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Funktion und Bedeutung von Wetterderivaten fuer Energieversorgungsunternehmen

von Florian Lüdeke (Autor) Axel Bornbusch (Autor) Jan Werner (Autor)

Seminararbeit 2004 43 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

Inhaltsübersicht

Abstract

1 Einleitung

2 Abgrenzung: Finanz- und Wetterderivate, Versicherungen
2.1 Finanzderivate
2.2 Wetterderivate
2.3 Versicherungen
2.4 Der spezifische Kontext des Einsatzes von Wetterderivaten

3 Einsatz und Funktion von Wetterderivaten
3.1 Ziele des Einsatzes und Konstruktionen
3.1.1 Ziele des Einsatzes
Exkurs: Cross Hedge
3.1.2 Kontrakte und Indizes
3.1.3 Grundpositionen von Degree Day Optionen
3.1.4 Parameter von Degree Day Optionen
3.2 Fiktiver Kontrakt

4 Einsatz in (integrierten) Strom- und Gashandelsunternehmen
4.1 Risiken im Geschäftsfeld Strom
4.2 Risiken im Geschäftsfeld Gas
4.3 Zusammenwirken der Risiken des Gas- und Stromgeschäfts
4.4 Fazit

5 Der Markt für Wetterderivate: Probleme und Perspektiven
5.1 Entwicklung und Volumen des Wetterderivatehandels
5.2 Problemfeld I: Pricing von Wetterderivaten
5.3 Problemfeld II: Wetter als Risiko
5.4 Charakteristika des Wetterrisikos
5.4.1 Zahlreiche Wetterausprägungen und Messmethoden
5.4.2 Lokales geographisches Exposure
5.4.3 Unternehmensspezifisches Exposure
5.4.4 Daten
5.4.5 Prognosen
5.4.6 Kein physischer Markt für Wetter
5.4.7 Kein Moral Hazard
5.5 Fazit

Anhang: Wachstum und Verteilung

Literatur

Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1; S. 13: Cross Hedge von Volumen- und Preisrisiko.

Abb. 2; S. 20: Risikoprofil einer Wetter-Option.

Abb. 3; S. 21: Darstellung des Payoff in Abhängigkeit von der Temperatur.

Abb. 4; S. 26: Zusammenhang Energievolumina / Temperatur.

Tab. 1; S. 15: Gegenüberstellung: Klassisches Finanzderivat und Wetterderivat.

Tab. 2; S. 17: Konvention der Ermittlung von Heizgrad- und Kühlgradtagen nach US-amerikanischem Vorbild.

Tab. 3; S. 18: Positionen von Temperatur-Optionen.

Tab. 4; S. 19: Konfiguration der Parameter einer exemplarischen Degree Day Option.

Abstract

This work addresses to a new and somehow exotic kind of derivative instrument, which is – other than classical financial derivative instruments – applied to hedge and manage volumetric exposure induced by variations in the weather.

Especially energy suppliers and producers are directly affected by changes in the weather, which could, in circumstances, lead to problems for the companies’ performances, cash flows and financial success and so on. In this context, the focus is on weather derivatives in contrast to ‘normal’ financial security instruments and insurances. On a theoretical basis, a special type of weather derivatives – degree day options – is described concerning the most important parameters, strategies and fields of application. In addition, some information from the daily work and business of a real existing energy supplier is added to have an eye on the risks that a company identifies for its electricity and gas business. Therefore, an approach of answering the question, if there were related risks for those fields of business and how those are (in this special case) hedged, is delivered.

At least, the weather derivatives market’s volumes and development are discussed and focused, concerning the special handicaps in this market which are linked to the ‘exotic’ and special features which are typical for this kind of derivative instrument.

1 Einleitung

Durch den Wegfall der staatlichen Regulierung im Energiesektor sind Energieversorgungsunternehmen (EVU) heutzutage darauf angewiesen, auf die in der neuen Marktstruktur enthaltenen Risiken angemessen reagieren zu können. Das Risikomanagement im Energiesektor ist dabei in Bezug auf Marktpreis-, Kredit- und Währungsrisiken bereits relativ weit fortgeschritten.[1] Im Gegensatz dazu gestaltet sich die Handhabung von Mengenrisiken wesentlich komplizierter, was in erster Linie auf die physischen Eigenschaften elektrischer Energie zurückzuführen ist. Das Fehlen einer geeigneten Möglichkeit zur Lagerung von Strom, erfordert eine genaue Abstimmung von Angebot und Nachfrage.[2] Für den Fall, dass dies nicht geleistet werden kann, stünden den Kosten für beschaffte bzw. produzierte Mengen, die aufgrund fehlender Nachfrage nicht abgesetzt werden können, keine Umsätze bzw. Einnahmen gegenüber, was erhebliche Folgen für Cash Flow und Geschäftsergebnis nach sich zöge.

Das Mengenrisiko von Versorgungsunternehmen wird zusätzlich verschärft durch die Wetterabhängigkeit der Energienachfrage. Diverse Facetten des Wetters wie bspw. Tagestemperaturen, Niederschlag und Sonnenschein haben einen direkten Einfluss auf den Stromverbrauch von privaten Haushalten und Unternehmen. Dieses Risiko wäre zu vernachlässigen, lägen verlässliche Wettervorhersagen für den Zeitraum vor, in dem die Versorgung stattfindet.[3] Gegenwärtig kann das Wetter mit hoher Genauigkeit für etwa fünf Tage im Voraus bestimmt werden, die Energieversorgung hingegen wird zum überwiegenden Teil bereits Monate vor der physischen Lieferung abgewickelt, was aus Sicht des Risikomanagements nicht als zufrieden stellend angesehen werden kann.

In der ehemaligen, regulierten Marktstruktur reagierten Energieversorger auf für sie unvorteilhafte Wetterentwicklungen durch Preiserhöhungen zu Lasten der Konsumenten. Das neue, auf Wettbewerb ausgerichtete Marktumfeld und die diesem zugrunde liegenden Mechanismen lässt derartige Maßnahmen zur Kompensierung von Ausfällen des Kapitalflusses nicht länger zu.[4] Aus diesem Grund entwickelte sich im Umfeld der Energieversorgung in den vergangen Jahren eine dem Begriff Wetterderivat zuzuordnende Klasse von Finanzinstrumenten, welche das Hedging von Wetterrisiken auf marktwirtschaftlicher Basis ermöglicht.

Die vorliegende Ausarbeitung ist der Bedeutung dieses eher neuen (und in der Literatur häufig als „exotisch“ bezeichneten) Instrumentariums zur Minimierung von Wetterrisiken als Bestandteil des Risikomanagements von EVU gewidmet. Ziel ist des Weiteren, den speziellen Kontext des Einsatzes klar abzugrenzen sowie die Grundlagen der Funktionsweise und Anwendung zu verdeutlichen. Beschränkungen bzw. Nachteile des Einsatzes von Wetterderivaten sowie die erwartete zukünftige Entwicklung des Marktes sind ebenfalls Bestandteil dieser Arbeit.

Im ersten Schritt (Kapitel 2) wird eine Abgrenzung von Wetterderivaten zu anderen finanzwirtschaftlichen Instrumenten des Risikomanagements vorgenommen, wobei auch auf die wesentlichen Mechanismen derivativer Produkte eingegangen wird. Im folgenden dritten Kapitel wird insbesondere das Instrument der Degree Day Option auf theoretischem Wege erläutert. Ebenso wird verdeutlicht, welche Wetterparameter die Nachfrage direkt beeinflussen und somit beim Hedging von Wetterrisiken zu berücksichtigen sind. Die Bedeutung von Wetterderivaten in der Praxis von Energieversorgern wird mit Blick auf die Geschäftsbereiche Strom und Gas in Kapitel 4 beschrieben. Die in diesem Kapitel angeführten Folgerungen basieren im Wesentlichen auf den Erfahrungen eines Hannoveraner Energieversorgungsunternehmens. Im Schlussabschnitt (Kapitel 5) wird schließlich der Markt für Wetterderivate untersucht. In diesem Zusammenhang wird sich der Frage gewidmet, durch welche Probleme der Handel gegenwärtig beschränkt ist und welche Zukunftsperspektiven sich für diesen eröffnen.

Die Kapitel münden jeweils – sofern thematisch notwendig – in spezifischen Fazits, welche sich auf den jeweiligen Themenbereich des entsprechenden Kapitels beziehen.

2 Abgrenzung: Finanz- und Wetterderivate, Versicherungen

Wetterderivate wurden erstmals im Jahr 1997 von US-amerikanischen EVU eingesetzt, um das Risiko von Umsatzverlusten durch einen Rückgang der Nachfrage infolge unerwünschter Wetterentwicklungen zu reduzieren. Die Erkenntisse über die Zusammenhänge zwischen der Entwicklung bestimmter Wetterparameter und dem Energieverbrauch waren in der Branche zu diesem Zeitpunkt nicht neu, sondern bereits zu Zeiten staatlich regulierter Energiemärkte bekannt. Die damals vorherrschenden, quasimonopolistischen Strukturen ermöglichten es den Anbietern, Wetter bedingte Umsatzausfälle durch Preiserhöhungen zu Lasten der Verbraucher auszugleichen, weshalb Instrumente zur Minimierung solcher Risiken nicht notwendigerweise gebraucht wurden. Dies änderte sich grundlegend mit der Liberalisierung der Strommärkte durch Maßnahmen, wie etwa dem Unbundling, der Trennung von Netzbetrieb und Stromproduktion, mit denen die Mechanismen und Instrumente der Finanzmärkte auch für diese Branche relevant wurden.[5] Unter Federführung der EVU gelang die Entwicklung eines Instruments, das auf marktwirtschaftlicher Basis die Absicherung gegen die finanziellen Folgen negativer Wettereinflüsse möglich macht. Wetterderivate erinnern von ihrer Konstruktion an den Aufbau klassicher Finanzderivate. Grundlegende Unterschiede im zentralen Element beider Produkte, dem sogenannten Underlying, führen jedoch dazu, dass der Handel mit Wetterderivaten teilweise anderen Mechanismen unterworfen ist und ihre Einsatzgebiete eher mit denen von Versicherungsprodukten verglichen werden können (vgl. Abschnitt 3.1.2). Im Folgenden sollen Wetterderivate gegenüber Finanzderivaten und Versicherungen abgegrenzt werden.

2.1 Finanzderivate

Finanz- und Wetterderivate haben gemein, dass es sich in beide Fällen um so genannte Warentermingeschäfte handelt, die ihren Wert von einem Basisobjekt ableiten, dem bereits erwähnten Underlying. Warentermingeschäfte sind Verträge, in denen die physische Lieferung einer Ware (Basisobjekt) zu einem späteren bereits feststehenden Zeitpunkt oder Zeitraum erfolgen soll und deren Preis bereits beim Abschluss fixiert wird. Je nach Preisentwicklung des Basisobjektes, kann der Kontrakt eine eigene Werthaltigkeit entwickeln und somit selbst zum Anlageobjekt werden. Generell unterscheidet man die geläufigen Formen Future, Option und Swap, die sich in Risikostruktur und Auszahlung unterscheiden.

Als Future bezeichnet man einen Kontrakt, der für beide Parteien bindend ist, d. h. die Lieferung hat unwiederbringlich zum vereinbarten Zeitpunkt zu den vorher fixierten Konditionen stattzufinden. Als Preis für die Ware oder das Underlying bietet sich deren Tageskurs an. Je nachdem, in welche Richtung sich der Preis des Basisobjektes nach Vertragsschluss bewegt, kann sich dieVertragsposition des Käufers, die auch als Long bezeichnet wird, oder die gegensätzliche S hort Position des Verkäufers als vorteilhaft erweisen. Der Wert der Position ergibt sich primär aus der Differenz zwischen Tageskurs des Underlying und dem im Kontrakt vereinbarten Preis, der auch als Basiswert bezeichnet wird. Da zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses beide Parteien derselben Unsicherheit bezüglich der Preisentwicklung des Basisobjektes ausgesetzt sind, spricht man in diesem Fall von einer symmetrischen Risikostruktur.

Als Option bezeichnet man eine ähnliche Konstruktion, bei der einem der Vertragspartner des Kontraktes zum Ausübungszeitpunkt das Wahlrecht eingeräumt wird, den Vertrag zu den vereinbarten Konditionen tatsächlich auszuüben. Dies wird er freilich nur dann tun, wenn es für ihn vorteilhaft ist. Da sich die zweite Partei dieser Entscheidung beugen muss, spricht man von einer asymmetrischen Risikostruktur, der dadurch Rechnung getragen wird, dass der Käufer der Option bzw. des Wahlrechts dem Verkäufer eine Prämie für die Übernahme des Risikos zahlt (Optionsprämie). Man unterscheidet zwischen Kauf- und Verkaufsoptionen, die als Call bzw. Put bezeichnet werden. Wie bei Futures existieren auch im Optionshandel Long und Short Positionen, wobei sich in Ersterer diejenige Partei befindet, welche das Wahlrecht ausüben kann.[6] Der Erfolg einer Option ergibt sich aus der Höhe der Prämie und der Differenz zwischen Tageskurs zum Ausübungszeitpunkt und Basiswert des Underlying.

Beim Einsatz von Swaps werden auf vertraglicher Basis i. d. R. unterschiedliche Konditionen auf verschiedenen Finanzmärkten getauscht. Im Kern basieren Swaps auf einer bilateralen Vereinbarung, Cash Flows zu verschiedenen Zeiten in der Zukunft gemäß einer ausgehandelten Formel gegenseitig zu zahlen.[7] Hierbei handelt es sich zumeist um bankspezifische Geschäfte bezüglich Zins- oder Währungsdifferenzen, welche für die Energiebranche unerheblich sind und daher hier nicht näher erläutert werden sollen.

2.2 Wetterderivate

Auch beim Handel mit Wetterderivaten spricht man von den Grundformen Option und Future, die in ihrer Struktur den Finanzderivaten sehr ähnlich sind. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass der Basiswert durch spezifische Wetterparameter ersetzt wird. Da Wetter nicht gehandelt werden kann, erfolgt am Ende der Laufzeit keine Lieferung, sondern lediglich ein finanzieller Ausgleich in Abhängigkeit der Entwicklung des entsprechenden Parameters. Um die Richtung der Zahlung zu determinieren, wird beim Vertragsabschluss ein sogenannter Strike Value festgelegt, welcher mit dem Basiswert eines Finanzderivats vergleichbar ist.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Tatsache, dass Wetter kein Vermögenswert ist, der auf Märkten gehandelt wird.[8] Da Wetter zudem nur eine lokal begrenzte Bedeutung hat, ist es nahezu unmöglich, dem als Underlying genutzten Wetterindex einen monetären Wert zuzuordnen, mit der Folge, dass Wetterderivate nicht zum Preishedging eingesetzt werden können.[9] Stattdessen ermöglichen sie die Verbriefung von Risiken, die nicht in der Marktwertveränderung gehandelter Assets bedingt sind, sondern aus der Unsicherheit über das Wetter resultieren.[10] Sie stellen somit eine mittelbare Absicherung gegen Mengenrisiken dar, die durch bestimmte Einflüsse hervorgerufen werden (siehe Abschnitt 3.1.1).[11]

2.3 Versicherungen

Wetterderivate werden Versicherungen, trotz gewisser Ähnlichkeiten in ihrem Charakter nicht verdrängen, sondern sie vielmehr in Bereichen ergänzen, in denen der Einsatz klassischer Versicherungsprodukte unwirksam erscheint.[12] So ermöglichen Wetterderivate nicht nur den Schutz vor negativen Wetterauswirkungen auf den eigenen Umsatz, sondern auch die Absicherung gegen die Folgen guter Ergebnisse der Konkurrenz.[13] Die Konstruktion eines Futures bei gegensätzlichen Risiken der Vertragspartner ermöglicht u. U. den teilweisen Verzicht der Zahlung einer Risikoprämie, wodurch die Kosten des Risikomanagements reduziert werden können.[14] Außerdem entsteht den Vertragspartnern beim Hegdging von Wetterrisiken unter Zuhilfenahme von Wetterderivaten keine Beweislast darüber, dass die Wetterentwicklung die Ursache für bestimmte finanzielle Schäden darstellt.[15] Die Abhängigkeit vom Wetter führt außerdem zu einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit von Moral Hazard.

Wetterderivate können zudem sowohl für institutionelle als auch für private Anleger ein überraschend attraktives Anlageobjekt darstellen. Die Entwicklung der ihren Wert bestimmenden Wetterparameter ist weitestgehend unabhängig von der Entwicklung der gängigen Güter- und Finanzmärkte, was zu verbesserten Diversifikationsmöglichkeiten mit überlegener Risiko-Rendite-Position führt.[16] Eine derartige Anlage ist jedoch nur auf Märkten mit ausreichender Liquidität denkbar, so dass sich der Marktwert des Risikos durch Angebot und Nachfrage ergeben kann (zum Problem der Liquidität siehe auch Kapitel 4).

2.4 Der spezifische Kontext des Einsatzes von Wetterderivaten

Generell lässt sich für den Großteil unterschiedlichster Wirtschaftssektoren und Industriezweige eine gewisse Sensitivität gegenüber Wettereinflüssen feststellen. Dies betrifft so unterschiedliche Branchen wie bspw. die Bau-, Mode- und Sportartikelindustrie oder den hier fokussierten Sektor der Energieversorgung – gemäß Schätzungen meteorologischer Institute weisen 80 % der weltweiten Wirtschaftsaktivitäten eine gewisse Abhängigkeit vom Wetter auf.[17] Allen ist somit gemeinsam, dass das Absatzvolumen, ergo Umsatz und Geschäftserfolg, zu einem gewissen Grade dem Einfluss des Wetters unterliegen.

Für EVU gilt dies in besonderer Weise, rekurriert man zudem auf die erwähnten Entwicklungen im Energiesektor (Unbundling und Liberalisierung des Strommarktes). In diesem Kontext ist das Wetter bezogene Risikomanagement als Baustein zum Erhalt und zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit zu sehen.[18] Der Nimbus hierbei ist der direkte Zusammenhang zwischen der Absatzmenge von Energieträgern wie Strom, Erdgas oder Heizöl und dem Wetterverlauf.

Der Zweck der hierbei zum Einsatz kommenden Wetterderivate besteht entsprechend in der Glättung und Stabilisierung wetterabhängiger oder durch Wetterlagen beeinflussbarer Erträge und / oder der Vermeidung zusätzlicher Kosten oberhalb eines fest definierten Punktes[19], was zugleich der planerischen Vorausschau und der Stabilisierung des Shareholder Value zugute kommt. Neben der Funktion als Weather Hedge stellen Wetterderivate auch Instrumente dar, mit denen Chancen des Kapitalmarktes – des Handels in Form von OTC-Geschäften sowie des börslichen Handels – genutzt werden können.[20] Dies wird möglich, sofern der Markt für Wetterderivate sukzessive über das nötige Handelsvolumen verfügt bzw. sich ein liquider Sekundärmarkt bildet und für den börslichen Handel standardisierte Produkte, ähnlich den an der Chicago Mercantile Exchange (CME) gehandelten Kontrakten, angeboten werden.[21] Derzeit sind die Entwicklungen in diesem Bereich noch kaum antizipierbar und somit für die Zukunft offen (siehe Abschnitt 4). Deutlich wird jedoch, wie in den vorhergehenden Abschnitten bereits angedeutet, dass neben dem angesprochenen Sicherungsaspekt auch der Spekulationsaspekt von Wetterderivaten gesehen werden muss.

3 Einsatz und Funktion von Wetterderivaten

3.1 Ziele des Einsatzes und Konstruktionen

3.1.1 Ziele des Einsatzes

Das Absatzrisiko – bspw. hervorgerufen durch zu warme Winter oder zu kühle Sommer – sichern insbesondere US-amerikanische EVU auf derivativem Wege ab, wobei Wetterrisiken, welche durch die moderate Schwankungsbreite des Wetters entstehen, selbstverständlich ebenso wenig direkt kontrolliert werden können wie dies für andere Risikoarten gilt.[22] Das Ziel ist zum einen, den Einfluss dieser Wetterrisiken auf die Finanzsituation (Cash Flow) von Energieversorgern zu kontrollieren und zu steuern und zum anderen, insbesondere über die Nachfrage vermittelte Mengenvolatilitäten im EVU zu hedgen und diese nicht über die Preise an die Abnehmer weiterreichen zu müssen.[23]

Das Hedging von Wetterrisiken mittels Wetterderivaten bezieht sich folglich primär auf mögliche Volumenrisiken und weniger auf die Preisrisiken eines EVU.[24] „Volumenrisiken bezeichnen Umsatz- und Ertragsveränderungen auf Grund von Abweichungen vom erwarteten Absatz, diese sind insbesondere dann relevant, wenn – wie in Energiemärkten üblich – Verträge mit flexiblen Mengenkomponenten geschlossen werden.“[25]

Veränderungen der Beschaffungs- und Absatzvolumina können durchaus zu Preisänderungen resp. Preisrisiken führen, welche sich mit klassischen Derivaten wie Futures oder Optionen auf Basis der entsprechenden (Rohstoff)Preise effektiv sichern lassen (Classical Commodity Derivatives).[26] Beide Risikoarten treten somit u. U. zusammenhängend auf[27], können jedoch differenziert gesichert werden. Dies macht es erforderlich, Wetterderivate im Zusammenhang mit anderen (derivativen) Sicherungsinstrumenten einzusetzen. Müller / Grandi sprechen in diesem Kontext von einer Art Perfect Hedge (S. 275) – mögliche Hedging-Kombinationen aus klassischen Finanzderivaten und Wetterderivaten. Dies wird als C ross Hedge bezeichnet, da neben dem Preis- auch das Mengenrisiko gesichert wird (siehe folgenden Exkurs[28]).

[...]


[1] Helle, Christoph / Lomitschka, Michael: Wetterderivate als Baustein des Risikomanagements eines Energieversorgers. In: Leisten, Rainer / Krcal, Hans-Christian (Hrsg.), Nachhaltige Unternehmensführung, Systemperspektiven. Wiesbaden: Gabler, 2003, S. 407.

[2] Geyer, Christian / Seifert, Werner G.: Introducing New Risk Classes to Organized Exchanges – The Case of Electricity Derivatives. In: Frenkel / Hommel / Rudolf, Risk Management. o.O., 2000, S. 74.

[3] Campbell, Sean D. / Diebold, Francis X.: Weather Forecasting for Weather Derivatives. National Bureau of Economic Research Working Paper Series, Massachusetts, 2003, S.2.

[4] Müller, Andreas / Grandi, Marcel: Weather Derivatives, A Risk Management Tool for Weather-sensitive Industries. In: The Geneva Papers on Risk and Insurance, Issues and Practice, Volume 25 No. 2. Oxford: Blackwell Publishers, 2000, S. 282.

[5] Geyer / Seifert: 73.

[6] Müller-Möhl, E.: Optionen und Futures. Grundlagen und Strategien für das Termingeschäft in der Schweiz, Deutschland und Österreich. 3. Auflage, Stuttgart: Schäffer-Poeschel, 1995. S. 50.

[7] Hull, J.: Options, Futures, and other Derivative Securities. London usw.: Prentice-Hall International, 1989. S. 17.

[8] Cambell: 1.

[9] Mueller / Gandi: 274.

[10] Schirm, Antje: Wetterderivate – Einsatzmöglichkeiten und Bewertung. Diplomarbeit, erschienen in der Schriftenreihe: Research in Capital Markets and Finance. Mannheim, 2001, S. 1.
URL: http://download.kmf.bwl.uni-muenchen.de/workingpaper/wp_wetterderivate.pdf.

[11] Hanft, Andreas / Wichelhaus, Ingo: Alternativer Risiko Transfer: Wetterderivate. In: Versicherungswirtschaft, Heft 2/2000, S.102.

[12] Asseldonk: 138.

[13] Müller / Grandi: 282.

[14] Jefferis, Richard: Industrial Risk Management with Weather Derivatives. In: Figlewski, Stephen / Levich, Richard M., Risk Management: the state of the art, Boston: Kluwer Academic Publisher, 2001, S. 18.

[15] Cambell: 1.

[16] Schirm: 19.

[17] Müller / Grandi: 273.

[18] Vgl. Helle / Lomitschka: 406.

[19] Im Sinne einer Excess-of-Loss-Versicherung. Vgl. Hanft / Wichelhaus 2000: 102.

[20] „… what could be more obvious than to look for tools that make it possible to bet on the weather, … what could be more obvious than to exploit the possibilities offered by the capital market for this purpose?” Müller / Grandi: 274.

[21] Alaton, P. / Djehiche, B. / Stillberger, D.: On Modelling and Pricing Weather Derivatives, 2001, S. 4.
URL: http://www.energyforum.net/downloads/reports/fat_1.pdf (04.08.2004).
Hanft / Wichelhaus: 102.

[22] Helle / Lomitschka: 407.

[23] I. d. R. über entsprechend hohe (oder niedrige) Energierechnungen. Die allgemeine Darstellung in der Literatur ist jene, dass Kunden der Preispolitik der EVUs vor der Liberalisierung „ausgeliefert“ waren, sich dies im Zuge der Veränderung des Energiemarktes aber zu Gunsten der Kunden geändert hat.
Vgl. Leggio, Karyl B. / Lien, Donald: Hedging Gas Bills with Weather Derivatives. In: Journal of Economics and Finance. Volume 26 No. 1. o. O., 2002, S. 88.

[24] Vgl. Leggio / Lien: 89. Müller / Grandi: insbes. 274.

[25] Helle / Lomitschka: 407.

[26] Müller / Grandi: 275.

[27] In extrem kalten Wintern kommt es nicht nur zu einer Steigerung der Nachfragemenge – die relevanten Preise steigen i. d. R. ebenfalls, was zu kunden unfreundlichen Energierechnungen führen kann. Leggio / Lien beschreiben dies für den US-amerikanischen Gasmarkt (S. 88f.).

[28] Vgl. Leggio / Lien: 89. Müller / Grandi: 275f.

Details

Seiten
43
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638339063
Dateigröße
805 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33422
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Institut für Betriebswirtschaftslehre, Entscheidung und Organisation
Note
1,3
Schlagworte
Funktion Bedeutung Wetterderivaten Energieversorgungsunternehmen Handel Energie Deutschland

Autoren

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