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Zur Intertextualität und Intermedialität in ausgewählten Werken von Rammstein

von Maike Weirich (Autor)

Bachelorarbeit 2015 31 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff „Intertextualität"
2.1 Intertextualitätskonzepte

3. Zum Begriff „Intermedialität"
3.1. Intermedialitätskonzept nach Irina Rajewsky

4. „Stripped“
4.1 Intertextualität in „Stripped“
4.2 Intermedialität im Musikvideo zu „Stripped“

5. „Du riechst so gut“
5.1 Intertextualität in „Du riechst so gut“
5.2 Intermedialität im Musikvideo zu „Du riechst so gut“

6. „Rosenrot“
6.1 Goethes „Heidenröslein“ als Prätext
6.1.1 „Schneeweißchen und Rosenrot als Prätext“
6.1.2 „Das schönste Blümerl auf der Welt“ als Prätext
6.2 Intermedialität im Musikvideo zu „Rosenrot“

7. Vergleich der Befunde zu den einzelnen Werken
7.1 Intertextualität
7.2 Intermedialität in den Musikvideos

8. Resümee

9. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Rammstein gilt als eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Bands der Gegenwart – sowohl national als auch international. Die Band zählt zu den wichtigsten Vertretern der Neuen Deutschen Härte und polarisiert zugleich aufgrund kontroverser Liedtexte und umstrittener Bühnenshows, in denen ein immenses Maß an Polytechnik zum Einsatz kommt. Der Zuschauer dieser Bühnenshows wird außerdem oftmals mit viel Nacktheit konfrontiert. Vorwürfe der Rechtsradikalität tauchten erstmals auf, als das Video zum Lied Stripped erschien, in dem Ausschnitte aus Leni Riefenstahls Dokumentation über die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin zu sehen sind. Auch das rollende „R" von Leadsänger Till Lindemann unterstützten diese Vorwürfe. Um selbige zu entkräften, folgte bald darauf das Lied Links-2-3-4 mit folgenden Worten: „Sie wollen mein Herz am rechten Fleck, doch seh’ ich dann nach unten weg, dann schlägt es links. Links!1 ” Die Provokationen in den Liedern, auf der Bühne und in den Videos sind keine politischen Statements, sondern müssen vielmehr als Kunst gedeutet werden. Der Gitarrist Richard Kruspe sagte dazu: „Damit konnte ich wirklich nicht rechnen. Mir ging es ausschließlich um die Ästhetik."2 ….. Der Leser der folgenden Verse mag denken, dass es sich hierbei um Zeilen aus einem Gedicht Goethes oder eines anderen Dichters handelt. Dass es sich aber um die erste Strophe eines Liedes Rammsteins handelt, erstaunt womöglich zunächst. Dies allerdings zu Unrecht, da die Band nicht zum ersten Mal auf literaturgeschichtliche Elemente in seinen Liedern zurückgreift. .. ..Sah ein Mädchen ein Röslein stehen, … ..Blühte dort in lichten Höhen, … ..So sprach sie ihren Liebsten an, … ob er es ihr steigen kann.3 Die Lieder und dazugehörigen Musikvideos der in Berlin gegründeten Band birgen sogar eine beträchtliche Fülle an Intertextualität und Intermedialität, weshalb es sinnvoll ist, eine literaturwissenschaftliche Untersuchung selbiger durchzuführen. Rammsteins Liedtexte bieten dem Zuhörer und Leser zahlreiche Andeutungen und Verweise auf Texte unterschiedlichster Gattungen und Epochen. So übernehmen Rammstein in Hilf mir zum Teil ganze Textzeilen aus Heinrich Hoffmanns Kinderbuch Struwwelpeter, in Herzeleid greifen sie auf ein altes Sprichwort zurück und Haifisch ist eine Anlehnung an Brechts Die Moritat von Mockie Messer. … In dieser Arbeit geht es jedoch um die Analyse anderer Werke von Rammstein. Zum einen wird die Coverversion Stripped untersucht, zum anderen Du riechst so gut, das sich an den Bestseller Das Parfum von Patrick Süskind anlehnt . Es folgt Rosenrot, das im Jahre 2005 veröffentlicht wurde und gleichzeitig auch der Name des Albums, in dem es erschienen ist, ist. Hierbei handelt es sich um eine Adaption von Goethes Heidenröslein und Schneeweißchen und Rosenrot der Gebrüder Grimm. Außerdem besteht eine inhaltliche Ähnlichkeit zum Volkslied Edelweiß und Rosenrot. Weitere Elemente, die in Hinblick auf die Intermedialität im Laufe der Arbeit untersucht werden, sind die dazugehörigen Musikvideos der drei musikalischen Werke. Die Untersuchung der Lieder erweist sich insofern als sinnvoll, als dass sich in den Liedtexten ein hoher Grad an Intertextualität nachweisen lässt und eine Einbeziehung des Videos in Bezug auf Bild und Text interessant für eine intermediale Interpretation ist. Aufgrund der in dieser Arbeit behandelten Intensität der intertextuellen und intermedialen Referenzen wird vorab eine genauere Darlegung dieser Forschungsgebiete notwendig sein. Zunächst werden einige wichtige Intertextualitätstheorien behandelt. Im Falle der Intermedialität wird hauptsächlich auf das Intermedialitätskonzept von Irina Rajewsky eingegangen, die die intermediale Forschung in drei Gegenstandsbereiche unterteilt: Medienkombination, Medienwechsel und intermediale Bezüge. . Den Hauptteil dieser Arbeit macht die Interpretation der drei Werke Rammsteins in Bezug auf die Aspekte der Intertextualität und Intermedialität aus. Es wird dargestellt, welche literarischen Werke intertextuell in das Lied eingebunden werden und auf welche Art dies geschieht. Da die Analyse von Rosenrot auf drei Prätexte verweist, wird diese nach Titel des Prätextes getrennt voneinander untersucht. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Hauptteils liegt darin, die Funktionen der von Rammstein verwendeten Intertextualität und Intermedialität aufzuzeigen. Es zeigt sich in der intermedialen Analyse der Musikvideos, dass diese bei Rammstein eine dritte Dimension darstellen, denn der Inhalt des Liedtexts wird in den Musikvideos meist weitergeführt. Ein anschließender Vergleich soll Differenzen und Gemeinsamkeiten der behandelten Werke aufzeigen. Durch eine folgende Schlussbetrachtung soll die Arbeit schließlich zu einem geschlossenen Ganzen abgerundet werden.

2. Zum Begriff „Intertextualität"

2.1 Intertextualitätskonzepte

Schon in der Antike haben sich Texte auf Texte bezogen. So fordert das Prinzip der imitatio veterum, das auf die Poetik des Horaz zurückgeht, dass Dichter und Schriftsteller sich mit bedeutenden Schriften aus vergangenen Zeiten auseinandersetzen, um so die Qualität der eigenen Texte sicherzustellen. Der Begriff der Intertextualität als solches wurde allerdings erst in in den späten sechziger Jahren von der bulgarisch-französischen Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Julia Kristeva geprägt, die „sich mit ihrer Intertextualitätskonzeption auf den russischen Sprach- und Literaturtheoretiker Michael Bachtin und dessen Theorie der Dialogizität"4 berief. Er untersucht im Allgemeinen die Beziehung zwischen unterschiedlichen Texten. In der Literaturwissenschaft kursieren eine Fülle an Definitionen von Intertertextualität. So baut sich laut Kristeva jeder Text „als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes".5 Darauf basierend stellt Harald Blooms Intertextualitätstheorie die Relation zwischen den Texten dar. Hierbei geht es vor allem um die diachrone Relation zwischen einem Schriftsteller und der Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern, was in Anxiety of Influence: A Theory of Poetry aus dem Jahre 1973 behandelt wird. Bloom geht von einem „ständigen Kampf des spätgeborenen gegen den erstgeborenen Dichter aus, von einer Auseinandersetzung, die er im Feld von Tradition, Einfluss und Revision ansiedelt. Die Tradition ist das bedrohliche Erste, der "Vater" und "Gott", dem der jüngere Dichter ausgesetzt ist."6 Den Begriff der Transtextualität hat Gérard Genette in Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe aus dem Jahre 1982 eingeführt und untersucht die Relation zwischen Texten. Es handelt sich hierbei insofern um eine „beachtliche Leistung, als Genette hier, ausgehend von einer durchdachten Konzeption, erstmalig eine Systematisierung der zahlreichen Formen der Intertextualität versucht und darüber hinaus diese Formen an zahlreichen Textbeispielen nicht nur aus dem 20. Jahrhundert, sondern aus der gesamten Literaturgeschichte von der Antike vis zur Gegenwart veranschaulicht."7 Er gliedert die Transtextualität in fünf Unterkategorien auf. Die Intertextualität stellt die Anwesenheit eines Textes in einem anderen in Form von Zitaten, Anspielungen, Plagiaten, etc. dar. Als Paratext bezeichnet Genette das Beiwerk eines Textes, wie den Titel, das Vorwort, das Nachwort, oder Fußnoten. An dritter Stelle folgt die Metatextualität, die die Beziehung zwischen einem Prätext und einem weiteren Text beschreibt, wobei eine kritische Auseinandersetzung mit dem Prätext erfolgt. Die Beziehung zwischen dem Hypotext und dem neu entstandenen, überlagernden Hypertext ist laut Genette die Hypertextualität. Die hypertextuellen Verfahren gliedert er „mit Hilfe einer Kombination von funktionalen und strukturellen Kriterien. Die strukturelle Unterscheidung ist die zwischen dem Bezug auf einen Einzeltext ('transformation') und dem Bezug auf einen Stil oder eine Gattung ('imitation'). Der 'Transformation' eines Einzeltexteswird die Parodie i.e.S., die 'Travestie' und die 'Transposition' (die 'ernste Parodie') untergeordnet, während 'Pastiche', 'Persiflage' und 'Nachbildung' Formen der 'Imitation' darstellen."8..Zu guter Letzt beschreibt die Archivtextualität den Gattungsbezug eines Textes.

3. Zum Begriff „Intermedialität"

Der Begriff der Intermedialität ist seit dem Aufkommen als eigenständige Forschungsdisziplin in die wissenschaftliche Diskussion mit unterschiedlichsten Theorien und Bedeutungen eingegangen. Sie untersucht im Allgemeinen die Beziehung und Wechselwirkung zwischen mindestens zwei als unterschiedlich wahrgenommenen Medien. Werner Wolf erklärt den Unterschied zwischen Intertextualität und Intermedialität folgendermaßen: „Im Gegensatz zur Intertextualität, die sich auf den Kontakt eines Textes zu einem anderen oder einer Gruppe von (Prä-)Texten ohne Rücksicht auf das Medium bezieht, wäre Intermedialität jedoch ganz allgemein zu bestimmen als Kontakt zwischen verschiedenen <Medien>."9 … Den Ursprung der Intermedialität, auch wenn unter anderer Verwendung, liegt im Jahre 1812, als der Begriff Intermedium vom englischen Dichter Samuel Taylor Coleridge eingeführt wurde. Weiterhin wurde der Begriff Intermedia vom Fluxus-Künstler Dick Higgins 1966 geprägt. Aufgrund der Mehrdeutigkeit des Terminus Intermedialität bezeichnet Irina Rajewsky ihn in den 90er Jahren als „ termine ombrello, oder besser noch ombrellone"10, der somit in die wissehschaftliche Debatte eingegangen ist und „an Anlehnung an das Konzept der Intertextualität verstanden"11 wird, „die ihrerseits als termine ombrello zu bezeichnen ist."12

3.1. Intermedialitätskonzept nach Irina Rajewsky

Die Literaturwissenschaftlerin Irina Rajewsky unterscheidet drei Phänomene in ihrem Intermedialitätskonzept: Medienkombination, Medienwechsel und die intermedialen Bezüge. Der Begriff Medienkombination, auch mediales Zusammenspiel genannt, ist die „Kombination bzw. das Resultat der Kombination mindestens zweier, konventionell als distinkt wahrgenommener Medien, die in ihrer Materialität präsent sind und jeweils auf ihre eigene, medienspezifische Weise zur (Bedeutungs-)Konstitution des Gesamtprodukts beitragen."13 Rajewsky führt hier als Beispiele etwa den Film, die Oper oder den Photoroman an. Die Kategorie des Musikvideos bleibt jedoch unerwähnt, obwohl es sich beim klassischen Musikvideo um eine Medienkombination handelt, da ein Zusammenspiel von Text, Musik und Bild vorliegt. Somit erweist sich diese Subkategorie des Intermedialitätskonzept von Rajewsky als hilfreich für die Analyse der Musikvideos Rammsteins. Beim Medienwechsel handelt es sich um die „Transformation eines medienspezifisch fixierten Prätextes bzw. Textsubstrats in ein anderes Medium."14 Das klassische Beispiel dafür ist die Literaturverfilmung. Das dritte Phänomen sind die intermedialen Bezüge, so der „Bezug eines literarischen Textes, eines Filmes oder Gemäldes auf ein bestimmtes Produkt eines anderen Mediums."15

4. „Stripped“

Bei Stripped handelt es sich um eine Coverversion des gleichnamigen Depeche-Mode-Klassikers aus dem Jahre 1998, welches auf dem Tributes-Album For the Masses erschien. Es war das erste englischsprachige Lied Rammsteins. Vor allem das dazugehörige Musikvideo war ein Grund, um Rammstein rechtsradikale Gesinnungen vorzuwerfen. Dies wird im Folgenden näher erläutert.

4.1 Intertextualität in „Stripped“

Stripped ist ursprünglich ein Lied der englischen Band Depeche Mode aus dem Jahre 1986, das mehrfach gecovert wurde, darunter auch von Rammstein. Coverversionen können laut Genettes Intertextualitätstheorie in mehrfacher Hinsicht Bezug zum Orginial nehmen: in Form von Parodie, Pastiche, Travestie, Persiflage oder der Nachbildung und Transposition.16 Bei Rammstein handelt es sich bei der Transformation vom Hypotext in den Hypertext um eine Transposition, da diese sich den Liedtext durch die Auslassung einer kleinen Textstelle zu eigen gemacht haben:

[...]


1 http://www.songtextemania.com/links_2_3_4_songtext_rammstein.html am 10. Juni 2015

2 Mühlmann, Wolf-Rüdiger: Letzte Ausfahrt: Germania – Ein Phänomen namens deutsche Härte. Berlin, …1999. S. 31.

3 http://www.azlyrics.com/lyrics/rammstein/rosenrot.html am 12. Juni 2015.

4 Rajewsky, Irina: Intermedialität. Tübingen, Basel: Francke 2002, S. 47.

5 Ebd., S. 47.

6 Schammadat: "Intertextualität". In: Fischer Lexikon Literatur 1997, S. 804.

7 Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität. In: Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien. Hrsg. Von Ulrich Broich und Manfred Pfister. Tübingen: Niemeyer, 1985. S. 5.

8 Böhn, Andreas: Das Formzitat. Bestimmung einer Textstrategie im Spannungsfeld zwischen Intertextualitätsforschung und Gattungstheorie. Berlin, 2001. S. 46.

9 Wolf, Werner: Intermedialität als neues Paradigma der Literaturwissenschaft? Plädoyer für eine literaturzentrierte Erforschung von Grenzüberschreitungen zwischen Wortkunst und anderen Medien am Beispiel von Virginia Wolfs >The string quartet<, in: AAA – Arbeiten aus Anglistik und Amerikanistik 21/1, 1996. S. 86.

10 Rajewsky, Irina: Intermedialität. Tübingen, Basel: Francke 2002, S. 6.

11 Ebd., S. 6.

12 Ebd., S.6.

13 Ebd., S.15.

14 Rajewsky, Irina. S.16.

15 Ebd., S. 14.

16 Vgl. Genette: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Ebene. S. 11 f.

Details

Seiten
31
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668245334
ISBN (Buch)
9783668245341
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334519
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
intertextualität intermedialität werken rammstein

Autor

  • Maike Weirich (Autor)

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