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Liebe ist Mord. Otto Weiningers Gedankengut als stilistisches Kompositionsmittel in Rainer Maria Rilkes "Dritten Elegie"

von Gesa Born (Autor)

Hausarbeit 2014 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Verhältnis der Motive Natur, Triebhaftigkeit und Herkunft in der „Dritten Elegie“

Rilkes Adoption von Weiningers naturwissenschaftlichem Vokabular

Reduzierung der Frau auf den Zweck der Kuppelei in beiden Werken

Weiningers These „Liebe ist Mord“ in der „Dritten Elegie“

Fazit

Bibliografie

Einleitung

Diese Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Die Dritte Elegie“1 bei der Auswahl seiner lyrischen Kompositionsmit- tel von den polarisierenden Thesen aus Otto Weiningers Geschlecht und Charakter be- einflusst wurde.

„Die Dritte Elegie“ entstand im Spätherbst 1913 in Paris2, als eine der zehn „Duineser Elegien“, die im Zeitraum zwischen 1912 und 1922 verfasst wurden3 und thematisiert das triebhaft Erotische.4

Das 1903 in Wien veröffentlichte Buch Geschlecht und Charakter ist eine „prinzipielle Untersuchung“ über die Natur von Mann und Frau und unternimmt es, „das Verhältnis der Geschlechter in ein neues Licht zu rücken.“5 Das Werk wurde vielfach für seinen Frauen- und Judenfeindlichen Inhalt kritisiert. Jacques Le Rider charakterisiert es als „ein schreckliches Pandämonium, voll der schlimmsten Fanatismen: Antifeminismus, Antisemitismus, Begeisterung für eine irrationale Metaphysik.“6

Unter Berücksichtigung stilistischer Mittel wird im Folgenden die Hypothese untermauert, dass die Interpretation der „Dritten Elegie“ genau wie Otto Weiningers These in Geschlecht und Charakter darin mündet, dass „Liebe Mord ist“7 und damit „der Koitus der Idee der Menschheit widerspricht“.8

Hierzu werden im Folgenden wiederkehrende Motive in Rilkes Gedicht und deren Gewichtung für die Klärung der Hauptfrage herausgearbeitet. Danach wird besonderes Augenmerk auf das Vokabular in beiden Werken gelegt, sowie anschließend auch auf die Art und Weise wie ein ähnliches Frauenbild in beiden Werken skizziert wird. Im letzten Kapitel wird die Kernaussage des Gedichts mit den finalen Thesen aus Ge- schlecht und Charakter verglichen.

Verhältnis der Motive Natur, Triebhaftigkeit und Herkunft in der „Dritten Elegie“ Dass eine strukturierende Opposition zwischen dem Reinen und dem Triebhaften vorliegt, fällt direkt zu Beginn des Gedichts anhand der antithetischen Konstruktion auf: „Eines ist, die Geliebte zu singen. Ein anderes, wehe, jenen verborgenen schuldigen Fluß-Gott des Bluts“ (Vers 2). Das Mädchen hat ein „reines Gesicht“ (Vers 13). und wird mit „Frühwind“ verglichen (Vers 19). Bei der personifizierten Triebhaftigkeit in Form von „Neptun“, hingegen, dem „Herren der Lust“ (Vers 4), oder auch dem „FlußGott des Bluts“, der die Attribute „verborgen“ und „schuldig“ trägt (Vers 2), wird der Wind-Vergleich zwar aufgegriffen, diesmal handelt es sich jedoch nicht um einen Frühwind sondern um einen „dunkele[n] Wind“ (Vers 9).

Als die Geliebte den Jüngling „anstößt“ (Vers 21) und dieser sich daraufhin als „Erleichterte[r]“ (Vers 43) „schlafend, aber träumend, aber in Fiebern“ einlässt, sich hingibt und liebt (Verse 48-49), ist von der Interpretation des Geschlechtsverkehrs der beiden auszugehen. Ab da scheint die Triebhaftigkeit ihn von innen heraus zu packen und zu fesseln, ihn zu „verstricken“ (Vers 50). Was den Jüngling gleichzeitig überkommt sind die „Fluten der Herkunft“ (Vers 47).

Zu untersuchen ist, warum Rilke sowohl für die triebhafte Leidenschaft als auch für die Herkunft des Jünglings die gleiche Metaphorik verwendet, nämlich die des fließenden Gewässers. Wird die Leidenschaft zwar durch das Mädchen „angestoßen“ (Vers 21), so wird sie aber im Endeffekt nicht durch sie, sondern durch seine Herkunft, durch seine Mutter freigesetzt.

Hinweis dafür, dass die Mutter bei der Erwartungshaltung des Jünglings hinsichtlich des Geschlechtsverkehrs eine Rolle spielt, liefern die mehrfach interpretierbaren Verse: „Du nicht hast ihm, wehe, nicht seine Mutter hat ihm die Bogen der Braun so zur Er- wartung gespannt“ (Verse 14-15). Weder die Geliebte noch die Mutter des Jünglings haben ihm also die Spannung auf den Geschlechtsverkehr vermittelt. Liest man den Satz aber erneut unter Vernachlässigung der Kommata, so ist es nicht die Geliebte, sondern die Mutter, die dem Jüngling „die Bogen der Braun so zur Erwartung gespannt“ hat.

Noch deutlicher wird dies durch die Inversion: „Nicht an dir, ihn fühlendes Mäd- chen, an dir nicht bog seine Lippe sich zum fruchtbaren Ausdruck.“ (Verse 16-17). Bei dem „berührenden Anstoß“ (Vers 21) sind es außerdem „ältere Schrecken“, die „in ihn stürzten“ (Vers 20).

Eine weitere stilistische Auffälligkeit ist, neben der Verbindung der Herkunft des Jungen mit der Metaphorik des fließenden Gewässers als Verbildlichung der Triebhaf- tigkeit, auch noch die Verstrickung der beiden Bereiche mit dem Wortfeld Natur.

„Weiterschlagende Ranken“ (Vers 51), und „würgende[s] Wachstum“ (Vers 52) scheinen den Jüngling während des Akts im Innern fest im Griff zu haben. Diese Ran- ken sind „schon zu Mustern“ und „tierhaft jagenden Formen“ verschlungen (Verse 52- 53), wie als könnte der Jüngling nicht anders, als in seiner Lust einer Art vorgegebenen Schablone zu folgen. Die Aussage, dass der Jüngling sich „nimmt“ und sich „beginnt“ (Vers 24) wird augenblicklich durch die provozierende Frage relativiert: „Aber begann er sich je?“ (Vers 25). Antwort liefern die darauf folgenden Verse. Nicht der Jüngling ist es, der sich autonom „beginnt“, es war seine Mutter, die ihn „anfing“ (Vers 26).

Weiterhin werden Naturmetaphern mit dem Thema der Leidenschaft verknüpft, als beschrieben wird, wie der Jüngling während des Geschlechtsverkehrs sein „Inneres, seines Inneren Wildnis“ liebt, „diesen Urwald in ihm“ (Verse 54-55). „Urwald“ ist hier das von Rilke gewählte Wort, das die drei Motive Natur, Herkunft und Triebhaftigkeit vereint. Der Jüngling liebt etwas, das ihm seit Urzeiten inne wohnt. Die Leidenschaft in ihm scheint eine tierische, tief verwurzelte Kraft zu sein, die ihn veranlasst, sein Inneres zu verlassen (Vers 56) und hinab in das „ältere Blut“ zu steigen (Vers 59). Was er dort vorfindet, sind seine Vorfahren, seine „Väter“ (Vers 60). Auch das „Furchtbare“, „Schreckliche“ oder „Entsetzliche“ (Verse 60-62) begegnet ihm dort in personifizierter Form als zärtlich lächelnde Mutter:

[...]


1 Vgl. Rilke, Die Gedichte, S. 637

2 Vgl. Engel, Lauterbach, Rilke-Handbuch, S. 372

3 Vgl. Engel, Lauterbach, Rilke-Handbuch, S. 365

4 Vgl. Engel, Lauterbach, Rilke-Handbuch, S. 372

5 Vgl. Weininger, Geschlecht und Charakter, S. V

6 Vgl. Le Rider, Der Fall Otto Weininger, S. 7

7 Vgl. Weininger, Geschlecht und Charakter, S. 332

8 Vgl. Weininger, Geschlecht und Charakter, S. 459

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668240841
ISBN (Buch)
9783668240858
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334555
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Rilke Rainer Maria Rilke Otto Weininger Weininger Lyrik Lyrikanalyse Duineser Elegien Elegien Dritte Elegie

Autor

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    Gesa Born (Autor)

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