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Die Verlässlichkeit der Historia Augusta am Beispiel der Zenobia

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 15 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Forschungsgeschichte

III. Die Quellen der Historia Augusta

IV. Die Rolle Zenobias innerhalb der Historia Augusta

V. Die Historia Augusta im Vergleich mit anderen Quellen
1.) Affirmierende Quellen
2.) Kontradiktorische Quellen
3.) Alleinstehende Quellen

VI. Fazit

VII. Quellen und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„(1) Nun ist das Maß der Schande voll, ist es doch in dem erschöpften Staat so weit gekommen, dass während des schändlichen Treiben des Gallienus sogar Weiber trefflich regierten, und zwar Nichtrömerinnen. (2) Hat doch eine solche, die schon vielfach genannte Zenobia, die sich ihrer Abkunft von Kleopatra und den Ptolemäern rühmte, als Nachfolgerin ihres Gatten Odeaenathus sich den Kaisermantel um die Schultern gelegt.“1

Der Einstieg in die Vita der Zenobia ist so Historia Augusta2 -typisch wie man ihn sich nur vorstellen könnte: polemisch, wertend, chauvinistisch und ahistorisch. Das Reich ist aufgrund von Gallienus in so großem Aufruhr, dass nun sogar Frauen regieren müssen und bei einer dieser Frauen handelt es sich um Zenobia, die sich angeblich auf ihre Abstammung von Kleopatra beruft.

Die Abstammung von Kleopatra VII. Philopator ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine Erfindung der HA, nirgendwo sonst findet sich eine solche Behauptung,3 Außerdem wird behauptet, Zenobia hätte sich schon kurz nach dem Tod des Odaenathus den Purpurmantel angelegt, tatsächlich nahm sie den Titel Augusta wohl erst kurz vor ihrer Absetzung durch Aurelian an.4

Mehrere Halb- und Unwahrheiten bereits im ersten Absatz. Man ist schnell dazu geneigt die ganze HA und ihren Aussagewert in Bezug auf Zenobia und auch insgesamt infrage zu stellen, aber ist die HA als Quelle tatsächlich so wertlos wie es auf den ersten Blick scheint?

Dieser Frage soll im Laufe der Arbeit auf den Grund gegangen werden, hierzu soll auf die Forschungsgeschichte der HA, die Quellen derer sich die HA bediente und die Rolle der Zenobia innerhalb des Werkes eingegangen werden. Der Kern der Arbeit ist der Vergleich der HA mit anderen Quellen über Zenobia und der Versuch aus den Ergebnissen ein besseres Bild über die Verlässlichkeit der HA insgesamt zu erhalten. Es steht also nicht unbedingt Zenobia selbst im Fokus der Arbeit, vielmehr wird untersucht, inwiefern die HA in Bezug auf sie als verlässliche Quelle gelten kann.

Die Arbeit stützt sich vor allem auf die Analyse und Auswertung von Quellen5, es wird aber auch die maßgebliche Literatur zu Rate gezogen, in Bezug auf Zenobia ist hier vor allem der Palmyra Historiker Hartmann zu nennen, während der Aurelian-Biograph Watson hinzugezogen als Ergänzung zu betrachten ist.6 Für die Beschäftigung mit der HA wurden (u.a.) maßgebliche Historiker wie Dessau7, Johne8 und Straub9 ausgewertet.

II. Forschungsgeschichte

Bei der HA handelt sich bei um eine Sammlung von Kaiser, Thronanwärter - und Usurpatorenviten von der Zeit Hadrians (117-138) bis zu der des Carinus (283-285).10 Ihre Forschungsgeschichte ist wohl eine der längsten und kontroversesten innerhalb der Antike-Forschung.

Glaubte die ältere Forschung noch, dass es sich, wie im Text behauptet, um das Werk eines Autorenkollektivs von sechs Autoren handelte und zu Beginn des 4. Jahrhunderts geschrieben wurde11, so geht die heutige Forschung überwiegend davon aus, dass es sich um das Werk eines einzigen Autors gegen Ende des 4. Jahrhunderts handelt.

Begründer dieser These ist der Althistoriker Herrmann Dessau, der argumentierte, dass in der HA zu viele Ungereimtheiten auftauchen: So verwenden die angeblich sechs Autoren alle sehr ähnliche Formulierungen, strukturieren ihre Texte auf dieselbe Weise und heben sich gegenseitig lobend hervor. Laut Dessau sollte hier „durch die Annahme verschiedener Masken ein größeres Interesse erregt werden.“12

Wichtiger als die Verfasserfrage ist jedoch die Frage nach dem Entstehungszeitraum: Der zur Abfassungszeit angeblich herrschende Kaiser Konstantin wird stark negativ beurteilt, während sein Rivale Maxentius in einem positiven Licht dargestellt wird. Von angeblichen Hofhistoriographen ist eine so kritische Meinung nicht zu erwarten.13 Auch postuliert die HA, dass es sich bei Konstantin um einen Nachfahren Claudius II Gothicus handelt, hierbei handelt es sich allerdings um eine Legende, die nachweislich erst im Laufe des 4. Jahrhunderts auftauchte.14 Der entscheidende Beweis für die spätere Entstehung war für Dessau aber, dass es mehrere Passagen gibt, die offenbar direkt von Aurelius Victor übernommen wurden, einem Autor, der sein Werk erst um 360 veröffentlichte.15

Es kann also als erwiesen angesehen werden, dass zwei der zentralen Selbstaussagen des Werkes Fälschungen sind. Hieraus folgte die Vermutung, dass auch ansonsten jeder Wahrheitsgehalt der HA in Zweifel zu ziehen sei und dass es sich bei ihr nicht einmal um ein historisches, sondern ein rein literarisches Werk handle. Diese Meinung ist am prägnantesten durch Kornemann formuliert worden, als er die HA als das „Machwerk eines späten Rhetors“16 disqualifizierte.

In der heutigen Forschung existiert hingegen ein weitaus differenzierteres Bild zur HA. Mehrheitlich wird davon ausgegangen, dass es sich zwar um ein problematisches, aber dennoch wichtiges Werk handelt, das zwar kritisch zu betrachten, nicht aber zu verwerfen ist und das nach Johne „besser sei als [sein] Ruf.“17

Dieser Meinung schließt sich der Palmyra Historiker Hartmann an, indem er die HA zwar kritisiert, aber auch schreibt, dass „die Historia Augusta einige historische Angaben [bietet], die ohne Parallele bleiben.“18 Ein erster Blick in die Forschungsgeschichte der HA macht also bereits deutlich, dass ein sehr genauer Blick in die HA erforderlich ist, der zwingend eine Auseinandersetzung mit den dem Autor zur Verfügung stehenden Quellen voraussetzt.

III. Die Quellen der Historia Augusta

Wirft man einen Blick auf die Quellen die uns zum 3. Jahrhundert zur Verfügung stehen, so wird schnell klar, warum die Forschung sich so intensiv mit der HA auseinandersetzt: Die Überlieferungsituation von Texten ist sehr schlecht, gerade aus der post-severischen Zeit ist kein einziges zeitgenössisches Werk vollständig erhalten geblieben und die Quellen, über die wir verfügen, sind mehrheitlich im 4. Jahrhundert verfasst worden.19 Diese Quellen bauen aber wiederum auf den uns nicht mehr zugänglichen zeitgenössischen Berichten auf, wobei wir zwischen zwei Gruppen von Schriftstellern unterscheiden müssen, den lateinischen und den griechischen Autoren.20

Das zentrale Werk der lateinischen Tradition stellt die Enmannsche Kaisergeschichte (EKG) dar, wobei man berücksichtigen muss, dass es sich hierbei um ein nicht nachweisbares Werk handelt, sondern um das Postulat des Althistorikers Alexander Enmann. Enmann stellte 1884 die Theorie auf, dass aufgrund inhaltlicher und sprachlicher Übereinstimmungen zwischen den Geschichtswerken von Aurelius Victor, Festus, Eutropius und der HA es ein Geschichtswerk gegeben haben muss, das alle vier Autoren bei ihren Werken verwendet haben müssen.21 Zwar lässt sich diese Theorie bis heute nicht beweisen, die Mehrheit der Forschung geht aber von ihrer Richtigkeit aus.22 Da es sich bei dem Autor mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Vertreter der stadtrömischen Aristokratie handelte, gilt er vor allem in diesem Bereich als kompetent.23

Die griechischen Historiker stützen sich mehrheitlich auf die nur fragmentarisch erhalten gebliebenen Werke der Zeitzeugen Eunapius und Dexippus von Athen.24 Gerade das letztere Werk gilt als sehr korrekte Beschreibung der Verhältnisse im Osten des Reiches, weswegen den Chronisten die es verwendeten, wohl die wichtigste Quelle für Zenobia und das Palmyrenische Teilreich darstellen.25 Zu diesen Autoren gehören die byzantinisch-griechischen Chronisten Zosimus und Malalas und eben auch der Autor der HA.26

Die Bedeutung der HA erklärt sich vor allem daraus, dass ihr Autor sowohl Zugriff auf die lateinische wie auch auf die griechische Überlieferung hatte und ihm die Gesamtheit der vorhandenen Geschichtswerke zur Verfügung stand. Allein diese Tatsache macht die HA bereits zu einem enorm wichtigen Geschichtswerk, denn aus ihr lassen sich Rückschlüsse auf die verlorengegangenen Texte ziehen und Vergleiche mit den vorhandenen anstellen. Vor der konkreten Auseinandersetzung mit einzelnen Textstellen sollte allerdings auf die Rolle der Zenobia im Gesamtwerk der HA eingegangen werden.

[...]


1 HA. Trig Tyr. 30

2 Im weiteren HA genannt

3 U. Hartmann, Das palmyrenische Teilreich, Stuttgart 2001, S.23, S.285.

4 Ebd., S.362.

5 Neben der HA wurden Eutropius, Herodian und Zosimus verwendet.

6 A. Watson, Aurelian and the Third Century, London 1999.

7 H. Dessau, Über Zeit und Persönlichkeit der Scriptores Historiae Augustae. In: Hermes. Band 24, 1889, S. 337–392.

8 K. Johne, Kaiserbiographie und Senatsaristokratie. Untersuchungen zur Datierung und sozialen Herkunft der Historia Augusta, In: Schriften zur Geschichte und Kultur der Antike. Band 15, 1976.

9 J. Straub, Studien zur Historia Augusta, Bern 1952.

10 Johne 1976, S.11.

11 So etwa der Philologe Issac Casaubon, vgl. Johne 1976, S.11.

12 Dessau 1889, S.392.

13 Vgl. Straub 1952, S.135:„So hätte ein Historiker zu Lebzeiten Konstantins nicht schreiben können und nicht schreiben dürfen.“

14 Johne 1976, S.16.

15 Das beide hier die s.g. Ennmansche Kaisergeschichte (s.h. Kapitel III) zitieren ist unwahrscheinlich, da Aurelius Victor seine Quellen nie direkt zitierte und sich um eigene Formulierungen bemühte, vgl. Johne 1976, S.17.

16 E. Kornemann, Große Frauen des Altertums, Leipzig 1942, S.311.

17 Johne 1976, S.24.

18 Hartmann 2001, S.24f.

19 Ebd., S.17, S.29.

20 Watson 1999, S.209-212.

21 Vgl. A. Enmann, Eine verlorene Geschichte der römischen Kaiser und das Buch De viris illustribus urbis Romae. In: Philologus Suppl. Band. 4, 1884, S. 337–501.

22 Watson 1999, S.211.

23 Hartmann 2001, S.29.

24 Watson 1999, S.202.

25 Hartmann 2001, S.30.

26 Ebd., S.31-33.

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668239906
ISBN (Buch)
9783668239913
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334436
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Alte Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
verlässlichkeit historia augusta beispiel zenobia

Autor

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