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Sportliche Aktivität und Stressregulation. Grundlagen, Wirkmechanismen und Studienbeispiel

Ausarbeitung 2013 17 Seiten

Psychologie - Biologische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Grundlagen zu Stress
2.1 Stress und Stressreaktion
2.2 Exkurs: Physiologische Stressreaktion
2.3 Stressmessung

3. Allgemeine Grundlagen zu sportlicher Aktivität
3.1 Definition sportlicher Aktivität
3.2 Messung sportlicher Aktivität

4. Effekte und Wirkmechanismen von Sportaktivität auf Stress
4.1 Die Cross-Stressor-Adaptation-Hypothese

5. Beispielstudie zum Thema Sport und Stress (Rimmele et al., 2007)

6. Literatur

1. Einleitung

Um die Effekte von Sportaktivität auf die Stressregulation zu beurteilen, bedarf es zunächst einer Definition von Stress und Sportaktivität. Im Folgenden wird zunächst das Thema Stress und die damit zusammenhängende Stressreaktion genauer betrachtet und anschließend näher auf das Thema Sportaktivität eingegangen. Dieser Überblick ist Voraussetzung und Grundlage der darauf folgenden Betrachtung des Einflusses von sportlicher Aktivität auf die Stressreaktivität und -regulation. Neben inhaltlichen Ergebnissen stehen auch methodische Aspekte der Stressmessung im Mittelpunkt, wobei auf die Messung des Speichelkortisols genauer eingegangen wird.

2. Allgemeine Grundlagen zu Stress

2.1 Stress und Stressreaktion

Zunächst sollte geklärt werden, was unter dem Begriff Stress zu verstehen ist. Lazarus & Folkman (1986, S. 63) formulieren dies wie folgt: “Stress bezeichnet eine Beziehung mit der

Umwelt, die vom Individuum im Hinblick auf sein Wohlergehen als bedeutsam bewertet wird, zugleich Anforderungen an das Individuum stellt, die dessen Bewältigungsmöglichkeiten beanspruchen oder überfordern”. Diese zunächst sehr allgemeine Definition von Stress lässt erahnen, dass Stress ein komplexes Konstrukt ist, das auf vielen Ebenen in Erscheinung treten kann. Es sind also, neben Merkmalen der Situation, auch Einschätzungen und Bewertungen seitens der Person dafür verantwortlich, ob eine Situation als Stress wahrgenommen wird oder nicht. Basis vieler Überlegungen auf dem Gebiet der Stressforschung ist die Transaktionale Stresstheorie von Lazarus und Folkman (1984). Zentrale Prozesse der Stressentstehung sind nach diesem Modell individuelle Bewertungen der situativen Anforderungen und der persönlichen Ressourcen. Durch das sogenannte primary appraisal schätzt die Person die Relevanz der Situation ein. Je relevanter die Situation für die Person ist, desto eher kann es zu Stresserleben kommen. Das darauf folgende secondary appraisal beschreibt die Bewertung bzw. den Vergleich von Anforderungen und zu Verfügung stehenden Ressourcen. Je weniger die eigenen Ressourcen den Anforderungen genügen, desto eher kommt es zu einer Stressreaktion der Person. Zusammenfassend kann Stress laut Leka, Griffiths & Cox (2004) daher auch als „Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und den auf eine Person einwirkenden Druck auf der einen Seite und deren Wissen und Fähigkeiten auf der anderen Seite“ beschrieben werden.

Bis jetzt wurde als Stressauslöser eine nicht näher spezifizierte Situation, die Anforderungen an die Person stellt, angenommen. Stressoren sind somit „Störgrößen, die das psychische und physische Gleichgewicht in irgendeiner Form gefährden“ (Renneberg, Erken & Kaluza, 2009). Je nach Schweregrad können Stressoren laut Renneberg, Erken und Kaluza (2009) in Traumatische Ereignisse (z.B. Vergewaltigung, Krieg, Unfälle, etc.), Kritische Lebens-ereignisse (z.B. Arbeitsplatzverlust, Tod eines Angehörigen, Pubertät, Schwangerschaft, etc.) und allt ägliche Belastungen (z.B. Konflikte mit Mitmenschen, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, Lärm, etc.) eingeteilt werden.

Neben verschiedenen Stressauslösern, können auch verschiedene Ebenen der Stressreaktion unterschieden werden. Eine Einteilung in eine körperliche, eine emotionale und eine Verhaltensebene, auf welchen sich die Stressreaktion zeigt, machten auch Lazarus und Folkman (1984). Reimann und Pohl (2006) fassen die physischen und psychischen Stressreaktionen wie folgt zusammen: Auf körperlicher Ebene zeigen sich Reaktionen wie Atembeschleunigung, erhöhte Muskelanspannung, erhöhte Gerinnungsfähigkeit des Blutes, erhöhter Herzschlag, erhöhter Blutdruck, etc., wohingegen auf kognitiv-emotionaler Ebene Reaktionen wie innere Unruhe, Gereiztheit, Hilflosigkeit und Konzentrationsstörungen festzustellen sind. Effekte chronischen Stresses untersuchten beispielsweise Kirschbaum und Heinrichs (2011) und beschreiben negative Auswirkungen auf das Immunsystem, was eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit als Folge hat.

Die physische Stressreaktion soll im Folgenden genauer betrachtet werden, da sie für die Beurteilung der Effekte von sportlicher Aktivität eine wichtige Rolle spielt. Im Bereich der biologischen Stressforschung werden oft Reaktionsmodelle als Grundlage verwendet, welche Anpassungsreaktionen des Organismus in Folge einer Stresssituation beschreiben. Als bekanntester Vertreter dieser Ansätze ist das Allgemeine Anpassungssyndrom von Selye und Fostier (1950) zu nennen. Selye beschreibt Stress als „unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung“ (Selye, 1973). Unterteilt wird die Reaktion des Organismus auf Stress laut Selye in drei Phasen: Alarmreaktion, Widerstandsstadium und Erschöpfungsstadium. Die Alarmreaktion führt zu einer schnellen Mobilisation der Bewältigungskräfte des Organismus, welche im Widerstandsstadium eine Auseinandersetzung mit der Stresssituation ermöglichen. Dieses Stadium ist jedoch nicht unendlich aufrechtzuerhalten, wodurch es bei chronisch anhaltendem Stress nach Selye zum Erschöpfungsstadium kommt, in welchem eine adäquate Bewältigung des Stresses nicht mehr möglich ist. Eine genauere Abhandlung des Allgemeinen Anpassungssyndroms würde den Rahmen dieser Arbeit jedoch übersteigen. Wie auch in Selyes Ansatz stellen physiologische Mechanismen als Antwort auf einen Stressreiz einen zentralen Aspekt der Stressreaktion dar. Diese physiologischen Mechanismen sollen im Folgenden Exkurs genauer betrachtet werden.

2.2 Exkurs: Physiologische Stressreaktion

Die bereits angesprochene physiologische Stressreaktion wird maßgeblich von der Aktivität zweier Steuerungssysteme des Organismus bestimmt: dem Sympathikus als Teil des autonomen Nervensystems und der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA). Nach Kirschbaum und Heinrichs (2011) wirken sich diese Steuerungssysteme bei Stress wie folgt auf den Organismus aus: Eine Stimulation des Sympathikus bewirkt in den meisten Organsystemen eine Aktivierungssteigerung (z.B. beschleunigter Herzschlag, Pupillendilatation, etc.). Ein zentraler Mechanismus des Sympathikus ist die Stimulation der Nebenniere (Nebennierenmark). Im Bezug auf die angesprochene Stressreaktion ist die Ausschüttung der Aminhormone Adrenalin und Noradrenalin (vor allem durch das Nebennierenmark) entscheidend. Laut Gerber (2012) kann die Sekretion von Adrenalin und Noradrenalin durch das Nebennierenmark bei emotionalem Stress ein Vielfaches des Ruhezustandes betragen und fällt nach Strobel (2002) umso höher aus, je unbekannter der Stressor ist.

Neben der Sympathikus-Aktivität ist die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse als zweiter wichtiger Faktor der physiologischen Stressreaktion zu nennen. Die Ausschüttung des Steroidhormons Kortisols über die CRH-ACTH-Kortisol-Achse (CRH = Kortikotropin-Releasing-Hormon; ACTH = Adrenokortikotropes Hormon) ist bei Eintreten einer Stresssituation charakteristisch. In den letzten Jahren wurde die Rolle des Neuropeptids Oxytozin, unter anderem auf die Stressreaktion, intensiv untersucht (z.B. Heinrichs, Baumgartner, Kirschbaum & Ehlert, 2003), eine genauere Betrachtung würde den Rahmen dieser Arbeit jedoch übersteigen. Die Messung von (Speichel-)Kortisol ist eine praktikablere Methode, endokrine Stressparameter zu erfassen und spielt in der momentanen Praxis der Stressforschung eine wichtige Rolle, weshalb der Fokus im Folgenden auf dieser Methode liegt.

2.3 Stressmessung

Um Stress messen zu können, muss zunächst eine Form von Stressinduktion erfolgen. Der Trier-Social-Stress-Test (TSST) ist ein standardisiertes Verfahren um Personen mit einer psychosozialen Belastungssituation zu konfrontieren (Kirschbaum, Pirke & Hellhammer, 1993). Um gleichzeitig mehrere Personen dieser Stressinduktion zu unterziehen, wurde von von Dawans, Kirschbaum und Heinrichs (2011) eine Gruppenversion dieses Tests entwickelt, der TSST-G. Als Stressor dient die intensive Bewertungswahrnehmung der Teilnehmer, welche vor einem Gremium meist ein Bewerbungsgespräch sowie eine Kopfrechenaufgabe absolvieren müssen. Der TSST(-G) induziert zuverlässig subjektive und physiologische Stressreaktionen wie Angst, Unruhe, Anstieg von Kortisol, ACTH, Noradrenalin und Adrenalin, sowie ein Anstieg der Herzrate (Kirschbaum & Heinrichs, 2011).

Zu standardisierten Zeitpunkten (vor, während und nach dem Test) werden neben subjektiven psychischen Stressparametern wie Angst und Unruhe (in Form von Fragebögen) auch Parameter der physiologischen Stressreaktion, sowohl der Sympathikus-Nebennierenmark-Achse in Form von Herzrate (bei Stress erhöht), als auch der HHNA z.B. durch Kortisol-messung im Blut oder Speichel erhoben (Kirschbaum & Heinrichs, 2011). Diese Parameter ermöglichen somit eine Beurteilung der Stressreaktion hinsichtlich Intensität und Verlauf.

Von Dawans, Kirschbaum und Heinrichs (2011) beschreiben signifikante Unterschiede zwischen Interventionsbedingung (TSST-G-Exposition) und Kontrollbedingung hinsichtlich Kortisollevel, Herzfrequenz und psychologischen Stressparametern (höher bei Interventions-gruppe). Beispielhaft ist in Abbildung 1 der von von Dawans, Kirschbaum und Heinrichs (2011) erhobene Verlauf des Speichelkortisols dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Vergleich der Kortisolmittelwerte von Interventionsbedingung (TSST-G) und Kontroll-bedingung (Control). Der graue Bereich stellt die Zeit der Stressexposition dar. (von Dawans, Kirschbaum & Heinrichs, 2011)

Wie bereits angesprochen, erfolgt die Messung des Kortisolspiegels mittlerweile vermehrt in Form einer nicht-invasiven Speichelabnahme. Die Konzentration des Speichelkortisols ist laut Kirschbaum und Heinrichs (2011) nahezu identisch mit der Kortisolkonzentration im Blut, da Kortisol, als Steroid, passiv in alle Körperzellen gelangt. Einen guten Überblick der Vorteile von Speichelkortisolmessung für die psychologische Forschung (einfache, stress- und schmerzfreie Erhebung) geben Kirschbaum und Hellhammer (1989). Den Ablauf einer solchen Speichelprobengewinnung fassen Kirschbaum und Heinrichs (2011) wie folgt zusammen:

„Eine kleine Zelluloserolle wird für wenige Sekunden in der Mundhöhle bewegt und saugt so Speichel auf. Sie wird anschließend in ein Plastikröhrchen gesteckt und bis zur Analyse dort aufbewahrt. Alternativ kann auch Speichel direkt in ein Probengefäß abgegeben werden.“

Neben der angesprochenen Kortisolmessung, erfolgt im Rahmen eines Stresstests meist auch die Erhebung der Herzfrequenz, als Parameter der Stressreaktion des autonomen Nervensystems (s.o.). Auch diese Messung lässt sich unkompliziert und relativ günstig durchführen, da meist, wie beispielsweise bei Rimmele (2007), kommerziell erhältliche (Sport-) Pulsuhren (z.B. von Polar, Garmin, Beurer, Sigma oder Suunto) verwendet werden können. Diese sehr simple Methode der Herzfrequenzerfassung liefert dennoch relativ genaue Ergebnisse, da die Herzfrequenz mehrmals pro Sekunde abgeleitet werden kann.

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Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668247369
ISBN (Buch)
9783668247376
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334644
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Psychologie
Note
Schlagworte
Sportpsychologie Stressreaktivität Stressreaktion Stressregulation Stress Sport Kortisol Sportliche Aktivität Stresspuffer

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Titel: Sportliche Aktivität und Stressregulation. Grundlagen, Wirkmechanismen und Studienbeispiel