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Ethnische Konflikte in Spanien. Warum wendeten die baskischen Nationalisten Gewalt an und die katalanischen nicht?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 14 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffserläuterungen
2.1 Ethnie
2.2 Separatismus und Autonomismus

3 Theorie von Minderheitenkonflikten nach Ted Robert Gurr

4 Geschichtliche und strukturelle Unterschiede zwischen beiden Regionen
4.1 Baskenland
4.2 Katalonien

5 Angewandte Theorie
5.1 Kollektive Handlungsanreize
5.2 Fähigkeit zu Kollektivem Handeln

6 Resümee

7 Bibliographie

1 Einleitung

Nach Jahrzehnten des baskischen Terrorismus gegen die spanische Zentralregierung verkündete die baskische Terrororganisation ETA (Euskadi ta Askartasuna[1] ) am 20. Oktober 2011, die definitive Beendigung ihrer bewaffneten Aktivitäten[2]. Damit endet die Epoche des sog. baskischen Konflikts, der nicht nur auf die Iberische Halbinsel begrenzt war, sondern bis weit nach Zentraleuropa reichte (vgl. Niebel 2009, 7). Einige Politiker, wie beispielweise Frankreichs Botschafter in Madrid, Marc Bonnefous, gingen gar soweit, das Baskenland als den „Krisenherd Nr.1“ (vgl. ebd.) innerhalb der europäischen Union zu bezeichnen. So starben zwischen dem 2. August 1968 und dem 22.September 2008 857 Personen bei ETA-Anschlägen (vgl. ebd., 187).

Im Kontrast dazu stand das ebenfalls stets um (mehr) Autonomie strebende Katalonien. Diese beiden Regionen sind besonders gut für eine vergleichende Studie geeignet, da es sich um „zwei Großgruppen handelt, die hinsichtlich ihrer Geschichte und Kultur, des Industrialisierungsgrades und gesellschaftlichen Schichtaufbaus sowie schließlich des politischen Systems, demgegenüber sie sich behaupten müssen, überwiegend gemeinsame Züge aufweisen“ (Waldmann 1989, 28). Allerdings unterscheiden sich diese in dem für diese Arbeit zentralen Punkt, dass der ethnische Protest im einen Fall gewaltförmig verläuft, im anderen nicht (vgl. ebd.). Diesbezüglich soll im Rahmen dieser Arbeit zuerst die Form und Intensität des Widerstands im Baskenland und in Katalonien dargestellt werden und die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den regionalen Minderheiten sowie den dazugehörigen Intentionen der jeweiligen Konfliktparteien genannt werden.

Sowohl Katalonien als auch das Baskenland haben unter der Unterdrückung ihrer vom Kastilischen abweichenden kulturellen Eigenart in ähnlicher Form gelitten. Aus einem Rückgriff auf die Geschichte der Untersuchungsregionen lassen sich einige Unterschiede zwischen den Bewegungen beider Regionen erklären (Brinck 1996, 26).

Anschließend soll auf Grundlage des in Punkt 3 vorgestellten Modells Ted Robert Gurrs zur Analyse von Minderheitenkonflikten[3] versucht werden, eine Antwort auf die zentrale Frage zu finden, warum im Falle Kataloniens der Konflikt weitestgehend gewaltfrei ablief, während vom Baskenland über Jahrzehnte hinweg terroristische Anschläge in Richtung Zentralregierung ausgingen.

In Katalonien konzentrierte sich der Widerstand auf die Verteidigung der regionalen Sprache und Kultur, während im Baskenland die Untergrundorganisation ETA das Regime durch Gewaltaktionen herausforderte (Waldmann 1989, 70).

Auf Basis des analytischen Rahmenwerks Gurrs sollen die jeweiligen (möglichen) Anreize zur Gewaltanwendung der jeweiligen Regionen differenzierend dargestellt werden. Vor diesem Hintergrund ist eine historische Betrachtung der Entwicklung beider Untersuchungsregionen zumindest ansatzweise von Nöten. In diesem Zusammenhang sollen desweiteren die Faktoren aufgezeigt werden, die die genannten Anreize beeinflussen oder gar bilden. Weitere Untersuchungsvariablen bilden die von Gurr behandelten Aspekte hinsichtlich der Fähigkeit einer Gruppe zu kollektivem Handeln. Angemerkt sei, dass die regionalistischen Bewegungen beider Untersuchungsgebiete auf sprachräumliche Abgrenzungen verweisen. Dies bedeutet, dass die entlang dieser Untersuchung vorgenommene Betrachtung sich auf ein Baskenland bzw. Katalonien bezieht, wie es vor dem jetzigen Spanien für einige Zeit existierte.

2 Begriffserläuterungen

2.1 Ethnie

Gewöhnlich wird der Begriff „Ethnie“ in der sozialwissenschaftlichen bzw. politikwissenschaftlichen Literatur grob in zwei Richtungen eingeteilt:

[…] einerseits die „Primordialisten“ bzw. „Objektivisten“, die Ethnien und Ethnizität unter Bezug auf „ursprüngliche“ bzw. „objektive“ Gegebenheiten oder Verhaltensdispositionen zu bestimmen versuchen, und andererseits die „Subjektivisten“ bzw. „Konstruktivisten“, die „subjektive“ Deutungsmuster und Prozesse der sozialen „Konstruktion“ von ethnischen Identitäten in den Mittelpunkt stellen (Ganter 1995, 18).

Allerdings können diese Begriffsbildungen lediglich als richtungsbildend bzw. tendenzgebend angesehen werden, da sie keine homogenen Einheiten darstellen. So werden etwa nach der Theorie von Clifford Geertz sechs wesentliche Elemente herauskristallisiert, aufgrund derer sich primordiale Bindungen herausbilden: (Fiktive) Blutsbande, Rasse bzw. phänotypische Körpermerkmale, Sprache, regionale Zugehörigkeit, Religion und Brauch bzw. Tradition (vgl. Geertz 1963, 109).

By a primordial attachment is meant one that stems from the ‘givens‘ – or, more precisely, as culture is inevitably involved in such matters, the assumed ‘givens’ – of social existence: immediate contiguity and kin connection mainly, but beyond them the givenness that stems from being into particular religious community, speaking a particular language, or even a dialect of a language, and following particular social practices (ebd.).

Gerade diese primordialen Aspekte finden des Öfteren Zuspruch bei ethnonationalistischen Gruppierungen. Dies liegt v.a. daran, „daß sie nachvollziehbare Begründungen für die vermeintliche Kohäsionskraft ethnischer Zugehörigkeitsgefühle und Persistenz ethnischer Gruppen anzubieten scheinen“ (Ganter 1995, 33).

Im Gegensatz dazu stehen die konstruktiven bzw. subjektiven Deutungsmuster. Nach der Theorie von Frederik Barth ist das entscheidende Merkmal dieser Klassifizierung ethnischer Gruppen das Kriterium der Selbst- und/oder Fremdzuschreibung von ethnischen Identitäten, welche wiederum dadurch gekennzeichnet sind, dass sie eine Person „in terms of his basic, most general identity, presumptively determined by his origin and background“ (Barth 1969, 13) klassifizieren. Dies bedeutet, dass aus dieser Sichtweise die, u.a. von Geertz dargestellten, objektiven kulturellen Gemeinsamkeiten und Differenzen von nachgeordneter Bedeutung sind. Sie sind lediglich insofern von Relevanz, dass sie in konkreten Handlungskontexten von den Gruppenmitgliedern selbst als signifikant betrachtet werden und gegebenenfalls als Symbole einer ethnischen Unterscheidung eingesetzt werden:

The features that are taken into account are not the sum of ‘objective’ differences, but only those which the actors themselves regard as significant. Not only do ecologic variations mark and exaggerate differences; some cultural features are used by the actors as signals and emblems of differences, others are ignored, and in some relationships radical differences are played down and denied (ebd., 14).

2.2 Separatismus und Autonomismus

Im Grunde genommen bedeutet der Begriff „Autonomie“ nichts anderes als Selbstregierung, welche den Bürgern eines bestimmten Gebiets das Recht auf eine eigene Regierung, ein Parlament und ein Verwaltungsapparat zugesteht. Darüber hinaus besitzen das Baskenland und Katalonien auch einen eigenen Polizeikörper.

Staatliche Autonomie liegt dann vor, wenn ein politisches Gemeinwesen in der Lage ist, die eigenen Angelegenheiten zu regeln, politische Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen, ohne sich ausländischen Einflüssen unterordnen zu müssen. Innerstaatliche Autonomie liegt dann vor, wenn bestimmte Organisationen oder Institutionen mit Selbstverwaltungsrechten ausgestattet sind und ihre Angelegenheiten eigenverantwortlich regeln können (Schubert/Klein 2006; zit. n. Bundeszentrale für politische Bildung 2011a).

Im Falle Spaniens gibt die Verfassung aus dem Jahre 1978 den rechtlichen Rahmen für die späteren Autonomiestatute vor.

Die Verfassung von 1978 sah schließlich eine regionalistische, keine föderalistische Lösung der Autonomiefrage vor. Jede ‚Nationalität‘ und Region hat das Recht auf Selbstverwaltung. Dabei sollte der Begriff ‚Nationalität‘ den Basken, Katalanen und Galiciern vorbehalten bleiben, die sich von den übrigen Spaniern nicht nur historisch, sondern auch sprachlich-kulturell und zum Teil ethnisch unterscheiden (Bernecker 2002, 201).

Dabei ist das grundsätzliche Recht über die Selbstverwaltung in Artikel 2 verankert:

Die Verfassung stützt sich auf die unteilbare Einheit der spanischen Nation, gemeinsames und untrennbares Vaterland aller Spanier, und sie erkennt an und garantiert das Recht auf Autonomie der Nationalitäten und Regionen, die zu ihr gehören und die Solidarität zwischen ihnen allen (zit. n. Niebel 2009, 77).

Im Gegensatz zur Autonomie geht der Begriff „Separatismus“ bzw. „Sezession“ noch einen Schritt weiter. Unter ihm wird im Allgemeinen die Abspaltung einzelner Landesteile aus einem bestehenden Staat, mit dem Ziel, einen neuen souveränen Staat zu bilden, verbunden.

Separatismus bezeichnet die (wirtschaftlich, sprachlich-kulturell oder ethnisch-religiös begründete) politische Absicht eines Teils der Bevölkerung, sich aus einem Staatsverband zu lösen, um einen eigenen Staat zu gründen bzw. sich einem anderen Staat anzugliedern (Schubert/Klein 2006; zit. n. Bundeszentrale für politische Bildung 2011b).

[...]


[1] Dt. „Baskenland und Freiheit“.

[2] Vgl. Erklärung der ETA vom 20. Oktober 2011in El País: http://politica.elpais.com/politica/2011/10/20/actualidad/1319131779_738058.htm (8.l2.2011).

[3] Gurr, Ted Robert. 1970. Why Men Rebel. New Jersey: Princeton University Press.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668240667
ISBN (Buch)
9783668240674
Dateigröße
732 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334539
Note
Schlagworte
Katalonien Baskenland ETA Anschläge Gewalt Spanien Krise ethnisch Konflikte Nationalisten Extremisten

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