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Selbstverwaltete Betriebe der 1970er und 1980er Jahre. Ein Gründungsboom und seine Ursachen

Hausarbeit 2016 23 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung:

2. Selbstverwaltung und Genossenschaft
2.1. Genossenschaften:
2.2. Selbstverwaltete Betriebe (SB) der 70er und 80er Jahre

3. Selbstverwaltete Betriebe und Linksalternatives Milieu
3.1. Die Arbeiterselbsthilfe Frankfurt
3.2. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen für eine Betriebsgründung
3.3. Die Schrotbäckerei Wiesbaden
3.4. Die ‚Genossenschaftshütte‘

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Quellen:

1.Einleitung:

Toll: Hier ist der Lehrling sein eigener Chef[1] titelte der Düsseldorfer Express 1986 mit 2 cm hohen Lettern und veröffentlichte einen begeisterten Artikel mit Bild über eine selbstverwaltete Schreinerei. Selbstverwaltete Betriebe hatten zu dieser Zeit ein durchaus positives Image, sogar in der Boulevardpresse. Seit Anfang der 80er Jahre waren sie Objekt zahlloser Studien, produzierten aber auch selber reichlich Statements, Programmentwürfe, Selbstdarstellungen. Diese dienten einerseits der Kommunikation untereinander, zum anderen aber sollten sie auch in die Arbeits- und Lebenswelt der ‚normalen‘ Menschen hineinwirken. Mit dem selbstverwalteten Betrieb waren große Erwartungen und Befürchtungen verbunden. Für die einen bedeuteten sie den ersten Schritt in Richtung Sozialismus, die Befreiung des Menschen von entfremdeter Arbeit, für die anderen waren sie ein Hort kommunistischen Schlendrians. Aber auch die offizielle Politik erhoffte sich nützliche Effekte. Schließlich schafften sie Arbeitsplätze, oft für sonst schwer vermittelbare Personen. Vielleicht konnten sie einen Beitrag zur Reduzierung der konstant hohen Zahl von Langzeitarbeitslosen leisten. So gab Dr. Friedhelm Farthmann, damals Arbeitsminister in Nordrhein-Westfalen, eine Studie über Alternative Betriebe in NRW in Auftrag.[2] Es ist schwer, die tatsächliche Anzahl solcher Betriebe und den darin Beschäftigten zu erfassen. Schließlich wurden sie in keiner offiziellen Statistik gesondert ausgewiesen. Verschiedene Untersuchungen kamen mal zu einer Gesamtzahl der Projekte von 11.500 Betrieben mit 80.000 Mitarbeitern (1980), mal auf 18.000 Betriebe mit 200.000 Beschäftigten (1986)[3]. Die große Aufmerksamkeit, die sie genossen, und ihre nicht zu vernachlässigende Größe rechtfertigen es, sich näher mit der Frage, welche besonderen sozialen und politischen Bedingungen diesen Gründungsboom ermöglichten, zu befassen.

Eine verwendete Quelle ist ein historischer Rückblick über die Entwicklung des Projekts ‚Krebsmühle‘, das aus dem selbstverwalteten Betrieb ASH[4] entstand. Darin wird auch eine 1983 verfasste Broschüre der ASH verwendet, die die ersten 8 Jahre des Projekts beschreibt. Der oder die VerfasserInnen werden nicht persönlich genannt, sondern erscheinen nur als „Krebsmühle“. Im Impressum der Webseite wird Karl Bergmann als Inhaber des Copyright des gesamten Internetauftritts genannt. Die zweite Quelle ist eine Ausgabe einer Zeitung (Wir wollen’s anders), die insgesamt 6 mal erschien und der Kommunikation zwischen verschiedenen ‚alternativen Projekten‘ dienen sollte. Von der verwendeten Literatur möchte ich hier nur drei Arbeiten erwähnen, die in den letzten Jahren erschienen: Sven Reichardt befasst sich in seiner Monographie „Authentizität und Gemeinschaft“ mit dem linksalternativen Leben der 70er und frühen 80er Jahre. Selbstverwaltete Betriebe waren in gewisser Weise ein Produkt dieses Milieus. Die beiden anderen Arbeiten, ein Sammelband, herausgegeben von Thomas Raithel, Andreas Rödder und Andreas Wirsching, und eine Monographie von Anselm Doering-Manteuffel haben die Zeitgeschichte der Bundesrepublik seit 1970 zum Thema.

‚Kollektivbetriebe‘ wurden in den 70er und 80er Jahren in der ganzen westlichen Welt gegründet. Diese Arbeit beschränkt sich auf die damalige Bundesrepublik. Zeitlich wird sie eingegrenzt von den ersten Krisenjahren Anfang der 70er und dem Verschwinden dieser Betriebe aus dem öffentlichen Bewusstsein zum Ende der 80er. Deren Hochzeit lag etwa zwischen 1975 und 1985. Im ersten Teil der Arbeit gebe ich nach einem kurzen Rückblick auf die Genossenschaften eine Definition des Begriffs „Selbstverwalteter Betrieb“ und grenze diese von den Genossenschaften ab. Dabei ist der Begriff des ‚linksalternativen Milieus‘ von Bedeutung, der in der Folge erläutert wird. Weiter werde ich am Beispiel zweier Betriebe die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der 70er Jahre hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Thema beleuchten und zuletzt einen anderen Typ des selbstverwalteten Betriebs vorstellen, bei dem die Belegschaft eines bestehenden Betriebs diesen nach drohender Schließung übernehmen.

2. Selbstverwaltung und Genossenschaft

Die Bezeichnung „Selbstverwalteter Betrieb“ (SB) ist ein schillernder Begriff. In den 70er Jahren sprach man auch vom „Alternativbetrieb“ oder auch mal von einem „Kollektiv“ in Verbindung mit einem, die Tätigkeit näher beschreibenden Bestimmungswort, wie z.B. Druckerkollektiv. , Schreinerkollektiv. oder Bioladenkollektiv. In der Literatur hat sich meistens der „Selbstverwaltete Betrieb“ durchgesetzt[5]. So soll es auch in dieser Arbeit gehalten werden. Was zeichnet nun einen solchen Betrieb im Unterschied zu einem herkömmlichen aus? Der Name deutet schon an, dass es im Wesentlichen um die Art und Weise der Betriebsführung geht. Das Selbst, das hier verwaltet, ist die Gemeinschaft der im Betrieb Arbeitenden. Es gibt keine herausragende Person, die als Eigentümer der Produktionsmittel die Entscheidungsgewalt über den Betrieb und die darin Arbeitenden hat. Diese und nicht ein Kapitaleigner bestimmen in einem demokratischen Verfahren über alle Fragen der Geschäftsführung. Darüber hinaus soll das Kapital Gemeineigentum sein, besser noch das Eigentum liegt getrennt vom Betrieb bei einer anderen Instanz, z.B. einem Verein. Darüber hinausgehende Prinzipien, wie sie manchmal als kennzeichnend für SBs aufgestellt werden, können, müssen aber nicht im realen Betrieb angetroffen werden. Von Loesch z.B. zählt als weitere Punkte auf: Gleicher Lohn, Rotationsprinzip, Zusammenleben aller Mitarbeiter, eingeschränkter Konsum, Herstellung ausschließlich nützlicher Produkte, keine Konkurrenz mit anderen SBs.[6]

2.1. Genossenschaften:

Auch wenn es den ‚Gründern‘ der 70er und 80er Jahre in aller Regel nicht bewusst war, gab es solche Gedanken bereits früher. An dieser Stelle seien die utopischen Sozialisten des ausgehenden 18. und beginnenden 19.Jhdts nur erwähnt. Deren Vorstellungen von der Selbstverwirklichung des Menschen, Abschaffung des Privateigentums und demokratischer Entscheidungsstrukturen nehmen viele Gedanken der ‚Alternativen‘ vorweg[7].

Von größerer praktischer Bedeutung sind die Genossenschaften, die im 19. Jhdt. gegründet wurden[8]. Im Zuge der Industrialisierung und der Gewerbefreiheit mussten viele Handwerker ihre bisher selbständige Tätigkeit aufgeben und als Arbeiter in die Fabriken gehen. Die Abschaffung der Zünfte beendete nicht nur viele Hemmnisse für die Gewerbeausübung, sondern bedeutete auch ein Ende einer sozialen Sicherung der Zunftmitglieder, der Qualitätskontrolle für ihre Produkte und Rohstoffe und der Regelung der Berufsausbildung. Diese Aufgaben sollten nach Herrmann Schulze-Delitzsch[9] freie Zusammenschlüsse der Handwerker übernehmen. Zentral war dabei der Gedanke der Selbsthilfe der Mitglieder. Diese unter dem Namen ‚Genossenschaft‘ bekannt gewordenen Zusammenschlüsse erfüllten jeweils einen bestimmten Zweck. Am Anfang stand die Gründung einer Kranken- und Sterbekasse, später kamen Einkaufsgenossenschaften dazu, die es den Mitgliedern erlaubten, ihr Material günstiger einzukaufen, und Kreditvereine, die Investitionen möglich machen sollten. Zwei Prinzipien werden formuliert, die die Genossenschaft für lange Zeit erfolgreich machen: 1. Die Leistungen der Genossenschaft stehen ausschließlich den Mitgliedern zur Verfügung und 2. Alle Mitglieder haften gemeinsam für die Verbindlichkeiten der Genossenschaft.[10] Eine besondere Art der Genossenschaft ist die Produktionsgenossenschaft. Während alle anderen Zusammenschlüsse nur Dienstleistungen für sonst selbständige Handwerker erbringen, geben deren Mitglieder ihr individuelles Eigentum an den Produktionsmitteln auf und werden zu ihren eigenen Arbeitnehmern. Außerdem werden keine Nichtmitglieder als Arbeitnehmer beschäftigt.

Schulze-Deliztschs Genossenschaften vertraten in erster Linie den bedrängten unteren Mittelstand, die kleinen Händler und Handwerker. Um die Mitte des 19.Jhdts. entstanden aber auch Konsumgenossenschaften, deren Interesse darin bestand, ihre Mitglieder als Verbraucher mit günstigen Lebensmitteln zu versorgen. Die Haltung von SPD und Gewerkschaften den Genossenschaften gegenüber war von Anfang an zwiespältig. Einerseits galten die Genossenschaften als untauglich, die Lage der Arbeiter als Ausgebeutete grundsätzlich zu ändern, da sie ja nur im Bereich der Reproduktion die größte Not lindern könnten[11]. Genossenschaften konnten aber andererseits zeigen, „ daß ein demokratisches System der Assoziation von freien und gleichen Produzenten die Unterjochung der Arbeit unter das Kapital aufheben kann.“[12] Nach dem ersten Weltkrieg gründeten die Gewerkschaften eigene Unternehmen, die dem Prinzip der Gemeinwirtschaft folgten. Zweck der Unternehmen war nicht die Profitmaximierung, wie bei privatwirtschaftlichen Unternehmen, sondern die Gewährleistung einer Grundversorgung mit Lebensmitteln und Wohnungen. In den 20er Jahren waren ca. 40 % der Haushalte Mitglied einer Konsumgenossenschaft.[13] Außerdem sollte diese Wirtschaftsform allmählich den Kapitalismus verdrängen.[14]

2.2. Selbstverwaltete Betriebe (SB) der 70er und 80er Jahre

Die SBs, die in diesen Jahren gegründet wurden, waren, wie die Genossenschaften des 19.Jhdts., eine Antwort auf sehr ähnliche Probleme. Deshalb unterstellen manche Autoren eine Kontinuität von den Produktionsgenossenschaften des 19.Jhdts. zu den SBs der 70er Jahre.[15] Die Gemeinsamkeiten sind aber mehr formaler Natur: Ein Zusammenschluss von Personen betreibt gemeinsam einen Wirtschaftsbetrieb, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die arbeitenden Mitglieder stehen im Mittelpunkt des Interesses.[16]

[...]


[1] Express, S. 23

[2] Vgl. Beywl, Alternative Betriebe in NRW.

[3] Vgl. Reichhardt, S. 322f.

[4] Die Bedeutungen des Kürzels ASH werden auf S.10 erläutert.

[5] Vgl. Heider, S.13 , Loesch, S.4.

[6] Vgl. Loesch, S.8f, auch Beywl, S. 22.

[7] Vgl. Gubitzer, S. 21ff.

[8] Im folgenden Absatz beziehe ich mich auf Schubert, S.127-147

[9] Politiker, Sozialreformer, Genossenschaftsgründer, * 29.8.1808 Delitzsch (Sachsen), † 29.4.1883. Aldenhoff-Hübinger, Rita, "Schulze-Delitzsch, Franz Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 731-732 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118762575.html vom 10.1.16.

[10] Vgl. auch Loesch, S.9-11.

[11] Vgl. Schubert, S. 137f.

[12] Schubert, S. 138.

[13] Vgl. Buckmüller, S.47.

[14] Vgl. Sudrow, Anne.

[15] Vgl. Kramer, Jost, S.125ff.

[16] Ebd. S. 125f.

Details

Seiten
23
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668243149
ISBN (Buch)
9783668243156
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334621
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Selbstverwaltete Betriebe Alternativbetrieb 1970er Jahre 1980er Jahre Genossenschaft Süßmuth Linksalternatives Milieu Neue soziale Bewegung Neue Linke Spontis Undogmatische Linke BRD Wertewandel

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