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Die Erzählkunst in "Die Entdeckung der Currywurst" von Uwe Timm. Anwendung von Gérard Genettes Erzähltheorie

Hausarbeit 2015 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrund und Überblick
2.1 Inhaltsangabe zur Novelle Die Entdeckung der Currywurst
2.2. Uwe Timm

3. Theoretische Grundlage: Genettes Erzähltheorie

4. Analyse der Novelle anhand der Theorie zur Erzähltechnik nach Genette
4.1 Analyse unter dem Aspekt der Zeit
4.1.1 Ordnung
4.1.2 Dauer
4.1.3 Frequenz
4.2. Analyse unter dem Aspekt des Modus
4.2.1 Distanz
4.2.2 Fokalisierung
4.3 Analyse unter dem Aspekt der Stimme
4.3.1 Zeit der Narration
4.3.2 Narrative Ebenen
4.3.3 Person

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit mit dem Titel „Die Erzählkunst in Die Entdeckung der Currywurst -Unter dem Aspekt von Gérard Genettes Erzähltheorie“ entstand aus dem erzähltheoretischen Interesse an dieser deutschen Novelle. Meine Wahl fiel auf diese Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“[1], weil sie einen relativ geringeren Bekanntheitsgrad in China aufweist und nicht bereits einer ausführlichen Behandlung unterzogen wurde.

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse. Als theoretische Grundlage stütze ich mich auf die Literatur „Die Erzählung (Genette, 1998)“ von dem französischen Theoretiker der Narratologie Gérard Genette, deren Untersuchung sich im Wesentlichen auf den narrativen Diskurs beziehen. In der vorliegenden Arbeit wird versucht herauszufinden, wie die vom Autor Uwe Timm gewählte Erzähltechnik mit dem Thema der Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ im Zusammenhang steht sowie welche Wirkung durch die Wahl bestimmter Erzähltechniken erzielt wird.

Bevor ich zu dem Hauptteil meiner Arbeit komme, wird zunächst der Aufbau meiner Arbeit vorgestellt:

Nach der Einleitung möchte ich in Kapital zwei Uwe Timm sowie die Erzählung „Die Entdeckung der Currywurst“ kurz vorstellen. In Kapitel drei geht es um die theoretische Grundlage, nämlich die Erzähltheorie nach Gérard Genette. Anschließend widmet das vierte Kapitel sich dem Hauptteil der vorliegenden Arbeit: der erzähltheoretischen Interpretation der Kurzgeschichte, die gemäß Genette mit der Analyse in der Zeit, im Modus und in der Stimme vorgenommen wird. Danach folgt in Kapitel fünf eine Schlussfolgerung, die die Ergebnisse noch einmal zusammenfasst.

2. Hintergrund und Überblick

2.1 Inhaltsangabe zur Novelle Die Entdeckung der Currywurst

Die Handlung der Novelle Die Entdeckung der Currywurst ist in eine Rahmen- und Binnenerzählung unterteilt. In der Rahmenhandlung geht es um einen namenlosen Ich-Erzähler, der nach Hamburg reist, um Informationen über die Entdeckung der Currywurst zu erfahren. Dort besucht er eine alte Frau namens Lena Brücker, die er für die Erfinderin der Currywurst hält. Er kennt sie seit seiner Kindheit lernen und möchte von ihr erfahren, wie es zu dieser Entdeckung gekommen ist. Im Laufe von sieben Nachmittagen erzählt sie ihm einige Episoden aus ihrem Leben, die sich hauptsächlich unmittelbar vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Hamburg ereigneten, wobei die Liebesgeschichte zwischen ihr und einem desertierten Marinesoldaten namens Hermann Bremer den größten Anteil ihrer Erzählung ausmacht. So ist die Binnenerzählung.

2.2. Uwe Timm

Uwe Timm ist ein deutscher Schriftsteller. Er wurde 1940 in Hamburg geboren und arbeitet als freier Schriftsteller seit 1971. Er gilt als literarischer Vertreter der 68er-Generation. Uwe Timm gewann große Erfolge Anfang der 1990er Jahre mit der Novelle Die Entdeckung der Currywurst, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde. Die Novelle wurde 2008 von Ulla Wagner mit Barbara Sukowa und Alexander Khuon in den Hauptrollen verfimt.

3. Theoretische Grundlage: Genettes Erzähltheorie

Die Erzählforschung hat seit den sechziger Jahren zahlreiche neue Termini und Systeme für die Analyse von Erzähltexten entwickelt.[2] Der französische Literaturwissenschaftler, Erzähltheoretiker und Strukturalist Gérard Genette hat 1972 ein Modell zur Analyse vorgelegt, das in der Literaturwissenschaft allgemein Anerkennung findet. Er ergänzte und bearbeitete frühere narratologische Methoden und und leistete so einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung der Erzähltheorie.

Jonathan Culler(1980) wertet Genettes Discours du récit [3] als „bislang gründlichste[n] Versuch, die Grundlagen und Techniken des literarischen Erzählens zu analysieren, zu benennen und zu veranschaulichen“[4]. Der Schwerpunkt der Forschung Genettes liegt nicht auf einen einzigen Aspekt einer Erzählung, sondern auf Strukturen und Techniken des literarischen Erzählens. Er unterteilt die Probleme auf drei Kategorien, nämlich Zeit, Modus und Stimme, und befasst sich damit in seinem Buch „Die Erzählung“.

Die Frage nach dem Gebrauchswert von Genettes Ansatz beantwortet Jochen Vogt im Nachwort zur deutschen Ausgabe: Es handle sich um eine „hochgradig praktikable Theorie der literarischen Erzählung“[5].

Die Erzähltheorie von Genette dient deswegen als theoretische Basis in der folgenden Interpretation, um die Wechselwirkung von Erzähltechnik und Erzählinhalt zu bearbeiten.

4. Analyse der Novelle anhand der Theorie zur Erzähltechnik nach Genette

4.1 Analyse unter dem Aspekt der Zeit

Untersucht man den Aspekt der Zeit, ist es wichtig zu wissen, dass es zwei verschiedene Ansätze gibt: die Erzählte Zeit (Zeit der Geschichte) und die Erzählzeit (Zeit der Erzählung).[6]

Für die Analyse und das Verstehen einer Erzählung ist es unerlässlich, sich über das Verhältnis dieser beiden Zeitformen bewusst zu werden. Genette entwarf zu dieser näheren Untersuchung drei Aspekte, die dabei helfen sollen. Hierbei handelt es sich um die Frage nach der Ordnung, der Dauer und der Frequenz eines Geschehens. In den folgenden Abschnitten werde ich mich mit den drei Aspekten beschäftigen und dann versuchen, diese auf Die Entdeckung der Currywurst zu übertragen.

4.1.1 Ordnung

Mit dem Begriff Ordnung beschreibt Genette, in welcher Reihenfolge das Geschehen in einer Erzählung vermittelt wird. Grundsätzlich gilt für Erzählungen, dass diese in einem zeitlichen Nacheinander erzählt werden sollten, dennoch gibt es oft verschiedene Arten, narrative Texte zu erzählen, weil die Abfolge eines Geschehens in der Zeit und die Abfolge seiner Darstellung im Rahmen der Erzählung nicht immer übereinstimmen. Das zeitliche Nacheinander des Geschehens muss also nicht immer chronologisch erzählt werden. Diesen Fall der Umstellung der chronologischen Ordnung von Ereignissen nennt man Anachronie. Auch hier bestehen wieder mehrere Möglichkeiten der Darstellung. Zum einen gibt es den Gebrauch von Analepsen, d.h. Rückblenden, bei denen ein Ereignis erst im Nachhinein beschrieben wird, zum anderen die Nutzung von Prolepsen, d.h. Vorausdeutungen, die zukünftige Ereignisse bereits erzählen, obwohl diese noch gar nicht stattgefunden haben. Analepsen und Prolepsen dienen dazu, sich der Vergangenheit oder der Zukunft zuzuwenden. Sie sind daher entweder retrospektiv oder prospektiv. Des Weiteren unterschiedet man jeweils zwischen der internen und der externen Form.[7]

Die Novelle weist einige Abweichungen von der chronologischen Ordnung des Erzählens auf.

Eine Analepse findet sich am Anfang der Novelle, also in der Rahmenhandlung, als der Ich Erzähler Herrn Zwerg schildert, dass er sich noch daran erinnern kann, wie er 1948 einer Katze auf einen Baum gefolgt ist, um sie zu retten und schließlich selbst nicht mehr heruntersteigen konnte. Der Einschub dient dazu, um die Zweifel des alten Herrn zu zerstreuen. Der Ich-Erzähler erfährt dadruch von Herrn Zwerg, dass Frau Brücker bereits nicht mehr in der Brüderstraße wohnt. Die Analepse ist hier extern, weil sie nicht innerhalb der Basiserzählung angesiedelt ist.

Eine Prolepse findet sich zum Beispiel in der Antwort Lenas. Der Ich-Erzähler fragt, ob Bremer das Rezept für die Currywurst entdeckt habe, woraufhin sie antwortet, dass es ein Zufall gewesen sei, weil sie lediglich stolperte. Die alte Dame gibt einen Hinweis darauf, wie es zu der Entdeckung gekommen ist und greift ihrer Erzählung ein Stück weit voraus, wodurch die Neugier des Lesers und auch des Ich-Erzählers verstärkt wird.

4.1.2 Dauer

Die Dauer tritt nach Genette in vier grundsätzlich verschiedenen Formen des narrativen Tempos auf, die jeweils unterschiedliche Funktionen haben[8]:

Summary: Erzählzeit<Erzählte Zeit

Pause: Erzählzeit=n, Erzählte Zeit=0. Also Erzählzeit ∞>Erzählte Zeit (unendlich größer)

Ellipse: Erzählzeit=0, Erzählte Zeit=n. Also Erzählzeit ∞<Erzählte Zeit (unendlich kleiner)

Szene: Erzählzeit=Erzählte Zeit

Die Erzählung verläuft in einem Zeitraum von einigen Monaten. „Siebenmal fuhr ich nach Harburg, sieben Nachmittage der Geruch nach Bohnerwachs, Lysol und altem Talg, siebenmal half ich ihr, die sich langsam in den Abend ziehenden Nachmittage zu verkürzen.“[9] Weil man für das Lesen der Erzählung weit weniger Zeit braucht, kann von einem großteils zeitraffendem Erzählen, also Summary ausgegangen werden.

Hier kommen jedoch mehrere Ausnahmen vor, bei denen die Dauer von Ereignissen der Geschichte und ihrer Darstellung im Diskurs variieren. Zu jeder Art von Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit soll nun ein Beispiel aus der Novelle gegeben werden.

Die Form der Szene (Zeitdeckendes Erzählen) findet sich zum Beispiel auf S. 14, als der Ich-Erzähler mit Frau Brücker redete. Das Erzähltempo wird langsam. Die Dauer des Dialoges stimmt fast mit der Sprechdauer überein. In dieser Rede existiert sogar die Form der Pause, z. B.,

„Einen Moment lang dachte ich, es wäre besser gewesen, sie gar nicht besucht und gefragt zu haben. Ich hätte dann weiter eine Geschichte im Kopf gehabt, die eben das verband, einen Geschmack und meine Kindheit...

Sie lachte, als könne sie mir meine Ratlosigkeit, ja meine Enttäuschung, die ich nicht verbergen mußte, ansehen.“[10]

Dies zeigt innere psychologische Erlebnisse des Ich-Erzählers und dient dazu, dass die Leser somit mehr über seine Gedanken erfahren.

[...]


[1] Timm, Uwe: Die Entdeckung der Currywurst. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006.

[2] Martinez, Matias u. Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 9. erweiterte und aktualisierte Auflage, Verlag C.H Beck. München 2012. S7

[3] Genette, Gérard: Discours du récit, in: Ders.: Figures III, Paris 1972, S. 67-273. Dieser Analyse liegt die deutschsprachige Ausgabe zu Grunde: Gérard Genette:Die Erzählung, Aus dem Französischen von Andreas Knop, 2. Auflage, München 1998.

[4] Jonathan Culler trifft diese Aussagen laut Jochen Vogt sinngemäß im Vorwort der englischen Ausgabe von Genettes Discours du récit. Jonathan Culler: Foreword to Genette, in: Gérard Genette: Narrative Discourse, Transl. by. Jane E. Lewin, Forew. by Jonathan Culler, Oxford 1980. Zitiert nach: Jochen Vogt: Nachwort des Herausgebers, in: Genette, Die Erzählung, S. 299-303, hier S. 300.

[5] Ebd.

[6] Genette, Gérard: Die Erzählung . W. Fink Verlag. UTB, Stuttgart1998. S. 17

[7] Genette 1998. S. 19-22.

[8] Genette 1998. S. 67-68

[9] Timm, Uwe: Die Entdeckung der Currywurst. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2006. S. 15.

[10] Ebd. S. 14-15.

Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668239364
ISBN (Buch)
9783668239371
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334216
Note
1.7
Schlagworte
Die Entdeckung der Currywurst Erzählkunst

Autor

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Titel: Die Erzählkunst in "Die Entdeckung der Currywurst" von Uwe Timm. Anwendung von Gérard Genettes Erzähltheorie