 3

Schmerling erwähnt hierin seine Grabungen im Winter 1829 - 1830 in der Engis-Höhle und benannte die dortigen menschlichen Funde mit Engis 1 und 2.

Er betonte, dass er die Höhle von Engis (Abb. 2) unberührt vorfand mit den Worten „Es muss hier voraus bemerkt werden, dass diese Höhlen zweifelsohne wohl noch nie von Jemanden besucht worden und selbst den Bewohnern der Umgegend kaum bekannt sind; Niemand würde wagen ohne Seil zu ihnen herab zu klimmen; selbst von unsern Kalkstein-Brechern haben nicht alle den Muth gehabt mir in diese Höhlen zu folgen“(SCHMERLING 1833).

Erst im Jahre 1868, Schmerling war bereits mit 46 Jahren 1836 verstorben, untersuchte der Geologe Edouard Dupont in staatlichem Auftrag erneut diese Höhle. 1885 erfolgten weitere Grabungen, diesmal durch Julien Fraipont, 1895 durch E. Doudou sowie 1904 durch J. Hamal-Nandrin. Weitere Sondagen in den Jahren 1907, 1911 und 1956 erfolgten durch Mitglieder der Vereinigung „Forscher der Wallonie" (ROSENDAHL & ROSENDAHL 2006).

Zusammenfassend lässt sich bezüglich der Stratigraphie der Höhle feststellen, dass es sich um ca. 2,5 m mächtige Ablagerungen handelte. Diese reichen zeitlich vom Moustérien, über Gravettien und die Jungsteinzeit bis in die römische Zeit (ULRIX-CLOSSET 1975).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Höhle von Engis (auch Schmerling - Höhle genannt). Der hoch in der Felswand eines aufgelassenen Steinbruchs gelegene Eingang ist durch einen Pfeil markiert. (Foto: Verfasser)

Bedeutung erlangte die Höhle durch die Entdeckung menschlicher Skelettreste. Es handelt sich dabei u.a. um Schädelfragmente eines Erwachsenen (Engis 1) sowie eines Kindes (Engis 2), die Schmerling an diesem Ort entdeckte (Abb. 3). Zur Fundlage des Schädels

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Schädelfragment eines Neandertaler-Kindes (Engis 2). (nach einer Abb. durch Charles Lyell in seinem Buch „Das Alter des Menschengeschlechtes…“ aus dem Jahre 1864)

Engis 2, der sich später als dreijähriges Neandertalerkind herausstellte, erwähnt Schmerling, dass dieser nahe eines Elefantenzahnes gelegen habe. Damit konnte er belegen, dass der Mensch zeitgleich mit eiszeitlichen Großsäugern gelebt hatte. Diese Feststellung war jedoch in den 1830er Jahren in der Fachwelt unter dem Einfluss Georges Cuvier (1769 - 1832), durch dessen Aussage „der fossile Mensch existiert nicht“, noch stark umstritten. Die Zeit war einfach noch nicht reif und die Erforschung der Urgeschichte hatte gerade erst begonnen, so dass dem Fund und seiner Bedeutung nicht die notwendige Aufmerksamkeit zuteil wurde.

Dennoch reiste der britische Geologe Charles Lyell (Abb. 4), der sich für die Vorgeschichte des Menschen zu interessieren begann, 1833 nach Belgien, um sich von Schmerling persönlich die Funde zeigen zu lassen. Lyell blieb jedoch skeptisch, obwohl Schmerling ihn von dem Alter der Funde zu überzeugen versucht hatte (TRINKAUS & SHIPMAN 1993).

Auch fehlten dem Fund Engis 2, da es sich um einen Kinderschädel handelt, die für einen klassischen Neandertaler so typischen Merkmale, die sich erst im Laufe seiner Entwicklung zum Erwachsenen ausbilden, wie zum Beispiel die Überaugenwülste und die charakte- ristische, brotleibartige Schädelform des Holotypus aus dem Neandertal. So war seine Unter- scheidung zum modernen Menschen nur dank späterer Forschungen anhand von Vergleichs-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: der britische Geologe Charles LYELL (1797 - 1875)

stücken möglich. Erst mehr als ein Jahrhundert später erkannte deshalb der Paläontologe Charles FRAIPONT, Sohn eines der Erforscher der Funde von Spy, im Jahre 1936, dass Engis 2 der Schädel eines Neandertalerkindes ist (Abb. 3).

Von Engis 2 einem nach TILLIER (1983) etwa 4 bis 6 Jahre alten Kind sind neben dem Schädeldach Oberkieferteile und Zähne erhalten geblieben. Eine14 C-Datierung auf 26.820 ± 340 BP und 30.460 ± 210 BP ergab ein zu geringes Alter und konnten nicht verwertet werden, da sie wahrscheinlich durch die Lackpräparation der Knochen verunreinigt war (HEDGES et al. 1996). Die Analysen des Knochenkollagens ließen jedoch Aussagen zur Ernährung des Engis-Kindes zu. Fleisch großer Pflanzenfresser und evtl. noch Muttermilch waren danach seine Hauptnahrungsquellen (BOCHERENS et al. 2001).

Der Fund Engis 1 stellte sich hingegen als ein Erwachsener anatomisch moderner Mensch heraus. Eine Radiokarbondatierung ergab ein Alter von lediglich 4590 ± 80 Jahren vor heute (HEDGES et al. 1996).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Titelseite von Schmerlings 2-bändigem Werk über seine Fossilfunde in den Höhlen der Provinz Lüttich (Lüttich 1833 - 1834)

Eine posthume Anerkennung seiner Leistungen erfuhr Schmerling durch Rudolf Virchow, (Abb. 6) der vier Jahrzehnte später (1872) in einem Vortrag bei der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte Schmerlings Leistung bei der Erforschung der Höhle von Engis überschwänglich lobt, indem er dessen Aktivitäten als „epochemachende[n] Untersuchungen“ bezeichnet, „Untersuchungen, welche unter den höchsten Entbehrungen und unter Aufopferung seines Lebens mit dem uneigennützigen Streben und der Hartnäckigkeit eines wahren Gelehrten durchgeführt sind“ (VIRCHOW 1872).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Rudolf VIRCHOW (1821 - 1902) Arzt, Anatom, Zellularpathologe und Prähistoriker, trat nachdrücklich für die Anerkennung Schmerlings ein. (porträtiert von Hanns Fechner 1891)

Fundort: La Naulette

Die Höhle von La Naulette liegt am linken Ufer der Lesse (Provinz Namur). Der Höhleneingang befindet sich etwa 25 m über dem Fluss (Abb. 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Eingangsbereich der Höhle La Naulette im Jahre 2015 (Foto: Verfasser).

„Wohl unter dem Einfluss der überaus reichen Entdeckungen ähnlicher Art in Frankreich beauftragte die königlich belgische Akademie [den Geologen] Herrn Dupont [Abb. 8] die Höhlen der Provinz Namur zu untersuchen“ (RÜTIMEYER 1873). Er begann mit seinen ersten Ausgrabungen 1865 - 1866 (DUPONT 1866).

Sieben Jahre widmete Dupont sich intensiv dieser Aufgabe und untersuchte dabei etwa 60 Höhlen. Er fand mehr als 40.000 bestimmbare Knochen und über 80.000 Artefakte. Seine Ergebnisse publizierte er 1872 in einer umfassenden Monographie (RÜTIMEYER 1873).

Danach ruhten die Forschungen mehr als ein Jahrhundert bis sie im Jahre 1999 vom Direktorat für Archäologie des Ministeriums für die Region der Wallonie wieder aufgenommen wurden (TOUSSAINT et al. 2000).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Edouard DUPONT (1841 - 1911)

Die Ablagerungen in der Höhle La Naulette waren 11 m mächtig. Zwischen ihnen lagernde Sinterschichten ermögliche es die komplexe Schichtenfolge in drei knochenführende Horizonte zu gliedern (DUPONT 1866).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Aufriss-Zeichnung der Höhle La Naulette mit Stratigraphie nach E. DUPONT (1866) 11

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 10: Vergitterter Eingangsbereich der Höhle La Naulette (Foto: Verfasser 2015)

Dupont entdeckte in der Höhle La Naulette eine zahnlose menschliche linke Unter- kieferhälfte (Abb. 12) zusammen mit fossilen Resten von Höhlenbär, Mammut, Rentier, Fell- nashorn und von anderen eiszeitlichen Tieren (TRINKAUS & SHIPMAN 1993). Weiterhin fand er eine menschliche Elle, einen dritten Mittelhandknochen und einen Eckzahn (DUPONT 1866). Neuere Untersuchungen von Elle und Mittelhandknochen ergaben, dass sie im Gegensatz zum Kiefer eine größere Ähnlichkeit mit Knochen neuzeitlicher Menschen als mit denen von Neandertalern haben.

Artefakte konnten in der Höhle selbst nicht gefunden werden, jedoch auf deren Vorplatz fand man einige wenige Stücke. Da Dupont als Geologe die spezifische Anatomie des von ihm gefundenen Unterkieferfragments nicht beurteilen konnte, wandte er sich an mehrere Fachwissenschaftler denen besonders das fehlende Kinn bemerkenswert „affenähnlich“ erschien. Andererseits wurde dieser Kieferfund schon bald morphologisch mit dem Neandertalerfund von 1856 in Verbindung gebracht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: Blick in das Innere der Höhle von La Naulette (Foto B. Ahrweiler)

Einige Merkmale des Unterkiefers lassen ihn im Vergleich mit anderen Funden dem Typus Neandertaler zuordnen. Möglicherweise handelte es sich um ein jüngeres weibliches Individuum.

Obwohl der Kiefer von La Naulette auch durch den angesehenen Anatomen Paul Broca als besonders affenähnlich bezeichnet wurde, erkannte dieser ihn als menschlich an. Broca zögerte zwar, Darwins Evolutionstheorie anzuerkennen, bemerkte aber richtig, dass es sich bei diesem Unterkiefer um einen ersten anatomischen Beweis für Darwins Theorie handelte.

Virchow untersuchte mit Genehmigung Duponts das Originalfossil in Brüssel. Er entdeckte nach eigener Aussage eine Knochenwucherung, die er für das fehlende Kinn verantwortlich machte. Alle modernen Untersuchungen des Fossils belegen jedoch übereinstimmend das Fehlen einer solchen Wucherung (TRINKAUS & SHIPMAN 1993).

Obwohl keine Datierung der Funde vorliegt, kann dennoch aus ihrer Position in einer unter fünf Sinterlagen befindlichen Fundschicht auf ein recht hohes Alter geschlossen werden. Es könnte sich um einen Prä-Neandertaler handeln. Seine Morphologie spricht für ein Alter von

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 12: Das Unterkieferfragment von La Naulette seitlich, frontal und von oben betrachtet. (nach E. DUPONT 1866)

ca. 120.000 Jahren (TOUSSAINT et al. 2011). Damit wäre der Fund von La Naulette der älteste bekannte Neandertalerfund Belgiens. Die Höhle ist inzwischen durch ein Gitter gesichert (Abb. 10).

Fundort: Spy d´ Orneau

Die Höhle von Spy, auch bekannt als „Béche-aux-Roches cave", befindet sich auf der linken Uferseite des Orneau, einem Nebenfluss der Maas, nahe der Ortschaft Spy (Provinz Namur).

Das ca. 5 x 6 m große Höhlenportal (Abb. 13) liegt etwa 15 m über dem heutigen Talniveau und öffnet sich in Richtung Süd-Südwest. Der Hauptgang führt etwa 10 m in den Berg hinein. Von ihm zweigen in östlicher Richtung zwei kleinere Seitenräume mit etwa 10 m Länge ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 13: Portal der Höhle von Spy im Mai 2013 (Foto: Verfasser)

Es handelt sich hier wohl um die bekannteste Neandertalerfundstelle Belgiens. Sie hat eine wechselvolle Grabungsgeschichte.

Erste Ausgrabungen wurden bereits 1879 von Alfred Rucquoy durchgeführt. Es folgten in den Jahren 1885 - 1886 umfangreiche Grabungen durch Maximin Lohest (1857-1926) einem Assistenten für Geologie an der Universität Lüttich und Marcel de Puydt (1855-1940). Dieser war Anwalt in der Rechtsabteilung der Stadt Lüttich und Hobby-Archäologe sowie Sammler von Steinwerkzeugen. Bei deren Grabung in der Höhle kamen zwei weitgehend vollständige Neandertalerskelette zutage.

Mit den Ausgrabungen betraute man den ehemaligen Bergmann Armand Oban. Dieser trieb, nur von Kerzen beleuchtet, regelrechte Stollen durch die Sedimente der Höhle und des Höhlenvorplatzes. Die dabei abgetragenen Lehmschichten wurden in Körben gesammelt und nahe des Höhleneinganges nach Steingeräten oder Knochenresten durchsucht. Aus dama- liger Sicht waren die Ausgrabungen gut organisiert und später ebenso gut dokumentiert, wodurch die Fachwelt von einem hohen Alter der Funde überzeugt werden konnte.

Julien Fraipont, (1857-1910) ein Paläontologe der gerade zum Professor an der Universität Lüttich ernannt worden war, wurde später hinzugezogen. Er war sofort von der „wunder- baren Entdeckung“ begeistert, beschrieb die menschlichen Skelette und bestimmte die Tierknochen von Mammut, Wollnashorn, Rentier, Riesenhirsch, Auerochse, Bison, Pferd, Höhlenbär, Höhlenhyäne, Höhlenlöwe, Vielfraß, Fuchs, Wildschwein, Dachs, usw. (NARR 1968, TOUSSAINT et al. 2011)

In den Jahren 1903 bis 1909 folgten Kontrollgrabungen, veranlasst durch das Königliche Museum für Kunst und Geschichte, sowie 1927 bis 1933 durch J. Hamal-Nandrin von der Universität Lüttich. Von 1948 bis 1956 führte dann F. Twisselmann vom Königlich Belgischen Institut für Naturwissenschaften auf dem Vorplatz der Höhle erneut Ausgrabungen durch. Bisher letzte Kontrollgrabungen erfolgten durch M. Dewez zwischen 1979 und 1981 (TOUSSAINT et al. 2011). Danach wurde der Fundort Spy unter Denkmalschutz gestellt.

Nach der von Lohest im Jahre 1886 dokumentierten Schichtenfolge (FRAIPONT & LOHEST 1887) können die etwa 4 - 5 m mächtigen Ablagerungen im Bereich „Haupthalle" der Höhle und deren Vorplatz in sechs Straten untergliedert werden (Schichten A - F).

In der Schicht A fand man keine Tierknochen. Sie wird nach den gefundenen Kulturresten in die Mittel- und Jungsteinzeit gestellt. In Schicht B fanden sich hingegen Knochen von Höhlenbär, Höhlenhyäne, Mammut und Wolf. Nach den Artefakten handelt es sich um Material aus dem Jungpaläolithikum (Gravettien und Magdalénien).

Schicht C lieferte sowohl Tierknochen eiszeitlicher Arten wie auch Steinartefakte. Archäologisch konnte der obere Teil in das Jungpaläolithikum (Aurignacien) und der mittlere sowie untere Teil der Schicht C in das Mittelpaläolithikum (spätes Moustérien beziehungsweise Blattspitzengruppe) datiert werden. Auch die Schicht D wird dem Mittelpaläolithikum zugewiesen. Es fanden sich hier Tierknochen vom Auerochsen, Höhlenlöwen, Wildpferd und Vielfraß (ROSENDAHL & ROSENDAHL 2006).

Die Schichten E und F datieren archäologisch in das Mittelpaläolithikum (Charentien und Moustérien de tradition acheuléenne) nach ULRIX-CLOSSET 1975.

[...]

Details

Seiten
31
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668251601
ISBN (Buch)
9783668251618
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334730
Note
Schlagworte
Neandertaler Belgien Höhlenfunde

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Neandertaler-Funde in den Höhlen Belgiens