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Das Schweben in Peter Weiss' Film "Im Namen des Gesetzes". Eine Filmanalyse

Hausarbeit 2006 24 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung in des Thema
1. Einleitung
2. Das Leben und Schaffen von Peter Weiss

II. Formale Gestaltungsmittel in „Enligt Lag“
1. Allgemeines über den Film „Enligt Lag“ (Im Namen des Gesetzes)
2. Die Gestaltungsweisen in Bild, Ton und Erzählweise
2.1 Bild - Gestaltung
a) Einstellungsgröße und Kadrage
b) Licht
c) Kamerabewegung
2.2 Ton – Gestaltung
a) Fünf Möglichkeiten, mit Ton umzugehen
b) (Bild)-Ton - Wirkung
2.3 Erzählweise
a) Rhythmus
b) Perspektive, Einheit und Zerfall

III. Zusammenfassung und Deutung

Literaturangaben

Anhang

I. Einführung in des Thema

1. Einleitung

Peter Weiss’ Film "Im Namen des Gesetzes" bestimmt eine ganz eigene Atmosphäre, die sich bei mir intensiviert hat, je öfter ich mir den Film angesehen habe. Es ist eine Mischung aus einer unscharfen Traumwelt und nackter Wirklichkeit, aus konkreten Aussagen und vielen vagen Andeutungen. Es ist ein Kunstfilm und zugleich eine Dokumentation.

Was mich hier beschäftigen wird, ist, wie diese Stimmung – ich nenne sie die Schwebestimmung – insbesondere über einen bestimmten Rhythmus entsteht. Es wird eine formale Untersuchung, die sich aber letztlich nicht wirklich vom Inhalt des Films trennen lassen kann.

Peter Weiss ist als Dramatiker sehr bekannt, dass sich die meiste Literatur mit ihm als Schriftsteller befasst. Ich beziehe mich daher zu einem Großteil auf seine eigenen Aussagen in schriftlicher und mündlicher Form. Zudem ist ein 1981 Themenheft der Filmkritik und 1986 ein Katalog anlässlich einer Filmretrospektive in Lübek über ihn erschienen. Sie beinhalten einige Interviews und Artikel von Peter Weiss’ Freunden, Kollegen, einigen Filmkritikern, und seiner Frau. Im Analyseteil verweise ich weitgehend auf den Film selbst. Die jeweiligen Nummern der Einstellungen (E) und ihre Laufzeit (Klammerangaben) werden in den Fußnoten angegeben.

Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Einführung in das Leben von Peter Weiss und den Film „Enligt Lag“ - "Im Namen des Gesetzes". Sie wird dann dessen Gestaltungsweise näher untersuchen. Der Schlussteil soll die Ergebnisse zusammenfassen und auswerten.

2. Das Leben und Schaffen von Peter Weiss

Peter Weiss wurde 1916 bei Berlin geboren. 1934 emigrierte er mit seinen Eltern zusammen zunächst nach England und dann nach Böhmen. Er studierte von 1937-38 an der Kunstakademie in Prag. Im Frühjahr 1939 ging er als Maler und Buchillustrator nach Schweden, wo er bis zu seinem Tod 1982 lebte.

Seinen ersten Film begann Peter Weiss 1952, es folgten bis 1962 weitere18 Filme - Spielfilme und experimentelle oder dokumentarische Kurzfilme: Die ersten Filme sind Studien, Körperinszenierungen, die auf seinen Zeichnungen basieren. Weitere Filme sind Dokumentarfilme über eine Stadt und ihre Obdachlosen, eine Stadt und ihre Jungendlichen und über ein Jugendgefängnis in Uppsala - "Im Namen des Gesetzes" – der hier näher untersucht werden soll. Zuletzt folgten noch zwei Spielfilme, wobei sich Peter Weiss, veranlasst durch die Eingriffe des Produzenten, vom letzten distanziert hat. „Ende der fünfziger Jahre hab’ ich kaum mehr Bilder gemacht, sondern Filme. Dass es nicht mehr wurde, als es geworden ist, hängt mit der ökonomischen Situation zusammen: dass jeder Film solche Mühe macht, ihn durchzusetzen“1.

In Schweden war Peter Weiss als Filmemacher für die einen ein „Jean Cocteau Stockholms“ und ein vielversprechender Name im gleichen Rang mit Ingmar Bergmann, für die anderen war er eher ein filmisches Ärgernis. In Deutschland wurde er 1980 zur Berlinale vorgestellt und von den dritten Fernsehprogrammen anschließen ausgestrahlt. Wegen mangelnden Interesses wurden seine Filme jedoch in den Kinos schnell wieder abgesetzt. Er ist als Filmemacher in Deutschland somit weitgehend unbekannt geblieben.2 Als Dramatiker wurde er in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens weltberühmt. Es bleibt hingegen der Vorstellung überlassen, was unter günstigeren Verhältnissen aus Peter Weiss als Filmemacher geworden wäre.

II. Formale Gestaltungsmittel in „Enligt Lag“

1. Allgemeines über den Film „Enligt Lag“ (Im Namen des Gesetzes)

Schweden 1957, 18 min

Regie, Kamera, Schnitt: Peter Weiss und Hans Nordenström

Darsteller: Ulf Loven und junge Insassen und Personal des Gefängnisses Uppsala

Drehort: Uppsala 1957

Schwedische Zensur, 4m Kürzungsauflage (1958): nicht jugendfrei, ab 15

Deutsche Erstaufführung: Februar 1980 (Internationales Forum des jungen Films)

Deutsche Erstausstrahlung: 5.4.1982 (WDR III).

„Enligt Lag“ schildert das Innenleben eines Jugendgefängnisses. Es gibt keinen gesprochenen Kommentar oder unterlegte Musik und geht nicht um den Bericht persönlicher Schicksale, die Frage, wer hat wann und warum welches Verbrechen begangen und wurde schuldig oder nicht schuldig verurteilt und hier eingesperrt. Der Film beobachtet die Jugendlichen fragmentarisch als allgemeine Figuren, Details ihrer Körper und die, in einem Gefängnis wenigen, aber um so mehr Aufmerksamkeit erregenden Dinge: Die Ascheschublade des Wärters, ein gezeichnetes Frauenportrait einer Zellenwand, die Kratzspuren am Schlüsselschrank, der „Besuch der Damen einer Wohltätigkeitsorganisation, deren eine meint, ‚hier scheint es denen ja gut zu gehen!’. Der Ton ist immer authentisch, die Kamera beobachtet auch die Umgebung eingehend, die Zellenwände voller Bilder nackter Frauen (...) Mittendrin die wachhabenden Menschen wie Maschinen, öffnen und schließen Schränke mit Schlüsseln (...) Die Totale Nacktheit des Individuums, das totale Ausgeliefertsein, die kontrollierten Briefe.“3 Als einziger Kommentar steht am Schluss ein Zitat von Henry Miller: Gerechtigkeit ohne Liebe ist Rache.

Peter Weiss drehte den Film zusammen mit Hans Nordenström (später Architekturprofessor in Göteborg) im Jugendgefängnis von Uppsala. Ursprünglich geplant war, im alten Stockholmer Gefängnis zu drehen, das Peter Weiss gut kannte, da er dort zu Beginn der 50er Jahre für die Insassen Malereikurse abgehalten hatte. Doch die Behörden gaben ihm keine Erlaubnis und verwiesen ihn auf das damals modernste Gefängnis in Uppsala. Alle Szenen sind dokumentarisch abgesehen von der Rahmensituation, wo ein junger Mann, ein Insasse (dargestellt Ulf Loven), vergeblich versucht, einen Geröllhang heraufzukrabbeln. Die deutsche Version hat zwar übersetzte Schrifttafeln, die wenigen Dialoge sind jedoch nicht mit Untertiteln versehen nur durch Erraten zu verstehen.

2. Die Gestaltungsweisen in Bild, Ton und Erzählweise

2.1 Bild - Gestaltung

a) Einstellungsgröße und Kadrage

Die Einstellungen zeigen Beine auf Holzbohlen, einen nackten Torso, einen tätowierten Arm oder Männer von hinten (sichtbar von Fuß bis Schulter), die nach hinten laufend sich unseren Blicken entziehen. Eine entscheidende Auflage, die Peter Weiss aus Rücksicht auf die jungen Inhaftierten einhielt, war, ihre Gesichter nicht zu zeigen. Daher wurden die meisten Einstellungen, in denen Menschen zu sehen sind, entweder mit sehr nahen Einstellungsgrößen oder leicht nach unten geneigter Kamera (-winkel) aufgenommen, so dass die Gesichter nicht ins Bild kommen.

Diese beschränkten Arbeitsbedingungen hat Peter Weiss in einen künstlerischen Vorteil verwandelt: Die Gefangenen werden im Film zu einer anonymen und identitätslosen Masse. Nur die Gesichter der Wärter sind konkret zu erkennen. Sie wurden meist von unten aufgenommen und wirken oft maskenähnlich und versteinert4.

Doch auch Flure, Höfe und Räume werden selten in Totalen, die eine Orientierung ermöglichen, gezeigt: Die Einstellungen sind meist kurz und so, dass man nur Teile von einem größeren Ganzen erkennt. Beispiele hierfür ist die Einführung des Gefängnisgebäudes am Anfang5 oder allgemein wie Gänge und Flure aufgelöst sind6. Ein Raumgefühl ergäbe sich, wenn man alles zusammen fügen könnte. Die Auswahl der Blickwinkel ist oft verwirrend, dass es schwierig ist, alles zu einem Ganzen zusammen zu verbinden.

Der Bildstil ist verschieden. Auffallend sind zwei Extrema7: Er ist einmal sehr graphisch, so z.B. der Hof in der Mittagssonne8 oder die Gebäudeaufnahmen von Außen9. Dann wieder ist er sehr roh, wie die Schweiß- und Schleifarbeiten zeigen, das Boxen und wenn die Türen verschlossen werden10.

Ein Gefängnis ist nicht nur ein geistiger Eingriff, sondern primär erst einmal eine Gewalt auf körperlicher Ebene. Dass Körperlichkeit bei den Jungen und Männern eine große Rolle spielt, zeigen die Dusch- und Tätowierszenen und die vielen Frauenphotos an den Wänden. Beim ‚Andalusischen Hund’ - schrieb Peter Weiss - „wurde kein Wert auf Bildkompositionen, Montagen, Rhythmen und Beleuchtungen gelegt. Die Bilder waren hart und kunstlos, drückten nur elementare Triebe, Wünsche, Ängste aus“11. Dies wirkt zweifellos auch in einigen Szenen von ‚Enligt Lag’ und erinnert daran, dass Derbheit und Körperlichkeit das Leben der Gruppe von ‚wilden’ Jungen und Männern durchzieht, die in ihrem vorherigen Leben schon anderes getan haben, als Karten spielen und Pflanzen pflegen. Feine Andeutungen hierzu ist ein kurzes unerwartetes Stechen des Messers in Richtung Kamera beim Mittagessen12 oder die bei der Arbeit gefährlich aufblitzenden Schweißgeräte, was begleitet wird von einem Fauchen und Zischen, das einmal fast an Schüsse erinnert. Die Männer sind in roboterhaften Kleidung dem Menschen entfremdet13.

Doch auch die Szene, als man die Häftlinge für die Nacht einschließt, hat eine derartige rohe Ästhetik: Sie deutet das Urtriebige des Einschließens, das Darwinistische der Situation an-sich an: Wie kommt es, dass man sie einfach einsperren kann und sie wie gejagte Hasen hineinspringen, in ihren Löchern verschwinden? Ist das nicht doch einfach auch das Recht des Stärkeren?

b) Licht

Es gibt wenige Einstellungen, mit klaren, deutlich beleuchteten Gesichtern. Das Licht ist in der Regel auf das dunkle Räume abgestimmt. Auf Gesichter abgeglichen, wäre es ein sehr heller Film geworden... Die Dinge werden oft von einem Fenster im Hintergrund überstrahlt oder versinken kaum erkennbar im Schwarz. Das extreme Licht beeinflusst die Wirkung der Einstellung daher oft mehr, als das, was dort sonst noch zu sehen ist. Abgesehen davon, dass das Gegenlicht eine Möglichkeit ist, Menschen vollständig zu zeigen, ohne dass ihre Gesichter erkennbar sind, zeigt hier Licht die allgemeine Stimmung an. Es ist oft unlogisch und unrealistisch, es gibt viele extreme Lichtstimmungen, viel Gegenlicht, viel Dunkel und Kunstlicht.

Das Dunkel ist verschlungen mit dem Gefängnis, dem Gefangensein an sich: Wenn die Kamera am Anfang verschiedenen Wärtern in das Innere des Gebäudes hineinfolgt, sind es immer die Türen und Fenster, die noch Licht von Außen hineindringen lassen ins immer düster werdende Dunkel14: Ein Wärter geht in einen lichten Raum hinaus und kommt in der nächsten Einstellung aus strahlender Helligkeit in die Dunkelheit hinein. Ganz so als wäre der dunkle Raum eben doch noch viel heller gewesen, als der, in dem man sich jetzt befindet15. Es wird mit jeder Einstellung dunkler, bis wir im Zellenflur stehen, wo nur noch – und plötzlich unangenehm hell - ein Fenster am Ende des Ganges in die dämmrige Stimmung hereingreift. Der Flur ist mit wenigem Kunstlicht aufgehellt. Der Linoleumboden des Ganges, seine mit Ölfarbe gestrichenen Wände, die schwarzen Türen, sie alle reflektieren matt das ferne weiße Licht, als wollten sie es von sich weisen, als wäre es nicht wirklich willkommen. Dunkelheit am hellem Tag ist eine Grundstimmung innerhalb des Films. Das Fensterlicht ist oft grell, unangenehm und störend, die Augen (der Kamera) haben sich schon an die Dunkelheit gewöhnt. Mittags ist es unerträglich aus der Dunkelheit kommend durch den trockenheißen Kies zu den Arbeitsbaracken zu gehen.16 Die Sonne wirft schwarze Hausschatten und drückt einen in den hellen Sand. Mann ist dann froh, wieder in der lichtlosen Schweißhalle zu sein.

Doch Dunkelheit ist nicht nur umhüllend schützend, sondern manchmal auch schwer, depressiv, fremd - eine andere Welt, die der Häftlinge. Wenn sie sich im Dunkel zu Maschinen verwandeln, bekämpfen sie sich gegenseitig mit Feuerwaffen, wenn sie die schwarze Treppe hinabstürmen, fast diabolisch beleuchtet17 sie bewegen sich im Dunkeln, es ist ein geläufiger Teil ihres Lebens. Dies kann sich manchmal plötzlich ein wenig lichten kann wie beim Spiel, in der Dusche, beim Essen. Wenn sie am Abend eingeschlossen werden, und die meisten hinter Schloss und Regel sind, wird es hell im Gang, als hätte man soeben das Dunkel weggeschlossen18. Die Gesichter der Wärter sind durchsichtig klar - wie auch ihr Gemüt. Und wenn dann ein Häftling Musik hört und das Sonnenlicht wehmütig Flecken auf die Türe malt, schlüpft die Kamera durch eine Ritze zu ihm hinein ins Zimmer, das doch recht freundlich scheint, mit einem Radio, aus dem Musik von außen tönt19. Das Helle, das ist die Freiheit, das was Draußen ist, ein Traum - aber auch das klar sehende wachende Auge der Wächter und der Realität.

[...]


1 Peter Weiss zitiert in: Retrospektive, S.8.

2 Vgl. Retrospektive, S.7.

3 Jan Bengtsson: „Peter Weiss och filmen“ (Magisterarbeit) Stockholm 1978, S.222-223 in: Retrospektive, S.32.

4 z.B. E: 72,26 (13’14“).

5 E: 9,1- 10,4 (2’24“-2’47“).

6 z.B. E: 14,1-16.2 (3’80“).

7 Es spielt sicherlich eine Rolle, dass hier zwei Kameraleute gearbeitet haben.

8 E: 31,1-31,6 (5’51“-6’07“).

9 E: 10,1-4 (2’31“-2’47“).

10 E: 32,1-33.4 (6’07“-6’41“) und 71,3- 71,5 (12’17“-12’26“) und 72,1-72,38 (12’26“-13’52“).

11 Avantgarde Film, S.20.

12 E: 24,6 (4’28“).

13 E: 32,1-33,4 (6’07”-6’41”).

14 E: 12.1-18.5 (2’54“-3’48”).

15 E: 14.2-15.2 (3’11“).

16 E: 30,1-31,6 (5’41“-6’07“).

17 E: 18,1-24,11 (3’32“-4’37“).

18 E: 72,1-72,41 (12’28“-14’09“).

19 E: 75,2-76,2 (14’30“-14’46“).

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668246348
ISBN (Buch)
9783668246355
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334469
Note
Schlagworte
schweben peter weiss film namen gesetzes eine filmanalyse

Autor

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